Schulgemeinschaft Realgymnasium/Oberschule für Jungen zu Tilsit
Ist unsere Schule dem Verfall preisgegeben?
Von Gernot Grübler

Es war ein festliches Ereignis, als im Jahre 1913 Schüler und Lehrer des Tilsiter Realgymnasiums in ihr neues Schulgebäude "Überm Teich" einziehen konnten. Mit seiner eindrucksvollen Architektur war die Schule ein Schmuckstück der Stadt. Drei Jahrzehnte besuchten an die 600 Schüler aus Tilsit, der Elchniederung, dem Kreisgebiet Tilsit-'Ragnit und dem Memelland die renommierte Bildungsanstalt im äußersten Nordosten Deutschlands. Dann wurde Tilsit im Jahre 1944 Frontstadt. Bombenangriffe setzten der Schule zu. Der Schulbetrieb mußte eingestellt werden.

Die sowjetischen Eroberer machten das Gebäude zum Militärhospital, nachdem Brandschäden beseitigt waren. Bis in die Jetztzeit diente es der medizinischen Betreuung von Armeeangehörigen. Bei unseren Besuchen in der Heimat konnten wir uns davon überzeugen, daß das Gebäude gut in Schuß war. Viermal weilten Reisegruppen der Schulgemeinschaft in unserer alten Schule und jedes Mal wurde von den Militärärzten versichert, daß die Bewahrung des historischen Andenkens an die Tilsiter Bildungsanstalt als ein gemeinsames Anliegen betrachtet werde.

Doch nun kam das Ende Tilsits als Garnisonsstadt. Alle Militäreinheiten verließen die Stadt und mit ihnen auch das Offizierspersonal des medizinischen Dienstes. Die Stadtverwaltung — vom Truppenabzug wegen rückläufiger Haushaltseinnahmen schon arg betroffen — wiegte sich in der Hoffnung, daß man ihnen als Trostpflaster wenigstens das modern eingerichtete Hospital überläßt. Das hätte der angespannten Situation im städtischen Gesundheitswesen gewiß gut getan. Doch da kannten sie den Eigentümer der Liegenschaft, das Moskauer Verteidigungsministerium, schlecht. Nach mehreren Begehungen wurde befohlen, das gesamte medizinische Inventar in andere Militärhospitäler nach Pillau und Insterburg umzusetzen. Das wurde nicht etwa von einer versierten Umzugsfirma erledigt - nein, die Demontage erfolgte durch Soldaten, die mit dem Gebäude nicht gerade pfleglich umgingen.

Weder für den Erwerb der ausgeschlachteten Immobilie noch für deren Sanierung und Neuausrüstung hat die Stadt Geld. Nun droht das gleiche Schicksal wie dem ehemaligen Kasernenkomplex an der Stolbecker Straße. Dort geben sich In den Ruinen Penner und Fledderer ein Stelldichein, um mit beiseite geschafften Heizungsrohren, Ziegeln und Armaturen ihre zwielichtigen Geschäfte zu betreiben.

Wir ehemaligen Schüler des Tilsiter Realgymnasiums sind fassungslos. Ob und wie in vier Jahren das Bauwerk seinen hundertjährigen Geburtstag erlebt, steht in den Sternen. Das ausgeweidete Gemäuer ist wohl dem Verfall preisgegeben — wie so vieles in unserer Heimat.

Autor : © 2010 Gernot Grübler
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 87/2010 Seite 60


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verfaßt am 12.01.2011
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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 18. Januar 2011