Schulgemeinschaft Realgymnasium/Oberschule für Jungen zu Tilsit (SRT)
Was wurde aus unseren Studienräten?

1944 war für unsere Schule ein schlimmes Jahr. In die Sommerferien fielen die Schatten der näherrückenden Front, verbunden mit Stellungsbau an der ostpreußischen Grenze und zunehmenden Fliegerangriffen. Durch Bomben geriet am 25. Juli unsere Schule in Brand. Das war das Aus. Einen Schulbeginn im September gab es nicht mehr. Tilsit musste geräumt werden. Alle Schüler verließen mit Transportzügen oder Trecks die geliebte Heimat am Memelstrom. Sie wurden in alle Winde zerstreut.

Auch unsere Studienräte traf das gleiche Schicksal. Die Flucht ins Ungewisse blieb ihnen nicht erspart. Wie erging es ihnen, wohin verschlug es sie und wie überstanden sie diese schwere Zeit? Antwort auf diese Fragen suchte unsere Schulgemeinschaft gleich in den ersten Tagen ihres Bestehens. Sie war bemüht, nach dem Verbleib der Lehrer zu recherchieren und Verbindungen wiederherzustellen. Davon zeugt der Schriftverkehr, der noch im Archiv der Schulgemeinschaft vorhanden ist. Die Briefe erzählen von einem neuen Anfang in der Fremde und vom Schmerz um die verlorene Heimat. Es lohnt sich, darin zu blättern und an den Schicksalen der Tilsiter Lehrer Anteil zu nehmen.

Als einer der ersten meldete sich Studienrat Hassenstein. Ihn hatte es nach Stendal verschlagen. Er wohnte dort am Ostwall 14. An die Schulgemeinschaft schrieb er am 20. Oktober 1947 u.a.:

"... so viel Jahre wünschte ich mir noch, um einen Wiederaufstieg wenigstens in seinen Anfängen noch mitmachen zu können und der Zukunft nicht mehr so trübe entgegensehen zu müssen, wie es augenblicklich geschieht. Sie werden wohl gar nicht so recht glauben können, dass ich so pessimistisch geworden bin, aber erstens wird man immer älter und dann hat man ja auch so manches durchgemacht, was einem die Lebensfreude, wenn auch nicht ganz nehmen, so doch erheblich mindern kann.

Vor allem ist es die Ungewissheit um das Schicksal unserer älteren Tochter, die uns dauernd quält und in Sorge hält. Erst hat sie im Juli 1944 ihren Mann, der auch Arzt war, im Osten verloren, und dann ist sie selbst als Zivilgefangene tief nach Russland hineingekommen, wo sie zwar als Ärztin in einem Gefangenenlager Dienst tut und es dadurch vielleicht nicht ganz so schwer hat wie ihre Leidensgenossinnen, aber doch nun schon weit über zweieinhalb Jahre der Heimat fern ist und vielleicht oder sogar wahrscheinlich nichts von unserem Ergehen weiß, was natürlich am meisten quält. Wenn diese Sorge von uns genommen und unser liebes Kind zu uns zurückgekehrt sein wird, dann werde ich vielleicht auch wieder der alte vergnügte Pauker von ehedem werden.

Vorläufig mache ich noch meinen Dienst hier an der Winckelmannschule, wo ich sofort übernommen wurde, da ich ja gänzlich,unbelastet' ja nicht einmal Mitglied im NSLB war, wodurch ich in Tilsit sozusagen zur ,Berühmtheit' geworden war. Dass wir - nach einer nicht einmal zu beschwerlichen Fahrt von Pillau über Swinemünde - gerade hier in Stendal gelandet sind hatte seinen Grund, dass die Mutter und der Bruder meiner Frau hier wohnt, so dass wir wenigstens bei nahen Angehörigen untergebracht waren. Natürlich haben wir uns dann sehr bald selbständig gemacht, vermissen allerdings noch immer eine völlig eigene Wohnung und müssen vorläufig noch mit einem Küchenanteil zufrieden sein, während Möbel etc. bereits unser Eigentum sind.

Von dem Schicksal der Kollegen werden Sie wohl größtenteils gehört haben. Zerrath ist tot, er wurde bei einem Bombenangriff auf Hildesheim völlig zerrissen ... Kopczynski ist nicht mehr aus Ostpreußen herausgekommen und ist im Sommer 1945 an Entkräftung gestorben. Schulz, Stiebens, Nick leben noch. Goetz lebt in Langenfeld im Rheinland...."

Anderthalb Jahre danach, am 24. April 1949 schrieb er eine Karte an die Schulgemeinschaft, in der es u.a. heißt: "Lassen Sie sich herzlichen Dank sagen für Ihre lieben Wünsche zum Geburtstage und zu Ostern. Wie bekommen Sie es nur fertig, so viele alte Schulkameraden zusammenzukriegen und Treffen zu veranstalten? Ich habe mich sehr gefreut, die Namen einer Reihe früherer Schüler zu lesen ... Es würde mich sehr interessieren, Näheres von allen zu hören."

Kurz darauf verstarb Studienrat Hassenstein. Er wurde 64 Jahre alt. In einem Brief vom 7. März 1950 erwähnt Oberschulrat i.R. Dr. Schmiedeberg:

"Daß Hassenstein in Stendal im vorigen Jahre gestorben ist und daß Stiebens in Gardelegen beschäftigt ist, werden Sie wohl wissen."

Und Studienrat Stiebens teilt in seinem Brief vom 28. März 1950 das genaue Todesdatum mit: "Koll. Hassenstein ist am 25. Mai 1949 in Stendal in der Schule tot umgefallen. Seine Frau erhält eine Rente von 91 DM monatlich."

Studienrat Stiebens meldete sich im Jahre 1950 und sandte herzliche Grüße an die Schulgemeinschaft. Auf einer Postkarte vom 28. März 1950 schreibt er aus Gardelegen in Sachsen-Anhalt:

"Ich bin seit Herbst 1944 hier in Gardelegen. Seit April 1949 bin ich nur noch stundenweise beschäftigt. Mit 68 Jahren genügt ja auch eine geringere Anzahl von Stunden. Da die Rente nur einen Bruchteil der alten Pension beträgt, muß man sehen, wie man sich durchschlägt. Immerhin habe ich es schon zu einer eigenen Zwei-Zimmer-Wohnung geschafft. Es würde mich sehr interessieren, was aus Ihnen allen geworden ist und wohin Sie alle verschlagen sind."

Studienrat Stiebens starb im Jahre 1964.


Zeichenlehrer Budinski wohnte nach dem Krieg in Rostock, Detherdingstraße 14. Von ihm erfuhr man in einer Postkarte vom 5.April 1950: "Mir ist es einigermaßen ergangen. Es war in der ersten Zeit mit der Ernährung schwierig. Jetzt geht's. 1945 bekam ich einen Lehrauftrag für Kunsterziehung als Dozent am Lehrerbildungskurs in Rostock, daneben an anderen Schulen, so daß ich mit Arbeit versorgt bin."

Am 2. September 1950 schrieb er u.a.:

"Da ich seit August in den Ruhestand getreten bin, werde ich nun mehr Zeit zum Malen finden, wenn auch bei meiner Rente von 164 Mark sehr sparsam gewirtschaftet werden muß. Ich habe eine Bildskizze mit Elchfamilie geschaffen, die ich als größeres Bild auszuführen gedenke: Elche am Haff mit hoher Düne. Vielleicht haben Sie, lieber Fritz Weber, noch einige gute Aufnahmen, die ich für die Ausführung der Einzelheiten der Elchkörper brauchen könnte. Es fehlt mir auch Leinwand aus Nesselstoff zum Malen."

Dann kam noch eine Karte vom 3. Novemver 1951: "Grüßen Sie alle Kameraden herzlichst. Mein Bart wird immer kürzer. Es ist nur noch ein Altherrenspitzbart!"

Herr Budinski verstarb 1962 in Rostock.

Nun zu Studienrat Jankowsky. Über seinen Verbleib nach 1945 gibt ein Brief seines Sohnes Hans, damals wohnhaft in Hamburg, Joachim-Sahling-Weg 29 vom 2.Juli 1980 Aufschluß. Hier heißt es u.a.: "Mein Vater hat in Sonneberg/Thüringen noch bis zu seinem 71. Lebensjahr im Schuldienst gestanden und dann noch 17 Jahre im Ruhestand gelebt. Er hat ein hohes Alter erreicht und ist mit 88 Jahren am 16.Oktober 1969 verstorben. Meine Mutter ist ihm hier in Hamburg 1972 gefolgt. Beide ruhen auf dem Friedhof Hamburg-Nienstetten. Ich war ja zwei Jahre als Gerichtsreferendar in Tilsit und Ragnit tätig. Dann ging ich zu den "Radfahrern" und hatte das Glück, trotz mehrfacher, zum Teil auch schwerer Verwundung, den Krieg zu überleben. Mein fünf Jahre jüngerer Bruder Erwin ist leider in der letzten Schlacht in Polen (Baranow-Brückenkopf) 1945 verschollen".

Ein schlimmes Schicksal erlitt Studienrat Kopczynski. Wir erfahren es aus einem Brief seiner Ehefrau vom 3. Januar 1949. Sie schreibt: "Ich habe dreieinhalb grauenvolle Jahre unter unsäglichen Entbehrungen unter schwerster körperlicher Arbeit verbracht. Mein Mann wurde gleich zu Anfang nach unserer Gefangennahme von mir getrennt und hat eine fürchterliche Zeit in einem Lager durchlebt. Er kam vollständig verändert und zum Skelett abgemagert da raus, und wir fanden uns zufällig vor einer Kommandantur wieder. Sechs Wochen habe ich ihn dann noch gehabt. Ich arbeitete damals 12 Stunden am Tag für uns beide. Er wurde zusehends schwächer und löschte allmählich aus. Ich sorgte mich immer unendlich um ihn, während ich zur Arbeit war und war abends nur froh und erleichtert, wenn ich ihn vorfand, ohne daß die Russen ihn geschlagen oder belästigt hatten. Eines Nachts, als ich bei ihm saß, weil er so unruhig wurde und ich mich erst gar nicht schlafen legte, schlief er so um Mitternacht ganz sanft ein. Ich saß, bis der erste Tagesschein durch die Fensterhöhlen und Artillerielöcher hineinfiel, bei ihm und sah, daß er ein friedliches und glückliches Gesicht hatte. Am nächsten Tag habe ich ihn dann mit Hilfe von ein paar Frauen in ein selbstgegrabenes, mit Blumen reich geschmücktes Grab gebettet. In einem Garten ruht er unter einem Apfelbaum."

Es war der 12. Juli 1945, an dem Studienrat Paul Kopczynski im Alter von 61 Jahren in Königsberg verschied. Weitere Einzelheiten wusste Schulkamerad Berndt Kubitza zu berichten. Er schrieb am 3. März 1987: "Unser Kopi ist am Ende des Krieges in der Festung Königsberg gelandet. Als Chemiker wurde er damit betraut, das Trinkwasser in der eingeschlossenen Stadt auf Genießbarkeit zu überwachen. Nach der Kapitulation wurde er wegen eines angeblich vorgesehenen Einsatzes von Giftgas wochenlang verhört und ist im Juli 45 verhungert. Deutsche Zivilinternierte haben ihn unter einem Apfelbaum in Königsberg-Maraunenhof begraben. Seine Frau musste noch einige Jahre Zwangsarbeit im nördlichen Ostpreußen, darunter auch in Tilsit leisten, bis sie 1948 abgeschoben wurde."


Über die letzten Tage in Tilsit berichtet Oberstudienrat Kerner in seinen Lebenserinnerungen:

"Meine schöne Schule, ein Anblick des Jammers. Das Direktorhaus vollständig ausgebrannt, die oberen Teile des langen Schulflügels glühten und rauchten noch. Die wertvollen naturwissenschaftlichen Sammlungen dahin. Das Amtszimmer war ein mit Schutt und Papieren angefüllter schwarzer Kasten. Sonst waren die Räume des unteren Stockwerks bis auf drei erhalten geblieben.
Am 28. August verließ ich Tilsit, als die Behörde mich anwies, die Leitung der verwaisten Oberschule in Pillau zu übernehmen. Den Betrieb in der Tilsiter Schulruine versah Kollege Jankowsky mit der tüchtigen Schulsekretärin Frau Kurschat".

Wie es weiterging schildert seine Tochter Renate, später Renate Graf, wohnhaft in Petershagen, Mark Brandenburg:
"Meine Mutter, mein Bruder Günter und ich kamen im August 1944 in die Nähe von Blankenburg im Harz, wo uns Vater in den Weihnachtsferien noch besuchte. Anfang Januar 1945 mußte er nach Ostpreußen zurückfahren. Daß ihm Ende März die Flucht mit einem wenig seetüchtigen Schiff gelang, war sicher der Tatsache zu verdanken, daß Pillau Hafenstadt war. Da dieses Schiff nur an der Küste entlang schippern konnte, wurden die Flüchtlinge in Saßnitz an Land gebracht. Von dort gelangte er nach einer abenteuerlichen Bahnfahrt bei uns im Harz an.
Ab Oktober 1945 war er wieder im Schuldienst tätig. Wir gingen zu dritt, mein Vater, mein Bruder und ich jeden Tag 4 km nach Blankenburg zur Schule. Wir waren froh, als wir im Juli 1947 eine Wohnung in Blankenburg in der Rübeländer Straße 25 bekamen. Mein Vater unterrichtete in Blankenburg bis 1957, davon die letzten Jahre noch 15 Wochenstunden Englisch in den Klassen 11 und 12. In den fünfziger Jahren ist ihm dann Blankenburg zu einer echten zweiten Heimat geworden. Ein netter Bekanntenkreis und ein relativ gutes kulturelles Angebot in der Kurstadt trugen sicher dazu bei. Aber er hat immer gerne von der alten Heimat in seinem nie abgelegten ostpreußischen Tonfall erzählt."

Über die letzten Tage in Tilsit berichtet auch die Schulsekretärin, Frau Anna Kurschat in einem Brief an die Schulgemeinschaft vom 28.Januar 1959:

"Als mich am 25.Juli1944 im Luftschutzkeller die Nachricht vom Brand erreichte, bin ich noch vor der Entwarnung zur Schule gelaufen und fand sie brennend vor. Gott sei dank waren die Soldaten - damals war die Schule Lazarett - schon verladen. Das Direktorhaus war ganz abgebrannt, die Schule selbst in den oberen Stockwerken ausgebrannt.... Wir richteten ein Büro in der ehemaligen kleinen Bibliothek vor dem Lehrerzimmer ein und wickelten noch Amtsgeschäfte ab. Doch auch dies dauerte nur noch bis zum 15. Oktober 1944. Als dann der Beschuss von der Memellandseite begann, mußten auch die restlichen Bewohner Tilsits die Stadt verlassen. Der Bahnhof war nicht mehr benutzbar, und man brachte uns auf Lastern nach Pamletten. Ich war die Letzte, die die Schule verließ. Daß ich alles nicht mehr wiedersehen würde, habe ich damals wirklich nicht geahnt."

Frau Kurschat stand noch lange mit der Schulgemeinschaft in Verbindung, besuchte als Rentnerin das Schultreffen 1975 in Lüneburg und schrieb in einem Brief vom 10. Oktober 1978: "Nach dem Krieg arbeitete ich als Arztsekretärin am Kreiskrankenhaus Quedlinburg bis zu meinem 67. Lebensjahr. Als ich neulich mein Gästebuch vornahm, erinnerte ich mich an die öfteren Treffen mit Kerners in Quedlinburg und Blankenburg. So sagt eine Eintragung vom 17. Juni 1956: ,Wir freuen uns sehr, heute bei Frau Kurschat und ihrer Schwester alte Erinnerungen aus der Heimat auszutauschen und bei Bildern vom Memelstrom, von Haff und Dünen, alter Zeiten zu gedenken. In der Hoffnung, die alte Freundschaft weiter zu pflegen, werden wir uns öfter treffen.
Gez. Fritz Kerner, Hilde Kerner.'

Und am 8. Mai 1959: ,Bei Frau Kurschat sind wieder mal Ostpreußen da, gleich drei an der Zahl.

Zuerst im Garten haben wir uns eingefunden
zu ein paar schönen Kaffeestunden.
Wir haben dort von Herzen gelacht
und viel ostpreußische Witze gemacht.
Nachdem man uns viel Kuchen angeboten
futterten wir noch Salat mit belegten Broten,
keiner hat sich bekleckert mit Gelbes von's Ei
und nun ist der Maientag, der schöne, vorbei.

Dieses gegenseitige Besuchen hielt an bis zum Todestag Herrn Kerners am 15. Juli 1962. An der Trauerfeier am 19. Juli nahm ich teil. Die Verbindung mit Frau Kerner bestand weiter, bis auch sie am 4. Juni 1964 nach einem kurzen Leiden ihrem Mann in die Ewigkeit folgte. Vor zwei Jahren erzählte der junge Pfarrer aus unserer Gemeinde bei einem Besuch bei uns, daß er die Schule in Blankenburg besucht hat. Oberstudienrat Kerner gab da die Englisch-Stunden und die liebten die Schüler besonders, da Herr Kerner einen großen Teil der Stunde von Ostpreußen, Masuren, Ernst Wiechert usw. schwärmte."

Über seinen Sohn Günter Kerner, der von 1939 bis 1944 unsere Schule besuchte, lesen wir folgendes:
"Nach dem Abitur in Blankenburg bekam er keinen Studienplatz, arbeitete zwei Jahre als Waldarbeiter und bekam dann die Zulassung für die Forstakademie Eberswalde. Er studierte Forstwirtschaft und arbeitete nach dem Diplom als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Holzschutz. Hier schrieb er auch seine Dissertation und erwarb den Doktorgrad. Mit 53 Jahren wurde er nach dem ersten Herzinfarkt invalidisiert.
Eine große Rolle in seinem Leben spielte die Musik. Er gründete den Choriner Musiksommer, wo in einer brandenburgischen Klosterruine alljährlich klassische Konzerte dargeboten wurden. Im Jahre 1993 verstarb er auf einer Reise nach Danzig an einem dritten Herzinfarkt im Alter von 64 Jahren."


Über Studienrat Eggers teilte sein Sohn, unser Schulkamerad Ernst-August Eggers, am 13.April 1998 mit:

"Mein Vater war bis Oktober 1944 in Tilsit und hatte noch mit Hausmeister Hildebrand Unterlagen der Schule in Kisten verpackt und in den Westen geschickt, ich glaube nach Sangerhausen. Ende Oktober wurde Tilsit geräumt, mein Vater ging zu seiner Schwester nach Hildesheim, wo wir uns alle nach den Kriegswirren trafen. Hier bekam er wieder eine Anstellung am Scharnhorst-Gymnasium. Am 21. März 1946 ist er im Alter von 62 Jahren an einer Blutvergiftung gestorben."

Studienrat Felix Zerrath hatte die Flucht glücklich überstanden und war ebenfalls nach Hildesheim gelangt. Doch der Krieg war noch nicht zu Ende. In einem Brief vom 27. Juli 1947 schrieb seine Nichte Christel der Schulgemeinschaft: "Mein Onkel Felix Zerrath ist bei einem Bombenangriff auf Hildesheim ums Leben gekommen."

Auch Studienrat Schulz hatte es nach Hildesheim verschlagen. Von hier aus meldete er sich am 22. Juli 1948 bei der Schulgemeinschaft: "Wie groß ist doch die Zahl der Gefallenen! Auch ich habe beide Söhne im Osten verloren."

Aus dem Brief vom 16.02.1961: "Danke für die Glückwünsche zum 81.Geburtstag. Mit meiner gegenwärtigen körperlichen Verfassung kann ich Gottlob noch ganz zufrieden sein, obgleich mein Gehör nachgelassen hat und vor allem die Augen mir ernste Sorgen bereiten. Den Theaterbesuch habe ich schon vor Jahren einstellen müssen, und zu abendlichen Vorträgen kann ich leider auch nicht mehr gehen. ,Wie schade'denkt da sicher der eine oder andere ehemalige Schüler, daß Schulle damals, als er uns noch quälte, so gut sehen und hören konnte. Wie viel leichter hätten wir es andernfalls gehabt."

Im Jahre 1966 erlitt Studienrat Schulz einen Kreislaufkollaps und anschließend eine Lungenentzündung. Am 16.Dezember 1967 schrieb er der Schulgemeinschaft: "Eine Erholungszeit im nahen Bad Salzdetfurth hat mir ganz gut getan. Am meisten bedrückt mich, dass ich fast nichts mehr sehen kann, also nahezu blind bin. Ja, ein hohes Alter zu erreichen ist nicht immer begehrenswert. Wie mag es Dr. Nick gehen? Vor einigen Monaten schrieb mir sein Sohn, dem Vater ginge es sehr schlecht, er vegetiere nur noch. Er sei meist bewußtlos und nehme kaum noch Nahrung zu sich."

Studienrat Schulz verstarb im Jahre 1968. Er wurde 88 Jahre alt.

Studienrat Dr. Nick hatte sich am 12.Oktober 1951 aus Bremen gemeldet und schrieb der Schulgemeinschaft: "Das Ende des Krieges hat uns ja mehr oder weniger einen Schlag ins Genick versetzt aber ich bin überzeugt daß Sie alle sich wieder in die rechte Bahn hineingezwungen haben. Das Wort kapitulieren dürfte uns allen fremd sein."

Er war viele Jahre in der heimatpolitischen Arbeit der Landsmannschaft Ostpreußen aktiv tätig. Auf der 400-Jahr-Feier der Stadt Tilsit in der Hamburger St. Pauli-Halle hielt er die Festansprache. Studienrat Dr. Nick verstarb 1967 in Wilhelmshaven.

Studienrat Lade lebte mit seiner Frau nach dem Krieg in Landau/Pfalz. Beide Söhne waren gefallen. Am 24. Juni 1966 schrieb er der Schulgemeinschaft: "Die in ehrenvollen Kämpfen gefallenen Söhne sind mir eine Mahnung, es ja nicht an pflichtgemäßer Erfüllung der uns hinterlassenen Aufgaben fehlen zu lassen. Da darf bei uns keine satte Spießbürgerlichkeit um sich greifen ! Mögen andere hier und dort versagen und anders denken - wir haben für das einzutreten, was wir für recht und ehrenhaft halten."

Ende der 60iger Jahre zogen Lades nach Ahrensburg/Holstein zu ihrer Tochter. Studienrat Lade verstarb dort 1971 im 85.Lebensjahr.


Studienrat Goetz wurde 1953 ausfindig gemacht. Ihn hatte es nach Immigrath verschlagen. Auf eine Einladung zum SRT-Schultreffen nach Hamburg schrieb er am 12. März 1953: "Danke für die Einladung zum Schultreffen in Hamburg, aber mein Gesundheitszustand erlaubt nicht auf so eine weite Reise zu gehen. Mein defekter Motor versagt sehr oft den Dienst. Außerdem kann ich mir diese hohe Ausgabe z.Zt. nicht leisten, denn wir haben uns entschlossen, in diesem Sommer endlich zu bauen, da unsere Wohnverhältnisse unerträglich geworden sind. Sie werden verstehen, dass ich ,rebus sie stantibus' verzichten muß."

Ein Jahr später verunglückte Studienrat Goetz tödlich.

Von Studienrat Rubach liegt keine Post im Archiv vor. Wir entnehmen aber einer amtlich beglaubigten Bescheinigung, die er auf Bitten unseres Schulkameraden Horst Redetzky ausfertigte und die vom 3. Juni 1948 datiert ist, dass er zu dieser Zeit seinen Wohnsitz in KI. Tetzleben bei Altentreptow, Kreis Demmin/Mecklenburg hatte. Um 1950 ging er in den Westen, wo er in Wesselburen seinen Lebensabend verbrachte.

Über Studienrat Dr. Bertram gab es eine Notiz in der Lippischen Landeszeitung vom 15. April 1966, dass er ab 1946 seine Lehrtätigkeit in Bad Salzuflen am Gymnasium für Jungen fortsetzte und 1966 in den Ruhestand trat. Er verstarb im Jahre 1982.

Über Studienrat Dr. Bohn erfuhren wir aus dem Ostpreußenblatt in seiner Ausgabe 49/84, dass er in der Festung Königsberg verwundet wurde und nach Kitzingen gelangte. Hier war er von 1946 bis 1970 am Gymnasium, zuletzt als Studiendirektor, tätig. Er war dreißig Jahre Vorsitzender der Kreisgruppe Kitzingen der Landsmannschaft Ostpreußen und wurde mit dem Goldenen Ehrenzeichen ausgezeichnet. Am 15. September 1988 schrieb er der Schulgemeinschaft u.a.: "Ich bin Burschenschafter, war in Königsberg bei Germania aktiv. Meine Burschenschaft ist jetzt in Hamburg, bis wir wieder heimkehren können."

1991 verstarb Studienrat Dr. Bohn im Alter von 87 Jahren in Mainbernheim.

Kontakt mit Studiendirektor Dr. Baumgärtner entstand erst nach seiner Pensionierung. Er kam 1937 im Alter von 33 Jahren als Direktor an die Oberschule für Jungen zu Tilsit. Zwei Jahre später wurde er mit Kriegsbeginn zur Wehrmacht einberufen. Wir hörten, dass er 1948 aus britischer Kriegsgefangenschaft nach Holstein kam, wo er seine Frau wiederfand. Sie hatte auf der Flucht alle fünf Kinder verloren.

Dr. Baumgärtner ging in den Schuldienst des Landes Schleswig-Holstein und Südafrikas. Erst am 13. Dezember 1985 erhielt die Schulgemeinschaft einen Brief von ihm aus Marburg, in dem zu lesen war: "Habe einen mich voll ausfüllenden Beruf als Krankenpfleger und Betreuer meiner zuckerkranken und an Gedächtnisstörungen leidenden Frau."

Anläßlich der deutschen Einheit schrieb er am 10. Dezember 1990: "W/r können dankbar sein, daß wir den Zusammenbruch des Kommunismus und als Folge davon die Wiedervereinigung noch erlebt haben - auch wenn wir damit unsere Heimat wohl für immer ins Verlustkonto schreiben müssen."

Auf die Bitte der Schulgemeinschaft um Teilnahme am Schultreffen antwortete er am 15. Mai 1991: "Da ich als Hauptaufgabe für meine Frau zu sorgen und den Haushalt in Gang zu halten habe, denke ich an Reisen und Geselligkeit schon lange nicht mehr, zumal ich ohne elektrische Hilfsmittel schon lange nichts mehr hören kann."

In seinem Schreiben vom 11. Dezember 1995 lesen wir: "Der Zustand meiner Frau hat sich nicht gebessert. Da ich ja auch nicht jünger werde, kommt wohl eines Tages die Trennung von unserer Wohnung und der Einzug in eine Seniorenkaserne. Mir graust vor dieser Aussicht. . .Ich habe dafür gesorgt, daß an meinem Grab der Zapfenstreich für berittene Truppen, der jeden Abend um 10 Uhr über meiner schlesischen Heimatstadt erklang, gespielt wird."

Dr. Baumgärtner verstarb im Januar 2001 im Alter von 97 Jahren.


Mit Studienrat Dr. Schwarz beenden wir die Sichtung unserer Archivunterlagen. Von ihm liegt die umfangreichste Korrespondenz vor, denn er war der Schulgemeinschaft viele Jahrzehnte treu verbunden und seit 1989 deren Ehrenmitglied. Nach dem Kriege war er als Oberstudienrat im Schuldienst des Landes Schleswig-Holstein und auf musikwissenschaftlichem Gebiet tätig. Im Auftrag des Herder-Instituts Marburg veröffentlichte er Studien zur Ostdeutschen Musikgeschichte und für die Universität Kiel betrieb er umfangreiche Forschungen zur schleswig-holsteinischen Musikgeschichte.

Unvergessen ist sein Auftritt bei der Feier zum 150. Gründungsjubiläum des Tilsiter Realgymnasiums im Jahre 1989 in Kiel. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Schüler Werner Szillat trugen sie am Flügel vierhändig das Andante aus der Sonate D-Dur von Mozart vor.

Eine große Hilfe erwies Dr. Werner Schwarz der Schulgemeinschaft Anfang der 90er Jahre mit der Übergabe seines Zensurenbuchs vom Tilsiter Schuljahr 1943/44. Es wurde für Klaus-Jürgen Rausch zum Ausgangspunkt für die Aufstellung rechnergestützter Klassenlisten und für Recherchen nach vermissten Mitschülern.

Von seinem Altersruhesitz Nebel auf Amrum schrieb mir Dr. Schwarz im August 1996: "Meinen 90. Geburtstag habe ich Gott sei dank bei geistiger Frische, nur etwas gehbehindert, im Kreise meiner Familie und Gäste meines Hauses, vormittags eingeleitet mit kammermusikalischen Ständchen des alten und des neuen Organisten nebst lieben auswärtigen Musikfreunden, mit Gratulanten aus Amrum einschließlich Pastor und Bürgermeister mit Glückwunschurkunde der Ministerpräsidentin, des Landrats, des Amtsvorstehers und der Gemeinde Nebel, bei sommerlichem Wetter auf der Terrasse meines Hauses glücklich begehen können. Zum Schultreffen im Oktober d. Js. in Kiel kann ich wegen meines Alters nicht mehr kommen und ich bitte Sie, alle anwesenden Mitglieder unserer Schulgemeinschaft herzlichst von mir zu grüßen. In heimatlicher Verbundenheit Ihr Werner Schwarz."

Im April 1998 verließ er uns für immer. Er verstarb in einer Husumer Klinik im Alter von 91 Jahren.

Autor: © 2007 Hans Dzieran
Quelle: Tilsiter Rundbrief Nr. 37/2007 Seite 130 ff


Schulgemeinschaft



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 17.12.2007
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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 18. Januar 2011