BLICK ÜBER DEN MEMELSTROM
Willkischken - gestern und heute
von Kestutis Tolvaisa - Werner Boes

Auf der Landstraße von Heydekrug nach Georgenburg, dort, wo die sonst flache Landschaft des Memellandes sich plötzlich in ein Hügelland verwandelt, liegt im Zentrum des "Willkischker Höhenzuges" der Kirchspielort Willkischken. Hier beginnen die schier endlosen dunklen Wälder, die sich bis weit nach Litauen hineinziehen. Ein Paradies für Wanderer. Nicht umsonst nennt man die Landschaft rund um Willkischken auch "Die kleine litauische Schweiz".

Willkischen ist eine alte Siedlung, gegründet im Lande der Schalauer-Prussen. Man vermutet, daß die Umgebung von Ragnit, Schreitlaugken und Willkischken den Kern des Schalauerlandes bildete. Eine nordwestlich von Willkischken entdeckte Grabstätte mit Funden aus dem 2. -11. Jahrhundert gibt ebenfalls Zeugnis von der reichen Geschichte.

In Willkischken kreuzen sich die schon früher wichtigen Handelswege aus allen Himmelsrichtungen. Von Westen nach Osten verläuft die Straße von Pogegen über Lompönen und Wischwill weiter nach Georgenburg. Nach Süden führt der Weg Richtung Memelfluß über Absteinen und Kellerischken zum Dorf und Gut Schreitlaugken. Hier war dann auch die Fährverbindung zur einstigen Kreisstadt "Ragnit". Richtung Norden führte der Weg zwischen Gröszpelken und Laugszargen zur Landstraße Tilsit-Tauroggen.

Rund um Willkischken liegen die ebenfalls sehr alten Ortschaften Ablenken, Absteinen, Gintscheiten, Jogauden, Kaiweiten, Kellerischken, Kerkutwethen, Maszurmaten, Neppertlauken, Schreitlaugken, Sodehnen, Wallenthal und Wartulischken. Sie gehörten alle zum Kirchspiel.

Die erste Kirche von Willkischken wurde um 1560 errichtet und brannte während des Siebenjährigen Krieges nieder. 1771 wurde eine neue Kirche erbaut, an deren Stelle seit 1895-1898 die jetzige neugotische Backsteinkirche steht. In der Sowjetzeit diente die Kirche als Getreidespeicher und Mühle. Die Kirche hatte keine Turmspitze mehr. Dank der Bemühungen früherer Einwohner in Deutschland gewinnt die Kirche allmählich ihr früheres Aussehen wieder. Der Turm mit dem Kreuz wurde wiedererrichtet, das Dach erneuert, die Fenster neu verglast, die Türen restauriert und durch Granaten beschädigte Außenwände instand gesetzt. Dank einer norddeutschen Gemeinde erklingt in der Kirche wieder eine Orgel. Hier sollte man Herrn Rudolf Zaber, Volker Müller, Herbert Meyer, Frau Elli Schacht geb. Faeckenstedt, Werner Boes und Frau Waltraut Boes geb. Hoffmeister sowie Hans und Edith Friederici geb. Broschell und viele andere erwähnen, die sich aktiv um die Kirche und humanitäre Hilfe kümmern. Auch erwähnen möchten wir Frau Erna Jonuscheit und Anna Blankiene, die in Willkischken leben und viel über die Geschichte und Menschen des Dorfes und seiner Umgebung erzählen können.

Im Zentrum von Willkischken, neben der Straße, steht das von alten Bäumen umringte Denkmal für die Opfer des Krieges von 1914/1918. Dank der Hilfe aus Deutschland konnte es wieder in alten Glanz versetzt werden. Auf seiner neuen Gedenktafel sind folgende Worte zu lesen: "Zum Gedenken an alle Toten der Kriege, der Vertreibung und fern der Heimat! Kirchengemeinde Willkischken".

Im 18. Jahrhundert siedelten sich in der Gegend von Willkischken auch einige hundert Glaubensflüchtlinge aus Salzburg und der Pfalz an. Im Zentrum von Willkischken wurde für sie ein Denkmal aus schwarzem Holz mit folgender Inschrift errichtet: "Zum Gedenken an die Salzburger Protestanten, die im 18. Jh. hier an der Memel eine neue Heimat gefunden haben".

Willkischken ist der Handlungsort des bekannten Romans "Litauische Claviere" von Johannes Brobrowski. Hier in der Kirche heiratete er die Bauerntochter Johanna Buddrus aus Motzischken.

Durch Willkischken verlief auch die Kleinbahn Tilsit-Schmalleningken. Vor dem Krieg war Willkischken ein ruhiger, im Grün der Bäume eingetauchter Ort. Hier gab es eine 3klassige Schule, eine große Molkerei, ein Gut mit einem Gestüt. Willkischken war durch die aktive Tätigkeit von Frauen-, Landwirtschafts- und Feuerwehrvereinen bekannt. Die Aktiven des Sportvereins beteiligten sich an Wettkämpfen im ganzen Memelland. Es gab sogar ein großes Blasorchester.

Von den Grausamkeiten der Geschichte blieb Willkischken nicht verschont. Das Dorf wurde von zwei Pestepidemien heimgesucht, durch den Preußisch-Schwedischen Krieg 1678-1679 und den Brand 1757 verwüstet. Dennoch sind heute Bauten erhalten geblieben, welche an die einstige Schönheit des Ortes erinnern. Das restaurierte alte Gasthaus "Pechbrenner" beherbergt heute das Hotel "Lavirga".

Autor: © 2003 Kestutis Tolvaisa - Werner Boes (Text und Bilder)
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 73/2003

letzte Statistik 1939:
  • Willkischken ( Einw. : 1.085 Fläche : unbekannt ).( litauischer Name: Vilkyskiai )
    • Willkischken, Gut      ( litauischer Name: Vilkyskiai )
    • Kallweiten                  ( litauischer Name: Kalvaiciai )

Anmerkung: Kirchspielort - ev. Ksp. Willkischken seit vor 1560

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 0898 (Willkischken) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Weitere Informationen:
Im Internet: http://www.wiki-de.genealogy.net/Willkischken


Orte nördlich der Memel



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 25.02.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 20. September 2011