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Ein Bericht von Elfriede Örtel geb. Westphal (geb. 1919) aus Wietzheim/Ostpr. aus dem Jahre 2001
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Man kann es sich gar nicht vorstellen, dass wir in unserem Dorf technisch so lange "hinter dem Mond" waren. Noch bis zu unserer Flucht am 10. 0kt. 1944 hat es dort keinerlei Wasserleitungen gegeben. Eine besondere Errungenschaft war es, als meine Eltern in der Küche eine Pumpe eingebaut bekamen. Der Brunnen, sprich Pumpe, draußen vor dem Geschäft muss aber eine besondere Tiefe gehabt haben, denn auch im Winter war er nie zugefroren und in trockenen Perioden haben manche Nachbarn bei uns mit Eimern Wasser holen können. Ja, und ein Wasserklosett kannten wir natürlich nicht. Als Kinder hieß es immer noch mal abends über den Hof ins Plumpsklo zu starten, aus Angst musste immer eins meiner Geschwister mitgehen, zum Glück hatten wir ein "Zweisitzer", sprich Doppelhäuschen. Hinter diesen Häuschen war der Gemüsegarten, der dann einmal im Jahr reichlich mit Dünger versorgt werden konnte. So war die Wasserversorgung in dieser Gegend, und da es ja auch keine Badezimmer gab und nur einmal in der Woche das große Baden im Bottich in der Küche stattfand, war der Wassermangel eigentlich kein Problem. |
![]() Obiges Foto zeigt neben der Gastwirtschaft Franz Westphal die Schule in Wietzheim und die Brücke über den Ostfluss (Szeschuppe) bei Dreifurt (Galbrasten). Diese Betonbrücke wurde 1928 erbaut und von deutschen Soldaten in den letzten Kriegswirren 1945 zerstört. |
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Elektrisches Licht bekamen wir 1935/36. Ich weiß es genau, weil eine Tilsiter Firma mit der Kabelverlegung beschäftigt war und ich mit einem der Elektriker eine nette aber harmlose Freundschaft begonnen hatte Dafür bekam ich von meinem Vater die letzten Ohrfeigen. Schön war es jedenfalls, dass wir Kinder nun nicht mehr jede Woche die dämlichen Messinglampen und Zylinder zu putzen brauchten. Telefon hat es auch bald gegeben, aber nur einen Apparat im weiten Umkreis, an der Wand mit Kurbel und Trichter. Alle Nachbarn konnten nun davon Gebrauch machen und nebenbei noch ihren Einkauf tätigen. Die Teerstraße durch W i e t z h e i m wurde kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges auch nur zu dem Zweck gebaut, weil sie zum Truppentransport gegen Russland dienen sollte, so hieß es jedenfalls. Eine bayrische Firma war mit dem Bau beauftragt. (Mein Vater hatte in der Zeit einen recht lukrativen Bierabsatz.) |
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Eine Busverbindung von dem 11 km entfernten Haselberg nach dem 35 km entfernten Tilsit hat es einmal am Tage gegeben, die Haltestelle war vor unserm Geschäft, und wenn wir Kinder z.B. nach Tilsit zum Rummel fahren wollten, konnten wir nur abends wieder nach Hause. Und wie funktionierte die Kommunikation in unserm Dorfleben? Eigentlich fand sie ausschließlich bei den Familienfeiern statt. Die befreundeten Jugendlichen machten mal gemeinsame Radtouren oder gingen nach dem 4 km entfernten Eggleningken, wenn dort ein Wanderkino gastierte. Wenn ich mich am Sonntag mit meiner Freundin getroffen hatte, war es wie das Amen in der Kirche, dass wir um 18 Uhr zum "Beschicken" zu Hause antreten mussten, d.h. zum Melken der Kühe usw. |
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Eine dienstliche Kommunikation von Seiten unseres Bürgermeisters Singelmann fand durch die schriftliche Mitteilung, eines sogen. Pulkus-Zettels statt. Auf einer festgelegten Route musste dieser Zettel schnellstmöglich von Haus zu Haus gebracht werden. Wir Kinder mussten ihn z.B. zu Frenklers bringen. Wie sorgte unsere Bevölkerung dafür, dass wir in unseren recht kalten Wintern immer eine warme Stube hatten? Dreierlei Heizmaterial stand uns mehr oder weniger zur Verfügung: Im nahegelegenen Uszballer- oder Trapper Forst wurde regelmäßig Holz eingeschlagen, was dann je Festmeter in einer Auktion in Eggleningken verkauft wurde. Genauso wurden dort in einer ähnlichen Veranstaltung Parzellen von der Kacksche Balis, unserem Hochmoor, verpachtet. |
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Dort gab es auch einen Knüppeldamm. Die Arbeit des Torfstechens war für die Männer eine Schwerarbeit. Mit extra schmalen Spaten wurde zunächst die obere Moosschicht in rechteckige Stücke geschnitten, die wir Frauen dann auf Kepse zum Trocknen aufgebaut haben. Die untere schwarze Schicht mit dem größeren Heizwert haben die Männer dann (in ca. 2 m Tiefe) mit den bloßen Füßen, sagen wir, geschmeidig getreten und heraufgeworfen. Wir hatten oben eine Form mit Griffen für zwei Personen und einer Einteilung von, ich glaube, neun Rechtecken. In diese haben wir nun diese schwarze Pampe mit den Händen hineingetan, die Form angehoben und weiter ging es. Diese Stücke mussten ein paar Tage trocknen, bis sie gekantet und ein paar Tage weiter auch auf Kepse gestellt werden konnten. Wenn alles evtl. noch einmal umgesetzt und gut durchgetrocknet war, kam es in Säcke und wurde mit dem Pferdewagen nach Hause auf den Boden gebracht, eine ziemlich staubige Angelegenheit. Torf war für unsere großen Kachelöfen ein idealer Brennstoff. Der Kachelofen in meinem Elternhaus hat z.B. drei Zimmer beheizt. Als dritten Brennstoff haben wir aber auch Briketts und Eierkohle verwendet. |
![]() So sieht die Schule heute aus. Das Gasthaus Westphal (oben) ist total vom Erdboden verschwunden |
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Ich weiß zwar nicht woher sie kam, wenn mein Vater einen Waggon bestellte, der dann in Naugeningken (12 km entfernt) unserer Bahnstation, ankam, avisiert und schnellstmöglich abgeholt werden sollte. Da mussten dann im Dorf einige Pferdegespanne (was anderes gab es ja nicht) geordert und auf den Weg gebracht werden. Auf dem Hof stand schon die große Dezimalwaage bereit und die Verteilung konnte beginnen. Die Kunden brachten natürlich eigene Säcke mit. So gut versorgt konnte uns auch der kälteste Winter nichts anhaben. Da konnten wir Kinder uns schon kalte Nasen beim "Schienchen-Laufen" auf Frenklers oder Finkelsteins Teich holen. Schienchen, das war übrigens so ein Stahl streifen mit zwei Widerhaken, der auf der Innenseite unserer Holz-Schlorren eingeschlagen wurde. Später haben wir aber auch primitive Schlittschuhe gehabt, die oft von den Schuhen abgingen, wenn wir sie nicht fest genug "angekurbelt" hatten. |
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Der größte Bauernhof im Zentrum unseres Dorfes gehörte einst den Brüdern Laborius, wovon sich einer in den Vorkriegsjahren erschossen hat. Eine Tochter (Ilse) war später in Tilsit wohnhaft. Der nächste Besitzer dieses Hofes hieß Lenkeit und danach hat sich die Sekte "Berseba" dort etabliert, deren Mutterhaus wohl in Bremen war. Gottesdienste wurden regelmäßig Sonntags abgehalten, wobei sogar eine Glocke zur Andacht rief. |
| Unser Lehrer Fritz Stigge ( geb. 19.04.1887 gest. 31.01.1963 in Bordesholm) |
Eine Laudatio in den höchsten Tönen muss man auf diesen Lehrer unserer einklassigen Volksschule anstimmen, der es verstanden hat, 30 bis 50 Schüler von 6 bis 14 Jahren in einem Klassenraum zu unterrichten und uns bis auf die Fremdsprachen alles Rüstzeug für ein weiteres Leben mit auf den Weg zu geben. Achtung, ja auch Respekt haben diese große Verehrung ausgemacht, die wir Schüler diesem Mann entgegengebracht haben. Ob vier Zigeunerkinder oder zwei Kinder jüdischen Glaubens im Klassenverband waren, es gab keinerlei Ausgrenzung. Vergessen darf auch nicht werden sein soziales Engagement beim Zusammenstellen der Flüchtlingstrecks in den letzten Kriegswochen
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