Kirchspiel Sandkirchen:
Gemeinde Wietzheim (Groß Rudminnen)
Kreis Schloßberg (Pillkallen)
von Walter Broszeit

Wie die meisten in Bereich des Ostflusses belesenen Dörfer, ist auch Wietzheim erstmalig in der Amtsrechnung des Amtes Ragnit aus den Jahre 1654 unter der Bezeichnung "Abschrodt" mit 7 Huben, darunter 1 1/2 Huben Übermaß, dafür Zins in Geld oder Naturalien oder Scharwerk erfaßt. Aus dem Plan des Amtes Ragnit für 1722/23 geht hervor, daß der Ort nun schon Rudnunen genannt, nicht von der großen Pest betroffen worden ist.

Lt. Sep. -Spezifikation des Amtes Lesgewangminnen aus dem Jahre 1790, jetzt schon Rudener, genannt, ist es ein geschlossener Ort in der Größe von
..................9 Hufen, 24 Morgen 74 Ruthen
....davon....1 Hufen, 8 Morgen 23 Ruthen Unland, Wald, Bruch

J.P. Goldbeck verzeichnet 1705 Groß Rudminnen als Königl, Bauerndorf mit 9 Feuerstellen im Amt Lesgewangminnen. 1818 sind immer nur noch 9 Feuerstellen mit insgesamt 20 Seelen vorhanden.

Die Besiedlung von Wietzheim ist der Besiedlung von Lindbach sowohl der Form als auch dem Umfang nach, auffallend ähnlich. Demnach ist anzunehmen, daß auch hier die ersten Ansiedler in der Mehrzahl Litauer gewesen sind.

Der hier erkennbare Stillstand in der weiteren Erschließung des Gebietes über mehr als eineinhalb Jahrhundert läßt vermuten, daß die ersten Siedler sich an solchen Stellen niedergelassen haben, die .schon früher urbar gewesen sind oder leicht urbar zu machen waren.

In den nächsten 80 Jahren von 1818 bis 1900 muß ein großer Zuwachs an Neusiedlern hinzugekommen sein, da die Gemarkung in diesem Zeitraum auf 396 ha erschlossen worden ist und auch die Besetzung von 9 Feuerstellen mit 30 Seelen sich auf 71 Gehöfte mit 399 Einwohnern fast um das Zehnfache erhöht hatte.

Die Dorfgemarkung grenzte im Norden an Lindbach, im Osten an Kleinruden, in Westen an Birkenhain und im Süden an Königshuld II und mit den südlichsten Zipfel sogar am Nordrand der Kackscher Balis.

Mit 396 ha Gemeindefläche, 66 bebauten Grundstücken und 291 Einwohnern im Jahre 1939 war Wietzheirn der Struktur nach ein kleinbäuerliches Dorf. Es bestanden nur zwei landwirtschaftliche Betriebe mit mehr als je 20 ha. 26 Gehöfte waren in der Größenordnung zwischen 5 -17 ha. Ein Drittel aller Anwesen hatte Eigentumsflachen unter 5 ha.

Das Gemeindegebiet ist bis ins 18. Jahrhundert zum großen Teil bewaldet und versumpft gewesen. Erst als mehrere Kanäle geschaffen waren, die das Wasser aus dem Kackscher Moor (Balis) abführen konnten und gleichzeitig auch die Entwässerung des Gemeindegebiets bewirkten, war eine vermehrte Urbarmachung möglich. Die Schwierigkeiten der Erschließung dieses Gebiets sind offenbar auch der Grund für die Entstehung der überwiegend kleinern landwirtschaftlichen Anwesen. Auch der sehr niedrige Gemeinde-Durchschnittshektarsatz von nur 440 RM last erkennen, daß trotz aller Bemühungen nur eine mäßige Ertragsfälligkeit erreicht werden konnte.

Von der Separation sind nur die 9 Hufenbesitzer betroffen worden, die bis dahin in geschlossener Form ihre Anwesen errichtet hatten. Ab 1900 sind außer dem Rückgang der Einwohnerzahl um 100 Personen keine wesentlichen Änderungen eingetreten. Der Rückgang der Einwohnerzahl in der kurzen Zeitspanne mag darauf zurückzuführen .sein, daß in der näheren Umgebung kaum oder nur sehr wenige zusätzliche Erwerbsmöglichkeiten vorhanden waren. Die Existenzmöglichkeiten waren demnach in dieser Gemeinde vol!ausgeschöpft.

Die Gemeinde hatte eine einklassige Volksschule, der im Rahmen eines Schulverbandes ab etwa dem Jahre 1900 die Gemeinde Kleinruden angehörte. Letzter Hauptlehrer seit 1925 war Fritz Stiege. Letzter Bürgermeister war Franz Singelmann .

Gewerbliche Betriebe waren:
Franz Westphal .......................Gastwirtschaft, Lebensmittel und Haushaltswaren
Gustav Szalinski.......................Schmiede
Hermann Singelmann................Stellmacher
Georg Paulikat...........................Schneider

Die wirtschaftliche Orientierung dieser Gemeinde, wie auch der andern beiden Gemeinden, Lindbach und Kleinruden, war mehr zum Kreis Tilsit - Ragnit ausgerichtet, da diese Gemeinden nach der geographischen Lage durch die Forsten Lindershorst und Adlerswalde von ihrem Kreis Schloßberg fast isoliert waren. Die aus einer großen Anzahl kleiner Besitzungen bestehende Gemeinde war nicht, als sonderlich reich zu bezeichnen. Mit der breiten Streuung landwirtschaftlichen Eigentums, war jedoch allen Bewohnern, auch denen kleinster Besitzungen, die Grundlage für die Lebenshaltung gegeben, wenn in wenigen Einzelfällen auch in etwas bescheidenerem Umfang.



Gedenktafel der Gemeinde Wietzheim
Im 2.Weltkrieg als Soldaten gefallen oder vermißt
Bachler, Alfred
Dickschat, Horst
Dörfer, Kurt
Jonas, Otto
Josupeit, Paul
Jurgeleit, Albert
Klunkat, Emil
Lenkeit, Fritz
Matthes, Richard
Paulikat, Kurt
Schweinert, Paul
Westphal, Kurt
Auf der Flucht ums Leben gekommen oder vermißt
Dambrowski, Eduard
Dambrowski, ?? (E)
Klunkat, Klaus

Paulikat, Georg
Paulikat, ? (E)
Paulikat, Gertrud (T)
Singelmann, Hermann.
Anmerkung: Gedenktafel ist unvollständig, da weitere Verluste nicht mehr ermittelt werden konnten.

Autor: © 1971 Walter Broszeit
Quelle: "
Das Kirchspiel Sandkirchen Kreis Tilsit-Ragnit" Herausgeber Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V - Ausgabe Oktober 1975

letzte Statistik 1939:
  • Wietzheim (Einwohner: 291 - Fläche: 396 ha)
    ältere Namen: Rudminnen bis ca. 1736, Groß Rudminnen bis 16.07.1938
    seit 1945: Bobrowo - Bobrovo

    • Ellernthal
      ältere Namen: Ellernbruch bis um 1785
Anmerkung:
1) Evangelisches Kirchspiel:Sandkirchen, Kreis Tilsit-Ragnit
2) Katholisches Kirchspiel:Bilderweiten
3) Standesamt:Tuppen

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 Nr. 1099 und 10100 (Altenkirch und Haselberg) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Weiter Beiträge
Unser Dorf Wietzheim (Gr. Rudminnen) Kreis Schloßberg - ein Bericht
Dorfskizze mit Verweisliste zu den Grundeigentümern/Mietern (6 Seiten - 360 KB)



Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 12.08.2008
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 14. Januar 2011