Kirchspiel Weidenau
Kindheitserlebnisse (Pokraken/Weidenau)
Von Gerhard Grübler

Ich war 4 ½ Jahre, als mein Vater Schulleiter in Pokraken (Weidenau) wurde und wir im Oktober 1937 dort in das Schulhaus einzogen. Bis zur Flucht im Oktober 1944 lebten wir dort. Aus dieser Zeit sind mir viele Erinnerungen geblieben, von denen ich hier einige Kindheitserlebnisse wiedergegeben möchte, um aufzuzeigen, wie sorgenfrei und schön eine Kindheit, auch in Kriegszeiten, sein kann und gewesen ist. Alle nachfolgenden Begebenheiten sind allerdings so nicht chronologisch abgelaufen, ich erzähle sie aus meiner Erinnerung ohne Zeitbezug.

Ich ging noch nicht zur Schule, hatte aber beobachtet, daß mein Vater, immer wenn er einen Brief als Schulleiter schrieb, nach seiner Unterschrift den Schulstempel auf das Schreiben drückte. An einem Vormittag, mein Vater war im Schulunterricht, bin ich dann trotz Verbot heimlich an den Schreibtisch geschlichen, fand die rechte Schreibtischtür offen und konnte mir die dort befindlichen Stempel herausnehmen. Das auf dem Schreibtisch liegende Stempelkissen wurde aufgeklappt, ich konnte also nun auch so stempeln, wie ich es bei meinem Vater gesehen hatte. Alle auf dem Schreibtisch liegenden Blätter (Briefe) wurden gestempelt. Ich soll dabei eifrig "tempel, tempel" gesagt haben, erzählte mir später meine Mutter, die mich suchend, ins Zimmer hereinkam und meine "Büroarbeit" sofort beendete. Neben anderen Briefen war auch der zurückzusendende Fragebogen des Schulrates mit Stempelabdrucken übersät. Das Entschuldigungsschreiben meines Vaters an den Schulrat wurde von diesem aber mit einem Lächeln, wie mein Vater mir später einmal erzählte, akzeptiert.

Im Wirtschaftshof unter dem vorderen Lindenbaum war ein Sandkasten gebaut worden. Dies war der Spielplatz für meinen Bruder und für mich. Solange ich noch nicht zur Schule ging, habe ich dort viel gespielt, umgeben von Hühnern, Puten, Enten und Gänsen, die auf dem Hof herumliefen. Bewacht wurde ich von einem kleinen Hund, unserer "Tilli", eine Promenadenmischung. Erinnern kann ich mich aber, im Sandkasten Straßen aus "Baggermatsch" (Erde/Wasserbrei) gebaut zu haben, die dann, ausgetrocknet und fest geworden, gute Fahrbahnen für die Spielzeugautos waren. Mißlich war nur, daß die Hühner oftmals meine "Bauwerke" zerstört haben.

Mit meiner Einschulung im April 1939 erweiterte sich dann der Kreis der Spielkameraden und Kinderfreunde, mit denen man dann nach den Schulstunden und den Schularbeiten den Rest des Nachmittags bis zum Abend zusammenkommen konnte, um noch etwas zu unternehmen. In den Schulferien dann natürlich intensiver und länger, denn dann hatten wir ja den ganzen Tag zur Verfügung. Die nachfolgenden Erlebnisse und Begebenheiten sind daher auch hauptsächlich in dieser Schulferienzeit passiert.

Die engsten Kinderfreunde dieser Zeit, mit denen ich unterwegs war, waren die beiden Mädchen Schneidereit und Helmut Krause. Traudel (Waltraud) war etwa ein Jahr älter und Lotte(?) Schneidereit ein Jahr jünger als ich, Helmut war der Sohn eines Großbauern und etwa gleichaltrig.

Durch Weidenau fließt die Schalteik, hier noch ein kleiner Bach von ca. 1,5m Breite und ganz geringer Tiefe. Die Schalteik floß an der Schule und dem Postgebäude vorbei weiter neben der Dorfstraße ins Landesinnere. Die am Ende des Dorfes gelegene Fleischerei Büttner benutzte dieses Flüßchen zur Entsorgung des Reinigungswassers aus dem Schlachthaus. Hier hatten sich Ratten am Uferrand des Baches angesiedelt. Wir Kinder beschießen, diese Ratten zu vernichten! Also stiegen wir in die Schalteik (im Sommer liefen wir immer barfuß!) und verschlossen mit dem Modder die Rattenlöcher, die am Bachufer zu sehen waren. Wir waren der Meinung, daß, wenn die Ratten nicht mehr aus ihrem Bau herauskommen konnten, sie verhungern mußten. Wir waren natürlich sehr enttäuscht, daß trotz mehrtägiger Zumauerungsarbeit die Ratten immer wieder neue Ausgänge geschaffen hatten, obwohl wir sie am Vortage verschlossen hatten. Wir haben uns jedenfalls einige Tage damit beschäftigt, verloren dann aber irgendwann das weitere Interesse an dieser uns selbst gestellten Aufgabe (und weil unsere Mutter uns wegen der dreckigen Hemden und Hosen ausschimpfte).

Mit Helmut durchstreifte ich gerne die vielen weitflächigen Wiesen, die eingezäunt waren und auf denen Kühe weideten. Natürlich waren auf diesen Weiden "Kuhfladen", in die man möglichst nicht hineintrat (wir gingen barfuß!). Sie eigneten sich aber gut zum gegenseitigen Messen unserer Geschicklichkeit: das "Kuhfladenabheben". Gezählt und gewertet wurden die Kuhfladen, deren eingetrocknete Oberfläche "von Hand" bruchfrei abgehoben und umgedreht werden konnte. Daß unsere Hände danach nicht ganz sauber waren und auch ziemlich stark dufteten, war nicht weiter schlimm, in einem der vielen Entwässerungsgräben bzw. den Viehtränken war Wasser zum Abwaschen der Hände immer zu finden.

Helmuts Vater hatte im Hause neben Jagdwaffen auch ein Luftgewehr im Waffenschrank, mit dem wir beiden Jungen unter seiner Aufsicht auf dem Hof auch schon mal schießen durften. Eines Tages, ich weiß nicht mehr wie, hatten wir in einem unbeaufsichtigten Moment dieses Luftgewehr unbemerkt nach draußen zum nachmittäglichen Spielen mitgenommen. Auch einige der zum Schießen benötigten Bleiplättchen hatten wir dabei. Da wir, wenn wir draußen spielten, immer ohne Aufsicht waren, konnten wir jetzt anstelle des langweiligen Scheibenschießens richtig "Soldat spielen", also kriechend oder laufend dem ausgespähten Ziel sich nähern und dieses liegend beschießen. Angriffsziel waren die Tränken auf der Weide, vor allem die als Tränke benutzten ausrangierten Badewannen oder halbierten Ölfäßer, die wir, uns jeweils mit dem Gewehr abwechselnd, dann auch "angriffen" und beschossen. Jeder Treffer beim "Feind" war als "Päng" zu hören, je nachdem, ob der Treffer über oder unter der Wasserlinie der Tränke lag, heller oder dunkler klingend. So konnte gezählt werden "Volltreffer" (dumpfer Päng) und "leichter Treffer" (heller Päng). War die Wandstärke der Wassertränke durch längeren Gebrauch auf der Weide und durch den Rostbefall nicht mehr sehr stark, dann konnte ein "Volltreffer" auch einen kleinen Wasserstrahl nach sich ziehen, der aus der Tränke kam. Ein solcher Treffer war natürlich besonders gut und zählte daher doppelt! Wir waren beide begeistert von diesem Spiel, nicht aber die Melker bzw. die Melkerinnen, die am Abend die Kühe auf der Weide versorgten und molken. Sie berichteten von den Schäden an den Tränken, der Schuldige war bald gefunden. Helmut erzählte mir ein paar Tage später, daß er eine schöne Tracht Prügel bekommen hätte, mich aber nicht verraten hätte, was stimmte, denn ich wurde nicht bestraft! Das Luftgewehr war aber endgültig unerreichbar für uns geworden!

Was macht man sonst noch, wenn man über die Felder stromert? Man sucht und fängt in einem Drainagegraben Frösche, die man dann etwas weiter weg wieder aussetzt und deren Zurückspringen zum Graben überwacht und dabei die Anzahl der Sprünge zählt (gewonnen hatte der, dessen Frosch die wenigsten Sprünge brauchte). Oder man fängt Bremsen, denen man einen Grashalm in den Hinterleib steckt und den Wegflug dann beobachtet (gewonnen hat der, dessen Bremse ungehindert mit Grashalm wegfliegt). Auch das Summen der Telegrafenleitungen am Straßenrand gibt Anlaß zu Betätigungen und wissenschaftlichen Untersuchungen: hört das Summen auf, wenn man mit der Zwille die Isolatoren an den Telegrafenmasten beschießt und damit zerstört? Es hörte auf! Was für ein Erfolg! Nur wurde diese Tat beobachtet und der Schule gemeldet. Am nächsten Morgen wurde unsere Verfehlung und der Schaden, den wir angerichtet hatten, vor allen Schülern ausgiebig besprochen und als Strafe bekamen Helmut und ich vor der versammelten Klasse von Lehrer Neukamm je 10 kräftige und schmerzhafte Stockhiebe auf unseren Allerwertesten. Nach Schulschluß, zu Hause vor dem Mittagessen, bekam ich von meinem Vater "privat" noch einmal Stockhiebe mit dem Bemerken, "ein Lehrersohn macht solche Streiche nicht".

An heißen Sommertagen zogen wir los und gingen "auf direktem Wege" über die Wiesen und Gräben entlang zur Gilge, um dort zu baden. Die Gilge war hier mit Buhnen zur Strömungsverbesserung versehen. Waren diese etwas länger gebaut worden und das Ufer dort auch flacher, dann kam zwischen zwei Buhnen die Strömung am Flußufer fast zum Stillstand, man konnte daher in diesen Bereichen gefahrlos baden, was für uns Kinder natürlich herrlich war. Wir hatten ein Fleckchen ausfindig gemacht, wo an der einen Buhne am Ufer Weidenbäume mit bis ins Wasser hineinreichenden hängenden Ästen standen, unter denen man einerseits schön durchtauchen konnte, die aber andererseits auch Schatten in der an manchen Tagen stechenden Sommersonne gaben. Dorthin an der Gilge sind wir, vor allem in den Sommerferien, manchen Tag gleich nach dem Mittagessen gewandert. Badeanzüge hatten wir Kinder damals nicht, also badeten wir in Unterhosen (die Jungen) und Unterhose und Hemdchen (die Mädels). Erwachsene haben uns nicht begleitet, waren auch beim Baden nicht mit dabei, warum auch? Wir alle wußten, wie weit wir in das Wasser gehen durften und wie gefährlich die Strudel am Ende der Buhnen waren, also gingen wir nicht dorthin! Da das Wasser zwischen den Buhnen am Uferrand der Gilge aber flach war, habe ich trotz der vielen Badetage dort nie Schwimmen gelernt.


Höhepunkte eines Jahres waren bei uns Kindern ja immer die Geburtstage. Die Kindergeburtstage wurden immer in größerer Runde mit allen Spielkameraden und Geschwistern gefeiert. Zum Austoben standen, wenn bei uns gefeiert wurde, der große Schulhof mit der Linde am Hauseingang der Blumengarten neben der Schule, der mit "Lebenshecke" (in der man sich gut verstecken konnte) eingefaßte Vorgarten und der Wirtschaftshof mit den zwei Schaukeln zur Verfügung. Wenn es einmal regnete, dann war das Spielzimmer auch noch da.

Je größer ich wurde, desto häufiger mußte ich auch in der Hauswirtschaft mithelfen. Der Hühnerstall mußte gereinigt, der Schweinestall ausgemistet und mit neuem Stroh aus der Scheune versehen werden, Holz für die Stubenöfen mußte gehackt und im Hof zum Trocknen aufgeschichtet, der Wirtschaftshof nach dem Dreschen und Einbringen des Strohs in die Scheune gefegt bzw. abgeharkt werden. In den Herbstferien, die bezeichnenderweise "Kartoffelferien" genannt wurden, mußte ich in späteren Kinderjahren natürlich mit aufs Feld, um Kartoffeln aufzulesen, die der Kartoffelroder bloßlegte. Schön war es dann am Feierabend, wenn das Kartoffelkraut in einem Haufen abgebrannt wurde und wir in dem "Kartoffelfeuer" unsere Kartoffeln rösteten und auf der Erde sitzend abpellten und aufaßen. Rechtschaffen müde ging es dann abends ins Bett.

Wenn im Herbst dann das Korn eingefahren und gedroschen war, waren die Scheunen bei uns bzw. im Hof von Krauses ein beliebter Spielplatz. In den Scheunen wurde das Stroh gelagert und in diesem aufgeschichteten Stroh konnte man gut "Burgen" und Gänge bauen oder von Fach zu Fach springen. Die Sprungtiefe war manchmal ca. 3m bis 4m tief und reichte aus, um dabei auch einen einfachen Salto zu machen. Einmal sogar mit Erfolg insofern, als ich mit der Nase auf dem Knie aufschlug und prächtiges Nasenbluten hatte.

Auf dem Hof von Krauses stand draußen an der Scheune ein sog. "Strohpuster", eine Blasmaschine, die das bei den Drescharbeiten ausgedroschene Stroh durch eine Rohrleitung bis in die oberen Bereiche der Scheune "pustete". Diese Rohrleitung war, solange sie nicht abgebaut worden war, ebenfalls ein prächtiges "Spielgerät", denn man konnte in der Rohrleitung von dem Scheunenboden prima bis zum Hof, dem Standort der Blasmaschine, herunterrutschen. Unten angekommen, kroch man dann aus dem Einlauftrichter (für Stroh) der Maschine heraus. Dann wieder zurück in die Scheune, über die Leiter hoch ins obere Fach und die Rohrleitung geklettert und dann wieder mit Geschrei die Rohrleitung hinab. Wir konnten nicht genug bekommen! Aufpassen mußte man nur, nicht zuviel Tempo innerhalb der Rohrleitung zu bekommen, damit man nicht an bzw. in die Ventilatorflügel rutschte und sich weh tat oder sogar verletzte. Rechtzeitiges Abbremsen in der "Pusteröhre" war daher Pflicht!

Aber nicht nur im Sommer, auch im Winter, der in meiner Erinnerung in diesen Jahren immer mit viel Schnee und teilweise starkem Frost verbunden war, waren wir Kinder viel draußen. Im Rahmen dieses Beitrages zu Kindheitserinnerungen würde es aber zu weit führen, auch hier noch Einzelerlebnisse zu schildern. Das Mitfahren auf Pferdeschlitten, das Springen in die verschneite Grabenböschung der Schalteik, das Transportieren der mit Marzipanteig ausgelegten Backbleche auf dem Schlitten zum Schmied zum "Abbrennen" des Marzipans, das Mitfahren auf dem "Mangelkasten", der über die zu mangelnde Wäsche auf Rollen hin und her geschoben wurde, das Beobachten des Eisganges auf der Gilge, usw., usw. bleiben Erinnerungen an eine glückliche Kindheit in Ostpreußen, die mit der Flucht abrupt zu Ende ging. Ich schätze mich glücklich, eine solche Kindheit gehabt zu haben.

Autor: © 2008 Gernot Grübler
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 83/2008

Weidenau



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 02.06.2009
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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 17. Januar 2011