| Heimaterinnerungen ..... | |
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von Gustav Koppen
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Ich hatte einst ein schönes Vaterland, mein Land an der Memel; man hat mich vertrieben, mir meine Heimat genommen. Doch meine Liebe und meine Gedanken an mein Land an der Memel kann man mir nicht nehmen. Wer kennt nicht den Weidenbaum dort, der so manches Liebespaar in seinem Schatten gesehen und der manchen schweren Eisgang überstanden hat. Die Daubas mit dem Kukuris, wo die Leberblümchen blühten, und wer von uns kennt nicht den Verlobungsgang! |
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Wir gehen jetzt die Treppen zum Gartenlokal "Schober" hinauf. Die Tannenpyramiden und der Blick über die Memel, und am Anlegeplatz haben die Dampfer angelegt: Die"Wischwill", die "Tilsit", die "Byruta", die "Cito", die "Schnell" und die "Königin Luise" - alles Raddampfer und alle vollbesetzt. Musikkapellen dazu. Alle beeilen sich, um noch einen günstigen Platz im Lokal "Schober" zu bekommen, um an der Theke ein Glas Bier "Tilsiter Aktien" oder "Vereinsbrauerei" zu genießen. Im Musikpavillon spielt die Kapelle, doch wir wollen weiter zum Kastanienberg (Signalberg), vorbei an der Kutscherkneipe und der Unterfahrt. Benzinkutschen gab es damals nur wenige, und die Unterfahrt war nur für Landauer und Kutschwagen; der Pferdefreund konnte hier wirklich gute Pferde sehen. Jeder Besucher hatte ja nur die Kutschpferde angespannt. Unter den Kutschern gab es manches Streitgespräch; wer hatte die besten Pferde, im Kornus schlichtete man, und der Friede war wieder hergestellt. Auf dem Kastanienberg grüßt uns der neu erbaute Bismarckturm. Zum Gedächtnis des eisernen Kanzlers brannte am Abend des 1. April ein Feuer auf diesem Turm. 1912 sahen wir hier den ersten Zeppelin, der majestätisch seine Bahn zog. Wir gehen nun zurück am Gassnerschen Haus vorbei, auf der Anhöhe entlang. Geradeaus der Palenschkallnis, links das Memeltal und weiter die Juramündung, über Schreitlaugken hinweg die Willkischker Berge. Ein herrliches Bild, das blaue Band der Memel, auf den Wiesen die Heukepse, ein herrlicher Duft des frischen Heues. Zwei Spitzkähne überqueren den Strom. Heufuder, hoch beladen, bringen sie ans Ufer. Gut war es, wenn ein Westwind wehte. Dann wurden Segel gesetzt, und der Wind half dem Fährmann. |
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Noch vor dem 1. Weltkrieg wurde eine Fähre gebaut; an einem Seil lief die Fähre von Ufer zu Ufer und brachte die Heufuhrwerke sicher hinüber. Es war manchmal nicht einfach, denn bei Westwind war der Strom voller Fahrzeuge. Kähne und Boydaks segelten den Strom hinauf; dazwischen die Tourendampfer, denn sie waren die einzige Verbindung von Schmalleningken nach Tilsit. Es konnte ja auch keine bessere und schönere Fahrt geben, als die Memel für dreißig Pfennig hinauf und herunter. Für dreißig Pfennig fuhr man von Unter-Eißeln nach Tilsit und bekam noch eine Tasse Kaffee dazu, ein Kornus zehn Pfennig, nur ein Bomke fünfzehn Rennig. |
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Wir sind nun auf dem Palenschkallnis und sehen hinunter auf das Sägewerk (Schneidemühle). Riesige Stapel Langholz und lange Triften liegen noch zwischen den Spikdämmen, die Schnittware aufgestapelt bis auf den Berg heran. Die trockene Ware wird in Kähne verladen, die dann nach Königsberg, Elbing und Danzig, ja bis nach Berlin verschifft wurde. Mehr als hundert Männer haben hier gearbeitet und konnten zum Feierabend bei Tante Bredtschneider - später Albert Beister - ihre Feierabendbomke, vielleicht auch ein Quartierje sich hinter die Binde gießen, und hier kam auch jeden Morgen, nachdem die Tourendampfer durch waren, der alte Fährmann - ich meine hier nicht meinen Schwiegervater, sondern den alten Mallien - der seinen Bomke trinken mußte. Beim ersten zitterte die Hand so, daß ein Teil vorbeiging. Erst der dritte ging seinen Weg hinunter. |
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Heute haben wir Johanni. Vor mehr als 60 Jahren, als wir noch Kinder waren, haben wir zum Johannitag einen Strauß Feldblumen gepflückt. Dieser Strauß wurde bei Sonnenuntergang aufs Dach geworfen. Warum, weshalb, wußten wir nicht, aber es war so Sitte, und dann ging es wieder zum Pallenschkallnis. Auf einer langen Stange hatten die Arbeiter vom Sägewerk ein Ölfaß (Teerpudel) befestigt, das Holz gepackt, angezündet und dann aufgerichtet. Wie eine Fackel leuchtete das weithin sichtbar, auf den Höhen jenseits der Memel das gleiche Bild. Fast das ganze Dorf war hier versammelt. Faßbier stillte den Durst, und die Flaschen Kornus machten die Runde. An der Bezahlung beteiligten sich das Sägewerk, der Bürgermeister und wenn das nicht reichte, wurde geschoßt - also jeder zog sein Portemonnaie. Es war immer eine fröhliche Runde. Mit diesem Teerpudel wurden die Hexen verbrannt. Auch die alten Vorderlader wurden geladen, und mit Schrot wurden die Hexen im Teerpudel noch erschossen. Das Sägewerk war der Anziehungspunkt des Dorfes. Hier pulsierte das Leben, wenn die Schule aus war, oder wenn es Hitzeferien gab. Dann waren wir an der Memel zum baden. - Eines hätte ich bald vergessen: Den Ruf von der anderen Seite der Memel "Hol rüber". Der Fährmann holte mit dem Handkahn den Rufenden herüber, für ganze zehn Pfennig. So vergeht der Sommer, und schon wieder stehen die Heukepse auf den Wiesen, und wieder geht die Fähre hinüber und herüber, um den Grummet in die Scheune zu bringen. Die weiten Memelwiesen sind abgeerntet, und langsam färben sich die Blätter. |
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Die ersten Boydaks kommen heim, sie warten auf Hochwasser, damit sie in ihrem Hafen, dem Lock, festgemacht werden können. Neues Leben kommt nach Anmemel. Der Strom füllt sich mit Grundeis, und es klebt Scholle an Scholle. Das Eis steht, sagt man. Und wenn es weiter friert, kann man bald darüber laufen. Die Quappenstecher warten schon darauf, und wenn der Abend heraufzieht, ziehen sie mit ihren Schlitten Richtung Jura, denn dort am Deckwerk kommen die Quappen zum Laichen. Es ist kein Jägerlatein, wenn ich sage, daß mancher von den Experten 2 bis 3 Schock Quappen morgens nach Hause brachte. Nach Weihnachten gab es dann noch ein Schifferfest, wo die Schiffertöchter ihre Moden zur Schau trugen; es wurde sogar behauptet, daß die Mode erst zu den Schiffern kam und dann zur Landbevölkerung. So verging der Winter. Der manchmal meterhohe Schnee schmolz, überall floß das Wasser in den Strom, und nun begann ein Schauspiel, das keiner vergessen wird, der es gesehen hat. Die Kraft des Wassers brach das Eis, es schoben sich gewaltige Eisberge zusammen und wehe dem Schiffer, der seinen Boydak nicht hinter den Nägelberg gebracht hatte. Der Bamberteich nahm alles mit, tagelang ging das Eis seinen Weg ins Haff, von der Schneidemühle bis zum Schreitlaugker Wald rauschte der Strom dahin. Nachdem der Schnee weg war, ging auch der Fluß wieder in seine Ufer zurück. |
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Die Wiesen wurden grün, und über Nacht begann ein Grünen und Blühen. Die Memelwiesen voller Butterblumen, in den Gärten blühten die Kirschen, in der Hei-de grünten die Birken, und die Kiefern blühten. Köstlich die Luft, die man dort at-men durfte. Dazwischen die Hammerschläge der Schmiede, das klang wie Glo-ckenschläge in dieser stillen Natur. Es gab noch keine gepflasterten Straßen, wo die Räder klapperten, und die Pferde traten auf weichem Boden. Man brauchte auch keine Uhr. Der Dampfpfiff der Schneidemühle sagte Frühstück, Mittag und Feierabend an. Den Strom herunter kamen nun die ersten Kähne, Wytinnen genannt, mit Getreide aus Rußland, das nach Königsberg ging. Dort wurden die Wytinnen, nachdem das Getreide gelöscht war, verkauft und zu Boydaks umgebaut. Auch unsere Schiffe lichteten die Anker, und der Strom trug sie davon. Weidengebüsch säumte den Strom ein, Spikdämme kamen aus den Fluten heraus, und nun kamen die langen Trifften mit ihren aus Langstroh gebauten Buden den Strom heruntergeschwommen. Vorne und hinten je zwei Putschienen, damit wurden die Trifften gesteuert. Am Ende der Trifft waren zwei Schricken, die man zum Abstoppen der Trifft benötigt. Diese Trifften waren nicht mit Draht, sondern mit Schwarzugen zusammengehalten, und das waren aus Birken und Weidenstrauch geflochtene Taue. Vier Dschimken (Flößer) waren auf solch einer Trifft. Wenn der Wind sich gelegt hatte, das war am Abend, dann kamen die Trifften den Strom herunter. Bei Dunkelwerden zündeten die Flößer ein Feuer an, damit, wenn Schiffe kamen, diese gewarnt wurden. Auf dem Feuer kochten sie auch ihr Essen, das Wasser dazu gab der Strom. Manche Dschimken waren sangesfreudig, und ihre mehrstimmigen Weisen hallten vom Strom herauf. In den Weidenbüschen sang die Nachtigall, und die Wachtel rief: "scharp, scharp, langer Dag, körte Nacht"; sie mahnte zur Heuernte. |
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Diese Erinnerungen sollen bei uns lebendig bleiben und das schöne Land an der Memel. Und mit den Worten unserer Dichterin aus Lengwethen, Johanna Ambrosius verh. Voigt, an die ich Sie erinnern möchte, beende ich meinen Weg von Ragnit nach Unter-Eißeln. |
Und wenn ich träumend dann durchgeh |
| Autor: © Gustav Koppen , früher Unter-Eißeln (Jugendherberge) Bild: Sammlung: Charlotte Podschadli Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 70/2002 |