Kirchspiel Trappen
Erinnerungen an Waldheide (Schillehnen) an der Memel
von Luise Goldbeck

In den Heften "Land an der Memel" berichten regelmäßig Landsleute über Besuche in der alten Heimat und die dabei erlebten Enttäuschungen. Auch mir ging es so, als ich 1988, 1995 und 1996 meinen Geburtsort Schillehnen wiedersah. Nur wenige traurige Reste des Dorfes, das mir bis heute Heimat bedeutet, haben die vergangenen sechs Jahrzehnte überdauert. In meiner Erinnerung sind die einstigen Stätten von Kindheit und Jugend aber bevölkert von Menschen, die meine Entwicklung mitgeprägt haben, von Nachbarn, Amtspersonen und Bekannten, die ich noch heute deutlich vor mir sehe, wie sie in ihren kleinen Häuschen lebten und arbeiteten. Angesichts heutigen Überflusses der modernen Wegwerf-Gesellschaft beeindruckt mich immer noch die allgemeine Bescheidenheit, die das Denken und Handeln im Dorf beherrschte. Meine Erinnerungen an einige dieser Nachbarn und an ein paar Begebenheiten möchte ich hier schildern.

Da war zunächst unsere Hebamme - Frau Kiesel -, die nicht nur bei Geburten half, sondern bei allen gesundheitlichen Problemen Rat wußte und mit Kräutern, Salben und Hausmitteln half. Sie wohnte mitten im Dorf und war (auch ohne Praxisgebühr) zu jeder Tages- und Nachtzeit ansprechbar. Ihre Leistungen wurden - je nach Möglichkeiten der Patienten - häufig in Naturalien abgegolten. Was wären wir ohne sie gewesen? Der nächste Landarzt hatte seine Praxis in Lasdehnen, dem 18 km entfernten Haselberg, und mußte ein großes Gebiet betreuen. Mit seinem Landauer - einem Pferdewagen mit Verdeck - fuhr er zu jeder Jahreszeit bei Wind und Wetter über Land zu den Kranken. Er war daher nur schwer zu erreichen, und es konnte schon leicht einmal zwei Tage dauern, bis er (manchmal in letzter Minute) zu Hilfe kommen konnte. Um ihn zu benachrichtigen, mußte man zum Telefon unserer Poststelle, wo Frau Girnus jederzeit hilfsbereit war. Wenn der Arzt aber unterwegs war, konnte ihn seine Frau oft erst abends über Notfälle informieren.

Die Poststelle von Frau Girnus war aber auch ein wichtiger Treffpunkt der Dorfbewohner, denn wenn abends der Postbus aus Ragnit kam, holten sich viele ihre Post oder Zeitungen selbst ab, um nicht auf die Zustellung durch den Briefträger am nächsten Tag warten zu müssen. Beim Warten auf den Bus wurden dann die aktuellsten Neuigkeiten ausgetauscht und wir Kinder machten lange Ohren.

Wenn Waldheide auch nur 420 Einwohner hatte, gab es doch einen Schuster, einen Schneider, ein Sägewerk und zeitweilig vier Gaststätten, teilweise mit Lebensmittelverkauf. Größte Gaststätte war die von Görzigs mit großem Saal, Biergarten mit Musikpodium für Blasmusik und Tanz und einem „Kolonialwaren"-Geschäft.

Die Ordnungsmacht repräsentierten der Bürgermeister, die Gendarmeriestation und nicht zuletzt die Zollbeamten, die den Schmuggel an der "Grünen Grenze" nach Litauen und an der Memel nach Schmalleningken im Memelland begrenzen sollten. Die besondere Lage Waldheides als nordöstlichstes Dorf des Deutschen Reiches lockte mit seinen zwei Grenzübergängen gelegentlich auch vereinzelte Touristen in unser Dorf und seine Gaststätten.

Die nicht in der Landwirtschaft beschäftigten Einwohner - vielfach auf Zuruf von einem Tag zum anderen bestellt - fanden Arbeit im Sägewerk, einer kleinen Werft oder beim Förster. Die an sich schon schwere Arbeit des Holzeinschlags wurde noch zusätzlich erschwert durch mehrere Kilometer lange Anmarschwege, nicht selten durch tief verschneite Wälder. Selbst wir Kinder waren davon betroffen, wenn wir den Vätern das Essen bringen mussten

Einen besonderen Platz nimmt die Schule in meinen Erinnerungen ein. Wegen seiner Gerechtigkeit hatte ich großes Vertrauen zu unserem Lehrer Eggert. Vor seiner Leistung habe ich die größte Hochachtung, denn er mußte in einem Klassenraum mehr als 50 Kinder aus allen acht Jahrgängen unterrichten. Während er einer Altersgruppe den Lehrstoff vermittelte, mußten sich die anderen Jahrgänge selbst beschäftigen und wurden so an Selbständigkeit gewöhnt.

Das in Waldheide erworbene Wissen war für mich Grundlage mehrerer Berufsabschlüsse, einer verkürzten Lehrzeit und eines Fachschul-Fernstudiums! Damit nicht genug: Herr Eggert nahm sich auch die Zeit, mit uns dreistimmige Chöre einzuüben, die er auf seiner Geige begleitete, und ganze Programme einzustudieren, mit Gedichten, Sketchen und Tänzen, die wir einmal jährlich Eltern und Dorfbewohnern vorführten. Für Ordnung und Sauberkeit in der Schule sorgte eine Nachbarin - Frau Kwestereit. Für uns selbstverständlich, blieben unsere Schuhe aus gutem Grund vor der Klassentür stehen!

Um irrigen 'Vorstellungen zu widersprechen, daß in der alten Heimat für alle Milch und Honig flössen, will ich nur berichten, daß wir in der Schule für alle Kinder in der großen Pause warme Milch und eine Wurstsemmel bekamen. Bei Vorbereitung und Ausgabe mußten die älteren Schülerinnen helfen.

Daß Waldheide nicht sonderlich wohlhabend gewesen sein kann, zeigt, daß wir keine Kirche im Dorf hatten. Die nächste Kirche stand in Trappönen, 14 km memelabwärts und Sitz unseres Kirchspiels. Trotzdem nahmen wir am Konfirmandenunterricht in Schmalleningken jenseits der, Memel teil bei Pfarrer Grodde. Schmalleningken gehörte von 1923 bis 1939 zum litauisch besetzten Memelland, und wir brauchten zur Benutzung der Fähre einen entsprechenden Ausweis. Am Konfirmandenunterricht nahmen auch Kinder evangelischer Litauer teil. Solange die Memel eisfrei war, fuhren wir mit dem Fährkahn oder der Wagenfähre über den Strom, bei Eisgang fiel der Unterricht manchmal aus oder der Pfarrer kam zu uns in die Schule. Wenn aber die Memel in sehr kalten Wintern zugefroren war, wurde ein Fußweg über das Eis abgesteckt. Wegen der Spannungen im Eis knackte und knallte es beim Gang über das Eis ständig neben uns, und wir waren jedesmal heilfroh, sicheres Ufer erreicht zu haben.
Auch die Konfirmationsfeier fand in der jetzt nicht mehr vorhandenen Kirche von Schmalleningken statt.

Zur Aufbesserung der Familienkasse und um etwas Geld für die Schulfahrten (z.B. zum Oberländischen Kanal) zu verdienen, gingen wir schon als Kinder zu den Bauern, um bei der Ernte zu helfen. Am schwersten empfand ich die Getreideernte - nicht nur wegen der sommerlichen Hitze! Kräftige Männer gingen als Schnitter mit der Sense voran, und jedem folgte eine Binderin, die das Getreide bündelweise zusammenraffte, mit einem Strang Halme umwickelte und diese Garben dann mit anderen zusammen zu Hocken auf dem abgeernteten Feld zusammenstellte. So sollte das Getreide bis zum Einfahren in die Scheune noch trocknen. Bei jeder Garbe mußte man sich mehrmals bücken und aufpassen, daß man mit dem Schnitter Schritt hielt, denn sonst wurde man nicht wieder zur Ernte geholt! Meine Mutter war diese Arbeit gewöhnt, und als ich dreizehn Jahre alt war, wurde ich zum ersten Mal mitgenommen und ging neben meiner Mutter. Anfangs hatte ich große Schwierigkeiten, die Garben fest genug zusammenzubinden. Wenn diese beim Aufstellen der Hocken auseinanderfielen, schimpften die anderen Helfer wegen der zusätzlichen Arbeit mächtig! Hilfe kam dann von meiner Mutter, die außer ihrer Reihe auch noch meine Fehler in Ordnung brachte. Für einen Tag Arbeit gab es bei der Getreideernte 1.- RM Lohn - außer der Pausenversorgung. Völlig kaputt, aber ein bißchen stolz ging ich mit der Mutter abends nach Hause. Bloß gut, daß wir nicht gleich am nächsten Tag wieder zur Ernte mußten (oder durften?).


Angesichts dieser - als normal empfundenen - Schinderei fällt es mir heute schwer, Leistungen und Ansprüche von sogenannten Spitzensportlern objektiv zu beurteilen.

Die Erntehilfe bei Kartoffel- und Rübenernte wurde offensichtlich als leichter eingeschätzt, denn es gab nur 50 Rpfg./Tag, obwohl auch hier ständiges Bücken und das Tragen der schweren Körbe angesagt waren. Reichliches und gutes Essen waren aber sicher ebenso gute Zugmittel wie die sauer verdienten Groschen! Außerdem war für uns Kinder und Jugendliche die Mitwirkung bei den Erwachsenen ein beeindruckendes Erlebnis, und wir lauschten den Erwachsenen in den Pausen beim Dorfklatsch.

Für die Verbindung zur Außenwelt sorgten neben dem Postbus nach Ragnit noch die Dampfschifflinie mit dem Personendampfer "Herold" nach Tilsit und die Kleinbahnlinie Schmalleningken-Tilsit. Im Sommer war der billigere Dampfer besonders bei den Landfrauen beliebt und unentbehrlich, denn er brachte sie mit ihren Produkten aus der eigenen Landwirtschaft oder mit den Früchten des Waldes zu den Märkten von Tilsit und Ragnit. Wenn die "Herold" wegen Niedrigwasser nicht am Ufer anlegen konnte, mußten die schweren Beerenkörbe (20 - 30 kg) mit dem Kahn zum Schiff gebracht und mühsam an Bord gehoben werden. Auch das Ausschiffen in Tilsit am Kai war körperliche Schwerstarbeit! Dafür konnte man - wenn man Glück hatte - auf dem Markt für einen Liter Blaubeeren bis zu 20 Rpfg. bekommen. Was bis kurz vor Rückfahrt des Dampfers nicht verkauft war, wurde dann billiger angeboten. Auch in dieser Art des Gelderwerbs für die Familie wurde ich noch während meiner Schulzeit selbstverständlich einbezogen und lernte dabei die Sorgen der ärmeren Dorfbewohner gründlich kennen. Als wir einmal ohne Beerenschein im Lasdehner Forst vom Förster angetroffen wurden, kippte er uns den Beerenkorb um und zertrat alle Beeren! Die Arbeit eines halben Tages war vergeblich!

Auch im fernen Ostpreußen setzte sich im letzten Jahrhundert der technische Fortschritt durch. Ich erinnere mich deutlich, daß bei meiner Großmutter Ende der zwanziger Jahre noch der brennende Kienspan, in eine Wandvertiefung gesteckt, einzige Lichtquelle war. Als nichtversicherte Rentnerin hatte sie weder für Kerzen noch für eine Petroleumlampe genug Geld. Unsere Wohnung wurde von einer Petroleumlampe erleuchtet - aber nur, wenn die Eltern Licht benötigten. Wir Kinder saßen bis zur Heimkehr der Eltern bestenfalls bei halb geöffneter Ofentür.

Erst in dem 1938 fertiggestellten neuen Haus hatten wir später elektrischen Strom. Aber erst, nachdem wir Leitungsmast und Stromanschluß bezahlen konnten und eine Lampe gekauft hatten.

Vorher hatte unsere Schule Lichtanschluß bekommen. Am ersten Schultag nach dem denkwürdigen Ereignis durfte jeder Schüler einmal das Licht an- und ausknipsen! Zu Haus verleitete mich mein jüngerer, aber technisch gewitzterer Bruder, einmal die offenen Leitungsdrähte an der Stubendecke anzufassen! Auf dem Boden fand ich mich wieder!

Bevor wir persönliche Bekanntschaft mit der Nützlichkeit von Elektrizität machten, kannten wir sie als Naturgewalt aus den schweren Sommergewittern in Ostpreußen. Vater und Mutter waren meist zur Arbeit außer Haus - im Wald oder bei bekannten Bauern. Wenn dann ein Gewitter heraufzog, kam unsere Oma, deckte die gußeiserne Nähmaschine ab, nahm die Handtasche mit allen wichtigen Papieren und setzte sich mit uns Kindern hinter die Haustür, um bei Blitzschlag schnellstens mit uns aus dem Haus flüchten zu können. Es dauerte Jahre, bis ich meine Gewitterfurcht überwand.

Mit einer Episode aus Tilsit möchte ich meine Erinnerungen für heute beenden. Bei unseren Marktbesuchen in Tilsit lernten wir eine seltsame Gestalt kennen -einen großen Mann mit schwarzem Umhang, der die Marktstraßen entlang ging mit dem Ruf: "Für ein Dittchen Pup". Mutti erklärte mir, daß das der Toilettenmann sei. Er trug unter dem Umhang ein stuhlähnliches Gestell mit einem Eimer auf dem Rücken. Auf Wunsch eines Kunden setzte er das Gestell auf der Straße ab und ließ den Kunden unter seinen Umhang. Der konnte dann auf dem Stuhl sitzend seine Notdurft verrichten. Weil ich bisher in der Literatur nie einen Hinweis auf diese Toilettenart gefunden habe, wäre ich für Bestätigungen durch Zeitzeugen dankbar.

Viel könnte ich noch aus der alten Heimat berichten - Heimat besteht für mich nicht nur aus der Landschaft oder vertrauten Gebäuden, es sind in erster Linie die Menschen, die diese Landschaft schufen und erhielten. Vom Wind der Geschichte verweht bleiben sie mir in ihrer Bedächtigkeit und Hilfsbereitschaft im Gedächtnis. Sie bewährten sich selbstlos in Notsituationen, als freundliche Nachbarn meine Geschwister und Cousinen bei sich aufnahmen, als unsere Eltern vom damaligen Regime zum Kriegsdienst geholt, eingesperrt oder hingerichtet wurden. Sie halfen, uns in letzter Minute vor der heranrollenden Kriegswalze in Sicherheit zu kommen. Ihnen und allen, die ihr Andenken bewahren helfen, danke ich mit herzlichen Wünschen!

Kein Vertriebenendenkmal kann das angemessen würdigen!

Autor : © 2004 Luise Goldbeck - eingesandt von der Tochter Helga Goldbeck, Weilerswist.
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 74

Waldheide



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 06.06.2004
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 17. Januar 2011