Eine Reise in die Vergangenheit
Unser Dorf Waldau
von Hans Arndt Nordhorn

Es war einmal... so fangen alle Märchen an, aber dieser Bericht ist kein Märchen. Im Juni 1996 habe ich mit Greif-Reisen eine Fahrt nach Nordostpreußen in meine Heimat gemacht.

Trotz Berichten und Erzählungen hatte ich ein Bild vor Augen, daß es da trostlos sein muß, aber es übertraf noch alle Erwartungen. Wo einst blühendes Land war, ist heute Steppe. nn Unser ehemaliges Dorf Waldau existiert nicht mehr, wie so viele andere Dörfer. Trotz etlicher Neubauten, die in den 30er Jahren in unserem Ort entstanden sind, findet man keinen Stein mehr, es ist ein ödes Land geworden.

Unsere ehemalige Dorfstraße ist ein Schotterweg, alle übrigen Wege sind verschwunden. Die alte Heimat ist einem fremd geworden. Die einzigen, die ein Paradies in Nordostpreußen haben, sind die Störche. Die gibt es zu Hunderten, wenn nicht gar zu Tausenden. Sie bauen sich ihre Nester sogar in Bäumen.

Aber zurück nach Waldau, wo ich geboren bin und auch zur Schule ging. Wo wir als Kinder und Jugendliche eine schöne Zeit hatten, das Baden in dem Ostfluß, der Scheschuppe, die Bootsfahrten darauf. Das Treffen der Kinder und Jugendlichen an Sonntagen auf unserem Sportplatz, wo auch im Juni die Sonnenwendfeier stattfand, aber bei Ausbruch des Krieges alles ein Ende fand.

Wenn man heute zum Ostfluß (Scheschuppe) will, muß man sich einen Weg durch Disteln, Dornen und Schilf bahnen, um überhaupt ans Wasser zu kommen. Die Insel (Waldauer Badeinsel) existiert noch, aber man begegnet keinem Menschen.

Als einzelnem würde ich keinem raten, dahin zu fahren, wenn er nicht 100%ig gesund ist. Wenn er nur einige Schritte vom einzigen Weg macht und er sich z. B. den Fuß verstaucht, ist er hilflos verloren. Hier findet ihn bestimmt niemand.

Die Fahrt dahin ist mit dem Bus doch anstrengend. Es kommt natürlich darauf an, wie weit man davon entfernt ist. Von meinem jetzigen Wohnort waren es bis Ragnit (Neman) fast 1.600 km. Von Ragnit aus haben wir dann einige Fahrten mit dem Bus nach Tilsit, Königsberg und auch Fahrten zu einigen Kirchspielorten, wie z. B. Sandkirchen, Altenkirch, Schillen, Trappen und Groß Lenkenau unternommen. Von dort konnte jeder zu seinem Heimatort zu Fuß oder mit dem Taxi kommen.

Zum Schluß noch etwas von Waldau über die Entstehung dieses Namens. Die Gemeinde Waldau ist 1928 durch die drei kleinen Gemeinden Weedern, Mikehnen und Dannenberg entstanden. Weedern ist etwa um 1654, Mikehnen um 1723 und Dannenberg zu einem späteren Zeitpunkt entstanden. Da Weedern der größere Ort und bei der Entstehung mitten im Wald und an einer Flußniederung (Aue) gelegen war, haben sich die drei Orte auf den gemeinsamen Namen Wald-Au, sprich Waldau, geeinigt. Dadurch hatte Waldau jetzt drei Friedhöfe, die bis zur Flucht (Vertreibung) im Oktober 1944 gepflegt und in Ordnung gehalten wurden, heute aber verkommen und verwildert sind.
Viele alte Baumbestände sind nach 1945 abgeholzt, durch Wildwuchs wieder neu herangewachsen. Waldau hatte 1939 bei der letzten Volkszählung 199 Einwohner, im Oktober 1944 waren 206. Durch Flucht, Vertreibung und Kriegseinwirkung sind 1944 - 45 aus Waldau 66 Personen ums Leben gekommen, 1/3 dieser Gemeinde.

Autor: Hans Arndt Nordhorn
Quelle : Land an der Memel Nr. 61/1997 Seite 78

Gemeinde Waldau



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.12.2001
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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 17. Januar 2011