HEIMATERINNERUNGEN
Das Dorfleben in Unter-Eißeln nach dem 1. Weltkrieg

Diese Postkarte um das Jahr 1930 ist für uns ehemalige Ortsbewohner aus Unter-Eißeln ein Stück bleibende Heimatgeschichte. Hier wird nochmals daran erinnert, wie sich das damalige Dorfleben mit seinen Bewohnern gestaltete. Als ein gebürtiger Unter-Eißelner (Jahrgang 1922) werde ich versuchen, den Ortsteil Abbau (früher Trakas) mit seinen vier Teilbildern besonders zu schildern.

Vorrausschicken möchte ich, daß diese so schönen Heimataufnahmen ein damals neu hinzugezogener Fotograf mit Namen Wach als Familienname fachmännisch ablichtete. Er hatte sich mit einem Neubau ein Häuschen mit einem Blick zur Memel in südwestlicher Richtung aufgebaut.

Ich möchte jetzt unseren Dorfgasthof-Besitzer Hugo Engelberg erwähnen, nachdem vorher schon mehrmals der Pächter gewechselt hatte. Es waren vorher vor allem die Familien Beyer, Mielke, Bildat usw.

Dieser Gasthof lag auf der linken Seite direkt an der Landstraße, die von Lasdehnen (Haselberg) kommend nach Ober-Eißeln bzw. Ragnit führte. An dieses Gasthaus war damals schon eine gut florierende Tankstelle angeschlossen. Auch der Postomnibusverkehr von Ragnit nach Waldheide (Schillehnen) und Haselberg (Lasdehnen) hatte eine recht gut genutzte Haltestelle.

Auf dem Gasthofbild erkennen wir noch die Eingänge zur Gaststube und zum Restaurant. Der Briefträger mit dem Fahrrad hat sicher vorher noch den abgebildeten Briefkasten geleert. Als Sortiment wurden dort in ausreichender Menge die Waren des täglichen Bedarfs gehandelt. So konnten sich die Einkaufsfahrten der Bewohner zur entfernten Stadt Ragnit (12 km) nur auf ein spezielles Warensortiment beschränken. Bespannte Fahrzeuge machten auf der Durchfahrt hier Station, damit sich Menschen und Pferde erholen konnten.

Unsere einklassige Volksschule in Unter-Eißeln-Trakas (später Abbau genannt) wurde um das Jahr 1920 gebaut. Sie war einmal infolge des Geburtenwachstums notwendig, und zum anderen fielen die weiten Wege der Schüler bis zur Hauptschule in der Dorfmitte weg. Vor dem 1. Weltkrieg haben Schüler den Unterricht in Dammfelde (Nettschunen) erhalten. Meine ehemaligen Lehrer hießen damals Schmidt und Preuß.

Das Schulgebäude hatte vier große Klassenfenster am Giebelende, und der hintere Teil diente als Wohnung für den jeweiligen Lehrer mit seiner Familie. Vor dem Schulgebäude ist eine Wasserpumpe erkennbar. Ein Hoftor, mit Maschendraht verkleidet, grenzte das Anwesen ab. Wirtschaftsgebäude, Außenkeller und eine im Hof abgetrennte Toilette für die Schüler waren vorhanden. Vor dem Schulhaus war ein kleiner Spielplatz (ca. 40m x 20m) mit einer Weitsprunggrube und einem Turnreck für den Sportunterricht ausgebaut.

Ich selbst habe dort die Schulausbildung von 1928-1936 mit Erfolg bestanden.

Zum Abschluß meiner Dorf-Erinnerungen aus Unter-Eißeln möchte ich noch einige weitere Ausführungen hinzufügen:

Die Partie an der Memel war mit einem Landweg - später mit Kies befestigt - verbunden. Dieser Weg führte zur Wagenfähre an die Memel. Die Familien Hermann und Herbert Mallien waren die Fährleute. Auf der gegenüberliegenden Seite des Memelstromes gab es reichlich gutes Wiesenheu, das auch durch das Frühjahrs-Hochwasser mit gedüngt wurde. Diese Heuernte war notwendig, um die wachsenden Viehbestände zu ernähren. Die Grundflächen der Bauernhöfe wurden daher nutzbringender als Ackerland genutzt. Besonders kraftvoll und aufwendig für die Abfuhr der Heuwagen war der relativ tiefe Sand an der Wagenfähre, der durch das Hochwasser angespült war. Diese Wegverhältnisse schränkten den Transport der Heulast stark ein.

Die Dampfer-Anlegestelle in Unter-Eißeln wurde für den Personenverkehr auf der Memel von Tilsit über Ragnit nach Schmalleningken mit den Schiffen "Grenzland", "Herold", "Wischwill", "Tilsit" usw. betrieben. Auch das Ausflugslokal Schober mit seinen waldigen Parkanlagen lockte viele Besucher aus Tilsit/Ragnit usw. über diese Anlegestelle an.

Wenn die Anlegestelle infolge des Hochwassers nicht genutzt werden konnte, so erfolgte der Personentransport zum und vom Schiff mit einem Handkahn. Diese Aufgabe hatte auch die Familie Mallien mit übernommen.

So war diese schöne Zeit in unserer Heimat zwischen den beiden Weltkriegen mit vielen friedvollen Erinnerungen verbunden. Nicht zuletzt konnte daher das Dorf an der Memel als ein Fremdenverkehrsort und Musterdorf ausgezeichnet werden.

Die lebenden Bewohner dieses Memeldorfes erinnern sich noch heute gern an dieses friedliche Dorfleben unserer Vorfahren zurück. Möge uns dieses Heimatgeschenk auch für unsere Nachfahren in Erinnerung bleiben.

Autor: © 2005 Herbert Korth, D-09599 Freiberg (früher Unter-Eißeln Abbau)
Bild: Privatbesitz Herbert Korth
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 77/2005 Seite 98

Unter-Eißeln



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 29.12.2005
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letzte Änderung dieser Seite : Samstag, 15. Januar 2011