| Erinnerungen an einen einflußreichen Großbauern | |
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von Prof. Dr. Dr. Heinz Goerke
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Geht man heute durch Unter-Eißeln, das jetzt den russischen Namen "großes Dorf- Bolschoi Selo - führt, und erinnert sich an die Gehöfte, die früher die Ortsmitte bildeten, dann erkennt man das Haus von Arno Haase, und an der dort abzweigenden Straße eines der beiden Insthäuser, die zum Hof von Staschulls gehörten. Von diesem großen Gehöft selbst jedoch, das eine Fläche von gut 100m mal 100m einnahm und ein ansehnliches Bauerngut repräsentierte, ist jedoch kein Bauwerk mehr vorhanden. Es stehen dort Wohnhäuser, verputzte Ziegelbauten mit einem Erd- und einem Obergeschoß. Ich kann mich gut an diesen Hof erinnern, war doch sein Besitzer Christoph Staschull mein Großonkel, der Bruder meiner Großmutter Auguste Goerke (1857-1945). Von 1924 bis 1936 habe ich in beinahe jedem Jahr die langen Sommerferien in Unter-Eißeln verbracht, 1939 den studentischen Ernteeinsatz auf dem Gehöft von Staschulls abgeleistet und bin noch einmal 1942 zu einem kurzem Sommerurlaub dort gewesen, und dann wieder 1992. Christoph Staschull, geboren am 7. August 1867 in Unter-Eißeln, auf dem Grundstück am Anger, gegenüber dem Spritzenhaus, das sein Vater um 1890 gekauft hatte, erlernte die Landwirtschaft bei seinem Vater. Dieser Vater, Aßmys Staszullis, wurde 1826 in Bittehnen geboren und ist 1913 in Unter-Eißeln verstorben. Er war Bauernsohn, hatte 11 Geschwister und arbeitete viele Jahre als Knecht mit einem Jahreslohn von 9 Talern. Dank unvorstellbarer Sparsamkeit konnte er schließlich den Hof in Unter-Eißeln kaufen. Er sprach litauisch und deutsch, seine Frau - er heiratete seine Kusine - war Aduze Gerke, die nur litauisch sprechen konnte. |
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Staschull (1928) Der älteste überlebende Sohn Ernst (1898-1982) erlernte in Ragnit den Beruf eines Gemischtwarenkaufmanns, ging 1926 nach Düsseldorf und eröffnete dort ein eigenes Geschäft. Doch war ihm dabei kein Erfolg beschieden. Er vermutete, daß sein Familienname dafür verantwortlich sei und nahm deshalb den Namen "Hofer"an. Ernst Hofer kehrte 1933 nach Unter-Eißeln zurück. Große Verdienste hat er sich als Verfasser der Heimatchronik "Am Memelstrom und Ostfluß" (1967), aber auch als Gründer und Vorsitzender mehrerer Vereine, so eines Ostpreußen-Vereins in Düsseldorf und bereits 1921 des Jugend- und Sportvereins Unter-Eißeln und zu Beginn der dreißiger Jahre des Verschönerungsvereins Unter-Eißeln erworben. |
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Von den weiteren Kindern von Christoph und Emma Staschull hatte Walter (1900-1967) nach dem Tode des Vaters unter Leitung der Mutter an der Bewirtschaftung des Hofes den wesentlichen Anteil. Der Sohn Otto (geboren 1909), als Leichtathlet ein über Ostpreußen hinaus bekannter Spitzensportler, verstarb 1936 in der Lungenheilstätte Tilsit-Stadtheide an der Krankheit, die man damals als "galoppierende Schwindsucht" bezeichnete. Sein Tod kam so schnell und unerwartet, daß noch viele damit rechneten, daß er zu den Teilnehmern der im gleichen Jahr in Berlin abgehaltenen Olympischen Spiele gehören würde. Die Töchter Gerda (1910-1974) und Erna (1913-1963) haben viele Jahre lang, zusammen mit ihren Brüdern, auf dem elterlichen Hof gearbeitet. Daneben gab es Knechte und Mägde und die ihre Pflichttage ableistenden Insthäusler. Gerda Staschull heiratete 1933 den Elektromeister der Tilsiter Zellstoffabrik Walter Oschecker (gest. 1990). Gerda und Walter Oschecker kamen mit ihren 4 Kindern nach der Flucht in Halle unter. Mit Ausnahme des jüngsten Sohnes und seiner Familie, die in Paderborn wohnen, sind diese mit ihren Familien jetzt in Halle und Chemnitz ansässig. Erna Staschull heiratete Hugo Bendler, mit dem sie zuletzt die Brettschneidersche Gastwirtschaft in Anmemel bewirtschaftete, die vorher in der Hand von Julius und Ida Beister gewesen war. Erna Bendler, deren Mann in Jugoslawien verschollen ist, war nach der Flucht, ebenso wie ihr Bruder Walter Staschull und dessen Frau in Düsseldorf ansässig, wo auch Ernst Hofer wieder Fuß fassen konnte. Emma Staschull ist nach der Vertreibung in Sachsen untergekommen und schon am 10. Februar 1946 in Crimmitschau verstorben. |
![]() Wohnhaus Staschull ( 1934/35). Emma Staschull (2.v.re.) - Walter Staschull (1.v.li.) - Otto Staschull (1.v.re.) - Erna Staschull (3.v.li.) |
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Christoph Staschull hat den Hof seines Vaters, der 22 Morgen groß war, etwa 1890 übernommen. Vor dem Ersten Weltkrieg verkaufte er diesen Hof und erwarb das Loleitsche Grundstück in der Dorfmitte, das die Familie bis zur Vertreibung bewirtschaftete. In der Inflationszeit, verführt durch die angestiegenen Grundstückspreise, verkaufte Christoph Staschull von seinen über 300 Morgen Land etwa 200 Morgen, eine Fehlspekulation, wie sich bald zeigte. Doch als erfolgreicher Landwirt konnte er seinen Besitz in den zwanziger und dreißiger Jahren wieder erheblich vergrößern. Er erwarb zuerst das Rosenbergersche Eigentum mit ca. 90 Morgen, später das Dietschmannsche Grundstück in der Dorfmitte gegenüber seinem Hof. Frau Rosenberger erhielt auf ihrem Hof, gelegen vor dem noch heute vorhandenen Landjägerhaus, ihre Wohnung als Altenteil. Sie wohnte dort zusammen mit ihrer Tochter. Das Dietschmannsche Haus erwarb Christoph Staschulls Schwiegersohn kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Hier plante er, seinen Lebensabend zu verbringen. Christoph Staschull baute das Hofgrundstück zielstrebig aus. Das auf der Westseite des Hofes gelegene hölzerne Wohnhaus erhielt eine schöne Veranda, reich verziert mit Holzschnitzereien, die ein russischer Kriegsgefangener, der im Ersten Weltkrieg auf dem Hof arbeitete, angefertigt hatte. Zu den Neubauten, die auf dem Hofgelände entstanden, gehörte der nördlich des Wohnhauses gelegene Schweinestall, dann der zur Dorfstraße im Fachwerkbau mit roten Ziegeln errichtete Speicher mit einem geräumigen, kühlen Keller und der Ende der zwanziger Jahre erbaute massive Rinder- und Pferdestall, der die hölzerne Stallanlage ersetzte. Vergrößert wurde die auf der Nordseite des Gehöfts gelegene Scheune, vor der sich auf dem Hof ein Göpelwerk befand. Der Viehbestand belief sich auf 30 bis 50 Rinder, 8 bis 10 Pferde, 30 bis 40 Schweine, dazu etliche Schafe, Gänse, Enten, Tauben und Hühner. Hinter dem Wohnhaus befand sich ein Gemüsegarten, am Rosenbergerschen Haus lag ein großer Obstgarten. Zwei Insthäuser gehörten zum Staschullschen Hof, von denen eines noch heute erhalten ist. Wie andere Unter-Eißelner Bauern besaßen auch Staschulls größere Wiesen auf dem nördlichen Memelufer, deren Bewirtschaftung in der Zeit der litauischen Besetzung des Memelgebietes nur selten einmal zu Schwierigkeiten geführt hat. |
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Etwa 1905 wurde Christoph Staschull das Amt des Gemeindevorstehers von Unter-Eißeln übertragen. Seine erfolgreiche Amtsführung war dann auch der Anlaß dafür, daß er als Vorsteher des Amtsbezirks Ober-Eißeln eingesetzt wurde. Anscheinend ist dies kurz vor oder während des Ersten Weltkriegs erfolgt. Zu diesem Amtsbezirk gehörten die Dörfer Ober-Eißeln, Unter-Eißeln, Tussainen, Jautelischken (Tehlen), Tracken und Klein-Lenkeningken. Als Amtsvorsteher war Christoph Staschull eine einflußreiche Persönlichkeit, oblag ihm doch auch die Polizeihoheit. Als Haftlokal stand eine Zelle im Spritzenhaus zur Verfügung, polizeiliche Vollzugsperson war der Gendarm, der in den zwanziger Jahren die Dienstbezeichnung Landjäger erhielt, seit 1934 wieder den alten Dienstgrad führte. Der Amtsvorsteher war zugleich auch Schiedsmann, Standesbeamter, und ihm oblag die Beaufsichtigung der Fleischbeschau, damit also auch des Schlachtwesens. |
![]() Bild links: Jetzige Bebauung des Staschullischen Hofes (1992) Seine dienstliche Tätigkeit übte Christoph Staschull in seinem Wohnhaus aus, das auf der Hofseite links vom Eingang sein Amtszimmer enthielt. In der Diele war an der Wand das Telefon angebracht, ein hölzerner Kasten, aus dem das Mikrofon auf einer handspannenlangen eisernen Feder herausragte, der Hörer mit Handgriff war an einem Kabel aufgehängt. Auf der rechten Seite dieses vorderen Hausteils befand sich die "gute Stube", ein nur bei besonderen Anlässen benutzter Raum, in dem die kleinen Sessel mit Schutzüberzügen abgedeckt waren. Auf der Gartenseite des Wohnhauses lag in der Mitte die Küche mit einem großen eisernen Herd, daneben der Gesinderaum mit Eßtisch, hinter dem Amtszimmer das Schlafzimmer der Besitzer, auf der anderen Hausecke ein kleines Gästeschlafzimmer. |
![]() Bild links: Insthaus des Staschullischen Hofes (1992) Christoph Staschull versah seinen Dienst mit Eifer und Energie, er war die beherrschende Person seines Dorfes, in der Familie der uneingeschränkte Herr des Hauses. Er teilte das Personal ein, wobei seine Frau ihn erfolgreich unterstützte und vertrat. Nach seinem Tode, am 25. April 1929, übernahm Emma Staschull die Führung des Betriebes, voll respektiert von allen Mitgliedern der Familie und den Bediensteten. Mehrmals in der Woche war Christoph Staschull mit seinem zweirädrigen, einspännigen Kutschwagen unterwegs, um in seinem Amtsbezirk Anweisungen zu geben und die Durchführung seiner Anordnungen zu überwachen. Der Kreisoberinspektor Führer, die rechte Hand des Landrats, stand in enger dienstlicher, aber auch persönlicher Verbindung zu Christoph Staschull. Was sich für einen Amtsvorsteher während des Ersten Weltkriegs - eine russische Reiterpatrouille durchquerte das Staschullsche Grundstück ohne Schaden anzurichten -, in den ersten Jahren nach dem Kriege, als sich gerade im Grenzgebiet kriminelle Elemente einzeln und in Banden herumtrieben, raubten und mordeten, ereignet hatte, darüber konnte Christoph Staschull spannend berichten. |
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Er, seine Söhne und zuverlässige Knechte haben, meist bewaffnet, nächtliche Überfälle auf das Grundstück abgewehrt und zusammen mit anderen männlichen Dorfbewohnern alles getan, um ihr Eigentum zu schützen. Erstaunlich ist, daß dieser erfolgreiche Großbauer, der in seiner Jugend, wie er mir berichtet hat, eine lediglich kurze kaufmännische Ausbildung durchlaufen hatte, in diesen schwierigen Jahrzehnten in der kommunalen Verwaltung Anerkennung und besondere Wertschätzung finden konnte. Um sein Dorf und seinen Amtsbezirk hat er sich herausragende Verdienste erworben. |
| Autor: © 2004 Prof. Dr. Dr. Heinz Goerke, 81479 München. (Text und Bilder) Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2005 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz |