Außergewöhnliche Strebsamkeit derer von Sanden ließ das Rittergut Tussainen landwirtschaftlich erblühen
von Hans-Georg Tautorat

Zwischen Ragnit und Obereißeln, eingebettet in die parkähnliche Landschaft der Daubas, lag auf mäßig hohem Steilufer der Memel das Rittergut Tussainen, das sich nahezu anderthalb Jahrhunderte im Besitz der Familie von Sanden befand. Vom Strom aus präsentierte sich, grün umkränzt, lediglich das helle Herrenhaus klassizistischer Prägung. Die Straße Ragnit-Obereißeln dagegen gab den Blick auch auf die ausgedehnten Wirtschaftsgebäude, die Insthäuser, die Gutsgärtnerei, die Gutsschmiede und den Gutskrug frei.

Das Geschlecht von Sande (von Sand, Sanden) war der Überlieferung nach schon seit dem 16. Jahrhundert in Ostpreußen ansässig. Die Stammreihe begann mit Philipp Sanden (gestorben zwischen 1672 und 1673), der als kurfürstlich-brandenburgischer Amtsschreiber in Rhein wirkte. Über ein Jahrhundert später, am 23. März 1796, wurden die Brüder Heinrich (königlich-preußischer Oberamtmann in Szirgupönen), Christian (königlich-polnischer Leutnant) und Karl Sanden (königlich-preußischer Oberamtmann und Generalpächter des Amts Budupönen) sowie deren Brudersöhne Johann Bernhard (königlich-preußischer Oberamtmann des Amts Althof-Ragnit), Ferdinand, Karl und Wilhelm Sanden in den preußischen Adelsstand erhoben.


Herrenhaus des Rittergutes Tussainen um 1820

Vorgenannter Johann Bernhard von Sanden trat im Jahre 1798 den Besitz der Begüterung Tussainen an. Es ist nicht überliefert, welche Summe er für den Erwerb des Guts bezahlt hat. Nach der Vasallentabelle von 1786 belief sich der Wert noch auf 24 000 Taler. Kriegsrat Cöler, der Vorbesitzer, hatte das Gut 1798 seinem Sohn für 40 000 Taler zum Kauf angeboten. Offensichtlich ist die vertragliche Regelung nicht in die Tat umgesetzt worden, da die Begüterung im gleichen Jahr in den Besitz der Familie von Sanden überging. 1802 hatte das Gut bereits einen Wert von 51 000 Talern.

Die neuen Gutsherrn nahmen mit ihren Familien Art und Wesen des alten Landadels an. Sie wurden passionierte Landwirte, bauten den Besitz weit nach Süden und Osten aus und machten ihn leistungs- und lebensfähig. Aus der Verbundenheit zu dem Land, zu Äckern und Wiesen, zu Wasser und Wald, aus der Liebe zu den bodenständigen Menschen wuchsen Verantwortung und Verpflichtung. Sie haben Opfer und Entbehrungen auf sich genommen und hielten dem Gut doch über Generationen die Treue bis zum traurigen Ende.

Der erste Herr auf Tussainen ging 1798 mit großem Elan an die Arbeit, mußte aber schon kurz nach der Jahrhundertwende große Rückschläge hinnehmen. In seinen Berichten vom 30. Juni und 3. Dezember 1807 an den König beklagte Johann Bernhard von Sanden die durch die preußischen und französischen Truppen angerichteten Kriegsschäden. Aus diesen Schreiben kann man zugleich Rückschlüsse auf die damaligen Gutsverhältnisse ziehen. Danach gehörte zum Gut ein ansehnliches Pferdegestüt, das nahezu ganz vernichtet worden war. Von über 70 Zuchtstuten konnten nur 13 gerettet werden. Die Hengste gingen alle verloren, ebenso 100 der brauchbarsten Ackerpferde, die zu den von ihm gepachteten Domänenämtern Althof-Ragnit und Neuhof-Ragnit gehörten. 400 Stück Rindvieh und 500 Schafe trieben marodierende französische Truppen fort.



Aurora Sandes von Hoffmann
(1799-1857)
Erbherrin auf Raudonatschen
heiratete am 21.11.1816 in Pieragien
Wilhelm Ludwig Eduard
Freiherr von Sanden

Wilhelm Ludwig Eduard
Freiherr von Sanden
(1794-1865)
Erbherr (Später Majoratsherr)
auf Tussainen
Herr von Raudonatschen, Major a.D.

Einer Feuersbrunst fielen das Wohnhaus, zwei Speicher, mehrere kleinere Wirtschaftsgebäude sowie Ackergeräte und Vorräte zum Opfer. Der größte Teil des Sommergetreides war auf dem Feld verfault. Statt der üblichen 873 Scheffel Getreide konnten nur 60 Scheffel ausgesät werden.

Das Erbpachtgut Poszelgsten, auf dem der General Godin zehn Tage mit seiner Division gelegen hatte, glich einer großen Wüstenei. Insgesamt entstanden Kriegsschäden in einer Höhe von 13 653 Talern. Die Früchte jahrelangen Fleißes waren mit einem Schlage dahin.

Mitten im Wiederaufbau ereilte Johann Bernhard von Sanden der Tod. Erst 48 Jahre alt, ertrank er 1815 im Heysterbruch. Das väterliche Gut übernahm nun sein am 16. Februar 1794 geborener Sohn Wilhelm Ludwig Eduard, der sich 1816 mit Aurora Sandes von Hoffmann vermählte und dadurch später Besitzer des Gutes Raudonatschen wurde. Nach dem Abverkaufen der königlichen Domäne Althof-Ragnit behielt er das Vorwerk Neuhof-Ragnit in Pacht und war zeitweise Besitzer des Rittergutes Baubeln.

1841 kaufte er das kleine Gut Hagelsberg bei Ragnit. Am 10. September 1840 wurde Wilhelm Ludwig Eduard von Sanden in Königsberg/Pr. (nach dem Recht der Erstgeburt aus je adeliger Ehe) als „von Sanden-Tussainen", geknüpft an den Besitz von Tussainen, Kreis Ragnit, Ostpreußen, in den preußischen Freiherrnstand erhoben.

Stets ein Vorbild an Schlichtheit, Korrektheit und Pflichterfüllung, verstand er es, seinen Besitz nicht nur zu mehren, sondern ihn auch mit größter Sparsamkeit zu verwalten. Seine ungewöhnliche Strebsamkeit führte bald zu einem wirtschaftlichen Aufschwung der Begüterung. Nachdem er schon als Kreis-Deputierter ge wirkt hatte, erhielt er durch allerhöchste Kabinetts-Order vom 28. Januar 1855 seine Berufung zum Mitglied des Herrenhauses. Wilhelm Ludwig Eduard Freiherr von Sanden wurde eine Reihe äußerer Ehren zuteil. So war er u. a. Ritter des Eisernen Kreuzes Erster Klasse sowie Rechtsritter des Johanniterordens.


links: von Sanden-Tussainen: Wappen von 1840

Nach dem Tode dieses verdienstvollen Großgrundbesitzers im Jahre 1865 übernahm sein 1817 geborener Sohn Bernhard die Bewirtschaftung der Güter. Er heiratete Maria von Hülsen, die ihm , wenn auch nur für kurze Zeit, die Gräflich Wiesische Herrschaft zuführte. Dafür gingen Bernhardshof mit Hagelsberg 1865 als Erbteil an die zweite Tochter Wilhelms von Sanden, Anna. Durch deren Eheschließung mit Freiherr von Wrangel kam der Besitz an diese Familie. 1874 erbte Tussainen der jüngste Sohn Bernhards von Sanden, Johannes, der das 1886 von seiner Mutter veräußerte Rittergut Raudonatschen 1891 zurückkaufte. Im Rahmen der Erbregulierung trat er das Vorwerk Tracken seiner Schwester Margarete von Sanden ab. Johannes Freiherr von Sanden starb im Jahre 1905.

Von der Wende zum 20. Jahrhundert an zerfiel der ausgedehnte Besitz nach und nach. War schon im Jahre 1895 das Vorwerk Karlsberg (über 125ha) an den Landwirt Loleit, Untereißeln, verkauft worden, so folgte 1908 ein Teil des Besitzes in Obereißeln. 1911 wurde der Schilliswald an den Staat veräußert. Und 1926/27 schuf man auf den Gemarkungen Tussainen, Wenderoth (Endruhnen) und Trakken eine größere Zahl von Siedlerstellen, so daß dem letzten Erben, Hans-Sebastian Freiherr von Sanden-Tussainen, nur ein Restgut von mehreren hundert Morgen blieb, dazu die Wiesen in Übermemel, Teile der Daubas, zwei Krüge und ein kleiner Betrieb in Obereißeln.

Nur noch wenige Jahre war es den von Sandens vergönnt, ihren Familiensitz zu bewirtschaften. Die Wogen des Kriegs rissen auch sie aus der Selbstverständlichkeit ihres ländlichen Lebens. Niemand von ihnen hätte je daran gedacht, daß das Schicksal sie dazu bestimmen würde, den Weg zurückzugehen, den vor mehr als 400 Jahren ihre Ahnen hoffnungsfroh nach Osten gezogen waren.

Aus unbekanntem Grund gesprengt

Die ostpreußische Tragödie 1944/45 führte in ihrer Auswirkung auf Tussainen zum Verlust des Ritterguts und zur Vertreibung des Geschlechts derer von Sanden von der heimatlichen Scholle, die sie fruchtbar gemacht hatten und mit der sie verwurzelt waren. Durch die wahnwitzige Politik machthungriger Diktatoren ist auch das Lebenswerk dieser Familie in ein Nichts versunken.

50 Jahre danach: Auf der Suche nach Spuren einer längst vergangenen Zeit bietet sich dem Besucher der Memelregion das Bild eines geschundenen Landes. Weite, in Steppe verwandelte Ackerflächen, ausradierte Dörfer, verfallene oder in desolatem Zustand befindliche Einzelgehöfte. Die zu den russischen Kolchosen in Obereißeln und Altenkirch gehörigen riesigen landwirtschaftlichen Flächen liegen nach dem Zusammenbruch des politischen und Wirtschaftssystems überwiegend brach.

Auch von dem einstigen Adelssitz in Tussainen ist nichts geblieben. Bis 1947/ 48 beherbergte das Herrenhaus noch russische Familien, die in der Ragniter Zellstoff-Fabrik arbeiteten. Dann wurde es gesprengt. Auf wessen Geheiß? Aus welchem Grund? Niemand weiß es so recht. Selbst die greise russische Zeitzeugin, die das alles miterlebt hat und die heute in Großlenkenau wohnt, kann die Fragen nicht überzeugend beantworten.

Der Dorfteich ist zugewachsen

Die Bäume des Gutsparks fielen der Säge zum Opfer. Dort wurde ein russischer Friedhof für die Stadt Ragnit angelegt. Der Dorfteich ist zugewachsen und mit Gestrüpp überwuchert. Rechts der Gutsauffahrt in Richtung Obereißeln werden von Russen einige wenige Kleingärten bewirtschaftet.

Ein mächtiger Mauerbrocken ist alles, was an die Existenz des repräsentativen Tussainer Schlosses erinnert. Auf der verödeten Hofstelle treibt der Flugsand sein ungehindertes Spiel. Geblieben ist die breit strömende Memel. Mit ihren Fluten hat alles begonnen, was das Land so schön macht. Der Strom hat es geformt, hat es wachsen lassen zu nordisch-herber Größe. Geblieben ist die liebliche Schönheit des Memeltals.

Vom Hochufer schweift der Blick über das weite, mit Wiesen und blinkenden Altwassern belebte Urstromtal hinüber nach Schreitlaugken und stromauf zu dunklen Waldeshöhen, wie in ein fernes, fremdes und doch so vertrautes Land.

Autor: Hans-Georg Tautorat
Fotos: Sammlung Tautorat
Quelle:
1) Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 56/1995
2) "Das Ostpreußenblatt" vom 02.07.1994 - Folge 26

Tusseinen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 18.06.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 27. Januar 2011