TUSSEINEN (Tussainen)
von Ernst Hofer

Tusseinen, zwischen der Stadt Ragnit und Ober-Eißeln liegend, ist mit Sicherheit schon vor der Ordenszeit von den alten Prussen besiedelt gewesen. Zum Rittergut Tusseinen, dessen Besitzer seit Generationen die Freiherrn v. Sanden waren, gehörten noch bis zur Jahrhundertwende riesige Ländereien, und zwar nicht nur das in der eigentlichen Gemarkung Tusseinen liegende eigentliche Rittergut mit seinem fruchtbaren Ackerboden und Teilen der herrlichen Daubas mit dem Böttcherkrug, sondern auch die früheren Vorwerke Traken, Karlsberg und Georgenwalde, Teile von Ober-Eißeln, mit seinem 100 Morgen großen Park und dem Jagdschloß, Teile von Unter-Eißeln und Kleinlenkenau, sondern auch der Schilliswald und fruchtbare Wiesen auf der nördlichen Memelseite, die bis an die Grenze von Schreitlaugken reichten.

Das Herrenhaus lag in überaus reizvoller Lage hoch über dem Memelstrom, in einem Park, der zur schönen Daubas gehörte. Hier im Park war unter alten Eichen auch die letzte Ruhestätte des alten Rittergeschlechts. In Nähe des Herrenhauses waren auch die großen Wirtschaftsgebäude, sowie die Wohnungen der auf dem Rittergut beschäftigten Arbeiterfamilien, die Gärtnerei, Stellmacherei, Schmiede und der alte Gutskrug, dessen Pächter viele Jahrzehnte der Gastwirt Wohlgemuth war.

Dann stand früher an der Straßengabelung nach Hohensalzburg die alte Schule, an der Jahrzehnte der Lehrer Klingbeil den Schulunterricht erteilte.

Am Ende eines Hohlweges, direkt am Memelstrom und von den Bäumen der Daubas beschattet, lag der zweite Krug des Rittergutes, der allen Wanderern als Böttcherkrug bekannt war. Dieser jahrhundertealte Krug, bekannt auch unter Schiffer- und Fischerkrug, war das Ziel oder die Raststätte vieler Daubas-Wanderer, die weiter nach Ober-Eißeln wollten. Auch dieser sehr romantische Krug war verpachtet. Hier befand sich auch eine Fähre, mit der das Heu von den gegenüberliegenden Memelwiesen über den Memelstrom herübergeschafft wurde. Die Fähre wurde lange Jahre mit bedient von dem Krugpächter "Thilo", der auch noch gleichzeitig Fischereipächter und Pächter der zum Böttcherkrug gehörenden kleinen Landwirtschaft war. Spätere Pächter waren Krebstakies und Sedelke. Dritte gastliche, zum Rittergut gehörende Stätte war das Jagdschloß in Ober-Eißeln mit seinem großen Park und den von einem französischen Gefangenen nach 1813 geschaffenen Anlagen, dem auch ein Gästehaus angegliedert war. Dieses Jagdschloß nebst dem 100 Morgen großen herrlichen Park kauften 1908 die Eheleute Schober, die bisher Pächter des Dorfkruges in Ober-Eißeln gewesen waren und bauten es zu dem sehr bekannten Etablissement Schober aus.

Mit dem Verkauf dieses herrlichen Fleckchens Erde setzte gewissermaßen ein Ausverkauf ein, denn bereits 1910 wurde der Schilliswald, der einzige Waldbesitz neben der Daubas an den Fiskus verkauft, vorher schon, etwa 1895, hatte der alte Herr Baron das Vorwerk Karlsberg an den Bauern Loleit - Unter-Eißeln veräußert. Das ehemalige Rittergut wurde kleiner und kleiner, und etwa 1926/27 wurden auf der Gemarkung des Rittergutes Tusseinen, Endruhnen und Traken Dutzende von Siedlerstellen errichtet. Es verblieben in eigener Bewirtschaftung lediglich ein mehrere hundert Morgen großes Restgut und die Memelwiesen, Teile der Daubas, die beiden Krüge und ein Grundstück in Unter-Eißeln, das an den Landwirt Streckenbach verpachtet war.

Aus dem jahrhundertealten Rittergut Tusseinen erwuchs zwischen den beiden Weltkriegen mit Tusseinen, Endruhnen, Jautelischken, Wenderoth und Traken die Gemeinde Tusseinen mit Dutzenden von Vollbauernstellen, vielen Nebenerwerbssiedlungen sowie Handwerks- und Gewerbebetrieben, zwei Gastwirtschaften, einer modernen mehrklassigen Schule und einer Gendarmerie-Station, deren Grenzen im Westen bis zur Stadt Ragnit und im Osten bis Ober-Eißeln reichten.

Bürgermeister bis zur Räumung war Karl Szonn. Die Gemeinde Tusseinen gehörte zum Amt und Fleischbeschaubezirk Ober-Eißeln und zum Kirchspiel Ragnit. Etwa 80-100 Kinder besuchten die an der Hauptstraße nach Ragnit gelegene neue Schule. Die Gemeinde entwickelte sich infolge ihrer guten Lage zur nahen Stadt Ragnit mit ihren Absatzmöglichkeiten für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse recht gut, und ein wachsender Wohlstand, wozu der gute Ackerboden mit beitrug, war unverkennbar. Die in der Gemeinde ansässigen Arbeiter hatten gute Arbeitsmöglichkeiten in den Ragniter Betrieben, insbesondere der Sperrplattenfabrik Brüning und der Zellstoff-Fabrik - und so hätten die ca. 400 Gemeindeangehörigen mit ihrem Schicksal vollauf zufrieden gewesen sein können, wenn nicht der 2. Weltkrieg gekommen wäre, derselbe jedoch zerstörte mit seinen bösen Folgen alle Zukunftshoffnungen.

Am 12. 10. 1944 mußte Tusseinen geräumt werden. Viel Not und Elend gab es für sie auf der Flucht, und von den eingetretenen Verlusten ist nur ein Bruchteil bekannt geworden, viele sind bis heute verschollen. Eine Anzahl Tusseiner wurde von den Russen überrollt, ausgeplündert und die Frauen geschändet, andere wurden verschleppt, manche in ihre Heimat zurückgetrieben, wo sie Jahre hindurch in äußerster Not bei schwerer Arbeit bis zu ihrer Ausweisung verbringen mußten. Soweit bekannt, kehrten 1945 folgende Tusseiner nach dort zurück: Ludwig Conrad und Ehefrau, Frau Milbrett, Herr Kruck und Tochter, Frau Schneider mit 3 Jungen, Frau Senger mit 2 Kindern, Karl Sedelke, Frau Baltruschat und Frau Birszehlis geb. Schwarz.

Die Erlebnisse der Flucht schildert Frau Grete Boorts geb. Struwe in ihrem Bericht vom 08.09.1966:

Der Räumungstermin für Tusseinen war der 12- 10. 1944. Aufnahmeort war Braunsberg.In der Nacht, als Braunsberg bombardiert wurde, sind wir mit aufgegriffenen Pferden (unsere waren vom Volkssturm gerade zurück und von Bombensplittern getötet) in verstopften Reihen zum Frischen Haff gefahren. Einen Tag und eine Nacht fuhren wir über das schon brüchige Eis, durch das schon stellenweise Wasser hervorkam, die Pferde an der Spitze der Deichsel und meine Mutter mit meinem damals 1 Jahr alten Sohn auf einem Rodelschlitten, an einer langen Leine hinten am Wagen, damit sie sich bei einem Einbruch noch retten konnten. Viele Wagen brachen ein und versanken in den kalten Fluten des Haffs, andere retteten dabei nur das nackte Leben.

Als wir an Land wollten, mußte mein Vater erst Bäume fällen und dieselben, sowie Äste in der offenen Rinne zwischen Eis und Land werfen, worauf wir schließlich mit Ach und Krach an Land kamen. Auf der sehr ausgefahrenen Nehrung hatten wir einen Achsenbruch. Mein Vater ritt nun umher und fand auch glücklicherweise von einem anderen kaputten Wagen eine passende Achse. Wir waren - um besser voranzukommen - gezwungen, vieles von unserer Wagenladung wegzuwerfen und kamen dadurch des Nachts noch glücklicherweise über die Weichselbrücke. Hinter uns wurde die Brücke gesprengt. Über Danzig ging es nun weiter entlang der Ostseeküste, nicht weit hinter uns her der Russe. Auf unserem Wagen hatten wir noch Familie Edelhof und Frau Skambracks mit Kind. Wir beiden jungen Frauen besorgten in den von uns durchziehenden Orten Lebensmittel. Als wir dabei einmal an einen Ortsausgang kamen, schickte ein dort stehender Posten jeweils 10 Wagen in verschiedenen Richtungen weiter. Nun wußten wir nicht, welche Straße unser Wagen gefahren war. Wir gingen auf gut Glück eine Straße entlang und haben dann nach einigen Kilometern unseren Wagen wiedergesehen. Meine Mutter hatte schon geweint, weil sie dachte, daß wir uns nicht mehr wiedersehen würden, doch auch wir waren von derselben Sorge erfüllt. Als wir in Kolberg reinfuhren, war hinter uns der Kessel zu. Wir lebten nun dort 14 Tage unter Beschuß. Schließlich wagten wir, zum Hafen zu pilgern. Mit wenig Handgepäck, jedoch viel Glück kamen wir dort bei sehr großem Menschengedränge auf ein kleines Schiff. Auf See wurden wir dann auf einen Frachter umgeladen und dann - als er vollbesetzt war - nach Uckermünde gebracht. Von dort ging es dann mit der Bahn weiter nach Nordhorn, wo wir im März 1945 eintrafen.

Zwei Tage nach Verlassen Kolbergs fiel die Stadt in die Hände der Russen. Als wir dieses erfuhren, dankten wir Gott, daß wir den Weg zum Kolberger Hafen gewagt hatten und den Einmarsch der Russen in diese Stadt nicht mitzuerleben brauchten.

Quelle: Auszug aus dem Heimatbuch "Am Memelstrom und Ostfluß"
von Ernst Hofer © 1967;
Herausgeber Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V. - Wiederauflage 1994

letzte Statistik 1939
Tussainen (Einw.:491   ; Fläche:  1.167 ha )
  • nach 1945 :  Capaevo

    • Heidewald,Fö.
      • alter Namen:Schillis,Fö.
      • Anm.: Wohnplatz zugehörig zu ev. Ksp. Großlenkenau
    • Tehlen
      • alter Namen: Jautehlischken
      • nach 1945 :  Kuprijanovo
    • Traken
      • alter Namen: Tracken
      • nach 1945 :  Neman
    • Wenderoth
      • alter Namen. Endruhnen
      • nach 1945 :  Vspol´e

Anmerkung: Ort und Wohnplätze zugehörig zu ev. Ksp. Ragnit

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 0998 (Ragnit) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de

Weitere Beiträge
Außergewöhnliche Strebsamkeit derer von Sanden ließ das Rittergut Tussainen landwirtschaftlich erblühen

Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 18.06.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 27. Januar 2011