Heimaterinnerungen - Trappöner Wald
von Margarete Stoye

Der Trappöner Wald hatte immer Früchte für uns. Wir sammelten Walderdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren und Preiselbeeren. Auch Pilze gab es reichlich, und unsere Eltern nutzten die Walderträge, um unseren Wintervorrat anzulegen. Im Wald begegneten wir dann den heimischen Tieren - wie Hasen und Rehen, hatten wir Glück, auch mal einem Hirsch oder einem Fuchs. Eidechsen und Nattern sahen wir oft - aber es gab auch die gefürchtete giftige Kreuzotter. Im Wald habe ich sie nie gesehen - nur einmal auf einem Bauernhof - beim Einfahren des Getreides ringelte sich eine Kreuzotter aus einer Garbe. Zu meinem Entsetzen wurde die schöne Schlange mit einer Heugabel erschlagen.

Als ich zur Schule kam, hatte ich eine Lehrerin, Frl. Thiel. Eine ältere Erzieherin, die uns mit viel Geduld und Güte das ABC beigebracht hat. Nie erhob sie eine Hand gegen uns. Durch abwechselnde Stellungen versuchte sie immer, uns zur Ruhe zu bringen. So mußten wir auch einmal die Handflächen übereinander auf den Tisch legen, und sie erreichte wieder für eine Weile Aufmerksamkeit. Eines Tages erzählte sie uns, daß ein Förster im Trappöner Wald einen Wolf geschossen habe - den durften wir uns ansehen. So wanderte unsere Klasse zur Oberförsterei. Dort auf dem großen Hof lag nun der Wolf - alle Viere von sich gestreckt - am Kopf blutig - die Zähne zeigend. Ich stand wie benommen daneben - groß und mächtig hatte ich ihn mir vorgestellt, aber hier lag ja ein großer Hund! - Es war eine erste Begegnung mit einem richtigen Wolf, und die Märchengestalt „Wolf" rutschte bei mir gehörig zusammen.

Meine Mutter stammte von einem Bauernhof in Wilklaugken. Ihr Bruder - unser Onkel Otto - führte den Hof. Tiere waren reichlich vorhanden, wie Hunde, Katzen, Federvieh, ein paar Kühe und zwei Pferde. Der Schimmel hieß Moritz und war ein gutmütiges Pferd - wo wir als Kinder auch mal aufsitzen konnten. Felix, der Rotbraune dagegen war feurig und spritzig - dem durfte man lieber nicht zu nahe kommen. Hatten wir Kinder Ferien, holte uns unser Onkel auch mal aus Trappönen mit dem Gespann ab. So wurde ich auch einmal im Winter mit dem Schlitten abgeholt. Das Gefährt war leicht, und nur Felix war vor den Schlitten gespannt. Ich wurde in eine Felldecke gewickelt und die Fahrt - die ich nie vergessen werde begann. Es ging durch den tief verschneiten Winterwald. Der Rotbraune zog den Schlitten, spielend und in Ruhe trabten wir dahin - die Winterlandschaft genießend. Mitten im Trappöner Wald wurde das Pferd plötzlich unruhig, bäumte sich auf und galoppierte dann los. Mein Onkel hatte mächtig zu tun, die Zügel mit Pferd und Schlitten in der Spur zu halten. Das Tier war nicht zu zügeln - es rannte wie besessen durch den Wald - bis zum Bauernhof. Schweißgebadet kam es dort an und wurde erst im heimatlichen Stall ruhiger. Felix wurde mit Stroh abgerieben und bekam dann seinen Hafer. Mein Onkel meinte, ein Wolf habe uns im Wald verfolgt.

Nun bin ich achtzig Jahre und meine Gedanken sind auch heute noch oft in Ostpreußen. Unsere Kirche, in der ich getauft wurde, zum Gottesdienst gegangen und konfirmiert worden bin, steht nicht mehr. Sehr schade um das schöne Bauwerk. Die Memel fließt an Trappönen vorbei und wird als Grenzfluß bewacht, bestimmt auch der Wald, damit sich kein Wolf einschleichen kann.

Autor: © 2007 Margarete Stoye geb. Mikoleit, Potsdam
Quelle:
Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 80/2007

Trappen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.07.2007
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letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 27. Januar 2011