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von Botho Eckert
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Nach der Großen Pest kamen von 1716 bis 1730 rund 17.000 Siedler in das nördliche Ostpreußen. Die Ansiedlung dieser Menschen ließ sich der König 3 Millionen Taler kosten. Unter den überwiegend deutschen und österreichischen Siedlern waren auch einige Schweizer und Franzosen. Die meisten Schweizer siedelten um 1710 im Gebiet von Insterburg. Doch einige wenige waren auch in den Kirchspielbereich gekommen, so nach:
Größtenteils handelte es sich um Nachkommen der Bergbauern, die teilweise schon um 1680 in die Uckermark ausgewandert waren. Unter den Franzosen waren es erste um ihres Glaubens willen vertriebene Hugenotten. Einige Schweizer kehrten bereits um 1711/12 in ihre Heimat zurück, um für neue Siedler zu werben. Sie lobten die guten Voraussetzungen zur Ansiedlung in Preußen. Ein größerer Siedlerstrom aus der Schweiz setzte jedoch erst nach 1870 ein. Es kamen Bergbauern, die sich sowohl in der Viehhaltung als auch in der Milchverarbeitung bestens auskannten. |
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Der nachfolgende Bericht von Kurt Streit, dem letzten Molkereibesitzer von Schillupischken, schildert sehr anschaulich den Werdegang des Tilsiter Käses und auch den Grund, weshalb die Melker in Ostpreußen als Schweizer bezeichnet wurden: Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 kam es im Osten Deutschlands (Ost- und Westpreußen) zu einer regelrechten Aufbruchstimmung auf dem milchwirtschaftlichen Sektor. Der Milchanfall bei den Großgrundbesitzern wurde immer größer, so daß es mühsam war, die Milchmengen lokal und regional unterzubringen, da der Absatz von Milch und Milchprodukten bevölkerungsmäßig begrenzt war. So suchte man nach einem Ausweg, die leicht verderblichen Produkte wie Milch, Rahm, Quark und Butter mit einer länger haltbaren Sorte zu ergänzen, um damit weiter abgelegene Absatzgebiete marktwirtschaftlich zu erreichen, und diese Gelegenheit bot sich beim Käse. Da es an geeigneten Fachleuten fehlte, erinnerte man sich der Schweiz, die auf diesem Gebiet damals eine bedeutende Stellung in Europa einnahm. Mit behördlicher Unterstützung wurde in Inseraten schweizerischer Zeitungen um Melker und Käser auf landwirtschaftliche Großbetriebe Ost- und Westpreußens geworben. Zwei Ziel-Setzungen wurden damit avisiert: Steigerung der Milchproduktion und Absatzförderung des Käses in bevölkerungsreiche Städte wie Berlin, Hamburg und das Industriegebiet am Rhein. |
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Vorboten einer neuen Entwicklung
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Zu damaliger Zeit war es für die Männer eine Schande, unter der Kuh zu sitzen und zu melken. Diese Arbeit wurde nur von Frauen verrichtet. Ganz im Gegenteil betrachteten die schweizerischen Stellenbewerber es als ihre Pflicht, die ganze Pflege der Kuh zu übernehmen. Dazu gehörte die Fütterung, das Melken, die Gesunderhaltung des Milchviehs und die Sauberhaltung des Stalles. Die Melkertätigkeit des Schweizers war für die hiesige Bevölkerung ein Phänomen. Im Volksmund bürgerte sich bald im Sprachgebrauch ein, daß man im Osten Deutschlands und später auch in Mittel- und Westdeutschland für das Wort Melker den Ausdruck „Schweizer" benutzte. Einer der ersten Pioniere Nordostpreußens war der Schweizer Blindenbacher, der auf der Grafschaft Rautenburg (Lappienen), den Gütern des Grafen Kayserling, 1876 seinen Dienst antrat. Von ihm war zu erfahren, daß er beim Oberinspektor veranlaßte, daß die Kühe im Spätherbst noch vor dem ersten Frost in die Stallungen gebracht wurden. So war nämlich die Gewähr geboten, daß die neugeborenen Kälber im Frühling am Leben blieben, was vorher nur zum Teil der Fall war. |
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Überhaupt vollzog sich ein Umdenken in der Viehwirtschaft Ostpreußens seit der Neuorientierung. So wurde die Abkalbung der Kühe über das ganze Kalenderjahr hindurch vorgenommen, damit die Landwirte auch im Winter etwas Milch zur Verfügung hatten. Um die Jahrhundertwende war die Zeit dafür reif geworden, die Milchgewinnung und ihre Verarbeitung zu Käse in getrennten Betrieben durchzuführen. So entstanden die Käsereien oder auch Molkereien genannt. (Die Angaben sind den Aufzeichnungen von Willi Zwahlen entnommen.) Die schweizerischen Fachleute versuchten im Anfang, wie sie es gewohnt waren, einen guten Emmentaler (Schweizerkäse) in den Gutsbetrieben herzustellen. Sie mußten aber bald die Erfahrung machen, daß ein aromatischer Qualitätskäse dieser Art hier nicht zu fabrizieren war. Das war auf die Vegetation der Grasarten hierzulande zurückzuführen, die gegenüber der Schweiz sehr unterschiedlich ist. So wurde nach anderen Fabrikationsmethoden gesucht. Im Jahre 1845 bereits kam man der Sache auf die Spur, indem es gelang, einen Käse zu erfinden, der den hiesigen Verhältnissen weitgehend entsprach. Eine Frau Westphal aus Milchbude bei Tilsit soll eine Käsezubereitung von einem Schweizer namens Nessloff übernommen und weiterentwickelt haben. Das war die Geburtsstunde des sogenannten "Tilsiters". So steht es jedenfalls in Curt Schützers "Kurze Geschichte der ostpreußischen Käserei und des Tilsiter Käses" von 1933 nachzulesen. Diese gangbare Machart in praktikablem Format (5 kg) verbreitete sich rasch in Ost- und Westpreußen, und die Käsereien schossen um die Jahrhundertwende wie Pilze aus dem Boden.
Der "Tilsiter" hatte seine Weltgeltung erlangt. Eine dieser typischen Käsereien, auch Molkereien genannt, war Fichtenfließ/ Schillupischken, die in der Endphase des letzten Krieges noch eine besondere Rolle zugewiesen bekam. Von ihr soll noch kurz die Rede sein. Nur wer Freude an diesem Beruf hatte, nahm die Sonntagsarbeit in Kauf. In treuer Pflichterfüllung hat damals jeder Betrieb seine Arbeit verantwortungsbewußt im Dienste der Landwirtschaft erfüllt. In den Dreißigerjahren wurden die Betriebe vergrößert und modernisiert. Als Spitzenleistung der Technik darf wohl die Herstellung des "Tilsiters" in einem Käsefertiger angesehen werden, in welchem die Fertigung des Käses fast automatisch vorgenommen wird. |
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Fichtenfließ ist ca. 21 km von Tilsit entfernt und gehörte zum Amtsbezirk und Kirchspiel Königskirch (Jurgaitschen). Es ist am Kreuzungspunkt der Kies-Chausseen Königskirch/Gowarten und Schillen/Auerfließ gelegen. Infolge der verkehrsmäßig günstigen Lage gründete um die Jahrhundertwende der Unternehmer Emil Vorhoff eine Geschäftsliegenschaft, zu der eine Molkerei mit Schweinemast, eine Mahlmühle, eine Schneidemühle (Sägerei) und ein Gasthaus gehörten. Dieser Betrieb ging 1916 an die aus der Schweiz stammende Familie Richard Streit-Zwahlen, allerdings ohne Gasthaus und Schneidemühle, käuflich über. Zum Milcheinzugsgebiet dieser Molkerei gehörten, außer Fichtenfließ, noch folgende umliegende Ortschaften: Giggaren, Turken, Schaulwethen, Wittgirren, Groschenweide (Klein- und Großskattegirren), Laugallen, Skambracks Schillgallen, Schokoll Odaushöfchen, Grudszen, Friedlauken, Groß- und Kleinwanaglauken, Kaierau und Gaidwethen. In der Streit'schen Molkerei wurde auch der Kümmelkäse in der Art des " Tilsiters" fabriziert, der weit herum, auch in der Stadt Tilsit für viele ein Leckerbissen war. Die Nachbar-Molkereien hießen: Johannes Dyck Schillen, Georg Waller Schillen, Josef Schneider Kreuzingen (Skaisgirren), Franz Hofer Blindupönen und die Molkereigenossenschaft Tilsit (Molkereidirektor Walter Seeger). |
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Über kurz oder lang haben wir alle, Milchproduzenten und Milch Verarbeitungsbetriebe, unsere angestammte Heimat verloren. Der Name " Tilsiter" aber hat seinen Platz in der Welt behaupten können. Wir alle dürfen durchaus stolz sein, dem Ursprungsland dieser Käsesorte angehört zu haben. Inzwischen hat jeder, der den Krieg überlebt hat, ein neues Daheim gefunden. Das Leben mußte so oder so weitergehen, wenn auch zum Teil unter großen Entbehrungen und seelischen Schmerzen. Wir wohnen nun nicht mehr in einer kompakt zusammenhängenden Gegend, sondern verstreut in ganz Deutschland und z. T. sogar im Ausland. Gedanklich sind wir aber immer noch verbunden.
Bis 1936 existierte noch eine Anzahl kleinerer Molkereien, so in Argenhof, Auerfließ, Königskirch, Paschen und Ulmental. Im Rahmen einer Zusammenlegung blieb im Kirchspiel nur noch die Molkerei Streit in Fichtenfließ. Die nächste Großmolkerei hatte ihren Standort in Tilsit, die die Milch nun mit Kraftfahrzeugen aus den aufgegebenen Molkereiorten abtransportierte. |
| Autor: © 2008 Botho Eckert, Bad Salzuflen Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2009 Seite 78 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz |