Die Milchprinzessin
Eine alte Sage: Wie der Tilsiter Käse entstand

Eine unserer ostpreußischen Gaumenfreuden ist nicht nur, wie etwa die Königsberger Klops und Königsberger Fleck, über die Grenzen Ostpreußens hinaus bekannt geworden, nein, sie ist weltweit bekannt: der Tilsiter Käse. Ich sah ihn in amerikanischen Supermärkten, ich fand ihn in Australien und Singapur auf dem Frühstücksteller, und sogar am balinesischen Frühstücksbuffet konnte man sich mit Tilsiter Käse bedienen.

Einst Zuhause in Dickschen, ging bei uns diese Köstlichkeit nie aus, Nachschub gab es allwöchentlich frisch an der Quelle, bei der Molkerei in Lasdehnen. In ihr wurde der Käse hergestellt, und nur der Tilsiter. Immerhin aber konnte man zwischen halbfettem und vollfettem Käse wählen. Der halbfette wurde nicht etwa für Kalorienbewußte hergestellt (so'n Kram kannten wir damals nicht), nein, er war billiger; und davon war immer ein ansehnliches Stück in der Speisekammer vorhanden. Vollfetten Tilsiter gab es nur zu besonderen Gelegenheiten.

Andere Käsesorten waren bei uns auf dem Dorf unbekannt. Als ich mit sechzehn Jahren bei meiner Tante in Königsberg in Pension war und sie als besondere Delikatesse reifen Camembert auf den Abendbrottisch stellte, lehnte ich, nach vorsichtigem Probieren, höflich, aber sehr entschieden ab, mehr davon zu essen. Als dann einmal gar Harzer Käse auf den Tisch kam, den Tantchen nur durch Beziehungen - es war im Krieg - erhalten hatte, war ich schlichtweg entsetzt, wie man so ein stinkiges Zeug essen konnte.

Es muß wohl etwas besonderes am Tilsiter Käse sein, daß er in allen Teilen der Erde gegessen wird, aber wer weiß es schon, wie das Rezept dieser Spezialität entstanden ist?

Eine Sage (und Sagen haben - laut Lexikon - durchaus realen Hintergrund) vermittelt uns folgendes:

An der Memel herrschte einst der König Memelus mit seinen drei Söhnen Rombinus, Wilmantis und Tilsatis in seiner Burg Ragaine. Damit seine Söhne die Welt kennenlernten, schickte er sie auf Wanderschaft. Nach langen Jahren kehrten sie heim, und der König erbaute jedem von ihnen eine Burg am Memelstrom.

Wilmantis und Rombinus hatten kostbare Andenken von ihrer Wanderschaft mitgebracht: Rombinus, der bis in den hohen Norden gekommen war, hatte den Reifriesen den Urstein abgejagt und stellte ihn nun am Fuße seiner Burg auf. Der Stein sollte Perkunos, dem Gott des Feuers und der Fruchtbarkeit, als Altar dienen. Wilmantis wurde im Süden ein seltsames Geschenk zuteil: Er hatte von einem Zwerg ein Wunderglöckchen erhalten, das aber beim Bewegen keinen Ton von sich gab. Es war seltsam anzusehen, wie der Klöppel lautlos gegen die Wandung schlug. Der Zwerg hatte Wilmantis gesagt, er solle sich nicht beunruhigen, wenn das Glöckchen keinen Ton von sich gibt, im Gegenteil: Wenn das Glöckchen von selbst anfange zu läuten, zöge ein großes Unglück herauf. (Tatsächlich zeigte es, als Wilmantis schon ein Greis war, durch sein Geläute den Untergang der Burg an, als die Ordensritter die Burg erstürmten.)

Tilsatis, der dritte Sohn, war von seiner Wanderschaft mit leeren Händen zurückgekommen und wurde deshalb oft von seinen Brüdern gehänselt. Tilsatis heiratete und bekam eine Tochter, die, als sie größer wurde, auch ständig den Sticheleien ausgesetzt war. Sie war darüber sehr betrübt und strich oft tagelang durch die Wälder, besuchte auch die Bauern und fand Freude an der Landarbeit. Tilsatis war darüber sehr betrübt, daß seine Tochter nicht wie andere Prinzessinnen in königlichem Glanz strahlte, gestattete ihr jedoch, daß sie für immer aufs Land ging.

Da es zu jenen grauen Vorzeiten keine Städte gab und jede Familie, vom Burgherrn angefangen, ihre eigenen Kühe im Stall stehen hatte, brauchte niemand Milch zu kaufen. Wer viele Kühe hatte, der verwendete die überschüssige Milch auch zur Viehfütterung. Oft wurden die gefüllten Eimer achtlos weggestellt oder in Bottiche gegossen. Der Prinzessin fiel es auf, daß die geronnene Milch, wenn man ihr immer wieder frische Milch zusetzte, einen herben, aber würzigen und angenehmen Geschmack erhielt. Sie probierte und experimentierte nun so lange herum, bis sie einen schmackhaften Käse gewonnen hatte, der später als der "Tilsiter Käse" berühmt geworden ist. Die eigenwillige Prinzessin erwarb sich ihres Klugen Kopfes wegen überall Anerkennung und wurde von da an "Milchprinzessin" genannt.

Wo die Burg des Fürsten Tilsatis stand, erblühte später die Stadt Tilsit.

Autor: © 1992 Hildegard Rauschenbach
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 50/1992

Landwirtschaft, Handel und Gewerbe



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 26.01.2006
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letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 14. Januar 2011