Der geschichtliche Werdegang des Namens "Tilsiter Käse"
von Kurt und Alfred Streit

Nach dem Deutsch/Französischen Krieg 1870/71 kam es im Osten Deutschlands (Ost- und Westpreußen) zu einer regelrechten Aufbruchstimmung auf dem milchwirtschaftlichen Sektor. Der Milchanfall bei den Großgrundbesitzern wurde immer größer, da es mühsam war, die Milchmengen lokal und regional unterzubringen, da der Absatz von Milch und Milchprodukten bevölkerungsmäßig begrenzt war. So suchte man nach einem Ausweg, die leicht verderblichen Produkte wie Milch, Rahm, Quark und Butter mit einer länger haltbaren Sorte zu ergänzen, um damit weiter abgelegene Absatzgebiete marktwirtschaftlich zu erreichen, und diese Gelegenheit bot sich beim Käse. Da es an geeigneten Fachleuten fehlte, erinnerte man sich der Schweiz, die auf diesem Gebiet damals eine bedeutende Stellung in Europa einnahm. Mit behördlicher Unterstützung wurde in Inseraten Schweizerischer Zeitungen um Melker und Käser für landwirtschaftliche Großbetriebe Ost- und Westpreußens geworben. Zwei Zielsetzungen wurden damit anvisiert: Steigerung der Milchproduktion und Absatzförderung des Käses in bevölkerungsreiche Städte wie Berlin, Hamburg und das Industriegebiet am Rhein.

Vorboten einer neuen Entwicklung.

Zu damaliger Zeit war es für die ansässigen Männer eine Schande, unter der Kuh zu sitzen und zu melken. Diese Arbeit wurde nur von Frauen verrichtet. Ganz im Gegenteil betrachteten die schweizerischen Stellenbewerber es als ihre Pflicht, die ganze Pflege der Kuh zu übernehmen. Dazu gehörte die Fütterung, das Melken, die Gesunderhaltung des Milchviehs und die Sauberhaltung des Stalles. Die Melkertätigkeit des Schweizers war für die hiesige Bevölkerung ein Phänomen. Im Volksmund bürgerte sich bald der Sprachgebrauch ein, daß man im Osten Deutschlands und später auch in Mittel- und Westdeutschland für das Wort Melker den Ausdruck "Schweizer" benutzte.

Einer der ersten Pioniere Nordostpreußens war der Schweizer Blindenbacher, der auf der Grafschaft Rautenburg (Lappienen), den Gütern des Grafen von Keyserling, 1876 seinen Dienst antrat. Von ihm war zu erfahren, daß er beim Oberinspektor veranlaßte, daß die Kühe im Spätherbst noch vor dem ersten Frost in die Stallungen gebracht wurden. So war nämlich die Gewähr geboten, daß die neugeborenen Kälber im Frühling am Leben blieben, was vorher nur zum Teil der Fall war. Überhaupt vollzog sich ein Umdenken in der Viehwirtschaft Ostpreußens seit der Neuorientierung. So wurde die Abkabelung der Kühe über das ganze Kalenderjahr hindurch vorgenommen, damit die Landwirte auch im Winter etwas Milch zur Verfügung hatten. Um die Jahrhundertwende war die Zeit dafür reif geworden, die Milchgewinnung und ihre Verarbeitung zu Käse in getrennten Betrieben durchzuführen. So entstanden die Käsereien, auch Molkereien genannt. Die Angaben sind den Aufzeichnungen von Willi Zwahlen entnommen.

Die schweizerischen Fachleute versuchten im Anfang, wie sie es gewohnt waren, einen guten Emmentaler (Schweizer Käse) in den Gutsbetrieben herzustellen. Sie mußten aber bald die Erfahrung machen, daß ein aromatischer Qualitätskäse dieser Art hier nicht zu fabrizieren war. Das war auf die Vegetation der Grasarten hierzulande zurückzuführen, die gegenüber der Schweiz sehr unterschiedlich ist. So wurde nach anderen Fabrikationsmethoden gesucht. Im Jahre 1845 bereits kam man der Sache auf die Spur, indem es gelang, einen Käse zu erfinden, der den hiesigen Verhältnissen weitgehend entsprach. Eine Frau Westphal aus Milchbude bei Tilsit soll eine Käsezubereitung von einem Schweizer namens Nessloff übernommen und weiterentwickelt haben. Das war die Geburtsstunde des sogenannten "Tilsiters". So steht es jedenfalls in Gurt Schützlers "Kurze Geschichte der ostpreußischen Käserei und des Tilsiter Käses" von 1933 nachzulesen. Diese gangbare Machart in praktikablem Format (5 kg) verbreitete sich rasch in Ost- und Westpreußen und die Käsereien schössen um die Jahrhundertwende wie Pilze aus dem Boden. Der "Tilsiter" hatte seine Weltgeltung erlangt.


Eine dieser typischen Käsereien, auch Molkereien genannt, war Fichtenfließ (Schillupischken), die in der Endphase des letzten Krieges noch eine besondere Rolle zugewiesen bekam. Von ihr soll noch kurz die Rede sein. Das Foto der Molkerei Fichtenfließ aus dem Jahre 1922 soll dokumentieren, wie es um das Käsereigewerbe kurz nach dem 1. Weltkrieg bestellt war. Nur wer Freude an diesem Beruf hatte, nahm die Sonntagsarbeit in Kauf. In treuer Pflichterfüllung hat damals jeder Betrieb seine Arbeit verantwortungsbewußt im Dienste der Landwirtschaft erfüllt. In den Dreißiger Jahren wurden die Betriebe vergrößert und modernisiert und als Spitzenleistung der Technik darf wohl die Herstellung des "Tilsiters" in einem Käsefertiger angesehen werden, in welchem die Fertigung des Käses fast automatisch vorgenommen wird.

Fichtenfließ ist ca. 21km von Tilsit entfernt und gehörte zum Amtsbezirk und Kirchspiel Königskirch (Jurgaitschen). Es ist am Kreuzungspunkt der Kies-Chausseen Königskirch/Gowarten und Schillen/Auerfließ (Schillkojen) gelegen. Infolge der verkehrsmäßig günstigen Lage gründete um die Jahrhundertwende der Unternehmer Emil Vorhoff eine Geschäftsliegenschaft, zu der eine Molkerei mit Schweinemast, eine Mahlmühle, eine Schneidemühle (Sägerei) und ein Gasthaus gehörten.

Dieser Betrieb ging 1916 an die aus der Schweiz stammende Familie Richard Streit-Zwahlen, Schauwethen, Wittgirren, Groschenweide (Klein- und Großkattegirren), Laugallen, Skambracks Schillgallen, Schollkoll Odaushöfchen, Gruszen, Friedlauken, Groß- und Kleinwanaglauken, Kaiserau und Gaidwethen. In der Streit'schen Molkerei wurde auch der Kümmelkäse in der Art des "Tilsiters" fabriziert, der weitherum, auch in der Stadt Tilsit, für viele ein Leckerbissen war. Die Nachbar-Molkereien hießen: Johannes Dyck, Schillen; Georg Waller, Schillen; Josef Schneider, Kreuzingen (Skaisgirren) und die Molkereigenossenschaft Tilsit (Molkereidirektor Walter Seeger).

Nach der Bombardierung von Tilsit siedelte die Kreisbauernschaft Tilsit-Ragnit nach Fichtenfließ über. Auf deren Befehl arbeitete die Molkerei Fichtenfließ bis zum Generalangriff der roten Armee weiter, um aus dem Milchanfall der verlassenen Viehherden Butter und Käse zu produzieren. Der Beauftragte für die Evakuierung von Molkereimaschinen verlassener Molkereibetriebe, Walter Seeger von Tilsit, hatte ebenfalls sein Quartier in Fichtenfließ aufgeschlagen. Am 17. Januar 1945, 5.00 Uhr, schrillte das Telefon und forderte alle Anwesenden auf, sofort die Flucht anzutreten, da die russischen Panzer bereits 10 km entfernt in Schillen auf dem Vormarsch seien. Eine stattliche Anzahl von unreifen Tilsiter Käsen blieben in den Kellern der Molkerei zurück. Über kurz oder lang haben wir alle, Milchproduzenten und Milchverarbeitungsbetriebe, unsere angestammte Heimat verloren, der Name "Tilsiter" aber hat seinen Platz in der Welt behaupten können.

Wir alle dürfen durchaus stolz sein, dem Ursprungsland dieser Käsesorte angehört zu haben. Inzwischen hat jeder, der den Krieg überlebt hat, ein neues Daheim gefunden. Das Leben mußte so oder so weitergehen, wenn auch zum Teil unter großen Entbehrungen und seelischer Schmerzen. Wir wohnen nun nicht mehr in einer kompakt zusammenhängenden Gegend, sondern verstreut in ganz Deutschland und zum Teil sogar im Ausland, gedanklich sind wir aber immer noch verbunden.

Autor: © 1992 Kurt und Alfred Streit, Winterthur, CH (Text und Bild)
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 50/1992

Landwirtschaft, Handel unbd Gewerbe



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 26.01.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 14. Januar 2011