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Es gab in unserem Kreis Tilsit-Ragnit fast in jedem größeren Ort eine Dorfschmiede für Hufbeschlag und Wagenbau. Der Chef davon wurde scherzhafterweise ja auch "Kobbelschuster", der die Stuten (Kobbeln) mitbesohlen mußte, genannt. Die dafür benötigten Hufeisen wurden meist auch selbst geschmiedet, oder die Firma "Weltz & Neitz" - aus Tilsit hat sie mit dem Postbus geliefert. Im Winter mußten diese ja auch noch bearbeitet werden, d. h. gelocht, mit Gewinde versehen Stollen eingedreht, und erst dann wurden sie den Hufen angepaßt und beschlagen, wie man es nannte. Die Schmiede waren auch Wagenbauer. Sie fertigten sämtliche Eisenteile an Kutschen, Ackerwagen und auch Jagdwagen an, wenn der Stellmacher die Holzarbeiten gefertigt hatte. Es mußte sehr darauf geachtet werden, daß keine Brandmale auf den Holzteilen zu sehen waren. Mit den Winterfahrzeugen, wie Rodelschlitten, wurde gleichermaßen verfahren. War dann die Arbeit getan, und sie war gut, wurde sie auch dementsprechend bezahlt. War der Schmied gut, kamen die Leute sogar aus den Nachbardörfern und nahmen einige Kilometer mehr in Kauf. Schmiede im Kreis waren richtige Alleskönner, sie reparierten auch Fahrräder, Motorräder, Autos usw.. Spezialwerkstätten gab es ja nur in unseren Kreisstädten. Mit den Arbeiten an Fahrrädern und Motorrädern wurden meist nur die Lehrlinge oder jüngere Gesellen betraut; sie konnten einen Teil des Geldes sogar in die eigene Tasche stecken! Für ein Einspeichen eines Fahrrades erhielt man damals 1,- RM (ohne Material). Eine Schwerarbeit im Schmiedeberuf war auch das sogenannte „Reifenziehen", wo die Reifen erhitzt und auf drei Felgen der entsprechenden Räder aufgezogen wurden. Man benötigte dazu bestimmte Krampen (Hacken), die mit den entsprechenden Stangen (2 m) auf die Felgen der Räder aufgezogen wurden, anschließend sofort ins kalte Wasser zum Abkühlen. In der Erntezeit fielen auch viele Reparaturen an Mähmaschinen und Dreschmaschinen an. Sie dauerten manchmal bis in die späte Nacht, damit die Maschinen am nächsten Morgen wieder einsatzbereit waren. Ein guter Schmied fertigte auch Ackergeräte an und reparierte sie natürlich auch. Schwerstarbeit war dann das Vorlegen der Scharen von den Pflügen, die angeschweißt werden mußten, wobei man immer ins Schwitzen kam. |
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Ein guter Hufschmied mußte nicht nur Pferde beschlagen, er befaßte sich auch mit dem Auswirken von Kühen, Kälbern und Fohlen, also Pediküre für die Tiere. Bei den Pferden war es manchmal sehr schwierig, da sie nicht "standen", wie wir zu sagen pflegten. Sie wurden dann eine halbe Stunde rückwärts auf dem Sturzacker geritten, bis sie ins Schwitzen kamen. Dann konnte man meist problemlos an die Hufe herankommen. Jungtiere die eingezäunt waren, mußten mit der Leine (Lasso) eingefangen werden, bis sie die Prozedur des Wirkens über sich ergehen ließen. Manchmal kam auch die "Bremse" zum Einsatz, eine 30 cm lange Holzleiste mit einer Stricköse versehen, die auf die Nase aufgesetzt und nach Bedarf angedreht wurde, verfehlte aber nicht ihre Wirkung, wenn es auch für die Tiere meist schmerzhaft war. Weiterhin bauten die Schmiede auch Kartoffeldämpfer, damit die Tiere nicht rohe Produkte fressen mußten. Hierzu waren immer elektrische Schweißanlagen nötig, die zur modernen Schmiede gehörten. Der moderne Schmied baute auch Tränkeanlagen in den Ställen der Bauern ein, wobei die Tiere sich selbst bedienen konnten, was eine gewisse Gewöhnung erforderte. Zur Ausbildung eines Beschlagschmiedes gehörte auch immer die Fachschule, sie wurde meist an Sonntagen durchgeführt, wobei die Lehrlinge in irgendeiner Schule am Vormittag zusammenkamen, die ein Tierarzt leitete. Wurde in der Praxis mal ein Huf „vernagelt", was höchst selten vorkam, dann lahmte das Pferd, es war für den Schmied keine gute Visitenkarte, aber es wurde mit einigen Kniffen auch schnell behoben. Bei normalen Hufkrankheiten mußten manchmal die Hufe mit Taueisen versehen werden; es waren Strickeinlagen in den Hufeisen, damit die Pferde wie auf Samtschuhen laufen konnten und die Heilung schneller vonstatten ging. In der Hoffnung, einen kleinen Einblick in die vielseitige Arbeit eines Dorfschmiedes gebracht zu haben, schließt mein Bericht. Leider sind die Schmieden fast ausgestorben, da immer weniger Pferde zum Einsatz kommen, denn die Technik hat auch auf dem Lande Einzug gehalten. |
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Autor : © 2007 Emil Drockner, Berlin
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 80/2007 5 |
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