Die Kirche in Schmalleningken
Aus der Kirchen-Chronik Wischwill 1553-1939
(Eintragung von Max Glang, Pfarrer in Wischwill 1907-1922)

Das alte "Pfarrfürstentum" Wischwill, wie man es scherzweise wegen seiner Ausdehnung genannt hat, ist durch Abtrennungen sehr verkleinert worden. Diese Abtrennungen, von denen die Rede sein soll, waren eine Folge der Bevölkerungszunahme und auch der Erkenntnis, daß bei Entfernungen von 10 bis 15 km, wie von Wischwill bis nach Schmalleningken, Schustern, Krakischken, Galbrasten usw. keine rechte pastorale Versorgung der Gemeindeglieder möglich ist.

Übersehbare lebendige Gemeinden müssen das Ziel eines Kirchenregiments sein. So schmerzlich die Verkleinerung des Kirchspiels Wischwill auch in mancher Hinsicht war, so war sie doch notwendig für die neuen Zeitverhältnisse und das geistliche Leben der Eingesessenen.

Die von den kirchlichen Behörden geplanten Abtrennungen größerer Komplexe von dem weit ausgedehnten Kirchspiel Wischwill kamen bald nach dem Tod des Pfarrers Hammer sen. zur Ausführung. ....b. Schmalleningken (Smalininkai)

Lange vor der Abzweigung der nach Westen gelegenen Ortschaften um Szugken herum, waren die nach Osten gelegenen abgetrennt und 1845 zu einem neuen Kirchspiel Schmalleningken vereinigt.

Es waren dies außer Schmalleningken = Zollamt und Aukstogallen: Wittkehmen und Endruszen, Antschwenten, Kassigkehmen nördlich der Memel, Schillehnen, Dirwehlen und Alt-Lubönen südlich der Memel. Zunächst wurde Gottesdienst in einem gemieteten, später angekauften Privathaus abgehalten, das nach der Erbauung der Kirche Wohnhaus des Pfarrers wurde. Erster Pfarrer war Gamradt. Zum Neubau der Kirche schenkte Kaiser Wilhelm I. 30.000 M. Am 13. Juli 1877 wurde der Grundstein gelegt und bereits am 13. November 1878 die Kirche geweiht.

Es ist ein schmucker Bau mit einem 100 Fuß hohen Turm, über dessen Haupteingang in einer Nische die Statue des segnenden Christus aufgestellt ist. Um den Bau hatte sich Pfarrer Ferdinand Kühn, der dann Superintendent der Labiauer Diözese und Pfarrer von Laukischken wurde, große Verdienste erworben. Die Kirchenheizung richtete Pfarrer Wittke ein, der nach Lasdehnen ging.



Schmalleningken: Hauptstraße und Kirche (Bild: Sammlung H.-E. von Knobloch)

Sein Nachfolger in Schmalleningken wurde Pfarrer Alfred Müller, der im Jahre 1912 neben dem Pfarrhaus ein Gemeindehaus erbaute. Er wollte damit den zum Teil kirchenfeindlichen Gemeinschaften, die sich in Schmalleningken zwei Gemeinschaftshäuser gebaut hatten, die Spitze bieten. Aber unangenehme Erfahrungen mit diesen kirchlichen Gemeinschaften, denen er stets entgegen gekommen war, veranlaßten ihn nach Pr. Eylau II zu gehen. Auch sein Nachfolger Pfarrer Kreutzer hielt nicht lange stand. Seit Kriegsausbruch 1914 ist Pfarrer Grodde im Amt.

Die Verhältnisse in der Gemeinde sind keineswegs geklärter als zuvor. Blaukreuzler, die sich äußerlich von der Kirche nicht losgesagt haben, Anhänger der Pastor Paul'schen "Pfingstbewegung" und kirchliche Gemeinschaftsleute deutscher und litauischer Zunge sorgen dafür, daß auch der gutgesinnte Teil der Gemeinde Schmalleningken vorläufig zu keiner Ruhe kommt.

Die ev. Kirche in Schmalleningken wurde im 2. Weltkrieg zerstört, die Reste abgetragen. In den Ruinen fand sich unversehrt die Grundstein-Urkunde von 1877.

H. E. von Knobloch 20.7.1999


Pfarrer Wilhelm Grodde
Gemeindepfarrer in Schmalleningken 1914 -1944
Geboren 12. Oktober 1885 - verstorben 14. Oktober 1976 in Nettetal

Nach seinem Theologiestudium und dem Ablegen der Examina vor dem Evangelischen Konsistorium in Königsberg/Pr. wurde Pfarrer Wilhelm Grodde durch den Generalsuperintendenten D. Braun ordiniert und zunächst als Pfarramtsverwalter in Groß Heydekrug Kreis Fischhausen angestellt. Am 1.4.1913 wurde er als Hilfsprediger nach Ragnit berufen. Im Juni 1914 wählte die Kirchengemeinde Schmalleningken Grodde zu ihrem Pfarrer. Nach Bestätigung der Wahl zog er in das dortige Pfarrhaus ein. Bald brach der erste Weltkrieg aus. Vor den anrückenden Russen mußten Gemeindeglieder und Pfarrer fliehen. Erst nach Vertreibung der Feinde konnte er in seine Pfarre zurückkehren. Er fand Kirche und Pfarrhaus total verschmutzt, sonst aber unbeschädigt wieder. Die Hälfte der Gemeindemitglieder war von den Russen bis an die Wolga verschleppt worden und kam erst nach dem Friedensvertrag nach und nach in die Heimat zurück. Darum wurde Grodde auch erst 1917 in sein Amt eingeführt. Durch diese Not wuchsen Gemeinde und Pfarrer zu einer echten Gemeinschaft zusammen und er diente ihr über dreißig Jahre in Liebe und Treue.

Im Oktober 1944 schloß sich Pfarrer Grodde dem Treck der Flüchtenden an. Doch er wurde von der Front überrollt und kehrte zum zweiten Male als Flüchtling in seine Pfarre nach Schmalleningken zurück. Er versuchte, die evangelischen Landsleute zu sammeln. Dies wurde ihm von der Sowjetregierung Litauens verboten. Darum zog er zum benachbarten Jurburg und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Organist oder Kantor der dortigen katholischen Kirche. Von hier aus betreute er aber auch die Evangelischen der ganzen Umgebung, wenn auch verbotenerweise. Sie nahmen diesen Dienst voller Dankbarkeit und Freude an. Es heißt, daß er auch im litauischen Skirsnemune gepredigt hat, wo es eine Reihe evangelischer Christen gibt.

Erst nach 1957 gelang ihm die Ausreise in die Bundesrepublik, er mußte den Sowjets seine deutsche Herkunft beweisen, konnte dies endlich mit der Hilfe alter Schmalleningker Freunde und durch seine Königsberger Geburtsurkunde. Viele der alten Wischwiller kannten Pfarrer Grodde von seinen kirchlichen Einsätzen in der Wischwiller Gemeinde, weil sich die memelländischen Pfarrer gegenseitig in ihren Gemeinden unterstützten, dann aber auch, weil er die im zweiten Weltkrieg vakante Wischwiller Pfarrerstelle gelegentlich mit betreute, Er habe dort Gottesdienste gehalten, getauft und getraut und zur letzten Ruhe geleitet. Daß die Wischwiller Kirchenbücher gerettet wurden, ist ihm wohl auch zu verdanken, er hatte sie auf einem Fluchtfuhrwerk nach Bartenstein mitgenommen.

H. E. von Knobloch 3.5.1999


URKUNDE
der Grundsteinlegung der Kirche in Schmalleningken, Kreises Ragnit.
Übertragung aus der deutschen Schrift des Originals:

Die Gemeinde Schmalleningken, welche im Jahre 1845 aus 8 von der Gemeinde Wischwill abgezweigten Ortschaften gegründet wurde, hat bisher noch keine eigentliche Kirche besessen. Ihre Gottesdienste hat sie in einem Betsaale, welcher sich mit der Pfarrerwohnung unter einem Dach befindet, abhalten müssen. Derselbe erwies sich jedoch als völlig unzureichend, so daß schon früh der Bau einer Kirche ins Auge gefaßt werden mußte. Pläne und Anschläge wurden gemacht, allein die Ausführung mußte unterbleiben, da die Gemeinde zur Aufbringung der Baukosten viel zu arm war. Endlich kam Hilfe. Eine allgemeine Kirchen-Kollekte wurde bewilligt und gehalten; auf diese Weise wurden circa 2.700 Mark zusammengebracht. Sr. Majestät, der Kaiser und König Wilhelm I., der erhabene Schirmherr unserer evangelischen Kirche, geruhten ein Gnadengeschenk von 30.000 Mark allerhöchst zu bewilligen, den Rest der Baukosten erklärte sich die Gemeinde aufzubringen gerne bereit. - So war denn der Bau zur größten Freude der Gemeinde gesichert.

Heute nun, den 13ten Juli 1877 wird mit Gottes Hilfe der Grundstein der Kirche feierlichst gelegt. Noch im Laufe dieses Jahres soll der Bau unter Dach gebracht und im Jahre 1878 vollendet werden.

Die Leitung des Baues ist dem Kreisbaumeister Schlepper in Ragnit übertragen worden.

Zur Zeit sind:
Dr. Falk, Excellenz, Minister der geistlichen Angelegenheiten,
Herrmann, Präsident des evangelischen Ober-Kirchenraths,
von Hörn, Ober-Präsident der Provinz Preußen,
Graf von Westarp, Regierungs-Präsident in Gumbinnen,
Dr. Moll, General-Superintendent,
Dodillet, Ober-Regierungs-Rath,
Heinrici, Konsistorial-Rath,
von Zschock, Baurath,
Krosza, Landrath,
Schrader, Superintendent,
Kuehn, Pfarrer,
Rebeschieß, Präzentor,
Nagel, Glöckner.
Zum Gemeinde-Kirchenrath gehören:
Fabrikbesitzer Mittelstaedt-Endruszen,
Posthalter Malwitz-Schmaleninken,
Besitzer Fromm-Wittkehmen,
Besitzer Gaigals-Wittkehmen,
Besitzer Schweibat-Endruszen,
Besitzer Wagner-Alt-Lubboenen.
Zur Gemeinde-Vertretung gehören:
Pendant Kueszner-Schmaleninken,
Besitzer Fromm-Schmaleninken,
Apotheker Arndt-Wittkehmen,
Töpfermeister Schwarzien-Wittkehmen,
Besitzer Szillat-Wittkehmen,
Besitzer Dedeleit-Wittkehmen,
Besitzer Szillat-Wittkehmen,
Gerbermeister Puch-Wittkehmen,
Besitzer Dytschmons-Endruszen,
Besitzer Swillinus-Antschwenten,
Besitzer Czapons-Schillehnen,
Besitzer Uthicke-Schillehnen,
Besitzer Czapons-Schillehnen,
Besitzer Szillat-Schillehnen,
Besitzer Grischkat-Alt Lubboenen,
Besitzer Baczuns-Alt Lubboenen,
Besitzer Ensainis-Alt Lubboenen,
Besitzer Tilczat-Antschwenten.

Der Herr aber, an dessen Segen Alles gelegen ist, segne auch diesen Bau, den wir zu seiner Ehre beginnen. Der Hüter Israels, der nicht schläft, noch schlummert, lasse seine Augen offen stehen über demselben bei Tag und bei Nacht, daß kein Unfall unsre Arbeit störe; er fördere kräftig das Werk unserer Hände, daß wir bald einziehen können in sein Heiligthum, ihm zu danken und ihn zu loben. Vor allem aber gebe er Gnade, daß dieses Gotteshaus zu einer Segensstätte werde, von der Segensströme sich überallhin ergießen in die Herzen, in die Häuser, in die ganze Gemeinde, daß sie ein gesundes Glied sei und bleibe an dem Leibe Jesu Christi, des eingeborenen Sohnes Gottes. - Ihm aber, dem ewigen Könige, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren und Alleinweisen sei Ehre und Preis von nun an bis in Ewigkeit. Amen!

geschrieben von A. Laschke


Diese Grundstein-Urkunde des am 13. November 1878 eingeweihten Kirchenbaues Schmalleningken fand der nach dem Krieg aus Dänemark nach Schmalleningken zurückgekehrte letzte Glöckner August Wowerus unter den Trümmern der im Krieg zerstörten Kirche.

Die 1950 nach fünf Jahren Aufenthalt in Polen ebenfalls zurück gewanderte Familie Julius Karvelis und Anna geb. Meschkat (geb.10.9.1906- gest. 1991) hatte dann die Urkunde aufbewahrt. Sie befindet sich in Verwahrung bei deren Tochter, der evangelischen Gemeindeältesten Alda Preiksaitiene geb. Karvelis, ( geb.24.9.1928), Tuju Takas 1, LT 4457 Smalininkai.

Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2005 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz

Weitere Informationen:
Im Internet: http://www.wiki-de.genealogy.net/Schmalleningken


Orte nördlich der Memel



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 25.02.2005
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 22. September 2011