Die Schillup - ein verwunschener Bach
von Walter Grubert

Über die bekannten Flüsse unseres Kreisgebietes, allen voran die Memel, ist in vielen Abhandlungen berichtet worden. Wer kennt aber die vielen kleinen Bäche und Wasserläufe, die unserer Landschaft ihr Gepräge gegeben haben? Sie waren vom Tourismus noch unberührt und führten ein ungestörtes, vielfach märchenhaftes und verwunschenes Dasein. Einen dieser Bäche möchte ich etwas näher vorstellen.

Die Schillup entspringt in einem Moorgebiet in der Nähe von Kartzauningken (Fichtenwalde). Sie fließt an den Orten Laugallen (Martinsrode), Skattegirren (Groschenweide), Schillupischken (Fichtenfließ), Gaidwethen (Geidingen), Skardupönen (Scharden), Groß Wingsnupönen (Großwingen) vorbei und mündet bei Schillkojen (Auerfließ) in die Budup. Die direkte Entfernung von der Quelle bis zur Mündung beträgt zwar nur etwa 9 Kilometer, doch der tatsächliche Lauf ist um viele Kilometer länger. Die Schillup hat sich ihr Bett in unzähligen Windungen und Krümmungen mit großen Ausbuchtungen gegraben. Strudel haben an vielen Stellen tiefe Löcher ausgespült. An vielen Ausbuchtungen und Löchern wachsen Erlen und Weiden, deren Wurzeln teilweise freigespült sind, die den Ufern aber einen festen Halt bieten. In dem weiten Tal der Schillup finden wir an beiden Seiten ausgedehnte Wiesen und Weiden. An diese schließt sich ein leicht ansteigendes welliges und hügeliges Gelände mit Äckern und Feldern an. Die höchsten Erhebungen steigen nur wenige Meter über dem Bachgrund an.

Zwischen Groß Wingsnupönen und Schillkojen zwängt sich die Schillup durch eine Talenge. Hier hat sich ein kleines, mit verschiedenen Bäumen bewachsenes, Steilufer gebildet. Die Orte finden wir auf den höher gelegenen Stellen meistens in größerem Abstand von der Schillup. An ihren Ufern stehen nur vereinzelte Gehöfte. Was waren die besonderen Reize der Schillup? Wir fanden sie schon im Winter. Wechselweise auftretendes Tauwetter mit anschließendem starken Frost ließ das Wasser stark ansteigen, die Wiesen und Weiden überfluten und in eine ausgedehnte Eisfläche verwandeln. Das war ein ideales Gelände für Jungen und Mädchen zum Schlittschuhlaufen oder zum Schorren auf einem Klumpen mit einem starken Nagel als Gleitschiene. Die Weidenzäune bildeten leider ärgerliche Hindernisse, verhinderten sie doch ein unterbrochenes Langstreckenrennen.

Nach der Schneeschmelze im Frühjahr entstand von Schillupischken bis Schillkojen eine endlose Seenplatte, aus der nur die in Ufernähe gelegenen Gehöfte wie kleine Inseln oder Halbinseln herausragten. Überschwemmte Wege konnten nur mit großen Wagen benutzt werden. Für die Schulkinder bedeutete das vielfach weite Umwege.

Dieser Zustand hielt aber nur wenige Tage an. Mit dem Frühling verwandelte sich die Schillup mit seiner Umgebung in ein farbenprächtiges Panorama und in ein sattes Grün der Wiesen, Weiden und Felder. Ein Spaziergang an einem sonnigen Sonntag wurde zu einem erholsamen und bleibenden Erlebnis. Eine der schönsten Stellen war die Talenge, durch die der alte Schulsteig führte. Wer erinnert sich noch an den schwankenden Steg, den man nur mit etwas Geschick benutzen konnte? Ein besonderes Vergnügen bereitete das Aufspüren von Hechten in dem glasklaren Wasser der Ausbuchtungen und das Fangen mit einer Schlinge. Fischer mögen diese nicht waidgerechte Fangweise nachträglich entschuldigen.

Im Sommer bot die Schillup überall die Möglichkeit, sich nach der Tageslast auf den Feldern durch ein Bad zu erfrischen. Für die Jungen und Mädchen waren die flachen Stellen ein willkommener Treffpunkt zum Spielen und Planschen. Wer mutig war, wagte sich in tiefere Stellen. So manches Kind hat hier das Schwimmen und Tauchen gelernt. Mitgroßem Eifer waren sie dabei, kleine Fische, wie Stichlinge und Geringel, so nannten wir die Gründlinge, zu fangen.

Die Schillup war ein fischreicher Bach. Mit dem Hochwasser im Frühling waren viele Fische, vor allem Hechte und Aalquappen, aus dem Moosbruch und dem Kurischen Haff bis in den obersten Bachlauf in die Laichgebiete gezogen. Nach Gewitterregen, die eine sofortige Fortsetzung der Feld- und Erntearbeiten nicht gestatteten, wurde ein Zugnetz hervorgeholt. Mit ihm ging es von einem Abschnitt zum anderen, von einer Ausbuchtung zur nächsten. Nicht ungefährlich war das Fischen in den tiefen Löchern. Die Fischereirechte wurden hierbei nicht so genau beachtet. Die großen Fische landeten in einem großen Eimer, die kleinen wurden wieder ins Wasser gelassen. Der Fang wurde, wenn er die eigenen Bedürfnisse überstieg, an Nachbarn verteilt. Der Name der Schillup ist, wie die Endung -up erkennen läßt, litauischen Ursprungs. Der Bach hat deshalb im Jahr 1934 einen neuen Namen bekommen. Er hieß zuletzt Fichtenfließ. Ob er heute wieder seinen alten Namen hat, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, wie er heute aussieht. Eines aber ist gewiß: Alle, die die Schillup gekannt haben, werden sie in liebevoller Erinnerung behalten.

Autor: © 1990 Walter Grubert, früher Groß Wingsnupönen
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 47/1990 Seite 44

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© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 25,01.2006
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letzte Änderung dieser Seite : Sonntag, 2. Januar 2011