| Kirchspiel Schillen | |
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von Erich Hennig
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| Bericht über meine Kindheit, über Land und Leute in Schillen bis 1931 |
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In Eydtkuhnen geboren, kam ich mit vier Jahren nach Schillen, wohin mein Vater versetzt wurde. Ich bin der letzte noch lebende der Familie. Ich verlebte meine Kindheit in einer Zeit, wo die Mädchen noch lange Zöpfe, einen Faltenrock und Schleifen im Haar, wir Jungen an Sonntagen Bleyle- oder Matrosenanzug und einen kurzen Haarschnitt trugen. Die Holzschlorren trugen die Leute bei der Arbeit im Hof und Stall. Die Wälder waren grün, die Luft rein und die Flüsse sauber. Es war für mich, rückblickend mit meinen Kinderaugen gesehen, die gute alte Zeit. Mit etwa fünf Jahren nahmen mich meine Geschwister mit Genehmigung meiner Eltern und der Lehrer 14 Tage in die Schule mit. Ich bekam vom Präzentor den Rohrstock und konnte damit die großen Kinder verhauen. Der Präzentor ging des öfteren zu Pfeiffenberger rüber, um dort einen zu heben, ich meine, ein Schnäpschen zu trinken. Wenn er zurückkam, tanzten wir auf Tisch und Bänken und machten einen fürchterlichen Krach. Verärgert darüber, machte er vom seinem Rohrstock Gebrauch. Es war dann mäuschenstill. Einer der Lehrer hieß Festerling. Die Schule, ein roter Backsteinbau, grenzte an Pastor Hartungs Garten. Hinten im Hof standen die Toiletten, getrennt für Mädchen und Jungen. An den Markttagen reihten sich entlang der Dorfstraße, welche an unserer Schule vorbeiführte, die Marktstände. Da waren die Bäcker, die Fleischer, der billige Jacob, Buden mit Haushaltsgeräten. Dazwischen die Bauern mit ihren Pferdewagen. Auch der Ferkelmarkt wurde an diesen Tagen abgehalten. Außer dem Pferdemarkt wurden alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse zum Verkauf angeboten. Die Händler und die Bauern tranken bei Pfeiffenberger, Otto oder Peschel nach einem geglückten Geschäftsabschluß, welcher mit Handschlag besiegelt wurde, ihren Schnaps. Es war an solchen Tagen immer ein fröhliches Treiben. Die Bekannten, die Verwandten, die Bauern und die Händler, die sich an den Markttagen aus dem ganzen Kirchspiel trafen, hatten sich immer viel zu erzählen. Die Pferde standen ausgespannt, die Futtersäcke umgehangen, entlang der Dorfstraße bis hoch nach Balzereit und Peschel vor den Gastwirtschaften angebunden. |
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Kam meine Mutter ins Dorf, dann hat sie mir oft eine Schnecke von Wollgien über den Schulzaun gereicht. Kuchen, soweit ich mich erinnern kann, hat meine Mutter nie gebacken. Wohl gab es Grau- und Feinbrot. Unser Schulweg war weit. Wir gingen über den Fußballplatz, wo auch der Pferdemarkt abgehalten wurde und kamen bei Paskarbeits ins Dorf rein. Beim Bäcker Ellmer roch es immer so gut nach Kuchen und Brot. Der Fußballplatz hinter dem Schwellenzaun, hinter dem wir auch das Rauchen gelernt haben, war für uns ein magischer Anziehungspunkt. Beim Fußball haben unsere Schuhe wie auch das Schienbein sehr gelitten. Wir wohnten im Eisenbahnerhaus. Einige der Mitbewohner habe ich noch in Erinnerung: Wollscheit, Schneidereit, Joknischke, Stellter, Kromat. Angrenzend an unser Haus war die Wirtschaft Raudßies. Da gab es den Laden und einen anderen Raum, wo die Kellnerin ihr Reich hatte. Sehr zum Ärger der Hausfrauen. Vergessen möchte ich nicht den alten Tescholat. Bei ihm klauten wir die Kirschen. Von unserem Fenster konnten wir die Kirschen reifen sehen. Wir waren Kinder. Sie schmeckten so gut. Auch wurden wir beim Klauen erwischt, und es gab einen Krach. Doch es zog uns immer dort hin. Horst Rehse-Villa. Rehse - er soll Theologe sein - war mein Spielkamerad. Neben der Villa Rehse stand ein Haus, in dem die Landjägerei untergebracht war. Sehr gut erinnere ich mich noch an den Polizeihund von Broschel, der mich beim Spielen in den Oberschenkel gebissen hat. Die Narben zeugen noch heute davon. |
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Nun möchte ich, soweit ich mich noch erinnern kann, den Bahnhof beschreiben. Betrat man vom Vorplatz das Bahnhofsgebäude, war links die Fahrkartenausgabe, weiter die Gepäckabfertigung. Rechts kam man in die Bahnhofsgaststätte zu Föllmer, später Härtung. Mußte man zum Zug, ging man durch die Sperre, wo oben die große Uhr angebracht war. Auf der anderen Seite der Schienen war die Güterabfertigung. Ein kleiner Weg führte in Richtung Illauschen zur Bahnmeisterei, wo auch die Werkstatt meines Vaters war und die Teiche. Weiter kam man zum Stellwerk und dem Bahnwärterhaus, in dem Wichts wohnten. Erwähnen möchte ich noch den Bahnmeister Klinger. Er wohnte gegenüber von Raudschieß. Dorfeinwärts rechts der Schienen war die Verladerampe und das Sägewerk von Mikoteit. Nach meinen Schuljahren in Schillen besuchte ich die Mittelschule - Herzog-Albrecht-Schule - in Tilsit. Hier einige Mitschüler, die wie ich täglich den Zug benutzten: Georg Waller, Helmut Mikoteit, Timmler, Wachsmuth, Balzereit, Peschel, Neumann, die Gebrüder Otto und andere. Wo sind sie geblieben? Meine Eltern bewirtschafteten einige Jahre die kleine Landwirtschaft des Herrn von Holtei zu Füßen des Mühlenberges an der Straße nach Ragnit in Höhe des Friedhofs. Hier kann ich mich noch an die Familie Berger, besonders an Alfred und Franz erinnern. Der alte Berger war Viehhändler, hatte im Krieg einen Arm verloren. Bis zur Versetzung meines Vaters nach Osterode - etwa 1936 - wohnten meine Eltern in der Siedlung am Ortsausgang an der Straße nach Sommerau. Ich bin 1931 nach Berlin in die Lehre gekommen. Ich hoffe, daß es noch Schüler gibt, die sich an diese Zeit erinnern können, die wie ich in Gedanken durch unser Dorf spazieren gehen, hier und da stehen bleiben, sich an dieses oder jenes nach 40 Jahren erinnern können. Es ist wohl das einzige was uns geblieben ist. |
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Autor: © 1986 Erich Hennig
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 39/1986 |