| Reise in die Vergangenheit: | |
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von Hans-Ulrich Gottschalk, früher Schillen
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Und es gibt sie doch noch, die Fahrt mit dem Pferdefuhrwerk auf Grand- und Feldwegen durch die ostpreußische Landschaft. Zugegeben, die Pferde gingen früher in einer anderen Anspannung, die Wagen waren bequemer und Wiesen und Felder waren bewirtschaftet, Dennoch war es auch unter den heutigen Bedingungen ein wunderbares Erlebnis, in dem für mich viele Kindheitserlebnisse wieder wach wurden. Wir, meine Frau und unsere Tochter, waren auf dem Weg von Schillen nach Werfen und nach Erlenbruch, nahe der Bahnlinie Tilsit - Schillen - Grünheide - Insterburg, auf der Suche nach den beiden Höfen, von denen die Eltern stammten. Aus insgesamt 8 früheren Reisen im Rahmen humanitärer Hilfe wußten meine Frau und ich, was uns erwartet. Uns ging es darum, unserer Tochter zu zeigen, wo die väterlichen Wurzeln einst lagen. Um es kurz zu machen, niemand erwartete uns, kein Stein ist geblieben, alle Gebäude sind geschliffen und die Natur hat inzwischen durch einen undurchdringlichen Bewuchs alles zurückgenommen. Die 2. Hofanlage konnten wir nur durch einen 1km langen Fußmarsch entlang der auf ein Gleis zurückgebauten Eisenbahnlinie erreichen. Während dieser Zeit wartete unser Gefährt an dem nicht mehr existierenden Bahnhof Werfen. Geblieben sind bei dieser Landpartie herrliche Erinnerungen an eine wunderbare Landschaft in einer weitgehend unberührten Natur, an ein schwitziges Pferd und unendlich viele Bremsen und Mücken. Die Verständigung mit unserem Kutscher klappte ausschließlich über Handzeichen für die 4 Richtungen: rechts, links, geradeaus und zurück. Es blieb also genügend Zeit, Erinnerungen nachzugehen und unserer Tochter vor Ort zu schildern, wie es einmal ausgesehen hat. Unsere Reise begann in Hannover. |
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Das von Alla bisher geführte Lebensmittelgeschäft ist geschlossen. Die Räume im Erdgeschoß wurden zu Logier-Räumen mit eigener Küchenzeile umfunktioniert. Mit uns lebten zur gleichen Zeit 10 russische Arbeiter der Fa. Gasprom in dem Haus, die in der Nähe von Schillen eine neue Gasleitung verlegen. Bei dieser veränderten Nutzung hat das Haus Erzberger eine Perspektive, es bleibt aber dazu auch in Zukunft noch genügend zu tun und zu investieren, um die Bausubstanz zu erhalten. Bei einem ersten Spaziergang durch Schillen bestätigte sich, daß viele der alten Häuser längst verschwunden sind. Auf den entstandenen Lücken wuchert das Unkraut, grasen Kühe und Gänse. Die wenigen gebliebenen Häuser verfallen weiter. Die Straßen sind sowohl zu Fuß als auch per Fahrzeug gewöhnungsbedürftig und man tut gut daran, mit dem Auto Schritttempo zu wählen. Einzig der alte Dorfteich ist inzwischen entschlammt worden, dient heute als Badeteich, auf dem man auch mit dem Tretboot fahren kann; er ist total eingezäunt. Im Rand- oder Außenbereich stehen die von den Russen gebauten weißen Kalksteinhäuser -jetzt im August mit herrlichem Blumenbewuchs in allen Farben. Die Folgetage nutzten wir im "Taxi" von und mit Eduard Politiko, um Ostpreußen zu sehen und unserer Tochter zu zeigen. Tagestouren nach Breitenstein - Georgenburg - Insterburg - Gumbinnen und Trakehnen, nach Labiau und im Boot auf der Deime und ins Kurische Haff sowie nach Tilsit und Ragnit füllten jeden Tag aus. Angenehm und informativ, daß Eduard mit seinen guten Deutsch-Kenntnissen und seinem Wissen über Geschichte, Land und Leute der Vergangenheit und der Gegenwart umfassende Auskunft geben konnte. Die letzten 2 Tage zogen wir nach Königsberg um, in eine sehr gut eingerichtete und geführte Privatpension. |
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Wir waren beeindruckt von der baulichen Entwicklung dieser Stadt und dem Flair, das inzwischen von ihr und vielen Bewohnern ausgeht. Im Zentrum braucht Königsberg keinen Vergleich mit einer westlichen Stadt dieser Größenordnung zu scheuen. Wohltuend am letzten unserer Ostpreußentage noch eine Tagesreise nach Rauschen, das wohl mondänste Ostseebad im Königsberger Gebiet, mit sehr viel neuen oder gut renovierten Villen und inzwischen auch einem 5-Sterne-Hotel, nach Cranz und über Sarkau bis nach Rossitten zum Besuch der Vogelwarte und einem abschließenden Bad in der Ostsee. Schon während der Rückreise waren wir gespannt auf das Urteil unserer Tochter. Sie hatte aufgenommen die Bilder wunderschöner Alleen und einer herrlichen, wenn auch ungenutzten und weitgehend verwilderten Natur und der entvölkerten Landschaft, die verfallenen Dörfer und die dort manchmal ärmlich und einfach lebenden Menschen und dazu im Gegensatz, fast im Widerspruch eine neue, im Zentrum fast moderne Stadt Königsberg mit ihrem pulsierenden Leben. Mit diesen eigenen Eindrücken fiel es unserer Tochter schwer, die Schilderungen, Berichte und Bilder der Vergangenheit in Einklang zu bringen. |
| Autor: © 2007 Hans-Ulrich Gottschalk Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 81/2007 |