Die Scheschuppe - Ostfluß
von Erhard Motejat

kam aus der litauischen Sesupe, über Naumiestis, Schirwindt, Fichtenhöhe, Brämershusen, Grabfelde, Grenzhöhe, Tanneck, Tulpeningen, Haselberg, Sandwalde, Hirschflur, Juckstein, Großlenkenau und mündete bei Rautengrund in den Memelstrom.

Sie schlängelte sich mit vielen Windungen als Strom durch die schöne ostpreußische Landschaft.

An ihren Ufern war viel Weidenbewuchs, und in den Sandsteilwänden nisteten die Rauchschwalben.

Rotfeder, Barsch, Aal, Hecht und Quappe waren in ihr ebenfalls beheimatet. Die Scheschuppe bot uns Kindern eine Vielfalt von Freizeitmöglichkeiten. Im Sommer war sie für uns ein Badeparadies mit Schwimmen, aber auch mit Fische fangen mit der Angel und mit der Hand unter den großen Steinen, die im Fluß lagerten.

Da das Land meiner Eltern bis an das Ufer der Scheschuppe ging, hatten wir auch einen Kahn, womit wir auch Kahnpartien machten. Flößer flößten auf ihr auch Baumstämme und wenn diese sich manchmal stauten und wie ein Teppich auf dem Fluß dicht bei dicht lagen, liefen wir barfuß über die sich im Wasser rollenden Stämme. Diese Baumstämme wurden in Großlenkenau bei dem Sägewerk "Kröhnert" aus dem Fluß gezogen und dort verarbeitet.

Im Winter fror die Scheschuppe zu und war mit einer dicken Eisschicht versehen. Jetzt konnten wir auf dem Eis Schlittschuhlaufen mit den damals bekannten Hackenreißern, die uns sehr oft die Absätze der Schuhe abrissen. Eishockey wurde ebenfalls sehr viel gespielt.

Im Frühjahr schmolz das Eis, und die Scheschuppe wurde ein reißender, mit Eisschollen vermischter brodelnder Strom. Er trat über die Ufer und überschwemmte die Wiesen. Die dicken Eisschollen blieben zum Teil auf den Wiesen liegen.

Aber wenn der Sommer kam und die Sonne dazu, schmolzen die dicken Eisschollen.

Die Scheschuppe ist in ihrem Bett und Ursprung so geblieben, nur sind jetzt die schönen Weiden , die die Ufer säumten, nicht mehr vorhanden. Schöne Heimat Ostpreußen, das Land unserer Väter in Erinnerung halten.

Zum besseren Verständnis einige alte ostpreußische Ortsnamen:
Fichtenhöhe = Kummetschen
Brämerhusen = Nowischken
Tulpeningen = Tulpeningken
Grabfelde = Grablauken
Haselberg = Lasdehnen
Grenzhöhe = Wisborinen
Hirschflur = Giewerlauken
Tanneck = Groß Darguschen
Großlenkenau = Groß Lenkeningken


Die Scheschuppe bei Hirschflur (Giewerlauken) Foto: Erhard Motejat
Autor: Erhard Motejat
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 79/2006 Seite75/76

Was heißt Szeszuppe?
Kur bega Szeszuppe, kur Nemunas teka ...

Diese beiden Zeilen eines Gedichtes von Maironis enthalten zwei Flüsse, die Deutschen und Litauern gleichermaßen teuer sind; Die Szeszuppe ist der Grenzfluß zwischen Litauen und Ostpreußen, der Nemunas, unsere Memel, ist in die deutsche Nationalhymne eingegangen.

In der Schule lernten wir einmal, daß die Szeszuppe auf Deutsch der Iltisfluß heiße: Scheschka = Iltis, Upe = Fluß. Wie nun Alexander Wannagas in "Musu gamta" 5/77 mitteilt, ist eine andere Deutung des Namens wahrscheinlicher. Es gibt nämlich im Baltikum eine ganze Reihe von Flüssen mit dem Stamm "Schesch": Scheschuwa, Scheschewe, Scheschuwis und u.a. auch Sesava (in Lettland). Hier bietet sich die Deutung aus dem Sanskrit an, wo sisara = kalt ist. Im Litauischen bedeutet Scheschelis = Schatten, Ort, an dem die Sonne nicht hinkommt. Das häufige Vorkommen des Stammes "Schesch" bei Flußnamen deutet auf eine Eigenschaft des Wassers hin, nicht aber auf das zufällige Vorkommen eines Tieres oder gar auf die Zahl sechs (scheschi). Scheschuppe ist demnach der kalte Fluß. Eine weitere Scheschuwa fließt nördlich des Memellandes in die Schaltuona, die man auch mit "die Kalte" deuten kann; diese ist ein Nebenfluß der Jura.

"Memeler Dampfboot"
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 79/2006 Seite75/76

Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 28.12.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Sonntag, 2. Januar 2011