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von Walter Broszeit
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Das um 1900 gegründete und nach dem Kirchdorf Sandkirchen (Wedereitischken) benannte Kirchspiel war eines der östlichsten Gebiete des Kreises, zu dem die weiteren Gemeinden Dreifurt, Hohenflur, Aschen, Sammelhofen, Waldau, Kleinschollen, Großschollen, Birkenhain, Königshuld II und die drei Gemeinden des Kreises Schloßberg, nämlich Lindbach, Wietzheim und Kleinruden gehörten. Der Ostfluß mit seinen vielen Windungen schlängelte sich in einer Länge von etwa 12 km, teils durch das Kirchspielgebiet und teils als westliche und nördliche Begrenzung, durch die Landschaft. Mit seitlich wechselnden Steil- und Flachufern bestimmte er in seinem Lauf das Landschaftsbild allgemein wie auch das der angrenzenden Gemeinden Dreifurt, Lindbach, Hohenflur, Aschen und Waldau. Baumbestände verschiedenster Art an den Steilhängen und ausgedehnte Wiesenlandschaften in den flachen Uferbereichen säumten den Flußlauf. Das nördliche Kirchspielgebiet war somit eine reizvolle Landschaft mit idyllischen Aussichtspunkten, romantischen Wanderstrecken, verträumten Winkeln und Orten reger Betriebsamkeit. Bereichert war dieses Gebiet noch durch einige private Waldungen, wie dem sogenannten Plickschilis am Südrand der Gemeinden Hohenflur und Aschen und der Jowarinis im Südteil der Gemeinde Dreifurt. Besonders der Plickschilis, eine größere Waldung, zum Teil Hochwald und ein größerer Teil recht kümmerlicher Kiefernbestand, durchsetzt mit unzähligen Wacholderbäumen und -büschen, war ein Anziehungspunkt für viele Naturfreunde aus der näheren und weiteren Umgebung. Die unter Naturschutz stehenden Wacholderbestände in verschiedensten Farbtönungen und vielfältigen Formen vermittelten ein einmaliges Bild von der Schönheit der Natur. Verkehrsmäßig lag das Kirchspielgebiet in der Gabelung der befestigten Straße, die von Ragnit kommend bei Dammfelde (Nettschunen) einmal nach Haselberg (Lasdehnen) weiterführt und zum ändern nach Waldheide (Schillehnen a. d. Memel) abzweigt. Die nach Haselberg führende Strecke berührte die Kirchspielgemeinde Großschollen, Birkenhain und Wietzheim. Die nach Waldheide abzweigende Straße war nur für die Gemeinde Dreifurt von Bedeutung, da die Anfahrt für die anderen Kirchspielgemeinden zu weit und wegen der Wegeverhältnisse zu umständlich war. |
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Auch Dreifurt hatte noch eine Anfahrt zu dieser Straße von etwa 1,5 km. In den Jahren 1923 bis 1926 hatte die Reichspost auf diesen Strecken von Haselberg und von Waldheide nach Ragnit Omnibuslinien eingerichtet. Die Omnibusse fuhren morgens in Richtung Ragnit und kehrten am Abend zu ihren Ausgangspunkten zurück. Damit hatte die Bevölkerung erstmalig Gelegenheit, bequem und schnell die nächste wenn auch 24 km entfernte Stadt Ragnit (Markt und Bahnhof) zu erreichen. Nach der Errichtung einer massiven Brücke über den Ostfluß bei Dreifurt wurde von der Haselberger Strecke von Großschollen aus bis zur Brücke auch eine befestigte Straße (Chaussee) gebaut. Die Reichspost richtete anschließend eine weitere Omnibuslinie von Neusiedel (Naujeningken-Bahnhof) über Altenkirch (Budwethen-Marktort) bis zur Brücke ein, die täglich zweimal befahren wurde. Diese verkehrsmäßige Erschließung war ein bedeutender Fortschritt für den ganzen östlichen Kreisteil. Eine der landschaftlich am schönsten gelegenen Dörfer war die an Fläche und Einwohnerzahl größte Gemeinde Dreifurt. In einer Länge von 6,5 km bildete der Ostfluß die südliche und das ausgedehnte Waldgebiet des Trappener Forstes die nördliche Begrenzung. So vom Fluß und dem großen Forstgebiet umgeben, war eine Fülle wechselnder Naturschönheiten vorhanden, wie sie nur selten anzutreffen waren. An den Steilufern, meist nahe am Flußlauf, hatten die Dreifurter Bauern und größeren Landwirte ihre Anwesen errichtet, die wie ein Befestigungsgürtel anmuteten. Zwei Förstereien, Torfhaus im Ostteil und Fuchswinkel am Westende des Dorfes gehörten zur Gemeinde. Etwa einen halben Kilometer vom Westausgang des Dorfes entfernt auf einem Steilhang des Ostflusses, im Halbrund umgeben vom Hochwald der Staatsforst, war die Försterei Fuchswinkel gelegen. Weit schweifte der Blick zum Ober- und Unterlauf des Flusses und über die sattgrünen Wiesen von Hohenflur und Aschen bis zum blauschimmernden Plickschillis. Ein Plätzchen an der Sonnenseite der Natur. Nur im Frühjahr wurde die fast beängstigende Stille unterbrochen, wenn vom nahe dem Forsthaus gelegenen Holzplatz die im Winter zusammengefahrenen Langholzstämme am schrägen Flußufer zu Tal gelassen wurden, um in Flößen gekoppelt auf dem Wasserweg dem Bestimmungsort zugeführt zu werden. Unter der Wucht der mächtigen Baumstämme erzitterte die Erde und die Aufschläge auf der Wasseroberfläche und auf andere Baumstämme erfüllten die Landschaft mit dumpfem, gewitterähnlichem Grollen. |
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Das Kirchdorf Sandkirchen, früher eine kleine Gemeinde mit nur kleinen landwirtschaftlichen Besitzungen, lediglich wegen seiner zentralen Lage zum Kirchdorf gewählt, mit der 1905/06 erbauten Kirche, brauchte fast ein Vierteljahrhundert, um in öffentlichen Angelegenheiten und in wirtschaftlichen Belangen annähernd die Bedeutung zu erringen, die die älteren Nachbarkirchdörfer Haselberg (Lasdehnen) und Altenkirch (Budwethen) seit Jahrzehnten hatten. Mit der Errichtung der massiven Brücke über den Ostfluß bei Dreifurt (1928) und dem anschließenden Bau einer befestigten Straße von Großschollen bis zur Brücke hatte eine stürmische Entwicklung in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens eingesetzt, die in knapp einem Jahrzehnt bis zum Kriegsbeginn einen mit den älteren Kirchdörfern durchaus vergleichbaren Stand erreicht hatte, wenn auch in einem etwas kleineren Rahmen. Neben sonstigen wirtschaftlichen und gemeinnützigen Einrichtungen, wie: Annahmestelle der Kreissparkasse, Raiffeisenverein, Kernhaus-Genossenschaft, Brandschadenhifsverein u. a., war die Einrichtung eines Wochenmarkts für alle Bevölkerungskreise von besonderer Bedeutung. An den Anfängen kirchdörflicher Entwicklung auch in öffentlichen und wirtschaftlichen Belangen haben die ersten Pfarrer: Lenkeit, Schrader und Obereigner mitgewirkt bzw. den Anstoß zu manchen fortschrittlichen Maßnahmen gegeben. Als eine der verdienstvollsten Persönlichkeiten ist Eduard Pranz zu nennen, der 20 Jahre lang Amtsvorsteher, Standesbeamter, Schiedsmann und Kassenrechner der Raiffeisenkasse gewesen und mit 92 Jahren in Schleswig-Holstein verstorben ist. Die umliegenden Gemeinden Sammelhofen, Wietzheim, Kleinruden, Königshuld II und Birkenhain hatten überwiegend kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe aufzuweisen, nur vereinzelt hatten sich einige größere Anwesen erhalten. |
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Birkenhain galt wegen des umfangreichen Handelsgeschäftes Neumark in Textilien, Konfektion, Haushalts- und Wirtschaftswaren, Kohlenhandel, Kunstdünger, Eisenwaren und Schmiedeeisen, bis zur wirtschaftlichen Entwicklung der Gemeinde Sandkirchen als die heimische Einkaufsmetropole. Bekannt war diese Gemeinde durch das am Südostrand gelegene, etwa 1600 ha große Hochmoor Kacksche Balis, auf dem neben allerlei Buschwerk nur ein kärglicher Baumbestand an kleineren Kiefern und Birken gedieh. Die Ränder dieses Moores wurden von der ganzen Umgebung zur Torfgewinnung genutzt. Eine besondere Merkwürdigkeit dieser Moorfläche war die ständige Veränderung der Höhenlage. Bei klarem Wetter waren von Birkenhain oft die östlich und südöstlich gelegenen Gemeinden recht gut zu sehen. Nach einigen Stunden bei gleicher Sicht war von diesen gegenüberliegenden Ortschaften nichts mehr zu erblicken, da sich das Moor gehoben hatte und der Busch- und Baumbestand jede weitere Sicht verhinderte. Nach einer um das Moor bekannten Sage soll darunter die Zauberin Ranana geschlafen haben, die von Zeit zu Zeit erwacht und durch ihr Gähnen das Heben und Senken des Moores verursacht haben soll. In neuerer Zeit wurde jedoch die Auffassung vertreten, daß diese Veränderungen durch den Einfluß des Mondes hervorgerufen würden und Vorgänge, ähnlich den Gezeiten der Meere, darstellten. Mit nur sieben Hofstellen und nur 27 Einwohnern ist die am Nordrand des oben erwähnten Moores gelegene kleinste Gemeinde Königshuld II zu nennen, die vermutlich ihre Existenz bzw. Entstehung einer früheren staatlichen Gründungsförderung verdankte. Großschollen und Kleinschollen mit einer weit besseren Bodenqualität als im übrigen Kirchspielgebiet und in der Mehrzahl mit mittleren und größeren Besitzungen hatten schon einen großbäuerlicheren Charakter. |
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Das Dorf Sammelhofen hat früher aus fünf kleinen Ansiedlungen mit den Eigenbezeichnungen: Neu Mickehnen, Jodkojei, Duselei, Schokelei und Narkutte bestanden. Anfang des 19. Jahrhunderts schlossen sich diese Ansiedlungen zu einer Gesamtgemeinde unter der Bezeichnung Krauleidszen zusammen, die bei der allgemeinen Änderung der Ortsnamen den Tatbestand der einstigen Zusammenlegung als Anlaß für die neue Ortsbezeichnung Sammelhofen wählte. Das. Gemeindegebiet ist bei der neueren Besiedlung Waldgebiet gewesen. Für die einstige Urbarmachung und mindere Ertragsfähigkeit des Bodens erhielt die Gemeinde ständig eine Beihilfe von der Forstkasse Haselberg, zuletzt jährlich 720,- RM. Erst 1931 wurden diese Zuschüsse durch das Reichsministerium für Landwirtschaft und Forsten mit dem zwanzigfachen Jahresbetrag endgültig abgelöst. Der Beihilfegrund war inzwischen entfallen, da der Boden durch Entwässerung und Kultivierung eine normale Ertragsfähigkeit erreicht hatte. Die Gemeinde Waldau, aus den einstigen Kleingemeinden Weedern, Dannenberg und Mickehnen bestehend, grenzte in der ganzen Länge am Ostufer des Ostflusses und im Süden an die Ländereien des Rittergutes Juckstein. Dieses Gut hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Schnapsbrennerei unterhalten. Die damaligen Einwohner der kleinen Gemeinde Mickehnen sind als gute Kunden der benachbarten Brennerei bekannt gewesen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts ist das Gemeindegebiet abgerundet worden. Einige Funde von Kohlenmeilern und altem Steingut ließen darauf schließen, daß dieses Gebiet vor vielen Jahrhunderten bewohnt war. |
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In mancherlei Hinsicht waren die Gegebenheiten in den am Ostfluß angrenzenden Gemeinden Dreifurt, Lindbach, Hohenflur, Aschen und Waldau anders als im übrigen landschaftlich ebenen Kirchspielgebiet. Diese wenigen, vermutlich ältesten Dörfer, hatten sich bei der Besiedlung dieses Raumes in den Besitz ausgedehnter Wiesenstrecken entlang des Ostflusses gesetzt und damit eine Angrenzung der anderen Gemeinden am Fluß oft nur um einige hundert Meter verwehrt. Hohenflur und Aschen, ausgesprochene Bauerndörfer mit größeren Einzelbesitzungen, besaßen sowohl gemeindeeigene, als auch private Waldflächen im Waldgebiet des Plickschillis. Eine Reihe Dreifurter Grundbesitzer hatten eigenen, an der Staatsforst angrenzenden Waldbestand. Lindbach hatte, soweit bekannt, ursprünglich zehn Bauerngehöfte und zwei Eigenkätnerstellen, die auf 37 Besitzungen angewachsen waren. Diese fünf Dörfer verfügten somit zum Teil über eine eigene Heufutter- und Holzversorgung und konnten im übrigen aus den naheliegenden Forsten ihren Holzbedarf in der Staatsforst decken. Der in wechselnder Breite zwischen 30 und 40 Meter gemächlich dahinfließende Ostfluß (Szeschuppe) konnte bei Hochwasser und besonders beim Eisgang im Frühjahr recht ungestüm und bedrohlich werden. Bei einsetzendem Tauwetter im Frühjahr führten die Bäche besonders aus nördlich gelegenen Waldgebieten das Wasser der aufgetauten Schneemassen dem Fluß zu. Mit gewaltiger Kraft drückte das zugeflossene Wasser die 4050 cm dicke Eisdecke aus ihrer gefrorenen Uferverankerung; eingefrorenes Baum- und Strauchwerk und oft große Erdklumpen wurden mitgerissen. Da der Wasserdruck nicht überall gleichmäßig war, brach hierbei die geschlossene Eisdecke unter lautem Getöse in größere oder kleinere Eisschollen auseinander. Die gewaltigen Wassermassen setzten die Eisschollen in Richtung Unterlauf in Bewegung. An scharfen Flußwindungen oder an Flußbettverengungen schoben sich die Eisschollen durch den ungeheuren Wasserdruck dermaßen neben- und untereinander, daß ein regelrechter Staudamm enstand; nachfolgende Wasser- und Eismassen überfluteten nun die tiefergelegenen Geländeteile im Flußbereich. Lindbach, Hohenflur und Aschen wurden von den bis zu ein Kilometer breiten Überschwemmungen besonders betroffen. In dem bedrohten Gebiet liegende Gehöfte hatten gegen solche Überraschungen schon entsprechende Vorkehrungen getroffen. Nicht selten war eine Unterbringung von Kleinvieh, insbesondere der Schweine, in die oberen Gebäudeteile erforderlich. Dieser sich alljährlich wiederholende Vorgang zog die Bevölkerung der Umgebung immer wieder an, die mit großem Interesse an dem zeitbedingten gewaltigen Naturablauf teilnahmen. Drei Furten über den Fluß bestanden im Kirchspielsbereich, die von Dreifurt aus gesehen wie folgt belegen waren: Eine im Westteil nach Hohenflur, eine beim Gehöft Szilwitat nach Sandkirchen und eine bei dem Grundstück Windszus nach Lindbach. Von diesem Tatbestand hatte die Gemeinde Dreifurt auch ihre zuletzt geltende Ortsbezeichnung abgeleitet. |
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Der Fluß war für die ganze Umgebung oft zu unvorhergesehenen Zeitpunkten ein überwindbares Hindernis, besonders wegen des Zugangs zu der Trappener Forst und zu den Memelwiesen. Nur Dreifurt war davon nicht betroffen, da es nördlich des Flusses lag; dagegen bestand die gleiche Behinderung für diese Gemeinde zum übrigen Kirchspielgebiet südlich des Wasserlaufs. Von 1923 bis 1926 bestand beim Gehöft Szilwitat in Dreifurt eine sehr solide Holzbrücke, die im Frühjahr aufgebaut und im Herbst wieder abgebaut wurde. Ein von den umliegenden Gemeinden gegründeter Brückenverein hatte die Erstellung und Unterhaltung übernommen. Bei einem Abbau im Sommer 1926 zum Zwecke der Instandsetzung der Auflageflächen im Flußbett brach aus ungeklärter Ursache die Brücke mit den darauf befindlichen Arbeitern aus den Verbandsgemeinden zusammen, einige Tote und viele Verletzte waren die Folge dieses tragischen Unglücks. Dieses Vorkommnis veranlaßte die Regierung Gumbinnen, hier endlich einen festen Übergang zu schaffen. 1928 wurde dann eine 102 m lange und 17m hohe Betonbrücke an derselben Stelle der früheren Holzbrücke mit einem damaligen Kostenaufwand von über einer Million RM errichtet. Es war das bedeutendste, öffentliche Bauwerk neuerer Zeit im östlichsten Raum der Provinz und brachte dem sehr abgelegenen Gebiet in Verbindung mit der befestigten Straße eine vorher ungeahnte Entwicklung in allen Bereichen. |
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Die nördlich des Kirchspiels gelegene Staatsforst - Trappener Forst - war das Reservoir für die Brenn- und Nutzholzversorgung weit über das Kirchspiel hinaus. Mit 20 und mehr Schlittenfuhrwerken rückten im Winter die umliegenden Güter neben weiteren kleineren Schlittenkonvois an, um das angekaufte Brennholz abzufahren. Sehr enge Beziehungen zu dieser Forst hatte das angrenzende Dreifurt. Beide Förstereien beschäftigten ständig eine Reihe Waldarbeiter und bei den großen Holzeinschlägen im Winter weitere Kräfte, die im Sommer anderen Beschäftigungen nachgingen. Bei den alljährlichen Kulturarbeiten fanden viele Frauen zusätzliche Einkünfte, kleinere Landwirte setzten ihre Fuhrwerke im Winter zur Langholzabfuhr und im Sommer zu Kiestransporten für die Wegeunterhaltung der Forst ein. Eine weitere Einnahmequelle war der reiche Segen des Waldes an vielen Beerenarten und Pilzen, zu deren Erschließung unter munterer Beteiligung auch die größeren Schulkinder herangezogen wurden. Die am Fluß angrenzenden und dem Wald naheliegenden Gemeinden hatten noch den Vorzug, den Fischreichtum des Flusses und im Rahmen der Gemeindejagden das auf die Gemeindegebiete heraustretende Wild zu nutzen. Etwa 80 bis 90 % der annähernd 3 000 Einwohner des Kirchspiels waren in der Landwirtschaft tätig und fanden darin ihre Existenz, selbst das Handwerk und ein Teil des Gewerbes war mit eigener Landwirtschaft verbunden und hatte darin seinen wirtschaftlichen Rückhalt. Der übrige kleine Bevölkerungsteil fand begünstigt durch die wirtschaftliche und verkehrsmäßige Entwicklung ausreichend andere Erwerbsquellen, so daß der Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften bereits dazu geführt hatte, daß der früher nur anordnende und beaufsichtigende Bauer inzwischen aus seinen Stiefeln in Holzklumpen umgestiegen war und im Schweiße seines Angesichts mit seinem Knecht sozusagen an einem Strang zog. Der Ablauf der Kriegshandlungen an der Ostfront im Herbst 1944 setzte dem Mühen und Wirken unzähliger Generationen und allen Errungenschaften neuerer Zeit ein Ende. Am Abend des 14. Oktobers verließ die nicht schon im Kriegseinsatz befindliche Bevölkerung in banger Ungewißheit und nur mit der nötigen Habe ihre angestammte, engere Heimat, um vorerst Leben und Gesundheit zu retten. Die Ungewißheit ließ jedoch sehr bald keine Zweifel, daß es auf unabsehbare Zeit eine Flucht ohne Wiederkehr werden sollte. |
| Autor : © 1971 Walter Broszeit Quelle : Der Kreis Tilsit-Ragnit von Dr. Fritz Brix(†) Nachdruck im Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz |