Pfarr- und Kirchort
Kirchdorf Sandkirchen (Wedereitischken)
von Walter Broszeit

In der topographischen Karte des Amtes Ragnit für die Jahre 1722/23 ist diese Gemeinde nicht verzeichnet. Auch ist sie in dein dazugehörenden Plan, in dem die von der großen Pest (1700/1710) verschont gebliebenen Gemeinden vermerkt sind, nicht aufgeführt. Es muß daher angenommen werden, daß die früheren Bewohner dieser Gemeinde während der Pestdauer ausgestorben sind oder ihr Dorf verlassen haben. Auch .ist nicht ausgeschlossen, daß die Gemeinde erst im Zuge der Neubesiedlung etwa ab 1732 entstanden ist. In der Topographie-Lith.- Departement (1785) von J.P. Goldbeck tritt Wedereitischken, damals auch Kattmitschen genannt, mit 10 Feuersteilen erstmalig in Erscheinung. Nach der Abhandlung über den Reg.-Bezirk Gumbinnen von 1818 ist die Gemeinde als erbfreies Dorf mit 18 Feuerstellen und 43 Seelen, zur Domäne Amtsbezirk Lesgewangminnen gehörend, ausgewiesen. Lt. der Gewerbesteuerrolle für 1858 sind zwei Gewerbebetriebe abgabepflichtig:
..........Kaukorat, Jons (Material) jährl. 6 Rthl.
.................................. (Schänke) jährl. 6 Rthl. bedeutend
..........Kaukorat ? Windmühle mit Kreiselrad u. 2 Gängen, jahrl. 12 Rthl.

Die Gemeinde mit einer Gesamtfläche von etwa 200 ha und 336 Einwohnern im Jahre 1939 war im Mittelpunkt des Kirchspiels, etwa 1 k in südlich des Ostflusses, gelegen.

Der ganze westliche Teil der Gemarkung vom Norden bis zum Süden wurde von der Gemeinde Sammelhofen im Halbkreis umschloßen. Mit dem östlichen Teil grenzte sie in kurzen Abschnitten gleich an fünf Gemeinden an, nämlich an Hohenflur, Lindbach, Wietzheim, Birkenhain und Großschollen. Das Gemeindegebiet war völlig eben, so daß man, soweit nicht durch Gebäudegruppen verdeckt, die umliegenden Ortschaften sehen konnte. Nur den Ostteil durchzog ein vom Süden kommender Bach, 1904 zum Kanal Birkenhain/Sandkirchen ausgebaut, der ab Ortsmitte schluchtartig das Gelände in Richtung Ostfluß etwas auflockerte.

Von der Separation ist die Gemeinde nicht betroffen worden, weil offenbar bei der Neubesiedlung die einzelnen Siedlerstellen in geschlossene Eigentumsflächen aufgeteilt, worden sind. Deshalb bestanden auch keine gemeindeeigenen Dorfanger, Sand- oder Lehmgruben. Die Bodenqualität war nicht sonderlich gut und zudem noch sehr unterschiedlich. Einige moorige oder sandige Flächen, auf denen nur kümmerlichen Streugras gedieh, minderten den Wert auch recht guter Flächen auf den bescheidenen Gemeinde-Durchschnittshektarsatz von 500,-- RM. Die Landwirtschaft hatte daher in der auch flächenmäßig nicht gerade großen Gemarkung nicht die allgemein vorherrschende Bedeutung. Außer einigen Betrieben von 7 bis 15 ha bestanden in der Mehrzahl kleinere Anwesen bis zu 6 ha. Da der Boden nicht besonders ertragreich war, waren die Eigentümer dieser kleineren Anwesen und somit der größere Teil der Einwohner auf Nebenerwerb angewiesen. Im Gegensatz zu anderen Gemeinden mit größeren landwirtschaftlichen Betrieben, fanden die Einwohner bei der örtlichen Landwirtschaft kaum eine Beschäftigung, da diese im allgemeinen mit ihren Familienangehörigen auskamen. Der Nebenerwerb mußte schon außerhalb gesucht werden.

Wie die benachbarten, älteren Kirchdörfer, so hatte sich auch Sandkirchen nach und nach zu einem wirtschaftlichen Mittelpunkt entwickelt. Ganz besonders wurde die Entwicklung im Bereich des Handels und des Handwerks im Jahre 1928 mit dem Bau der Dr.-Rosenkrantz-Brücke bei Dreifurt beschleunigt. Das Einkommen von etwa 160 Beschäftigten an diesem Projekt, das verhältnismäßig gut war und in vielen Fällen zusätzlich zu der sonstigen Unterhaltssicherung erzielt wurde, floß nahezu ausschließlich in die Bereiche der heimischen Wirtschaft. Der Bau einer befestigten Straße im Jahre 1930 von der Chaussee Ragnit-Haselberg, ab der Ortschaft Großschollen bis zur Brücke, womit auch gleichzeitig Anschluß an die Chaussee Lindengarten- Neusiedel gewonnen wurde, begünstigte die bereits eingesetzte wirtschaftliche Entwicklung zu einer bis dahin unvermuteten Blüte.

Im Zeitpunkt der Vertreibung bestanden in Sandkirchen folgende selbständige Gewerbebetriebe:
Otto Hensel.....................Gastwirtschaft mit Saalbetrieb und Gemischtwarengeschäft
Carl Schäfer ...................Lebensmittel, Porzellanwaren und Gemischtwarengeschäft
Ewald Sieloff ...................Bäckerei mit Mehlumtausch, Gemischtwaren, Tankstelle
Benno Pleik ....................Lebensmittelgeschäft, Tankstelle
Otto Kalendruschat ........Lebensmittelgeschäft, Mietwagen (Taxi)
Franz Naujoks ................Gärtnerei und Kranzbinderei mit Samenhandel, Gastwirtschaft
Gustav Osterode ...........Motormühle mit Sägewerkbetrieb
Paul Bonacker ...............Konfektions- und Textilwarengeschäft
Johann Stepputat ..........Herren- und Damen-Maßschneidere
Albert Deskau ................Metzgerei und Viehhandel
August Bagdowitz .........Schmiede
Franz Kumutat ..............Schmiede
Franz Noetzel ...............Schuhmacherei und Schuhhandel
Leo Kryszat ..................Schuhmacherei mit Schuhhandel
Otto Legandt .................Maler und Anstreicher
Gustav Voigt .................Maler und Anstreicher
Franz Haas ...................Friseurgeschäft
Franz Bartschat ............Fahrradhandel mit Reparaturbetrieb
Georg Reikat .................Uhrmacher
Wilhelm Hahn................Bau- Sarg- und Möbeltischlerei
Oskar Wilke...................Drogerie
Willi Kadagies...............Dentist
Leo Feyerherd ..............Getreidelohndrescher.

Außerdem war noch eine Reihe unselbständig berufstätiger Handwerker, insbesondere Maurer und Zimmerleute, ansässig.

Ab 1900 sind folgende Bürgermeister in Erinnerung:
Friedrich Boss
Eduard Pranz (bis 1917)
Hermann Voigt
Johann Dowidat (letzter Bürgermeister)
Adolf Awiszus (letzter Kassenrendant)

Die Gemeinde gehörte zum Polizeibezirk Großschollen. Eine zweiklassige Volksschule, die mit einem Hauptlehrer und einem Junglehrer besetzt war, wurde mit der Gemeinde Sammelhofen, mit der sie einen Schulverband bildete, unterhalten, Ein Verbandsvorstand, bestehend aus einem Vorsteher und vier Beisitzern, nahm die Geschäfte des Schulverbandes wahr. Letzter Verbandsvorsteher war Johann Uredat aus Sammelhofen. Etwa 100 Kinder aus diesen beiden Gemeinden besuchten die Schule, an der soweit erinnerlich, folgende Lehrer gewirkt haben:

Hauptlehrer Zweitlehrer
Sprang
Ruttkat, Heinrich
Thormann, Otto





Wenger
Doroszalski
Paschereit
Waldmann
Götzke
Frenkel
Ehlert, Fritz
Tiebaut (zuletzt)

1938 erhielt Sandkirchen das Marktrecht. Allwöchentlich am Donnerstag war Wochenmarkt . Damit war für die umliegenden Gemeinden, die zu den schon vorher bestehenden Märkten in Ragnit, Altenkirch und Haselberg Entfernungen zwischen 10 - 20 km hatten, eine erhebliche Erleichterung eingetreten. Landwirtschaftliche Erzeugnisse, Handwerks- und Handelsware wurden feilgeboten. Die Verbraucher waren nun nicht mehr darauf angewiesen, wegen der landwirtschaftlichen Erzeugnisse von Hof zu Hof zu laufen. Da der Markttag nicht mit den Markttagen an den ändern Marktorten zusammenfiel, hatten Verbraucher, Erzeuger und der Handel die Möglichkeit, auch die andern Märkte zu besuchen.

Kurz vor dem 2. Weltkrieg wurde eine freiwillige Feuerwehr gegründet, die als zweite Wehr im Kirchspiel mit einer motorisierten Motorspritze ausgerüstet war. Wehrführer war der an allen öffentlichen Angelegenheiten interessierte Johann Dowidat.

Der Kriegerverein des Kirchspiels und die Freiwillige Feuerwehr veranstalteten ihre traditionellen Sommer- und Winterfeste. Die Winterfeste meist mit Theatervorführungen unter Mitwirkung von Laienspielgruppen. Der evangelische Jungmädchenverein schloß mit seinem Fastnachtsball die Wintersaison ab. Im übrigen fanden in den Nebenräumen der Gastwirtschaft Hensel fast alle überörtlichen Zusammenkünfte, Tagungen und Besprechungen auf den verschiedensten Gebieten des Wirtschaftslebens und der öffentlichen Angelegenheiten statt.

Eine Schul- und Konfirmandenbücherei stand den älteren Schülern und der heranwachsenden Jugend zur Unterhaltung und bescheidenen Weiterbildung zur Verfügung. Außerdem hatten alle überregionalen öffentlichen und privaten Einrichtungen des Kirchspiels ihren Sitz in der Gemeinde.

Aus dem vorerwähnten Bestand an Handels- und Handwerkerbetrieben, und den überörtlichen öffentlichen Einrichtungen ist zu ersehen, daß die zuerst verhältnismäßig kleine und früher sehr arme Gemeinde inzwischen ihrem Charakter als Kirchdorf in allen Belangen des Kirchspiels durchaus gerecht geworden ist.


Im 2.Weltkrieg als Soldaten gefallen oder vermißt :
Bartschat, Franz
Baufeld, Fritz
Baufeld, Erich
Baufeld, Walter
Berszelis, Erich
Deskau, Paul
Dietschmann, Emil
Dowidat, Franz
Dowidat, Johann
Dwillies, Walter
Eggert, Albert
Endrejat, Hugo
Flamming, Fritz
Hensel, Alfred
Hensel, Ernst
Kalendruschat, Otto
Kasekowski, Max
Schildhauer, Ernst
Sieloff, Bruno
Waßmann, Arthur
Waßmann, Emil

Auf der Flucht ums Leben gekommen oder vermißt
Awiszus, Minna
Baufeld, Friedrich
Baufeld, Bertha (E)
Bonacker, Karin
Boykies, Minna
Eggert, Anna
Flaming, Emilie
Hensel, Otto
Posingies, Johann
Posingies, ?? (E)
Riedel, Gustav
Sieloff, Kurt
Sieloff, Waltraut
Voigt, Hermann
Voigt, Emilie (E)
Voigt, Grete (T)

Autor: © 1971 Walter Broszeit
Quelle: "
Das Kirchspiel Sandkirchen Kreis Tilsit-Ragnit" Herausgeber Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V - Ausgabe Oktober 1975
letzte Statistik 1939:
  • Sandkirchen (Einw.:  336 ; Fläche:  207 ha )
    • alter Namen: Wedereitischken bis 16.07.1938
      ältere Schreibweisen: Kattmitschen bis um 1785; Weedereitischen bis 1785
      nach 1945 : Timofeevo

Anmerkung: Pfarr- und Kirchort - Ksp. Wedereitischken( Sandkirchen) seit 1902
nach Abzweigungen von Ksp. Lasdehnen, Wischwill und Budwethen

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 1099 (Altenkirch) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


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Was übrig blieb....vom Kirchspiel Sandkirchen
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Walter Broszeit
Das Kirchspiel Sandkirchen
Beschreibung eines ostpreußischen Kirchspiels im Kreis Tilsit-Ragnit mit allen
Dorf-Chroniken (DIN A 4 - ca.220 Seiten)

Die farbige Kirchspielkarte (90 x 84 cm)
jedes Haus mit Familiennamen benannt.

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Sonstige Beiträge
Meine Reise in die Vergangenheit: ein Wiedersehen mit Sandkirchen
Das Kirchspiel Sandkirchen (Wedereitischken)
Wiederaufbau unsere Kirche

Dorfskizze mit Verweisliste zu den Grundeigentümern/Mietern (9 Seiten - 370 KB)



Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 04.09.2007
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Sonntag, 2. Januar 2011