Heimaterinnerungen ....
Stromab von Tilsit, den Rußstrom hinunter
von Charlotte Keyser

Wer an einem großen Strom aufwuchs und viele Jahre seines Lebens dort wohnte, liebte das weite Wasser mit seinen beschaulichen Dampferfahrten, an vertrauten Ufern entlang, nach den ebenso vertrauten Zielen. So ein Dampfer hat seine eigene Atmosphäre, ich empfinde dies noch heute stark, wenn ich zurückdenke. Schon, wenn man das Bollwerk betrat, fühlte man sich von einem anderen Atem umweht, immer empfand ich das, wenn ich mich dem Anlegeplatz der Tilsiter Tourendampfer näherte. Sobald man dann mit klappernden Schritten die oft recht schräg zum Dampfer hinabführende Holzbrücke überschritten hatte, tauchte man mit freudigem Wohlbehagen ganz in dieser allen unseren Flußdampfern eignen Atmosphäre von Kesselwärme, frischer Zugluft und Ölgeruch unter, probierte den besten Sitzplatz aus, der sich jedoch, sobald der Dampfer gekehrt hatte, niemals als der richtige erwies. Mit dem Augenblick aber, da man an Bord gelangt war, hatte man auch schon die Stadt hinter sich gelassen, und die andern, die tücherwinkend am Bollwerk zurückblieben, erschienen einem bedauernswert und benachteiligt.

Hatte der Dampfer die große Wendung gemacht und die Strommitte erreicht, bot sich im Raum zwischen den beiden großen Brücken der so reizvolle Blick auf die Stadt mit ihrer schönen alten Kirche am Uferrand und dem aus Dachgiebeln hervorlugenden Rathausturm. Vorbei ging' s an der gewaltigen Anlage der Zellstoffabrik und dem Stadtrandgebiet Stollbeck und Splitter, von wo aus der erste grüne Damm in die Uferlandschaft trat, der sich nach Schanzenkrug hinzog. Da fuhr man nun mitten durchs weite reiche Niederungsland mit seinen schönen Wiesengütern Milchbude, Winge, Pillwarren, Ußpirden, Leitwarren und weiter stromab Schillgallen. Sie grüßten herüber mit ihren behaglichen Häusern und Gärten und ihren stattlichen roten Ställen und Scheunen, mit ihren großen Herden schwarzbunter Kühe, die auf den Uferwiesen weideten und zu dem Strom als ihrer Tränke herabkamen.
Die Gilge hatte sich schon abgezweigt, und man schwamm nun den Rußstrom entlang. Dampferluft - Wasserluft - darüber aber im frischen Winde herwehend, durchblühte Sommerluft, von weiten Wiesen kommend, mit dem herbsüßen Duft von Klee, Labkraut und Hederich und dem würzigen Hauch frischgemähten Grases. In ruhevoller Beglücktheit schaute man das liebvertraute Landschaftsbild, blickte dann wieder in die glatten, sich lang hinziehenden Bugwellen oder in den breiten weißschäumenden, strudelartigen Schweif, der hinter dem Dampfer herlief.

Unsere biederen Flußdampfer führten neben den uns so geläufigen Namen noch die stolze Bezeichnung "Salondampfer", was für die Sonntagsfahrten schon zutreffend war; an den Wochen- oder gar Markttagen ließ sich jedoch dieser hohe Titel nicht immer aufrechterhalten. Das aber war gerade das Schöne an unsern Dampfern, daß sie alles in allem waren und dadurch mancherlei Originelles boten. Es war zu jenen normalen, noch friedlichen Zeiten immer reger Betrieb an Bord, man konnte dort Passagiere aller Stände antreffen. In der kleinen Dampferküche war man stets bemüht, einen guten Kaffee oder einen herzhaften Schluck Grog zu brauen, was sowohl in der zweiten als auch in der ersten Kajüte mit großem Behagen genossen wurde. Zweiter Kajüte - im Vorschiff - türmten sich an Deck, oft bis zur letzten Möglichkeit, Kisten, Säcke, Marktkörbe aller Größen, Tonnen und Bierfässer mit den dazugehörigen mehr oder weniger angenehmen Gerüchen.
Mitunter drang diese bunte platzheischende Ladung bis weit in den Raum des Mittelschiffs vor, mischte sich dort mit dem Passagiergut, bestehend aus Koffern, Pappschachteln und den damals üblichen so umfangreichen Reisekörben aus Weidengeflecht. Zwischen Kistenecken, teerigen Taurollen, Heringstonnen, den wuchtigen Reisekörben und Plaidrollen mit eingeschnürten, langhalsigen Regenschirmen, deren Spitzen weit herausragten, blieben oft nur allerengste Passagen, welche hellen Kleidern und Mänteln höchst gefährlich werden konnten.

Dagegen schlängelte sich der immer so liebenswürdige Kapitän mit seiltänzerischer Geschicklichkeit durch diese verzwickten Engpässe. Wie oft hatte er wohl die Frage zu beantworten: "Wann werden wir da sein?" Durch das Ab- und Aufladen des Frachtguts gab es oft unvorhergesehene Verzögerungen. Ach, wem sind sie nicht noch im Gedächtnis, die Stationen Karzewischken, Galsdon - Joneiten, Kloken, Schneiderende, Schakunellen und Tattamischken! Danach ging' s auf Elchwinkel und Ruß zu. Auf der linken Uferseite sah man die "lange Chaussee" auftauchen und dahinter die in zartem bläulichem Dunst liegenden Ausläufer der Ibenhorster Forst.

Der Skirwietstrom zog für viele Jahre die Grenze zwischen Ruß und Elchwinkel, wo dicht am Strom das Gut Adl. Brionischken lag. Aber zu jenen glücklichen ersten Vorkriegszeiten, als es diese Trennung noch nicht gab, bestand zwischen hüben und drüben ein reger Verkehr. Es waren jene Zeiten, in denen die großen Organisationen zur Beglückung der Menschheit noch keine Rolle spielten, dafür aber der freundschaftliche Familienverkehr. Man schloß sich zusammen und unternahm Dampferfahrten nach benachbarten Dörfern oder nach der Kurischen Nehrung. Aber man unternahm auch Wagen- und Leiterwagenfahrten über die Brionischker Fähre hinweg nach Ackmenischken und der Ibenhorster Forst.
Ganz besonders erinnere ich mich einer dieser Fahrten nach Ibenhorst, die ich als etwa Achtzehnjährige in nur kleinem Kreise mitmachte. Der Wald hatte in seiner unberührten, düsteren Versponnenheit etwas unsagbares Geheimnisvolles und Entrücktes; stille Schauer fühlte man in dieser verhangenen Naturwelt über das Herz gehen. Wir - nur fünf Personen - waren vom Wagen gestiegen und durchquerten die kaum betretenen Waldwege, auf denen in unvorstellbarer Üppigkeit tiefgrünes Gras wucherte. Es war um Sonnenuntergang, als wir den Rand der großen Lichtung erreichten, wo um diese Zeit die Elche herauszutreten pflegten. Unauffällig war dort den Bäumen eine hohe hölzerne Kanzel eingefügt, von wo aus man die weite Lichtung überblicken konnte. Nie werde ich die traumhafte Stimmung vergessen, die über der zartdämmrigen Waldwiese lag. Traumhaft war es auch, als drüben Elchtiere mit ihren Kälbern aus dem Dickicht traten, wie lauschend stehen blieben und dann langsam am Waldrand entlangschritten. Es durfte nur im Flüsterton gesprochen werden, weil jeder fremde Laut die Elche verjagt hätte. Ob die Petersbrücke noch stehen mag? Sie führte bei Ruß über den Atmathstrom und auf der Seite von Atmath und Jodekrandt in die weitverzweigten Moorsiedlungen hinein, in jene "stillen Dörfer", die ihren besonderen Charakter tragen und immer wieder durch ihre Eigenart und die mit ihnen verknüpften Lebensschicksale unsre Heimatschriftsteller in ihren Bann zogen.

Aber auch die kleinen Deltadörfer am Skirwiet- und Warrußstrom und an der Pokalina hatten ihren eigenen Zauber, wo Bilder von Lieblichkeit und Romantik in ständigem Wechsel standen. Der breite Atmathstrom aber behielt die Führung ins Kurische Haff. Da grüßte kurz vor der Mündung noch vom buschgrünen Ufer der gottverlassene Krug "Piep Trurig", wo Fischer und Segler, kurz vor oder nach der Fahrt übers Haff zuweilen anliefen, und wo sich bei hereinbrechendem Unwetter ihnen ein schützendes Dach bot. "Piep Trurig" machte seinem Namen alle Ehre, er sah mit seinen farblosen verwitterten Holzwänden grau und trübe aus. Drinnen jedoch soll die Stimmung meistens alles andre als trübe gewesen sein. Dann tauchte noch, nur sparsam durch alte hohe Bäume und Buschwände schimmernd, das helle Gutshaus von Kuwertshof auf, dahinter Wiesenland, daß zu dem letzten Zipfel der Delta-Insel führte, wo der Leuchtturm stand. Wie ein Wächter stand er da und hütete die Strommündung und schickte in dunklen Nächten sein stilles Licht hinaus aufs Haff und grüßte hinüber zu dem Leuchtfeuer von Windenburg und dem Blinkfeuer von Nidden.

Stromab sind unsre Gedanken gewandert, stromab wandert auch unsre Sehnsucht und unsre Hoffnung und sucht die Stätten, die vielen von uns Heimat waren.

Autor: Charlotte Keyser
Quelle:
"Memel-Jahrbuch" 2002 Herausgeber : Manfred Malien

Heimaterinnerungen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 31.01.2001
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letzte Änderung dieser Seite : Samstag, 1. Januar 2011