Kirchspiel Großlenkenau
RAUTENGRUND (Raudszen) einschl. Lenken
von Ernst Hofer

Rautengrund, zu beiden Seiten des Ostflusses (Scheschuppe) hegend, der nur eine kurze Strecke hinter dem auf der rechten Seite liegenden, sagenumwobenen Blocksberg vorbei in die Memel mündet, gehört mit zu den ältesten und größten Dörfern des Kirchspiels Großlenkenau. Wann die ersten Bewohner in Rautengrund seßhaft wurden, ist nicht feststellbar, doch ist mit Sicherheit anzunehmen, daß dieses schon lange vor der Ordenszeit geschah. Seine Lage im Winkel von zwei Flüssen mit ihrem Fischreichtum sowie angrenzende große Wälder mit ihrem Reichtum an Wild, Waldfrüchten und Holz werden die alten Pruzzen schon sehr früh zu einer Ansiedlung verlockt haben. Als sicher gilt, daß der in der Rautengrunder Gemarkung liegende Blocksberg eine Kultstätte der alten Pruzzen war und man kann auch vermuten, daß der Orden hier, wo der Ostfluß in die Memel mündet, einen Stützpunkt angelegt hat zum Schutz gegen einfallende Litauer.

Nach der großen Pest 1709/10 müssen eine Anzahl Litauer, von der preußischen Regierung ins Land gerufen, auch nach Rautengrund, dem früheren Raudszen, gekommen sein, davon zeugt nicht nur der aus dem Litauischen kommende Ortsname Raudszen, der erst etwa 1937 in die deutsche Bezeichnung Rautengrund abgewandelt wurde, sondern auch eine große Anzahl Familiennamen litauischen Ursprungs; desgleichen hatte sich der litauische Sprachgebrauch in manchen dortigen Familien bis etwa um die Jahrhundertwende erhalten. Ob auch Salzburger in dieses Bauerndorf einwanderten, ist nicht erwiesen, fest steht jedenfalls, daß sowohl die Nachfahren der alten Preußen und auch der Litauer, die sich durch Heirat mit Siedlern deutscher Abstammung vermischten, im Laufe der Zeit gute Deutsche geworden waren, die vielfach freiwillig - vornehmlich bei der Kavallerie - ihren Militärdienst ableisteten.

Rautengrund, seit sehr langer Zeit Sitz einer Amtsbehörde, hatte einen mittleren bis guten Ackerboden, fruchtbare ertragsreiche Wiesen und Weiden an der Memel und dem Ostfluß, sowie Wälder in nächster Nähe, die seinen etwa 70 Landwirtschaftsbetrieben der verschiedensten Größen einen gewissen Wohlstand brachten.

Die Gemeinde Rautengrund mit ihren 4 Ortsteilen, nämlich den beiden links und rechts des Ostflusses gelegenen eigenen alten Dorfteilen, die miteinander Fährwerksverkehr hatten, sowie der nach Auflösung der Gutsbezirke eingemeindeten früheren königlichen Domäne Lenken und dem Vorwerk Achelingen (Aszolienen) hatte eine Gesamtfläche von 1394 ha, mit rund 500 Einwohnern, die fast ausschließlich von der Landwirtschaft lebten und hier zumeist als selbständige Bauern und Landwirte. Der Rest fand als Land- oder Freiarbeiter sowie Handwerker sein Auskommen. Größter landwirtschaftlicher Betrieb war der des Herrn v. Sperber-Lenken, dessen Gutssitz nahe bei Großlenkenau auf dem rechten Ufer des Ostflusses und das zu diesem Betrieb gehörende Vorwerk Aszolienen an der Memel lag.

Lenken war früher königliche Domäne und wurde 1815 vom Ur-Urgroßvater des letzten Gutsherrn Hans-Eberhard v. Sperber, Herrn Gottfried Benjamin Sperber, dem damaligen Landrat des Kreises Ragnit, käuflich erworben.

1945 war der Betrieb 501 ha groß, davon 1/3 Acker, 1/3 Wiesen und Weiden und 1/3 Wald. Bei dem leichten Boden war der Kartoffelanbau vorrangig. Bei der Viehzucht standen die Pferde an der Spitze. Von 25 Mutter-Stuten wurden jährlich 20 Remonten und 2-3 Hengste an den Staat verkauft. Die Lenker Pferde erfreuten sich wegen ihres Adels und schwungvollen Ganges besonderer Beliebtheit als Reitpferde. Sie trugen neben dem Brand der doppelten Elchschaufel auf dem linken Schenkel noch auf dem rechten Schenkel den Privatbrand, ein S mit einem senkrechten Pfeil durch. Die Milchviehherde war rund 60 Stück stark (Herdbuchvieh). Ferner wurden 80-100 Schweine gehalten.

Es waren 20 Werkwohnungen vorhanden. Melker, Gutsschmied und Stellmacher. Wald und Wiesen waren hauptsächlich im Vorwerk Aszolienen an der Memel.


Pferdedenkmal auf dem Gusthof in Lenken

Auch die mittleren und größeren Bauern der Gemeinde Rautengrund befaßten sich vielfach mit der Pferdezucht und hatten manche Erfolge zu verzeichnen und hier wohl den größten der Bauer Mickoleit mit dem 1938 geborenen, später Hauptbeschäler gewordenen Hengst ,Jolmond" beim Marbacher Landgestüt. Dieser zähe, unverwüstliche und berühmt gewordene Hengst überstand nicht nur den Treck über das Eis des Frischen Haffs, sondern war so gesund und kraftstrotzend, daß er eine Lebensdauer von 27 Jahren erreichte und erst 1965 verstarb.

Man verstand es in Rautengrund, Familienfeste zu feiern und die Großbauern konnten es sich leisten, etwa bei Hochzeiten soviel Gäste einzuladen, daß 50 und mehr Wagen an der Fahrt zur Kirche nach Großlenkenau erforderlich waren (und auch kamen), um die ca. 200 geladenen Gäste in einer langen Wagenkolonne zu befördern. Was so eine große Bauernhochzeit, die man manchmal einige Tage feierte, an Arbeit, Aufwand und Geld kostete, kann man sich ungefähr ausrechnen. Nun - man war sehr sparsam in anderen Dingen, doch eine Hochzeit durfte schon was kosten.

Wieviel Verluste Rautengrund im 1. Weltkrieg zu beklagen hatte, ist nicht genau bekannt, wahrscheinlich sind es etwa zwei Dutzend an Gefallenen gewesen. Viel, viel größere Opfer jedoch waren als Folge des 2. Weltkrieges zu verzeichnen; mit der Zahl von 100, das wären 20% seiner Bevölkerung, muß gerechnet werden. Die Namen der Gefallenen sowie der auf der Flucht verstorbenen und der von den Russen getöteten früheren Einwohner und auch der nach Rußland Verschleppten konnten bis jetzt, fast 22 Jahre nach Kriegsende, nur zu einem kleinen Teil ermittelt werden, es sind dies:

Max, Erich, Otto und Herbert Feige, Erich Kurras, Kolat, Milkereit, Herbert Ohlendorf, Ewald Röske, Emil Sieloff, Radtke, Franz Tautorat, Erich Wedereit und Christoph Kummetat, letzterer verstarb 1945 in der Heimat an den von betrunkenen russischen Soldaten erlittenen Stichverletzungen.

Letzter Bürgermeister der Gemeinde Rautengrund war Paul Kurras.

Quelle: Auszug aus dem Heimatbuch "Am Memelstrom und Ostfluß"
von Ernst Hofer © 1967; (Text und Bild)
Herausgeber Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V. - Wiederauflage 1994

letzte Statistik 1939
Rautengrund (Einw.:  521  ; Fläche:  1.394 ha )
  • alter Namen : Raudschen (Raudszen)
    • nach 1945 :  Rjadino

      • Aschelingen
        • alter Namen: Aszolienen
      • Dachsberg,Fö.
      • Lenken
        • nach 1945 :  Lagernoe

Anmerkung: Ort und Wohnplätze zugehörig zu Ksp. Großlenkenau

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 0999 (Baltupönen) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Weitere Beiträge
Wir waren Zuhause - Reise nach Rautengrund 2006 (als pdf-Datei - ca. 500 KB)


Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 18.06.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 30. Dezember 2010