| Beschreibung einer ostpreußischen Gemeinde im Kreis Tilsit-Ragnit, Regierungsbezirk Gumbinnen | |
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von Werner Metschulat
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Bei der Gemeinde Rautenberg handelt es sich um eine verhältnismäßig späte kommunale Gründung, da dieser Ort in einer Karte von 1800 noch nicht verzeichnet war, während die nahe umliegenden Ortschaften: Camanten, Friedrichswalde und Antagminehlen kartografisch schon erfaßt waren. In dem Buch "Regierung Gumbinnen, 1818", - der Regierungsbezirk Gumbinnen nach seiner Lage, Begränzung, Größe, Bevölkerung und Eintheilung - wird der Ort erstmalig als Ansiedlung, bestehend aus drei Feuerstellen und 18 Seelen genannt und vermerkt, daß diese Ansiedlung zu der Zeit zur Domäne Lesgewangminnen (zuletzt Lesgewangen) gehörte. |
![]() Die Kirche in Rautenberg vor 1944 Bild. Fritz Brix |
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In den folgenden 50 Jahren ist offenbar eine verstärkte Besiedlung und auch eine wirtschaftliche Entwicklung erfolgt, sodaß diese einstige Ansiedlung am 30. 6.1874 offiziell als selbständige Gemeinde Rautenberg im damaligen Landkreis Ragnit gegründet worden ist. Da es in diesem Landschaftsbereich keine Bodenerhebungen (Berge) gab, kann die Bezeichnung Rautenberg nicht aus der Landschaftsform abgeleitet sein. Es liegt die Vermutung nahe, daß diese Bezeichnung von einem der ersten Ansiedler Salzburger Abstammung mit dem Namen "Rautenberger" oder ähnlich abgeleitet worden ist. Im Zuge weiterer Entwicklung sind die benachbarten Ortschaften: Friedrichswalde, Kamanten und Kernwalde in die Gemeinde Rautenberg eingegliedert worden. Die Gemeinde lag im südostwärtigen Teil des Kreises Tilsit-Ragnit (vor 1919 Kreis Ragnit) und unmittelbar an der Grenze zum Nachbarkreis Schloßberg (früher Pillkallen). Zur Kreisstadt Tilsit waren es ca. 45 Straßenkilometer, nach Ragnit 33 und zur Kreisstadt des Nachbarkreises Schloßberg ca. 20 km. Die geographische Lage kann "hart südlich des 55. Breitengrades nördlicher Breite und etwa in der Mitte zwischen dem 20. und 25. Längenkreis östlicher Länge" bezeichnet werden. Anscheinend sind bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch keine größeren Veränderungen bei der Ansiedlung Rautenberg eingetreten, da bei den damaligen Kirchspielgründungen erst das Kirchspiel Friedrichswalde am 5. 6. 1853 als Provisorium gegründet worden ist, wo auch ein Gebäude auf dem Gelände des Gutsbesitzers Liebe-Friedrichswalde als Kirchengebäude zur Verfügung stand (Kreisbuch Tilsit-Ragnit, S. 305, 334/35 + 348). Dieses Kirchspiel ist durch Abtrennung von Gemeinden der schon bestehenden, großen Kirchspiele: Budwethen (zuletzt Altenkirch) Kraupischken (zuletzt Breitenstein) und Kussen, das schon zum Kreis Pillkallen (zuletzt Schloßberg) gehörte, gebildet worden. |
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Die Gemeinde Rautenberg zählte 1925 ca. 278 Einwohner, wobei 1939 dann schon 580 Personen wohnten. Im Amtsbezirk Rautenberg waren es ca. 2000 Einwohner. Zur Kirchengemeinde gehörten 1925 ca. 4000 Seelen. Bei der Entstehung des Dorfes Rautenberg kann man von folgender Überlegung ausgehen: Da es in diesem Gebiet keine Berge gab, können nur Salzburger Einwanderer aus dem Hohensalzburger Gebiet (Lengwethen), die den Namen "Rautenberger" oder ähnlich führten, zur Namensgebung beigetragen haben. In einer Karte von 1800 wurde Rautenberg noch nicht erwähnt, während Camanten, Friedrichswalde und Kl. Antagminnen (wohl richtig Antagminehlen) schon kartographisch erschienen. Aus einem Buch, den Regierungsbezirk Gumbinnen betreffend, aus dem Jahre 1818 konnte man ersehen, daß zu diesem Zeitpunkt der Ort Rautenberg aus drei Feuerstellen und 18 Seelen bestand. Er gehörte zu dieser Zeit zur Domäne Lesgewangminnen (zuletzt Lesgewangen). Unbekannt ist, wo die ersten 18 Einwohner ihre Unterkunft hatten. Vermutlich waren es die Häuser gegenüber Naujeck, neben der Schule und neben Gustav Böhm. Zu dieser Zeit war die Kirche in Budwethen (zuletzt Altenkirch) für Rautenberg zuständig. Die Gemeinde Rautenberg, Kreis Ragnit, wurde am 30.6.1874 gegründet, wobei die erste Kirche schon 1853 provisorisch aufgebaut wurde. Dieses Provisorium hat wohl bis etwa 1866 angedauert, da ca. 1867 schon mit dem Bau einer massiven Kirche in Rautenberg auf den Grundmauern eines Pferdestalles des Gutsbesitzers Hofer, Gr. Skaisgirren (zuletzt Großschirren) begonnen worden ist. 1876 wurde diese Kirche eingeweiht, ein einfaches, rechteckiges Gebäude mit einem Giebelturm als Glockenträger für eine Glocke. Die Kirche hatte ca. 500 Sitzplätze. Mit der Einführung der Amtsbezirke in Preußen wurden diese jeweils nach den Kirchdörfern benannt und die Amtssitze der Amtsvorsteher in die jeweiligen Kirchdörfer verfügt. Im Zuge dieser staatlichen Einrichtung wurde auch Rautenberg Amtsbezirk, zu dem folgende, damals zum Kreis Ragnit gehörende Gemeinden (zum Teil mit Ortsteilen) zählten: |
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Gewerbebetriebe:
2 Kolonialwarengeschäfte mit Eisenwaren und Baustoffen (Naujeck + Neubacher) 2 Fleischereien (Drinkmann + Pasenau) 2 Bäckereien (Greit + Quittschau) 1 Molkerei, Genossenschaftsbetrieb (Kohls) 1 Motormühle als Zweigstelle der Breitensteiner Mühlwerke 2 Landwarenhandlungen a) Zweigstelle der Kornhausgenossenschaft Tilsit (Bartel) b) Maeder (Meienreis) 3 Restaurants: a) Hotel Naujeck, b) Neubacher, Saalbetrieb, c) Bahnhofswirtschaft 1 Drogerie mit Fotoservice (Moderegger) 1 Friseur (Stephan) 4 Schneider (selbständig) - Bennat, Ritzkat, Schäfer + Urbschat 3 Schuhmacher: Endrejat und 2 x Neubacher 2 Textilgeschäfte (Bayer und Kaewel) 1 Maschinenstrickerei (Maurischat) 1 Mangel- und Plättbetrieb (Bieleit) 1 Uhrmacher mit Schmuck- und Radiohandel (Courvoisier) 1 Sattlerei (Tommuscheit) 2 Tischlereien (Lenkeit + Petszelies) 1 Zimmerei (Schettler) 1 Bauunternehmen (Hasenbein) 1 Maler (Paleit) 1 Klempner (Flamming) 1 Geschäft mit Fahrrädern, Nähmaschinen, Schreibwaren und Geschenkartikeln (Gavlick) 1 Geschäft mit Zweirädern und Nähmaschinen (Neubacher) 3 Tankstellen: Standard-Oil = Naujeck, Shell = Neubacher, Aral = Gavlik. Diese Tankstellen gehörten zu anderen schon bestehenden Geschäften. 1 Dieselöllager (Meienreis), wie vor! 1 Autovermietung (Dill) 1 Fuhrunternehmen mit Pferd und Wagen (Lkw) = Josupeit 2 Schmieden (H. Bartel + Prußeit) 1 Schmiede- und Autowerkstatt (E. Bartel) 1 Landmaschinenreparaturwerkstatt mit Handel (Hennig) 9 Viehhändler: G. Böhm, Heigel, Kehler, Knier, Kokat, Quese-leit, Schulz, Westphal + Wist. |
| Ortsnamen ab 1938 | vorherige Ortsbezeichnungen |
| Balzershöfen Birkenfelde Henndorf Jägerfeld Karonen mit Großschirren Kleehausen Kuben Lichtenrode mit Brachfeld Lindenthal mit Karlen Moritzfelde Schuppen Windungen |
Baltruschatschen Alt Moritzlauken Neu Wischteggen Welnabalis Gr. Skaisgirren Laugallen Kubillehnen Kl. Skaisgirren Barachehlen Karalkehmen Neu Moritzlauken Szuppen Alt Wingeruppen |
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Während die Bildung der Amtsbezirke als politische Gliederung jeweils nur innerhalb der Kreisgebiete erfolgte, waren die Kirchspiele an diese politischen Grenzen nicht gebunden, so daß zu einem Kirchspiel auch Gemeinden mehrerer Kreise gehören konnten. Zum Kirchspiel Rautenberg gehörten 1925 und vermutlich auch bis zur Vertreibung 1944/45 alle Gemeinden des Amtsbezirks, jedoch ohne die Gemeinde „Kuben", hinzu kamen aber die Gemeinden: |
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| Ortsnamen ab 1938 Kuttenhof mit Altstonen Altweiden |
vorherige Ortsbezeichnungen Kuttkuhnen Alt Stpnupönen Alt Wischteggen |
| Sowie folgende Gemeinden aus dem Kreis Schloßberg (Pillkallen) | |
| Ortsnamen ab 1938 Bärenfang Bärenbach Blumenthal Bröden Droschwalde Ebenwalde Grüneichen Grünrode Grünwalde mit Grünkrug Iwenberg Kleinsprge Neuweide u. Teil v. Ritterswalde Schwarzfelde Waldenau |
vorherige Ortsbezeichnungen Kl. Meschkuppen Brödlauken Droszwalde/Neu Girrehlischken A Girrehlischken B Gr. Baltruschehlen Orupönen Kl. Jodupönen Neu Wingeruppen Trakeningken Gr. Jodupönen Uszgirren |
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Die Gemeinde Rautenberg hatte sich mit den Ausstattungen als Kirchdorf und als Amtsbezirk zum Mittelpunkt für Verwaltung, Handel und Gewerbe (Handwerk) so entwickelt, daß sie weitaus älteren Kirchdörfern keineswegs nachstand. Nach der Volkszählung von 1939 und dem Verzeichnis der Heimatauskunftstelle für den Regierungsbezirk Gumbinnen hatte die Gemeinde mit den angeschlossenen Ortschaften |
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| eine Größe von eine Einwohnerzahl von Einwohnerzahl des Amtsbezirks von und eine Einwohnerzahl des Kirchspiels von |
855 ha 634 Personen 1612 Personen 3639 Personen |
| Eigene Stromversorgung hatten anfänglich drei Betriebe: Hennig (Windturbine), Metschulat (Dieselmotor), Molkerei (Dampfkraft). Die Gemeinde wurde ca. ab 1926 teilweise mit elektrischer Energie durch das Ostpreußenwerk versorgt, die in den Jahren bis zum 2. Weltkrieg wesentlich erweitert wurde. | |
| Die Landschaft war sehr eben, im Mittel ca. 35m über dem Meeresspiegel mit kleineren Erhebungen um etwa 6m. Bei einem kleinen Wäldchen nordostwärts befand sich eine Schießanlage. Der Steinbach (Akmenis), 1,5-2m breit, floß südlich an der Gemeinde vorbei und mündete bei Lesgewangen in die Inster. Im Ort selbst waren einige Teiche, die wohl als Feuerlöschteiche gedacht waren. |
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Verkehrsmäßig war Rautenberg recht gut erschlossen. Durch den Ort führte die gut ausgebaute Chaussee von Schloßberg über Hensken und Neusiedel zu dem Straßenzentrum Hohensalzburg. Im Ortsbereich war diese Straße asphaltiert. Weitere gut ausgebaute Straßen führten: eine vom Ort aus in nordostwärtiger Richtung nach Haselberg und eine nördlich vom Ort ab Kamanten in westlicher Richtung über Gut Lindenthal, Kuttenhof zu der asphaltierten Straße Neusiedel - Breitenstein. Die Verbindungen zu den einzelnen Orten im Amtsbezirk waren einfache, gut befahrbare Landwege, wie sie in unserer Heimat allgemein bestanden haben. |
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Die 1893/94 in Betrieb gesetzte eingleisige Eisenbahnverbindung Tilsit-Ebenrode (damals Stallupönen) über Rautenberg hat zu einer enormen Fortentwicklung der ganzen Region erheblich beigetragen. Drei Zugpaare verkehrten täglich, und zeitweise wurde auch noch ein Triebwagen zwischen Tilsit und Rautenberg eingesetzt. Neben dem Personenverkehr wurden Güter- und Viehtransporte durchgeführt, da auch hierfür die erforderlichen Vorrichtungen bestanden. Neben der Entwicklung von Gewerbe, Handwerk und Handel war die Landwirtschaft noch ein bedeutender Faktor im Wirtschaftsgefüge der Gemeinde geblieben. Bei dem schweren und überdurchschnittlich guten Boden mit einem Hektarsatz von 700 RM (steuerliche Bewertung) wurde Roggen, Weizen, Gerste, Hafer und Klee bevorzugt angebaut. Wie in der heimatlichen Landwirtschaft allgemein, wurde neben der Tierhaltung für den eigenen Bedarf auch Pferdezucht, Vieh- und Schweinezucht unterhalten. Die Milchwirtschaft war damals nur ein Teil der gemischten Gesamtwirtschaft. Die Milch wurde zur Verarbeitung an die örtliche Molkerei geliefert. Zwei Güter "Bader und Holder" gehörten zur gemeindlichen Landwirtschaft. |
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Marktwesen: Allwöchentlich am Freitag war Markttag. Vor den Anwesen Naujeck und Drinkmann wurden vorwiegend landwirtschaftliche Erzeugnisse angeboten.
Poststelle: Schon vor 1917 war in der Gemeinde eine Poststelle eingerichtet worden. Fünf Landzusteller versorgten postalisch auch Gemeinden im Kreis Schloßberg. Telefonische Versorgung bestand ebenfalls. Leiter des Postamtes war Herr Dorn. Kirche: Als letzte Pfarrer an der evangelischen Kirche amtierten: Walter Noetzel, zuletzt Kaiweit. Bei zwei freikirchlichen Gemeinden: Hasenbein und Schäfer. Polizei: Zwei Beamte, Wittky und Masur. |
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| Feuerwehr: 1918 gegründete freiwillige Feuerwehr mit einer Motorspritze auf Kraftwagen unter Leitung von H. Bartel. Schule: An einer zweiklassigen Volksschule mit angeschlossener gewerblicher Berufsschul- Vorstufe unterrichteten folgende Lehrkräfte: Eickelmann, Wittkamp und Frl. Siemer. Gesundheitswesen: Ein Zahnarzt (Heer), eine Gemeindeschwester, zwei Hebammen (Battke und Wist). Praktische Ärzte und Apotheken standen in Altenkirch und Breitenstein zur Betreuung. Ein Tierarzt (Dr. Altenstein). |
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Eine Zweigstelle der Kreissparkasse Tilsit-Ragnit, die zuerst als Nebenstelle von Altenkirch eingerichtet war, beherbergte und verwaltete die Finanzen der Bürger. Eine Raiffeisenkasse soll auch bestanden haben. Die ungewöhnlich hohe Zahl an Handels- und Gewerbebetrieben hat sich im Laufe der Entwicklung aus der Lage der Gemeinde zu den umliegenden Städten ergeben, da die nächste Stadt über 20 km entfernt und die weiteren über 30 und über 40 km entfernt waren. Wer wollte schon wegen des üblichen Bedarfs, gleich welcher Art, solche weiten, umständlichen und zeitraubenden Fahrten bzw. Reisen in Kauf nehmen. Doch im Herbst 1944 zwang das nahende Kriegsgeschehen auch die Einwohner von Rautenberg, ihre blühende Heimatgemeinde zu räumen und auf eine weite, sehr umständliche Reise ohne Wiederkehr zu gehen. Das Kirchdorf Rautenberg liegt seit 1945 im russisch besetzten Teil von Ostpreußen und hat die Ortsbezeichnung "Uzlovoe". |
| Autor: Werner Metschulat, Braunschweig, Bilder: Sammlung Metschulat Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 41/1987 Seite 13ff |