Kirchspiel Rautenberg
Rautenberg - eine Dorfchronik
von Karl Detlefsen

Im südlichsten Teil des Kreises Tilsit-Ragnit, unmittelbar am Kreise Schloßberg und im Norden durch den Oberlauf des Insterflusses begrenzt, lag das Kirchdorf Rautenberg als Mittelpunkt für den Amtsbezirk, das Standesamt und Kirchspiel. Nach Einverleibung der ehemals selbständigen Gemeinde Friedrichswalde, Kernwalde und Kamanten zählte Rautenberg rund 500 Einwohner und der Amtsbezirk rund 2000 Seelen. Verkehrsmäßig erschlossen war es durch die durchführende Hauptstraße Ebenrode-Schloßberg-Hohensalzburg-Schillen, bzw. bei Hohensalzburg abbiegend über Ragnit nach Tilsit, sowie durch ihren Hauptbahn-Anschluß Ebenrode-Tilsit. Im übrigen führten ausgebaute Straßen in den Kreis Schloßberg und über Lindenthal-Breitenstein nach Insterburg. 

Über die Gründung des Dorfes sowie über den Ablauf der Zeit bis zu Zwangsräumung im Oktober 1944 lagen bei den örtlichen Behörden keine und bei der Kirche nur geringe Aufzeichnungen vor. Es konnte daher über die Namengebung auch keine Feststellung getroffen werden. Da Rautenberg völlig eben im Lande lag und sich auch kein Berg in der Nähe befand, ist anzunehmen, daß die Endung des Namens auf "berg" nichts mit der örtlichen Lage zu tun hat. Glaubwürdiger erscheint es, daß Rautenberg der Familienname des Gründers gewesen ist und daß dieser seinerzeit mit den Salzburgern einwanderte
(Anmerkung d.Red. : siehe hierzu das Ergebnis einer Recherche).

Die bis in die Neuzeit im Bezirk Rautenberg anzutreffenden Namen Hammerschmidt, Forstreuter, Rohrmoser, Zogeiser und andere dürfen erhärten, daß das Gebiet von den Salzburgern besiedelt wurde und daß diese dem Dorf den rein deutsch klingenden Namen gaben.

Die erste Kirche wurde im Jahre 1853 auf dem Gut Friedrichswalde (letzter Eigentümer Bader) erbaut, da der damalige Besitzer Grund und Boden und wohl auch ein Gebäude zur Verfügung stellte. Sie hat nicht lange gestanden. Dann wurde etwa 1860 die heutige Kirche auf den Grundmauern eines zum Gut Großschirren gehörigen Pferdestalles errichtet.

Zum Kirchspiel Rautenberg gehören die Ortschaften des Amtsbezirks Rautenberg und Amtsbezirks Grünrode im Kreise Schloßberg.Der Kirchenbesuch war recht rege und es sei vermerkt, daß auf Wunsch einiger alter Eingesessener im Jahre 1938 noch ein Gottesdienst in litauischer Sprache von Superintendent Garmeister/Ragnit gehalten wurde. Zur Kirche gehörte ein sehr geräumiges Pfarrhaus nebst Wirtschaftsgebäude für das vorhandene Pfarrland.



Bild links: Kriegerdenkmal 1935

Rautenberg und Umgebung waren rein landwirtschaftlicher Struktur. Einem schweren Lehmboden, der sich in allen Farben von graublau bis rötlichgelb präsentierte, mußten die Ernten im wahrsten Sinne des Wortes abgerungen werden. Groß- und Kleingrundbesitz haben sich hierin beispielhaft bewährt und durch schwere Arbeit und mit viel Erfahrung diesem "Schluff" Weizen und Klee-Ernten abgetrotzt, die ihnen Ehre machten. Der Bezirk Rautenberg war für seinen Großanbau in Kleesaaten bekannt und wurde auf der Station mancher Waggon in diesen Artikeln komplettiert. Wegen des schweren und oft nassen Bodens war die Grünlandwirtschaft rentabel, und so entstand auf dem Gut Großschirren einer der größten Weidebetriebe in der Provinz. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß Rautenberg und Umgebung zum Warmblutzuchtgebiet gehörte und daß zur Zeit des Bedarfs manches Jungpferd als Remonte in die Hand des Staates ging. Auch die Rinderzucht war auf höchster Höhe und natürlich dem Herdbuch angeschlossen.An diesen Erwerbs- und Erzeugerzweigen war der Klein- und Mittelbesitz maßgeblich beteiligt, und gerade der Kleinbesitz war Halter der edlen Stuten, deren Fohlen dann meist zur Aufzucht an die Großbetriebe abgegeben wurden. Über welch' Wissen und Erfahrung mußte also gerade der Kleinbauer in diesem Fach verfügen.


"Gruß aus Rautenberg /Ostpr." eine Postkarte von damals (Archiv Kreisgemeinschaft)

Der umfangreiche bäuerliche Besitz des Bezirks brachte es natürlich mit sich, daß sich das Kirchdorf auf Abnahme und Belieferung der Betriebe einstellte. So entstanden am Bahnhof umfangreiche Verladerampen einschließlich Kopframpe für größere Güter und zwei größere Unternehmungen des Getreide-, Saaten- und Kunstdunghandels. Viehhandelsbetriebe machten auf und, aus Privatbesitz übernommen, wurde eine Großmolkereigenossenschaft mit einer Spitzenverarbeitung in der Milchschwemme von 40.000 Liter täglich. Sie bewies unter anderem den Fortschritt, den der Landbesitz in der Milcherzeugung erlangt hatte. Natürlich war auch eine neuzeitliche Mahlmühle mit Motorenantrieb errichtet, und zur Befriedung aller anderen Bedürfnisse sorgten 2 Schmieden, 2 Tischlereien, 2 Bäckereien, 2 Fleischereien, 3 Tankstellen und 2nleistungsfähige Gasthäuser mit Fremdenbetten und Handlungen in Kolonialwaren, Baumaterialien, Steinkohlen und Eisenteilen.

Eine bestens eingerichtete und geleitete Werkstatt für Verkauf und Reparaturen landwirtschaftlicher Maschinen, eine Klempnerei und ein Uhrmacher beschlossen diesen Reigen, so daß das Dorf mit der Zeit als wohlgerüstet anzusprechen war. Um aber allen Betrieben den Geldverkehr zu erleichtern und im Interesse der Wirtschaft Spargelder einzusammeln, eröffnete die Kreissparkasse Tilsit-Ragnit einem Neubau des Amtsvorstehers eine Nebenstelle, die, wie die gesamte Wirtschaft in Rautenberg, schnell erblühte und einen ungeahnten Aufschwung nahm, zur Zufriedenheit der Einwohner.


Blick auf das Bahnhofsgelände 1942 vom Mühlengebäude aus

Eine mehrklassige Schule mit angeschlossener Berufsschule sorgte für eine gute Ausbildung der Kinder, ein doppelter Gendarmenposten für Ruhe und Ordnung, die Feuerwehr in neu erbauter Spritzenhalle und mit Motorspitze und Schaumlöschgerät für schnellste Arbeit im Feuerfalle, eine Postagentur für Erfüllung ihrer Pflichten, ein Zahnarzt für die Zähne und eine Schwesternstation nebst zwei Hebammen für die Betreuung der Lebenden und Kranken. Im Amt waren die Bürgermeisterei, das Standesamt, das Schiedsmannamt und die Rechnerei zusammengefaßt. Hier arbeitete der Amtsvorsteher mit drei Gehilfen..


Postkarte von Rautenberg 1928: oben: Hotel-Restaurant Otto Naujeck
unten links: Bahnhof; unten rechts: Mühle Gebr. Metschulat

Einige Jahre vor dem Kriege wurden 12 Kleinsiedlungen auf Kirchenland erbaut und vornehmlich an kinderreiche Familien vergeben. Die weitere Errichtung von Siedlungen war von der Gemeinde beschlossen. Sie konnte infolge des Krieges jedoch nicht mehr ausgeführt werden.

Für Geselligkeit und Unterhaltung sorgten die Freiwillige Feuerwehr, der Landwirtschaftliche Frauenverein und andere Verbände, indem sie ihre jährlichen Stiftungsfeste im geräumigen Saal Neubacher mit Tombola (zugunsten der Schwesternstation) und ausgiebigem Verzehr an Alkohol feierten. Ein Reisekinobesitzer kam allwöchentlich ins Dorf und sorgte für Belehrung und Unterhaltung.

Interessant ist vielleicht noch, daß der Großvater von Agnes Miegel auf dem Friedhof in Großschirren bestattet wurde und daß das Grab bis zur Zwangsräumung erhalten war.


Der Krieg!

Rautenberg ist von unmittelbaren Einwirkungen des Krieges ziemlich verschont geblieben, mit Ausnahme der Schäden, die zwei im letzten Kriegsjahr täglich erscheinende Tiefflieger verursachten. Diese beiden Maschinen flogen jeden Vormittag die Bahnstrecke Ebenrode-Neusiedel ab und beschossen den dann verkehrenden Güterzug mit stetem Erfolg, so daß Lokomotiv- und Personenschäden zu verzeichnen waren. Nach Erfüllung dieses Auftrages schossen sie mit Brandmunition in Scheunen der größeren Güter und zündeten je eine Scheune von Kamanten, Gut Kleinlesgewangen und Gut Lesgewangen an. Im übrigen wurden die aus dem Kreis Schloßberg durchmarschierenden Riesenherden von Rindern aufs Korn genommen, so daß an einem Tage etwa 15 Tiere auf Rautenberger Feld liegen blieben, die in der in Rautenberg errichteten Freibank verwertet wurden. Ein einziges Mal fielen auf Rautenberg Bomben, die ein russischer Bomber bei einem Angriff auf Tilsit nicht losgeworden war und auf dem Heimflug unserem Dorf servierte. Das geschah nachts, und die Minen fielen in den Garten der Kirche, der Schule und in den Hof vom Gasthof Naujeck. Nur hier wurde Schaden angerichtet, der sich aber schnell reparieren ließ. Ein einzelner Tiefflieger griff unseren Tierarzt auf offener Straße an und verletzte ihn tödlich. Ebenso erging es unserem Inspektor des Gutes Domäne Löbenau (Kreis Schloßberg), der geschäftlich in Rautenberg weilte. Obgleich etwa in 15 Kilometer Luftlinie eine Stuka-Staffel lag und sich ein Brennstofflager im AdlerswalderForst befand, erhielt die Staffel trotz dringender Bitten der Bevölkerung keine Starterlaubnis, um diese langsam fliegenden Tiefflieger der Russen zu bekämpfen.

Der Befehl zur Räumung unserer Ortschaft kam im Oktober 1944. Die Bevölkerung mit eigenen Fahrzeugen wurde unter Betreuung durch die Bauernschaft in zwei Trecks nach Bartenstein und Miswalde (Kreis Mohrungen) in Marsch gesetzt. Die übrige Zivilbevölkerung wurde verladen nach Miswalde. Hierbei hat sich der damalige Ortsgruppenleiter der NSV, Herr Meienreis, besonders eingesetzt und ausgezeichnet.

Durch seine gute Verbindung zur Bundesbahn wurde ihm ein Zug mit 50 Waggons, darunter viele Leerwagen für Gepäck zur Verfügung gestellt, der dann als letzter Zug für Zivilverkehr die Strecke passierte und nach einigen Zusammenstößen mit Tieffliegern unbe-schädigt sein Ziel erreichte.

Rautenberg: Kirche 1995
Die kleine Dorfkirche
des Kirchspiels Rautenberg im Jahre 1995
(die Reste der Ruine wurden ab1998 vollständig beseitigt !! Nichts ist übrig geblieben)

Außer dem Fall Tierarzt sind mir keine Ausfälle an Menschenleben aus unserem Dorf bekannt geworden, in Miswalde konnten Herrn Meienreis und ich unsere dort untergebrachte Bevölkerung noch mit Brennmaterial und Kleidung für den ganzen Winterbedarf versorgen. Durch den Durchbruch der Russen von Allenstein nach Elbing wurde unsere Flucht allerdings dringlich, so daß jede weitere Betreuung mit dem 21 . Januar 1945 aufhören mußte. Da gab es nur noch die Parole "Rette sich wer kann!".

Einigen Vertrauensseligen und Unentwegten, die unter der Devise "Die Russen sind auch Menschen" freiwillig zurückblieben, soll es übel ergangen sein.

Autor: Karl Detlefsen (Text)
Bilder: Sammlung Metschulat (3) - Fritz Brix (1x) - Kreisarchiv (2x)
Quelle: "Land an der Memel" Nr. 63/1998 (Text)

Rautenberg - Ansiedlung und Eigenname
Ergebnis der Recherchen durch Matthias Hofer und Werner Metschulat

In der vollständigen Topographie Königreich Preußen vom 1785 ist der Ort "Rautenberg" noch nicht verzeichnet. Auch auf einer Karte von Schroetter aus dem Jahre 1802 ist der Ort "Rautenberg" noch nicht erwähnt.

Die Namensgebung des Ortes Rautenberg ergibt sich wahrscheinlich durch die käufliche Landnahme von Gottfried Rautenberg im Jahre 1772 von Herrn Hofer aus Skaisgirren. Die Familie Hofer (Salzburger) waren Eigentümer des Rittergutes in Gr. Skaisgirren seit 1753 durch Kauf.
Die "Rautenberg´s" waren niedersächsische Auswanderer aus dem Gebiet zwischen Hildesheim und Celle.
Erstmalig wurde der Ort "Rautenberg" in einer Schrift " Der Reg.Bezirk Gumbinnen von 1818" als Ort mit drei Feuerstellen und 18 Seelen als erbfreies Dorf erwähnt, so daß man die Gründung des Ortes zwischen 1772 und 1818 annehmen kann.


letzte Statistik 1939 :
  • Rautenberg : Einwohnerzahl : 643 (Stand 17.Mai 1939 ) Fläche : 855 ha
    • nach 1945 : Uzlovoe

    • zur Gemeinde gehörten die Wohnplätze
      • Kernwalde ( alter Name: Antagminehlen bis 16.07.1938 )
      • Friedrichswalde
      • Kamanten ( alter Name: Groß Kamanten bis 1895)

Anmerkung:
1) Kirchspieldorf - Ksp. Rautenberg seit 1853 durch Abzweigungen von Ksp. Budwethen,
Kraupischken, Kussen und Pillkallen
2) Die zur Gemeinde gehörenden Wohnplätze existieren nicht mehr!

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 1199 ( Rautenberg) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Hinweis:
Mit Wirkung vom 16.07.1938 trat im Landkreis Tilsit-Ragnit eine Gebietsreform in Kraft, bei der die Gemeindzugehörigkeit neu geordnet und viele Umbenennungen vorgenommen worden sind. Folgende Ortsnamen in der "Dorfchronik Rautenberg" waren davon betroffen:
von in
Pillkallen
Antagminehlen
Stallupönen
Lengwethen
Gr. Skaisgirren
Orupönen
Neujeningken
Kimschen
Löbegallen
Groß Schorellen
Schloßberg Ostpr.
Kernwalde
Ebenrode
Hohensalzburg
Großschirren
Grünrode
Neusiedel Ostpr.
Klein Lesgewangen
Löbenau
Adlerswalde

Weitere Beiträge:
Das Kirchdorf Rautenberg von Werner Metschulat
Ortsplan (Skizze) von Rautenberg 1943 Teil 1 und Teil 2 (ca. 370 KB)
Hausbelegungsplan Stand 1939/1940 gemäß Ortsplan 1+2 (ca. 170 KB)
Ortspläne mit Hausbelegungsplan wurde durch Herrn Werner Metschulat, Braunschweig erarbeitet und zur Verfügung gestellt.




© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.06.1999
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 30. Dezember 2010