Noch eine wahre Geschichte.
Raubritter / Wegelagerer (Ostpreußen 1943)
von Reinhold G. Gäbel

Es war in den Sommerferien, mein Bruder Helmut, unser Freund Gerdschi und ich (Holle) spielten in der Regel vormittags immer in der Nähe unserer Ernährer, damit wir auf keinen Fall den Ruf zur "Fütterung" verpaßten. An diesem Tag war es besonders wichtig für Gerdschi, da er sich sein Mittagsmahl geschossen hatte. Gerdschi hatte von seinem Bruder, der Waffenmeister beim Militär war, eine wirklich schöne Armbrust und einen Tesching, der sogar einen gezogenen Lauf hatte, geschenkt bekommen. Uns überließ Gerdschi immer die Armbrust, mit der wir auf alles schössen, was sich bewegte und er schoß mit dem Tesching. Er traf wirklich jedes Ziel mit seinem Tesching, auf das er anlegte. Und an diesem Tage hatte er sich einige Sperlinge vom Dach geholt. Diese Jagdbeute hatte er seiner Mutter gebracht, die ihm daraus ein schmackhaftes Mahl zum Mittag bereiten wollte. Nach der stärkenden Mahlzeit hatten wir geplant, im Hohlweg der Chaussee nach Szillen in der Nähe vom "Bunten Bock" als Wegelagerer oder besser als Raubritter unser Unwesen zu treiben. Unsere Bewaffnung waren Speere, die wir uns aus Haselsträuchern herausgeschnitten hatten. (Tesching und Armbrust durften wir nur im "Überwachungsbereich" von Gerdschis Eltern benutzen.)

Sobald wir uns nach dem Mittagessen der elterlichen Gewalt entziehen konnten, zogen wir los. Da Raubritter ja immer beritten waren, trabten und galoppierten wir, Reiter und Pferd in eins, über unsere "Bleichwiese", durch Schäfers Grund, über Kuhweiden in Richtung "Bunte Bock". Kurz vor der Chaussee etwas links halten und wir hatten unser Ziel, den Hohlweg, erreicht. Die Chaussee hatte im Bereich des Hohlweges ein ordentliches Gefalle in Richtung Insterburger Straße, was die Fahrzeuge stark beschleunigte, wenn sie nicht rechtzeitig abgebremst wurden. Wir kletterten die Böschung hinauf, versteckten uns hinter einem Strauch, so daß wir die Anhöhe der Straße im Blickfeld hatten. Wir hatten uns geeinigt, auf Gerdschis Kommando die Speere gleichzeitig auf das Ziel zu schleudern.

Eine ganze Weile tat sich rein gar nichts auf der Chaussee, wir wollten schon Richtung Mouliner Wald unseren "Ritt" fortsetzen, als wir einen Pferdewagen hörten und auch über die Kuppe kommen sahen. Als der Wagen so nahe war, daß wir den Kutscher erkennen konnten, ließen wir den Angriff bleiben, die Sache war uns zu gefährlich. Wir beschlossen, ein für uns besseres Opfer abzuwarten. Und siehe da, über die Kuppe kam eine Radfahrerin, die ihr Fahrrad bergab ,,volle Pulle" sausen ließ, so daß ihre blonden Zopfe im Fahrtwind nur so wehten. Wir machten uns zum Werfen fertig und lästerten noch: "Dickmadam will nach Amsterdam!" dann zischte Gerdschi: "jetzt" und wir schleuderten unsere Speere Richtung Fahrrad. Zwei Speere verfehlten das Ziel. Aber einer traf, wessen das war? Wir wußten es nicht. Aber wir hörten plötzlich ein helles "Teng, Teng, Teng,..." und "Madam" ging auf dem Sattel sitzend mit des Fahrrades hinterer Hälfte langsam zu Boden, bis die Radnabe die Straße berührte, was auch Stopp der Sausefahrt bedeutete.

Totenstille auf der Straße, und wir standen hinter unserem Busch geschockt, mit offenen Mäulern; so hatten wir uns das nicht gedacht. Als die Radlerin den Speer im Speichensalat des Hinterrades entdeckte, ging auf der Chaussee ein fürchterliches Gefluche los: "Ihr verdammten Hunde, wenn ich euch erwische, ich hau euch zu Mus! Ihr feigen Strolche sollt in der Hölle auf ewig schmoren!..." Wir sahen uns an und zogen uns heimlich, still und leise Richtung Mouliner Wald zurück. Im Hintergrund das Gefluche immer leiser werdend verschwanden wir in der Sicherheit des Waldes. Etwas später liefen wir die Chaussee von Moulinen nach Breitenstein heim, als wäre nichts geschehen und wir drei kein Wässerchen trüben könnten.

Eine Woche später sah ich selbige Bauerntochter mit ihrem Fahrrad auf dem Marktplatz. Das Fahrrad war mit einem neuen Hinterrad ausgestattet, was mit Sicherheit mittels Kriegswährung (Eier, Schinken, Speck) bezahlt worden war. Das Fahrradgeschäft war mir wohl bekannt, das solchen Geschäften nicht abgeneigt war.

Als ich sah, wie sie freudig auf ihrem Rad davonfuhr, war der letzte Hauch eines schlechten Gewissens über unsere Raubrittertat verflogen.


Anmerkung: Gerdschi = Gerhard Raudszus
Helmut und Gerdschi sind schon seit Jahren tot.

Autor: © 2005 Reinhold G. Gäbel, Rüti (Schweiz),
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 78/2006

Heimaterinnerungen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 02.06.2006
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letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 29. Dezember 2010