Zur Geschichte des Kreises Tilsit-Ragnit
Die Zellstoff-Fabrik AG in Ragnit bis 1932
von Helmut Fritzler

Von hoher Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Ragnit war bis 1932 und darüber hinaus der zunächst unter dem Namen "Zellstoffabrik Ragnit A.G." geführte Industriebetrieb. Über dessen Gründung, Aufbau und technische Entwicklung sind aus dem "Heimatbuch des Kreises Tilsit-Ragnit" (Jahr 1932) von Erich Kuhnke viele der folgenden Informationen entnommen (hier teils wortgenau, teils gekürzt wiedergegeben).

Die ehemalige Zellstoffabrik Ragnit A.G. wurde am 29. Juni 1909 mit einem Aktenkapital von nominell 30.000 Mark in Ragnit gegründet. Die Generalversammlung faßte am 18. Mai 1910 den Beschluß zum Bau einer kombinierten Papier- und Zellstoffabrik. Das Haupterzeugnis sollten zunächst Elfenbeinkartons sein. Das Aktienkapital erhöhten die Besitzer auf 2 Millionen Mark. Nun begannen umfangreiche Vorarbeiten zur Aufschüttung eines Dammes vor der Memel und zur Herstellung der Fundamente. Da die Maurerarbeiten Anfang Oktober 1910 begonnen hatten, konnten bis Ende 1910 schon einige wichtige Bauabschnitte im Rohbau vollendet werden. Die weiteren Bauarbeiten erfolgten von Anfang 1911 bis Mitte 1912, so daß bis Jahresende 1912 die Maschinen zur Herstellung von Zellstoff und Papier aufgestellt werden konnten und nach einem erfolgreichen Probelauf die Produktion im kleinen Umfang schon begann. Das Aktienkapital wurde um weitere 1,5 Millionen Mark erhöht. Dadurch erweiterte sich das Werk in den Jahren 1913 und 1914 beträchtlich. Leider verhinderte 1914 der Ausbruch des l. Weltkrieges die Inbetriebnahme der erweiterten Anlagen. Da der größte Teil der Arbeiter und Angestellten zum Wehrdienst einberufen war und außerdem die deutsch-russische Front bald bedenklich nahe rückte, mußte der Betrieb vorläufig ganz eingestellt werden. Es ist wenig bekannt, daß Ragnit vom 23. August bis 12. September 1914 sogar von russischen Truppen besetzt war.

Im Jahr 1915 begann die Zellstoffabrik im kleinen Umfang wieder zu produzieren, wobei fast nur noch Frauen beschäftigt wurden. Eine nochmalige Erweiterung erhielt die Fabrik durch den Bau einer Sulfit-Spiritus-Anlage. Diese konnte im März 1918 in Betrieb genommen werden, aber nur in Etappen. Die Anlieferungen von Steinkohle nahmen gegen Ende des l. Weltkrieges und weiter bis ins Jahr 1919 hinein immer mehr ab, da mußte die Produktionskapazität der Zellstoffabrik eingeschränkt werden.

Die Besitzverhältnisse änderten sich im März 1922. Die Zellstoffabrik Ragnit A.G. wurde verkauft, und die neuen Besitzer verpachteten sie an die sog. Ragniter Zellstoff GmbH. Die jetzigen Besitzer ließen es sich viel kosten, bestimmte Betriebsbereiche besser zu organisieren und die Technologie des Produktionsablaufs zu verbessern. Nun begann das Werk durch Steigerung seiner Produktion rentabler zu arbeiten.


Die Zellstoff-Fabrik in Ragnit ( Bild: Kreisarchiv)

Die Belegschaft von 1912 mit 250 Beschäftigten stieg bis 1920/21 auf 450 bis 500, im Jahre 1922 auf 800 bis 900 und 1926 sogar auf 1000 Arbeitskräfte. Im Jahre 1932 waren es bei durchschnittlichem Betrieb ca. 750 Arbeitskräfte. Die Eigentümer der Ragniter Zellstoffabrik verkauften Ende 1925 das Werk an die Zellstoffabrik Waldhof-Mannheim, und diese übertrug das Ragniter Werk als Zweigniederlassung an die Zellstoffabrik Waldhof-Tilsit.

1932 wurde das Kleinbahngleis bis zum Ragniter Personenbahnhof durch ein Vollbahngleis ersetzt, wodurch die Zellstoffabrik für die zügigen Gütertransporte hin und her einen direkten Anschluß an das Eisenbahnnetz der Deutschen Reichsbahn erhielt. Das war ein weiterer wichtiger Schritt zur Rationalisierung. Von welcher Stelle aus man die Zellstoffabrik mit ihrem 75 m hohen Schlot auch erblicken konnte, ob vom Memelstrom oder von der Tilsiter Straße in Ragnit aus, sie zeigte sich als eine stattliche Industrieanlage am breiten Strom, die vielen Anwohnern Arbeit gab und der Stadt einen beträchtlichen wirtschaftlichen Aufstieg ermöglichte. Ragnit hatte zum Beispiel im Jahre 1905 - 4.908 Einwohner, 1925 - 7.662 Einwohner und 1937 - 9.293 Einwohner.

Autor : © 2003 Helmut Fritzler, Leipzig
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 72/2003




© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.08.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 28. Dezember 2010