Allgemeine und persönliche Erinnerungen an die katholische Gemeinde in Ragnit
von Maria Drossel

Unter den 10.000 Einwohnern Ragnit gab es 150 katholische Christen. Wir hatten anfangs weder Gotteshaus noch Pfarrer. Die Sonntagsgottesdienste hielt Probst Wronka aus Tilsit in der Burg, in der auch das Gefängnis untergebracht war. Durch lange Gänge, in denen es nach Erbrochenem roch, kamen wir in den kleinen Gottesdienstraum.

So ging es eine Zeitlang, bis wir eines Tages erfuhren, daß wir eine Kapelle mit Pfarrhaus und einen eigenen Pfarrer bekommen. Finanziert wurde der Bau aus Geldern der Diaspora-Hilfe.

Wir waren froh, als es soweit war, auch wenn wir einen langen Weg dorthin hatten, denn die Kapelle stand nach dem Aufbau-Gymnasium am Ende der Seminarstraße, fast auf freiem Feld.


Ragnit vor 1944: Katholische Kapelle mit Pfarrhaus

Unser erster Pfarrer war Pfarrer Hüttermann. Da er so Eigenheiten hatte, störten wir jungen Mädchen den Religionsunterricht, den er im Pfarrhaus hielt. Folge: "ausreichend" im Zeugnis!

Nachfolger war Pfarrer Palm. Als ich ihm das erste Mal an der Tür zur Kapelle begegnete, merkte ich gleich, daß er uns junge Menschen ernst nahm. So gab es keine Störung mehr im Unterricht!

Da ich Klavier spielen konnte, bat er mich, auf dem Harmonium die musikalische Begleitung der Lieder während der Gottesdienste zu übernehmen. Ein besonderes Ereignis war die Firmung, zu der Bischof Maximilian Kaller aus Frauenburg kam. Wir gehörten zum Bistum Ermland.

Ganz besonders ist mir der Gang zur Mitternachtsmesse in einer Hl. Nacht in Erinnerung geblieben. Ein Schneesturm tobte. Mühsam kämpften wir uns von der Zellstoff-Fabrik zur Seminarstraße, etwa 1/2 Stunde lang, hinauf. Als wir in der Kapelle waren, umfing uns ein tiefer Frieden. Unser letzter Pfarrer vor der Flucht war Pfarrer Wobbe.

Autor: © 2005 Maria Drossel, 78628 Rottweil (Text und Bild)
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 77/2005

Stadt Ragnit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 29.12.2005
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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 28. Dezember 2010