Zur Schulbildung in Ragnit um 1930
von Sigrid Gregor

Seit der Pisa-Studie mit dem nicht befriedigenden Abschneiden der deutschen Schüler vergeht kaum ein Tag voller Presseberichte und Fernsehdiskussionen, um den Grund dafür herauszufinden. Nun kommt man selbst ins Grübeln. Die Schüler haben doch heutzutage beste Bedingungen in den gut ausgestatteten Schulen. Die Klassen sind nicht zu groß. Schulbusse befördern die Kinder, die weite Wege zurücklegen müßten. Der Lehrstoff wird nach modernen Unterrichtsmethoden dargeboten.

Man denkt an die eigene Schulzeit zurück. 1933 wurde ich eingeschult. Da war der lederne Tornister üblich, in dem die Schiefertafel mit angebundenem nassen Sohwamm und kleinem Tuch herausragten. Weiter gehörte dazu der hölzerne Griffelkasten mit Griffeln und die Fibel. Im 2.Schuljahr kam das Schreibheft und der Federhalter dazu, noch später auch der Füllfederhalter. Eine kleine Umhängetasche mit Brotkapsel für das Pausenbrot durfte nicht fehlen. Die Bänke, aus rohem Holz gefertigt und nicht splitterfrei, gab es als Zwei- und Viersitzer. Tintenfässer waren noch üblich, die der Hausmeister füllen mußte. Die Tinte hinterließ natürlich ihre Spuren auf den Bänken. Der Hausmeister sorgte auch für die Wärme in den Klassen, das war in unseren langen und strengen Wintern sehr wichtig. Typisch ebenso die geölte Fußböden, deren Geruch ich immer noch in der Nase habe, nach fast 70 Jahren.

Der Rohrstock lag auf dem Pult bereit und war in den ersten Schuljahren durchaus nötig. Anders wäre eine gewisse Strenge und Disziplin in den überfüllten Klassen kaum möglich gewesen. In meinem 1. Schuljahr zählten wir über 50 Schüler, mehr Jungen als Mädchen. Sie bekamen den Stock öfter zu spüren. Bei den Mädchen tat es ein "Mutzkopf' (Ohrfeige).

Als Ort mit ca. 10.000 Einwohnern im äußersten Nordosten Deutschlands besaß die Stadt erstaunlich viele Schulen: 3 Grundschulen (die "rote" und die "gelbe" in der Kirchenstraße, die "graue" in der Landrat-Penner-Straße). In der Schützenstraße waren es die Mittelschule (ehemals Präparandenanstalt), die "Winter"-Schule (Landwirtschaftsschule) und die neu gebaute Berufsschule. Neu war auch die moderne Turnhalle, auf die wir Schüler sehr stolz waren. In der Seminarstraße befand sich der imposante rote Ziegelbau der Aufbauschule (ab 1922, davor Lehrerseminar), fast zu groß in seiner Ausdehnung mit Internat, Lehrerwohnungen und Turnhalle. Kaum zu glauben, daß dieser Komplex zur Gewinnung von Ziegeln total abgerissen wurde, obwohl er fast unbeschadet bis 2000 bestand.

Die Mittelschule und auch die Aufbauschule hatten einen guten Ruf als Bildungsstätten. Auch viele Schüler aus der Umgebung lernten dort, obwohl der Besuch der Schulen für Auswärtige mehr Gebühr kostete. Die Fahrtkosten kamen extra dazu. Im Sommer benutzte man deshalb gern das Fahrrad. Für Hin- und Rückfahrt bedeutete das oft über 20 km. Eine Schülerin aus Unter-Eißeln fuhr bei Regen sogar mit dem Dampfer nach Ragnit. Sonst standen Postautos und Kleinbahn-Busse bereit. Die Kleinbahn aus Richtung Kraupischken gab es zu meiner Zeit nicht mehr. Schlimm wurde es im Winter. Wer konnte, besorgte sich bei Verwandten und Bekannten ein Quartier oder ging in eine Pension. Die Mittelschule begann mit der 7. Klasse und endete mit dem Abschluß nach der 10. Klasse. Die Aufbauschule fing mit der 7. Klasse an und endete mit dem Abitur nach der 12. Klasse. Es gab aber auch Eltern, die die Tilsiter Oberschulen und das Gymnasium dort bevorzugten. So mußten die Kinder Fahrschüler werden, was durch die Eisenbahnverbindung möglich war. Darüber wurde schon in einigen Beiträgen berichtet.


1939 begann der 2. Weltkrieg mit erheblichen Einschränkungen aller Art (Lebensmittel-, Kohlen-, Kleiderkarten, Papierknappheit usw.). Die jüngeren Lehrer wurden zum Wehrdienst eingezogen. An ihre Stelle traten pensionierte Kollegen und Kolleginnen. Sie führten den Unterricht unbeirrt weiter, auch wenn es manchem schwer fiel.

Im Sommer 1944 kam dann das Ende. Wer schon ein Abgangszeugnis besaß, konnte glücklich sein. Die anderen - dazu gehörte auch ich - wurden durch Flucht und Vertreibung in ganz Deutschland verstreut und mußten in teilweise anders orientierten Schulen den Abschluß meistern. Das Fundament, das die Ragniter Schulen gelegt hatten, war so stabil, daß die meisten das gesteckte Ziel ihrer Ausbildung erreichten. Als in den folgenden Jahren eine gewisse Normalität eintrat und Kontakte untereinander möglich wurden, kamen die Klassentreffen der Ehemaligen zustande. Sie haben die Jahrzehnte überdauert (siehe Berichte in "Land an der Memel") und finden immer noch großen Anklang, auch wenn die Zahl der Teilnehmer kleiner wird. Von Außenstehenden werden wir ob unseres Gefühls der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft bewundert und auch beneidet.

Nicht vergessen werden soll die Busreise der Ragniter Mittelschüler 1994 nach 50 Jahren in die alte Heimat. Im Schulenviertel, das immer noch zur Ausbildung genutzt wird, empfingen uns nun russische Schüler unerwartet herzlich. In der Turnhalle war ein Festbankett aufgebaut, und kleinere und größere Schüler boten uns ein vielseitiges Programm, teils sogar in deutscher Sprache. Die Erinnerung daran soll der Schlußpunkt meiner Betrachtung zur Schulbildung in der Stadt sein, die jetzt den Namen Neman trägt.

Autor: © 2005 Sigrid Gregor
Fotos
aus "Ragnit/'Ostpreußen - die unvergessene Stadt an der Memel", Bruno Sawetzki, 1985
Quelle:
Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 76/2005

Stadt Ragnit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 06.05.2005
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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 28. Dezember 2010