RAGNIT - eine wunderbare Stadt an der Memel !
von Isolde Schalin

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust... Ragnit und Neukirch! In der Elchniederung!

In Neukirch bin ich geboren, und unsere reiche, weite Elchniederung mit dem stolzen Bauernschlag habe ich schon "besungen". Nun möchte ich meine Gedanken zu unserer herrlichen Stadt RAGNIT schweifen lassen.

Im April 1940 zogen meine Eltern nach Ragnit. Das Postamt war frei geworden, und daher hatte sich mein Vater nach Ragnit gemeldet. --

Wir mußten unsern Umzug wegen des strengen Winters und des herrschenden Glatteises etwas verschieben. Als dann aber die ersten Schmelzwasser-Rinnsale die Straßen entlangsickerten, zogen wir in Ragnit ein. Die Dienstwohnung war eine geräumige Altbauwohnung, deren größter Raum 35 qm betrug. Die anderen Zimmer waren nicht viel kleiner! - Eine lauschige Treppe von der Veranda aus führte auf den Hof und in den Garten. Die Grenze des Gartens bildete die Schloßmauer. - Im Schloß war das Zuchthaus untergebracht. Gesprächskontakte versuchten verschiedene Strafgefangene von den vergitterten Fenstern aus aufzunehmen, wir reagierten nicht. Es war auch verboten. - Unser Garten wurde in jedem Herbst von einem kleinen Trupp Strafgefangener umgegraben, den wir reichlich bewirteten. --

Das Einleben in Ragnit ergab keine Schwierigkeiten. Im Gegenteil, die Bevölkerung war so nett, daß wir uns keinen Augenblick als Fremde fühlten. Ich hatte einige Schulkameradinnen, von der Königin-Luisen-Schule in Tilsit aus der Parallelklasse in Ragnit, die mir zu Freundinnen wurden. Ich hatte sogar liebe Verwandte in dieser Stadt, von denen ich bis dahin nichts wußte! Aber diese Verwandtschaft erblühte sofort!

Das lustige Fahrschülertreiben setzte ich nun von Tilsit nach Ragnit fort. Nur war diese Strecke kürzer als die nach Gr. Brittanien.

Der Nachhauseweg führte über den alten Sportplatz, die Kirchenstraße, über den Markt zum Postamt. - Markt 4! Hatten wir Schülerinnen mehr Zeit z.B. mittags, dann gingen wir die Bahnhofstraße - Pipchen und Rosemarie Dargelies bogen schon ab - dann weiter die Schützenstraße, Landrat-Penner-Straße, da wurde der Schwärm wieder kleinen -, am Markt gingen links ab Katzchen Zeidler, Ulla Schirmer, Werner Petereit usw. und ich war auch gleich zu Hause.

Der Markt war auch die "Rennbahn" in Ragnit. Wenn die Internatsschüler der Aufbauschule Ausgang hatten, war meistens das Ziel der Markt. - Ich konnte mir das lustige, lebhafte Treiben vom Balkon aus betrachten, besonders an Markttagen. Ich war oft auch auf dem Markt, wenn ich Magdalene Krafft von der Windheimstraße 32 zum Nachmittagsbummel abgeholt hatte.

Da es leider Krieg war, waren inzwischen manche unserer Schulkameraden zum Militär gekommen, und ein tollkühner, verwegener Flieger fegte im Tiefflug über den Markt, daß man überrascht aufhorchte!

Mit großer Freude wurden unsere Urlauber von den verschiedensten Fronten beim Bummel über den Markt begrüßt, und es gab auch manche nachdenkliche Stunde, wenn wir erfahren mußten, welchen schweren, manchmal fast unmenschlichen Situationen unsere Soldaten ausgesetzt waren. - Wir wollen auch nie diejenigen vergessen, die ihr junges Leben für ihre Heimat gelassen haben und diese geliebte Heimat leider doch verlorengegangen ist. Nun muß ich aber wieder zu meinen ersten Erkundungswegen zurückkommen. Mein erster Gang führte mich zur Memel, ich genoß den Anblick des breiter Stromes und ließ mich mit der nächsten Fähre mit auf die andere Seite nehmen, schlenderte den Feldweg über die weiten Memelwiesen entlang zum Schreitlaugker Wald, der Boden war übersät mit zartblühenden Buschwindröschen. Ich ging weiter in den Wald hinein, Angst kannte ich damals nicht.


Ragnit hat drei markante Wahrzeichen, das 1289 erbaute Ordensschloß, die Zellstoffabrik und die trutzige Backsteinburg. - Hinter der Backsteinburg hatte man von der Aussichtsplattform einen wunderbaren Panoramablick. Ich stand oft da und habe den Ausblick lange genossen, als ob ich es ahnte, dieses Bild für immer aufnehmen zu müssen, da es uns dann leider verlorengegangen ist. Ich möchte gern noch einmal da stehen können, um diese herrliche Landschaft zu bewundern. In den nächsten Tagen erkundete ich, was sich hinter dem Begriff "Daubas" verbarg. Ich ging wieder zur Memel hinunter, an der Badeanstalt vorbei, unterhalb der Kistenfabrik Brüning entlang - wo ich meiner Freundin Irmgard Isigkeit zuwinkte, und dann betrat ich die "Daubas", einen lauschigen Waldweg - mal auf mal ab - entlang der Steilküste der Memel, der bis nach Ober-Eißeln führt! -, wo es ein wunderbares, großes Ausflugslokal gab. Einen imposanten Ausblick hatte man von dem hochgelegenen Bismarckturm.

Radtouren haben wir zur Unter-Eißler Heide mit den schlanken Kadickbüschen gemacht und sangen dann: "Wenn abends die Heide blüht..." Mit großer Begeisterung nahm ich in Kürze den Paddelsport auf und war gleich beim Anpaddeln dabei. Eine treue Partnerin fand ich in Ulla Buschinski. Mal allein oder mit anderen Mädels paddelten wir die Memel 'rauf - was gegen die Strömung gar nicht so Ieicht war - ließen das Boot am schönen, linken Strandufer der Memel stehen, stürmten erst mal in die Fluten, ließen uns als "toter Mann" von der Strömung stromabwärts tragen, hängten uns an das Rettungsboot eines Boydaks wieder stromaufwärts an, damit wir zu dem Platz unseres Bootes kamen! - Manchmal schwammen wir quer über die Memel, wenn wir Bekannte in der Badeanstalt entdeckten, aber am schöneren Strand auf der anderen Seite der Memel waren, dann mußte man aber mindestens zwei Spickdämme stromaufwärts gehen, um da anzukommen, wohin man wollte, so weit wurde man durch die Strömung abgetrieben!

Aufregend waren auch die Regatten in Tilsit mit Rennbooten. Die kleinste, falsche Bewegung brachte das Boot arg ins Schwanken, das passierte nur anfangs. Später beherrschte man das Rennboot gut. - Bei Wind, Strömung und Regen war es manchmal schwierig, am Start zu bleiben. - Es waren unvergeßlich schöne und aufregende Stunden!

Eine ganz andere Wasseridylle war der verträumte Mühlenteich. Zu Kahnfahrten lud manchmal auf dem Mühlenteich Ursula Schirmer ein. Die Gärtnerei und Baumschule ihrer Eltern lag direkt am Mühlenteich.

Im Winter bot der Mühlenteich eine wunderbare Schlittschuhbahn, oder wir hatten auch viel Freude beim "Schorren" - Auch das Skilaufen war uns nicht fremd! Vom Steilufer der Memel sausten wir halsbrecherisch durch eine schmale Schneise der Weidenböschung auf die zugefrorene Memel! Wenn das unsere Eltern gesehen hätten, hätten sich ihre Herzen verkrampft! - Im Sommer in der Memel, im Winter beim Skisport - wir waren schon ein furchtloses, verwegene Völkchen! Wie gern denkt man an diese Zeit zurück.

Die Stadt hatte ich natürlich schon längst ergründet, die Straßen waren mir altbekannt und vertraut: Um noch einige zu nennen, Hindenburgstraße, Yorkstraße, Tilsiter Straße, Schloßplatz, Seminarstraße, Schulstraße, Lerchenweg usw. Und all die freundlichen Geschäftsleute, Ibing, Dahlhöfer, Kreuzberger, Klein, Intat mit Cafe, Hitziggrath, Ehleben, Peschel, Kreutzahler, Scheer, Rosenberger, Rebeschies, Dulk, Sawetzky, Tromm, das Kaufhaus Herrmann, Strekies usw. An manchen Sonntagen trafen wir uns mit den Tilsiter Sportlern am Rombinus.

Ich grüße Euch alle, liebe Ragniter, und freue mich, in Gedanken wieder einmal zu Hause in Ragnit gewesen zu sein.

Autor: © 2003 Isolde Schalin, früher Ragnit
Quelle: "
Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2003 Seite 19 - Selbstverlag Manfred Malien;24211 Preetz

Stadt Ragnit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 23.03.2005
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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 28. Dezember 2010