| Heimaterinnerungen.... | |
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von Editha Schimkat
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Ragnit ist ein kleines Städtchen in Ostpreußen, es liegt am Ufer des breiten Memelstromes, der zur damaligen Zeit Grenzstrom zum litauischen Land war. Ich bin in diesem kleinen Städtchen geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen und dann als Arzthelferin berufstätig gewesen. Hier, an "unserer Memel", lag für uns Kinder die ganze Seligkeit. Da konnten wir am Ufer nach Herzenslust planschen. Sandburqen bauen und Stachlinskis (kl. Fische) fangen. Es wurde gebadet- damals ganz einfach in der Unterbux, oder "ohne". Nur für die Erwachsenen war der Badeanzug damals erschwinglich gewesen. So wurde eine große Decke auf dem Sand ausgebreitet, der mitgebrachte Proviant für die ganze Familie ausgepackt. Mutterchen legte sich zum Mittagsschläfchen hin, oder sie holte einen Strickstrumpf hervor. Die Bengels planschten und spritzten so lange im Wasser herum, bis sie bibberten und blaue Lippen bekamen. |
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Das Memelufer zeigte sich landschaftlich sehr reizvoll, hügelig und bewaldet, dann wieder mit Tälern und bunten Wiesen. Es war "unsere Daubas" mit den unvergessenen Wanderungen, mit einer Schnitzeljagd und Versteckspielen. Auf dem gegenüberliegenden Ufer der Memel leuchteten in der Sonne die goldgelben Kornfelder und es duftete nach Heu und Memelwasser. Zur Erntezeit brachten Pferdegespanne die Heufuder mit der Memelfähre über den Strom. Wenn es dann den Memelberg, der Kopfsteinpflaster hatte, bergauf ging mit den Gespannen, wurden die Pferde kräftig mit "hüa! - hüa!" angespornt. Die Funken flogen von den Hufeisen, wenn die Pferde auf den Pflastersteinen ausrutschten. Für uns Kinder war das immer sehr aufregend gewesen. Dann gab es da noch diesen gewissen schwarzen Weg - für Liebespaare. Schwarz war der Weg nur vom Kohleschotter der Zellstoffabrik, die an diesem Weg grenzte. Deshalb war er so schön dunkel. Es sollte mich wundern, wenn einer aus Ragnit diesen Weg nicht kannte. |
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Ja, unbeschwert war unsere Jugendzeit in Ragnit gewesen. Es war unsere Stadt, unsere kleine Welt, in der jeder jeden kannte. Für die kleinen Problem'chen gab es ganz schnell einen Mutzkopf oder ein's hinten drauf. Es hatte uns nicht geschadet. Der Krieg wütete schon längere Zeit an unserer ostpreußischen Grenze. Aus Litauen kamen über den Memelstrom auf Fähren und über Brücken die ersten Wagentrecks, endlos rollten sie durch unsere Stadt. Die Leiterwagen waren vollbeladen mit Hausrat, Hühnern und Gänsen. An den Wagen hinten angebunden waren die Kühe mit ihren Kälbchen und die Mutterstuten führten ihre Fohlchen an der Seite. Die Bauersfamilien gingen zu Fuß nebenher, nur die alten Leute, Kranke und Kinder saßen auf den Wagen. Die Leiterwagen waren überdacht mit Planen und Teppichen. Vierspännig rollten knirschend die Räder der Leiterwagen über unseren Marktplatz - tagelang! |
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Es war ein sehr heißer Spätsommer in jenem Jahr gewesen. Wir hatten Wassereimer für die Pferde, Kühe, Hunde und anderes Viehzeug an den Straßenrand gestellt. Große Kannen mit Saftwasser und Milch für die Kinder wurden verteilt. Die Gesichter der Flüchtlinge machten uns Angst und eine drohende Ahnung machte uns bewußt, daß auch uns die Flucht bevorstand. Es war noch Erntezeit, alles sollte eingebracht werden, was auf den Feldern reif war. Der Herbst war noch so bunt und blühend, so voller Reife, so strahlend blau der Himmel. Aber wie ein Lauffeuer verbreiteten sich die Nachrichten von der immer näher rückenden Front. In unserer Stadt wechselten ständig die Einquartierungen. Die russischen Truppen waren bereits in das Memelland vorgedrungen. Wehrmachtsteile rollten nachts ununterbrochen durch unsere Stadt. Evakuierungszüge wurden für die Ragniter Bevölkerung bereitgestellt. In Eile mußte die Bevölkerung ihre wichtigsten Dinge in Koffer und Taschen verpacken. Für die längere Bahnfahrt, deren Ziel voraussichtlich Sachsen sein sollte, mußten auch warme Kleidung, Wäsche und Bettzeug in Säcken verstaut werden. Aber zunächst hoffte der größte Teil der flüchtenden Bevölkerung auf eine Rückkehr in die verlassene Heimat. Der letzte Evakuierungszug war aus dem Ragniter Bahnhof abgefahren. |
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Ich ging zurück durch die menschenleeren Straßen der Stadt, die einem so vertraut am Herzen lag. Ich sehe diese Bilder heute noch so, als wenn es gestern alles geschah. Eine Angst befiel mich plötzlich und dabei wurde mir bewußt, daß unsere Stadt verloren war. Zunächst verblieben in der Stadt die Schlüsselstellungen. Behörden, Polizei, das Krankenhaus und unsere Arztpraxis, die für die ärztliche Versorgung, der noch mit einer Notbelegschaft arbeitenden Zellstoffabrik und des Sperrholzwerkes gewährleistet sein mußte. Nachts hörte man hoch am Himmel die Aufklärungsflugzeuge (Nähmaschinen) der Russen. Vereinzelt gab es Bombenabwürfe auf Ragnit und die Umgebung. Auf den Feldern und Wiesen am Memelufer sammelten sich große Kuhherden, die niemandem mehr gehörten und nun verstört und stockbeinig herumstanden. Ihre prallen Euter wurden nicht mehr gemolken, nur die Einquartierung brachte eimerweise Milch in die Stadt mit und geschlachtetes Kleinviehzeug, das herrenlos umhergeirrt war. |
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Der Geschützlärm von der nahen Front dröhnte Tag und Nacht. Am 22. Oktober 1944, mittags, erfolgte für die Stadt Ragnit der Räumungsbefehl. Wehrmachtsfahrzeuge fuhren auf dem Marktplatz auf und wir mußten alle mit unserem Handgepäck aufsteigen. Mein Chef kam an den LKW, um sich von mir zu verabschieden. Er selber wurde zum Volkssturm als Arzt zugeteilt. Ein strahlend blauer Himmel lag über uns, und die herbe Herbstluft erinnerte an unsere ostpreußischen Kartoffelfeuerchen - es war schrecklich, dieser unwiderrufliche Abschied von der Heimat. Die letzten Nachmittagssonnenstrahlen vergoldeten die immer kleiner werdende Kirchturmspitze. In Richtung Übermemel stiegen schwere, schwarze Rauchwolken in den Himmel. Es war Bittehnen und weitere Gehöfte, die der Russe in Brand geschossen hatte. Ich saß mit dem Rücken in Fahrtrichtung auf dem LKW. Mit einem fast lähmenden Schmerz erfaßten die Augen unentwegt dieses letzte Abschiedsbild der Heimatstadt - mit Tränen, die man nicht mehr spürte. - In der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1944 wurden die Memelübergänge, darunter die Luisenbrücke in Tilsit, gesprengt, um den vorrückenden Russen den Übergang über den Fluß zu erschweren. |
| Autor: Editha Schimkat Quelle: "Memel-Jahrbuch" 2002 Herausgeber Manfred Malien |