Ragnit feierte 280 Jahre Stadtrechte
- Geschichte und Gegenwart -
von Helmut Pohlmann

Unsere Zeit ist schnelllebig. Es geschieht daher heute nicht sehr oft, daß man zurückblickt oder sich gar unmittelbar von der Geschichte berührt fühlt. 280 Jahre sind vergangen, seit dem damaligen Marktflecken Ragnit durch königliche Resolution die Stadtrechte verliehen wurden. Gemessen an der Geschichte Ostpreußens ist das eine kurze Zeitspanne, gemessen an der Dauer eines Menschenlebens ist sie sehr lang.
Aus Anlaß des Jubiläums wollen wir stolz auf die wechselvolle Vergangenheit Ragnits zurückblicken. Vielleicht gelingt es, durch die gemeinsame Besinnung auf die Geschichte den Bürgersinn zu stärken und das Zusammengehörigkeitsgefühl zu vertiefen. Die Kontinuität eines geschichtlichen Bewußtseins zu wahren, um Brücken zu schlagen, nicht um Gräben zu vertiefen, das ist es, worauf es heute ankommt.

Ein historischer Rückblick

Es begann mit der Eroberung des Gebietes beiderseits der unteren Memel, der alten prussischen Landschaft Schalauen durch den Deutschen Ritterorden im 13. Jahrhundert. Die völkerrechtliche Sanktionierung erfolgte 1226 durch die Goldene Bulle von Rimini. In ihr überließ Friedrich II. dem Hochmeister Hermann von Salza die in Preußen zu erobernden Gebiete. Das Ordensland wurde unter den Schutz des Heiligen Stuhles gestellt. Die Eroberung Preußens war somit nicht der Vollzug einer national-deutschen Aggression, sondern ein Stück der großen Kreuzzugsbewegung. In diesem Lichte muß man das große Werk im Osten sehen. Wer den Kreuzzug nach Osten verurteilt, muß auch die Kreuzzüge nach Palästina verdammen.

links: Ragnit im 17.Jahrhundert

Es sollte nahezu ein halbes Jahrhundert vergehen, bis der Orden die Memel erreichte. Neben anderen Burgen baute er hier im Jahre 1226 an Stelle der zerstörten Prussenfeste die Burg Landeshut (nicht identisch mit dem Ordenshaus).Die exponierte Lage dieser für den Orden so wichtigen Grenzfeste und die mit dem bisherigen Holzbauwerk gemachten Erfahrungen veranlaßten den Orden in den Jahren 1397-1409, gegen die ständigen Angriffe aus Litauen in Ragnit (Raganita) ein besonders festes Ordenshaus aus Stein zu bauen.
Die Vereinigung von Festung, Kloster und wirtschaftlich-administrativem Betrieb war es, die diesem Bauwerk eine von den üblichen Burgtypen dieser Zeit stark abweichende Gestalt gab. Die hochragende, aus vier Flügeln bestehende quadratische Hauptburg, die Vorburg und die Wassermühle waren auch die wichtigsten Anlagen des Ordenshauses Ragnit.


In der Nähe der Ordenshäuser wurden dann Dienstgüter ausgegeben. Um das Ordenshaus Ragnit wurden insbesondere Schalauer angesetzt, es ist aber auch überliefert, daß hier einige wenige Russen und Tataren siedelten. Die ursprüngliche Bedeutung, die dem Ordenshaus Ragnit zukam, ging im Jahre 1525 verloren als Markgraf Albrecht von Brandenburg auf den Rat Luthers zu ev.-luth. Glauben übertrat und das geistliche Ordensland Preußen in ein weltliches Herzogtum umwandelte. Damit war auch für die Ordensritter der Burg Ragnit die Zeit gekommen, aus dem Orden auszutreten. Durch die Umwandlung des Ordensstaates in ein weltliches Herzogtum änderte sich an den Grundzügen der Landesverwaltung nichts.

links: Ragniter Schloß

Oft sollten aber die Mauern des Ordensschlosses im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte stumme Zeugen menschlicher Tragödien sein. Während der kriegerischen Auseinandersetzungen des Großen Kurfürsten mit Polen 1656 retteten sich die Bewohner der noch kleinen Siedlung vor den Tataren mit ihrer beweglichen Habe in das Schloß. 1678/79 waren es die Schweden, die Ort und Burg Ragnit besetzten. Im Siebenjährigen Krieg senkte sich über die Stadt ein schweres Unheil. Am 24. September 1757 brannten Kosaken Ragnit fast völlig nieder und verübten furchtbare Greueltaten an der Bevölkerung.

Eine Umwandlung auf dem Gebiet des Verwaltungswesens vollzog sich unter der Regierung Friedrich Wilhelm l.. Der brandenburg-preußische Staat hatte an Einheit und Kraft gewonnen.

Auf dem Gebiet des Distriktes Ragnit, das die späteren Kreise Ragnit, Schloßberg und einen erheblichen Teil des Kreises Tilsit umfaßte, waren bis Mitte des 18. Jahrhunderts außer Ragnit noch 5 Domänenämter eingerichtet, die alle der Domänenkammer Gumbinnen unterstanden. Anfang des 18. Jahrhunderts erlebte Ostpreußen zudem eine seiner größten Katastrophen. Die schrecklichste aller Krankheiten, die Pest, hatte in den Jahren 1708 bis 1710 auch die Ragniter Gegend mehrfach heimgesucht. Es sollen in den Hauptämtern Insterburg, Ragnit und zum Teil auch in Tilsit über 30.000 Menschen durch diese Seuche gestorben sein.

Es ist das Hauptverdienst König Friedrich Wilhelm l., das von der Pest entvölkerte und verwüstete Ostpreußen durch ein groß angelegtes Reformwerk zu neuer Blüte geführt zu haben. Grundlegende verwaltungs- und wirtschaftspolitische Reformen, Kirchen- und Schulbauten bereiteten den Boden für eine geistige Erneuerung der Bevölkerung. Die Jahre 1722/23 bedeuteten den Höhepunkt des Wiedererstehens. Große Kolonistenscharen wurden angesiedelt, neue Siedlungen entstanden - so trat im Rahmen der städtischen Politik des Königs auch der Marktflecken Ragnit im Jahre 1722 in die Reihe der preußischen Städte. Wir erleben Ragnit im Jahre 1722 in einer Phase des Aufbaus.


Unter Zugrundelegung mehrerer aufwendiger Planungsphasen wurde dann der Flecken Ragnit durch königliche Resolution vom 26. März 1722 zur Stadt erhoben. Das am 6. April 1722 von König Friedrich Wilhelm l. verliehene Stadtpatent enthält u.a. den wichtigen Hinweis, daß sich alle diejenigen, die sich in dieser Stadt niederzulassen beabsichtigen, beim preußischen Kommissariat in Königsberg, bei dem Steuerrat oder dem noch zu bestellenden Bürgermeister der Stadt zu melden haben.

Das vom König verliehene Stadtwappen in blau auf grünem Boden, über Wasser eine silberne Stadt mit roten Dächern und darüberliegendem schwarzen Adler. Über diesem ein " Auge Gottes". Das ganze ist von der Umschrift umgeben ,,SUB EIS TUTA RAGNETA" was soviel heißt, wie "unter diesem Schutz ist Ragnit sicher"...



Am 1. September 1722 wurde in der neu gegründeten Stadt die Verbrauchssteuer eingeführt. Der Bürgermeister erhielt ein jährliches Gehalt von 18 Talern! Auch erhielt in diesem Jahre Ragnit eine Stadtschule.
Im Zuge der Reformen wurde das Gebiet des Kreises Ragnit dann im Jahre 1818 neu festgelegt und die Stadt Ragnit zur Kreisstadt erhoben. Das Landratsamt wurde im Jahre 1825 von Gerskullen nach Ragnit verlegt. Die Dienstgeschäfte wurden in den Räumen des Kreishauses aufgenommen, einem Gebäude, das dem Schloßplatz gegenüberlag und von dem aus in den späteren Jahren der Magistrat die Geschicke der Stadt leitete. Zur Stadt Ragnit gehörten Anfang des 19. Jahrhunderts 1.190 Einwohner, die überwiegend vom Ackerbau, Getreidehandel, Branntweinfabrikation und Handwerk lebten.


links: Landrat-Penner-Str.

Wenige Jahre vor der Jahrhundertwende, im Dezember 1895, zählte Ragnit bereits 4.591 Einwohner. Städtische Anstalten und Betriebe kamen schnell hinzu. Im Jahre 1887 wurde der Schlachthof errichtet und im Jahre 1925 durch ein Kühlhaus erweitert. Das Gaswerk wurde 1898, das Wasserwerk 1902 erbaut. Auch auf dem Sektor Bildung wurde viel investiert. Es entstanden die Ackerbauschule Lehrhof-Ragnit (1850), das Lehrerseminar (1882) mit der Umwandlung in eine Oberschule in Aufbauform (1922) und die Landwirtschaftsschule (1901). Auch hatte Ragnit mehrere Volksschulen und eine Mittelschule. Das Schicksal der Stadt im ersten Weltkrieg sei nur kurz erwähnt. Von Ende Dezember 1914 bis Mitte Februar wurde Ragnit wiederholt aus dem Schreitlaugker Wald von russischer Artillerie beschossen. Mehrere Gebäude wurden zwar getroffen, aber alles in allem ist Ragnit - im Vergleich zu anderen ostpreußischen Städten - noch recht gut davongekommen.

In den Jahren 1922-1924 litten auch die Stadtverwaltung und die Ragniter Bürger unter den Ängsten der Inflation. Das größte Problem in dieser nicht ermutigenden Nachkriegszeit war der Wohnungsmangel. Insgesamt wurden zwar seit Kriegsende bis zum Jahre 1922 in der Stadt - aus öffentlichen Mitteln - 124 neue Wohnungen gebaut, was aber bei weitem nicht reichte.


links: Am Mühlenteich

Seit der Wirtschaftskrise hatten die Arbeitskraft und der Fleiß der Menschen in einer lebendigen Stadt zu einem andauernden, wenn auch bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung verhelfen. Doch das rüstige Schaffen sollte bald ein jähes Ende finden. Mit dem Jahre 1939 begann eine Periode starker politischer Erschütterungen sowie weltanschaulicher Kämpfe, deren Erdbebenstöße sich schnell über fast die ganze Welt ausbreiteten und die Menschheit nicht zur Ruhe kommen ließen. Die Vorgänge des Zweiten Weltkrieges führten am Ende zu einer furchtbaren Katastrophe und in ihren Auswirkungen auf Ragnit zum Verlust der Stadt sowie zur Flucht und Vertreibung der damaligen Bewohner.


Mit dieser schmerzlichen Feststellung leite ich nunmehr zur nächsten
Periode über:

Im September 1944 näherte sich der Krieg dem Kreisgebiet. Die sowjetische Offensive im Januar 1945 leitete das Ende des Kreises Tilsit-Ragnit ein. Es senkte sich für lange Jahre ein "Eiserner Vorhang" über unsere Heimat, man erfuhr nur sehr wenig vom Geschehen in unserem Heimatkreis.


links: Ragnit heute
(Bild Helmut Pohlmann

Tilsit wurde eine kreisfreie Stadt und heißt nunmehr Sovjetsk, Ragnit erhielt den Namen Neman und ist Kreisstadt, mit allerdings neu gezogenen Kreisgrenzen. Doch die Zeiten ändern sich. Nach 1990 wurde es wieder möglich, Ragnit und das Kreisgebiet zu besuchen. Die Landwirtschaft war inzwischen auf Großwirtschaft umgestellt. Die nach 1945/46 angesiedelte russische Bevölkerung arbeitete auf Sowchosen, heute auf landwirtschaftlichen Genossenschaftsbetrieben oder auch Familienunternehmen. Letztere entwickeln sich jedoch schleppend, da die dörfliche Infrastruktur nahezu völlig zerstört wurde und nun der bäuerliche dezentrale Neuanfang sehr schwer ist.

Dankbarkeit erfüllt uns, daß sich auf den verschiedenen Ebenen zwischen den Neu- und Altbürgern Ragnits und dem des Kreisgebietes immer bessere und freundschaftliche Kontakte entwickeln und festigen. So wurden in den letzten Jahren Partnerschaften geschlossen zwischen den Neubürgern des Rayon Neman/Ragnit und der Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V., den Altbürgern dieses Kreises, die ihre Wurzeln oder die ihrer Vorfahren im früheren Kreis Tilsit-Ragnit hatten. Es folgte der Partnerschaftsvertrag zwischen den Neubürgern von Lunino/Hohensalzburg und den Altbürgern des Kirchspieles Hohensalzburg. Weitere Partnerschaften sind angestrebt und in Vorbereitung.


links: Schloßruine Ragnit 1996
(Bild Lieselotte Juckel)

Am 25. Mai feierte die Stadt nicht nur 280 Jahre Stadtrechte, sondern gleichzeitig 55 Jahre Neman. Zu dieser Feier erhielt die Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit von der Administration der Stadt Neman eine offizielle Einladung, der wir gerne gefolgt sind und in einem Bus mit rund 40 Personen anreisten.
Das Jubiläum wurde im großen Rahmen mit Umzug vom Rathaus zum Sportstadion, Festreden, Folklore, Ritterspielen in der Burgruine und nächtlichem Feuerwerk begangen. Gleichfalls waren amtliche Vertreter der Nachbarkreise, der Behörden und der Regierung aus Kaliningrad/Königsberg sowie der litauischen Partnergemeinde vertreten.

Der Kreisvertreter der Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit brachte in seinen Grußworten zum Ausdruck, daß wir heute - wie vorstehend bereits gesagt - nicht nur das 280jährige Jubiläum der Verleihung der Stadtrechte von Ragnit feiern, sondern gleichzeitig zur Kenntnis nehmen, daß die Neubürger des jetzigen Neman ebenfalls schon auf 55 Jahre zurückblicken können. Verschiedene Bürger leben hier bereits in der 3. Generation.


Kreis Neman

Im Norden des Kaliningrader Gebietes, 130 km vom Gebietszentrum liegt Kreis Neman. Er grenzt an die Litauische Republik und auch an die Kreise Krasnoznarnenskij (Haselberg/Schloßberg), Gusewskij (Gumbinnen), Tscherniahovskkij (Insterburg), Slavskij (Heinrichswalde/Elchniederung) sowie an die Stadt Sovietsk (Tilsit).

Die Ausdehnung des Kreises von Norden nach Süden beträgt 30 km von Westen nach Osten 40 km. Das Zentrum des Kreises ist die Stadt Neman (in Vergangenheit - Landeshut, Ragneta, Schalauenburg, Rageine, Suvorovsk und bis 1946 Ragnit), die im Jahre 1289 gegründet wurde und im Jahre 1722 die Stadtrechte von König Friedrich Wilhelm l. erhielt.
Die Grundschätze des Kreises bilden 69830 Hektar, davon 58576 Hektar Landwirtschaftsgelände, dessen Hauptteil zum Ackerbau genutzt wird. Reiche Bodenschätze z.B Erdöl, Torf, hochwertige Lehme, Sandmassen sowie die sandkiesigen Mischungen öffnen für den Kreis große Perspektiven.

Wirtschaftliche Basis des Kreises ist die Industrie. 80 bis 90 % der Produktion des Kreises fällt auf die städtische Betriebs-GmbH, das "Zellulose- und Papierkombinat der Stadt Neman". Der Betrieb wurde auf dem Grundstück - dieses hat eine Größe von 362843 qm - von Stefan Stark gegründet, wo früher ein Sägewerk stand.

Auf dem Territorium des Kreises arbeitet erfolgreich auch der Betrieb "Agroneman GmbH", der die Herstellung, die Umarbeitung und die Realisierung der Milchproduktion durchführt. Die Landwirtschaft ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Hauptrichtung der Landwirtschaftsbetriebe des Kreises ist der Pflanzenanbau. Der Kreis Neman nimmt die zweite Stelle im Gebiet in der Getreideherstellung und die erste Stelle im Rapssaatanbau ein. Die örtliche Landwirtschaft betreibt auch Tierzucht.

Auf dem Territorium des Kreises gibt es bedeutende Produktionsflächen, die alle erforderlichen Infrastrukturen haben, die potentielle Investoren interessieren könnten.
In der Stadt Neman und den 49 Ortschaften wohnen 22200 Einwohner, im Kreiszentrum alleine 12800 Personen. Es gibt 11 Schulen (10 Hauptschulen und eine Abendschule), 1 Berufsschule Nr. 18, 5 Vorschuleinrichtungen, 1 Kinderheim, 3 Einrichtungen der zusätzlichen Bildung und zwar das Haus der Kindheit und der Jugend, Kinder-Kunstschule, 1 komplexe Fachsportschule der olympischen Reserve für Kinder und Jugendliche.

Im Kreis arbeiten weiterhin 32 Kultureinrichtungen. In diesen Kulturhäusern sind Tanz-, Chor-, Zirkus-, Vokal-lnstrumentalensemble und Kollektive eingerichtet.

Auf dem Territorium des Nemankreises gibt es viele architektonische Denkmäler. Eines von diesen ist das Ragnitschloß, ein Teil davon ist ein Wachturm.

Neben der Siedlung Gorino, dem ehemaligen Obereißeln, liegt der Signalberg (der Berg hat seinen Namen von seiner Hauptfunktion - nämlich signalisieren der Einwohner bei einem Brand - bekommen). Auf dem Berg steht der Bismarckturm, der im Jahre 1912 erbaut wurde.

Unser Kreis verwundert und überrascht mit den Abwechslungen der schönen Orte und mit der Vielfalt der Natur und der Gewässer.

Umfangreiche Waldgebiete des Kreises ziehen die Pilz- und Beerensammler an. Die Flüsse Neman (Memel) und Scheschupe locken zur Erholung am Wasser -und auch viele Angler - an.


Quellenmaterial:
1) Hans-Georg Tautorat: Ragnit im Wandel der Zeiten/Aus den Lebenstagen Ragnits.
2) Festschrift: Nemansij rajon. (aus dem russischen übersetzt)
Bilder: 4x Kreisarchiv -

Stadt Ragnit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.01.2003
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 28. Dezember 2010