Ragnit an der Memel
von Paul Brock

Ragnit war niemals das, was man eine blühende Stadt nennt, dafür lief die große Stadt Tilsit ihr zu sehr den Rang ab. König Friedrich Wilhelm I. war es zu danken, daß Ragnit überhaupt Stadt wurde. Der Geheime Kriegsrat von Lesgewang meldete ernste Bedenken an: Ragnit sei viel zu arm, um die Kosten einer Stadtverwaltung zu tragen. Der König ließ sich dadurch nicht beirren. Vielleicht hatte er sich von der Geschichte dieses einst so bedeutenden Platzes am Strom auf dem Hochufer beeindrucken lassen, angesichts der mächtigen Burg, die noch in jüngster Zeit wie ein riesiger Steinblock wirkte. Dieser quadratische Bau mit einer Seitenlänge von neunundfünfzig Metern war die Hauptburg eines vom Orden geplanten Verteidigungsringes im Umkreis der Memel.

Ragnit war Kreisstadt, solange ich zurückdenken kann, solange auch wie meine Eltern zurückdenken konnten. Das gab der Stadt ihr Profil, eine gewisse Bedeutung, abgesehen von dem reich beschickten Markt aus dem Hinterland, wo eine gesunde, einträgliche Landwirtschaft mit Vieh- und Pferdezucht dominierte.

Der Schloßteich war von Büschen eingefaßt wie von einer lebenden Mauer; dahinter erhob sich die Kirche, ein verputzter Saalbau einfachster Art. Der hohe wuchtige Turm hatte eine spitze Haube erhalten. Zwei Pfarrhäuser säumten den Kirchplatz, von Obst- und Gemüsegärten umgeben. Der alte Friedhof bildete einen angemessenen Hintergrund. Ein weiter Platz mit dem Schuppen der Feuerwehr bot den Übergang zum roten Ziegelbau der Präparandenanstalt; unweit davon lag das Lehrerseminar. An den Längsseiten des Marktes standen bejahrte Kaufmannshäuser. Regsam, aufgeschlossen und weltoffen waren die Menschen hier, bildsam und dem Modernen zugeneigt; das galt für die Stadt und auch für den Kreis.

Das Steilufer der Memel an ihrer südlichen Flanke gab der Stadt Ragnit und dem Land, zur Rechten wie zur Linken, eigenen Reiz. Das ansprechende Bild dieses Höhenrückens wurde vertieft durch das weite, breite Wiesental am anderen Ufer des Stromes. Besonders da, wo die Höhe bewaldet war, ergaben sich seltsame Akzente. Geheimnisvoll dunkel, schwermütig-bizarr wirkte das Bild in den späten Nachmittagsstunden, wenn der Berg seinen Schatten über den Strom warf, während drüben die Wiesen im Sonnenglast lagen. Beides war schön - das dunkle Schwere wie das helle Fließende - und beides nebeneinander.

Autor: Paul Brock ;eingesandt von Ingetraud Haase geb. Paleit
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 73/2003

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© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 22.01.2004
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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 28. Dezember 2010