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Blick über den Memelstrom:
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von Hans Augusti
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Als ich am 25. März 1944 mein Reifezeugnis erhielt, habe ich die Mittelschule in Tilsit beendet, nun stand ich vor einem neuen Lebensabschnitt. Die Kindheitsjahre waren nun zu Ende und es begann auch für uns der Ernst des Lebens. Fünf Jahre dauerte nun schon der Krieg, die Lage wurde für die Deutschen immer gefährlicher, weil sich der Feind immer mehr der Grenze zu Ostpreußen näherte. Auch ich hatte mich freiwillig zur Kriegsmarine gemeldet, wurde aber noch nicht eingezogen, weil ich erst 16 Jahre alt war. Eine Lehre konnte ich nicht beginnen, weil ich mit 17 Jahren zum Reichsarbeitsdienst mußte. Ich habe deshalb mein Landjahr in diesem Jahr gemacht. Ich bin mit meinem Vater zum Arbeitsamt gegangen, habe von dort eine Stelle bei einem Bauern zugewiesen bekommen. Es war der Bauer Franz Pfau in Powilken, bei Pogegen im Memelland. Das Memelland gehörte seit 1939 wieder zu Deutschland und war dem Kreis Tilsit-Ragnit zugeordnet. Vater und ich machten uns an einem Dienstag auf dem Weg nach Powilken. Wir fuhren mit dem Zug von Tilsit in Richtung Laugszargen/Tauroggen über Pogegen bis zum Bahnhof Gudden. Von dort sind wir dann zu Fuß die 1,5 Kilometer nach Powilken gelaufen. Der Hof von Pfaus lag etwas abseits vom Dorf, dort angekommen wurde alles nötige besprochen. Es wurde vereinbart, daß ich am 4. April 1944 die Arbeit auf dem Hof beginnen soll. Auf dem Hof waren 5 Personen; Herr Pfau und seine Ehefrau, seine Schwester Berta und seine Mutter sowie der polnische Landarbeiter Stanislaus. Vater und ich sind dann wieder zu Fuß zum Bahnhof Gudden gegangen und am späten Nachmittag mit dem Zug nach Tilsit gefahren. Zu Hause wurde dann alles in der Familie erzählt. Mutti hat mir dann die nötigen Sachen, welche ich mitnehmen sollte, zurechtgelegt. Einen Anzug, Wäsche, Strümpfe, Schuhe und Arbeitszeug. Als Lohn sollte ich im Monat 18,00 Reichsmark erhalten. Es war auch klar, daß ich mein Fahrrad mitnehme, es war ja auch so gedacht, daß wir diesmal mit dem Fahrrad nach Powilken fahren. An einem Sonntag, nach dem Mittagessen, wurde mein gepackter Koffer auf mein Fahrrad geschnallt, Vater wollte mich nach Powilken mit dem Rad begleiten. Ich habe mich von Mutti verabschiedet und dann ging die Fahrt los. Wir fuhren über die Luisenbrücke auf der Reichsstraße 132 und 138 in Richtung Memel/Heydekrug bis Pogegen, von dort führte eine Landstraße nach Gudden, nach ca. 3 Kilometern ging ein Landweg nach Powilken. Von Tilsit nach Powilken waren es ca. 12 Kilometer. Wir waren zur Kaffeezeit bei Pfaus angekommen. Papa ist nach dem Kaffee wieder nach Hause gefahren. |
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Der Hof lag 300 Meter vom Ort entfernt, so waren die Gehöfte in Ostpreußen immer gebaut. Die Scheune und der Schweinestall waren mit Dachziegeln gedeckt, schon etwas modern, dagegen war das Wohnhaus und der Kuhstall noch mit Stroh gedeckt. Die Anordnung der Gebäude auf dem Hof waren immer in einem Quadrat. Zwischen Schweinestall und Kuhstall war die Hofeinfahrt, der Einfahrt gegenüber war die Scheune mit dem Pferdestall. Auf der linken Seite stand das Wohnhaus. Es bestand aus zwei Schlafräumen, einer großen Wohnstube, in der ich schlafen durfte, einer Küche und Speisekammer sowie einem großen Flur mit einer steilen Treppe zum Boden. Hinter dem Wohnhaus und dem Schweinestall war ein großer Garten. Mitten auf dem Hof stand die Hundehütte, der Hund war eine Mischung von Schäferhund und Jagdhund. Der Bauernhof hatte eine Größe von 10 Hektar in Ackerflächen und Weideflächen und etwas Wiesen. Auf dem Hof gab es 6 Milchkühe und zwei Färsen, vier Pferde und ein Fohlen, drei Schweine und drei Läufer, zwei Schafe, ca. 15 Hühner und 6 Gänse. Küken und Gössel wurden noch gebrütet. |
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Da ich auf dem Lande aufgewachsen bin, war mir die Landarbeit nicht fremd. Ich wurde mit den Arbeiten auf dem Hof vertraut gemacht. Da im April die Frühjahrsbestellungen begannen, war die erste Aufgabe, die gemacht werden mußte, aus den Ställen den Mist auf die Äcker zu fahren, auf denen Kartoffeln und Rüben gepflanzt wurden. Der Mist wurde auf dem Acker in kleinen Haufen vom Wagen gezogen. War der Mist ausgefahren, dann wurden die Haufen mit einer Mistgabel ausgestreut. War dies erledigt, dann wurde der Acker umgepflügt, geeggt und für die Aussaat vorbereitet. Bis alle Ställe leer waren, vergingen drei Tage, der Mist wurde immer mit zwei Wagen gefahren, einer wurde beladen und der andere war auf dem Acker, die Frauen haben den Mist ausgestreut, der Bauer hat gefahren, ich habe im Stall geladen und der Stanislaus hat gepflügt, so war die Arbeit verteilt. Etwas Pferdemist wurde auch auf einige Wiesen gestreut. Nicht weit vom Hof floß der Bach Wilke vorbei, hier haben wir gebadet und auch manchmal die Pferde, er war nicht tief, zum Baden hat es gereicht. Ich wurde also in die Frühjahrsbestellung voll einbezogen. Die Familie Pfau hatte keine Kinder, die Eheleute und die Schwester waren sicher über 55 Jahre alt, die Oma Pfau war über 80 Jahre. Der Pole Stanislaus war 25 Jahre, er war aus Lodz, von den Deutschen Litzmannstadt genannt. Er war schon 4 Jahre bei den Pfaus; einmal im Jahr fuhr er für eine Woche nach Hause, er kam aber immer wieder. Die vier Pferde waren eigene Aufzucht. Zwei Fuchsstuten hatten das Trakehner-Brandzeichen in Form einer Elchschaufel. Die Mutterstute war ein dunkelbraunes Pferd, der Wallach Moritz war eine heller Fuchs. Vier Kilometer von Powilken entfernt bei Pogegen war das Gut Baubeln, hier war auch eine Deckstation des Trakehnergestüts, hierher haben die Bauern der Umgebung ihre Stuten zum Decken gebracht. Die Angehörigen der Familie Pfau waren sehr nette Leute, ich bin mit ihnen gut ausgekommen, denn sie haben mich wie einen eigenen Sohn behandelt. Herr Pfau hatte sich einmal geäußert, wenn der Krieg vorbei ist, sollte ich nicht zur Handelsmarine gehen, ich sollte bei ihnen bleiben und später einmal den Hof übernehmen. Damals hatte noch keiner daran gedacht, daß es ganz anders kommen wird. Für den Polen Stanislaus war die Unterkunft im Pferdestall eingerichtet worden, es war ein Raum mit allem Nötigen: Bett, Tisch, Schrank, Stühle. Dies wurde so gefordert, die Fremdarbeiter durften nicht im Hause schlafen. Das Essen nahmen wir alle gemeinsam in der Küche ein, auch der Pole. Das Essen war immer gut und ausreichend, gesund und kräftig, wie es auf dem Lande üblich ist. Der Tagesablauf begann früh morgens um 5.00 Uhr. Da gingen oder fuhren die Frauen zum Melken der Kühe, je nachdem, wo die Kühe auf der Weide waren. Der Pole fütterte die Pferde. Das Melken erfolgte zweimal am Tag, nachmittags um 15.00 Uhr noch einmal. Die Milchkannen wurden dann an einer bestimmten Stelle zur Abholung bereitgestellt. Ein Bauer, der das Milchfahren übernommen hatte, brachte sie zweimal am Tag zur Molkerei nach Pogegen. Nach dem Melken wurde ich gegen 6.00 Uhr geweckt, um 6.30 Uhr gab es Frühstück. Um 9.30 Uhr gab es ein zweites Frühstück, zwischen 12.00 und 13.00 war die Mittagspause, da wurden auch die Pferde gefüttert, auch die Schweine bekamen ihre zweite Mahlzeit. Schweine füttern war Aufgabe der Frauen. Gegen 15.30 Uhr war Vesperzeit. Hier gab es Malzkaffee mit Milch, dazu Weißbrot mit Honig oder Marmelade oder Streuselkuchen. Zwischen 19.00 und 20.00 Uhr gab es Abendessen, Milch, Brot, Wurst, Schinken, Butter, Käse, manchmal auch Milchsuppe. |
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Alle Mahlzeiten wurden von uns erst eingenommen, wenn alle Tiere versorgt waren. Stanislaus kümmerte sich um die Pferde, ich um die Kühe, wenn sie nicht auf der Weide waren, die Frauen um die Schweine und das Geflügel. Nach jedem Frühstück begannen die notwendigen Arbeiten, die der Jahreszeit entsprachen. Stanislaus pflügte die Felder, die zur Bestellung gebraucht wurden. Stassi, wie er auch genannt wurde, war ein großer, kräftiger Bursche, ihm hat es in Powilken gut gefallen. Im Ort gab es noch mehr Polen, sie trafen sich öfters nach Feierabend. Stassi hatte ein polnisches Mädchen als Freundin, sie hieß Jeaschka und war auch 25 Jahre alt. Anfang Mai wurden auf einem dreiviertel Hektar Kartoffeln gepflanzt, mittelfrühe und Spätkartoffeln. Es wurden mit einem Pflanzlochgerät Löcher gemacht und die Kartoffeln mit der Hand ausgelegt. Dann wurden die Löcher zugehäufelt. Diese Arbeit wurde nach drei Tagen beendet. Herr Pfau machte die Löcher, die Frauen und ich legten die Kartoffeln und Stassi häufelte die Löcher zu. Nach Abschluß der Kartoffelaussaat begann die Auspflanzung der Rüben. Diese Rübenpflanzen wurden im eigenen Garten gezogen. Wenn die Pflanzen kräftig genug waren, wurden sie auf dem vorbereiteten Acker ausgepflanzt. Dazu wurden mit einem großen Rechen die Reihen markiert, sie hatten einen Abstand von 50 cm, dann wurde in Abständen von 30 cm mit dem Pflanzholz ein Loch gemacht, die Pflanze hineingesteckt und mit der Hand das Loch zugedrückt. Diese Arbeit war mit einem ständigen Bücken verbunden und sehr anstrengend. Nach dieser Methode wurden die Rüben auf einem knappen halben Hektar gepflanzt. Zwischenzeitlich wurde auch das Sommergetreide in den Boden eingebracht, dies war überwiegend Hafer, Gerste und Gemenge, dazu kam auch noch etwas Weizen. Roggen war eine Wintersaat und kam im Herbst in den Boden. Wenn der Winterroggen 15 cm hoch war, wurde mit der Hand noch Seradella auf den Roggen gestreut, ein Grünfutter. Nach der Roggenernte begann dann die Seradella auf den Stoppeln richtig zu wachsen, man konnte es grün füttern oder auch als Trockenfutter ernten. Es wurde als Futter für die Pferde und die Kühe eingesetzt. Alle bestellten Flächen wurden manchmal mit Kali, Thomasmehl und Phosphat gedüngt, dies war aber nur als Kopfdünger gedacht. Bevor die Kühe auf die Weide kamen, wurden alle Zäune kontrolliert, kaputte Zaunpfähle wurden ausgewechselt und die Zaundrähte nachgespannt. Weideflächen waren vielleicht drei Hektar, die in Koppeln aufgeteilt waren, so konnten die Weiden regelmäßig gewechselt werden. Zu Pfingsten kamen die Kühe auf die Weide, sie wurden dann auch draußen gemolken. Es gab eine Kuh, die ständig durch die Zäune ging, diese bekam eine Gaffel um den Hals, damit wurde der Ausbruch unterbunden. Die Pferde kamen für die Nacht meistens auf die Weide neben dem Hof. Erst wurden sie im Stall richtig gefüttert. |
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Im Hausgarten standen mehrere Obstbäume, Äpfel, Birnen, Kirschen und Pflaumen und verschiedene Beerensträucher. Auch haben die Frauen Beete für das notwendige Gemüse angelegt, es wurde alles selbst erzeugt. So zum Beispiel: grüner Salat, Gurken, Mohrrüben, Erbsen, Bohnen, Kohl, Kohlrabi, Wrucken, Radieschen, Kürbis, natürlich gehörten auch Blumen in den Garten. Auch hier wurden die nötigen Arbeiten verrichtet, die Beete habe ich meistens umgegraben, und die Frauen haben den Samen eingebracht. So vergingen die Tage auf dem Hof, bis Pfingsten waren dann alle Bestellarbeiten abgeschlossen. Dann begannen die ersten Pflegearbeiten für die zuerst eingebrachten Kulturen. Die Kartoffeln wurden das erste Mal angehäufelt, die Rüben wurden von Unkraut befreit und eingegangene Rübenpflanzen durch neue Pflanzen ersetzt. Ausgefahrene Löcher auf den Feldwegen wurden zugemacht, eingerutschte Gräben wurden neu ausgehoben, damit stehende Nässe auf Wiesen und Feldern abfließen kann. Es wurde im Wald Holz geschlagen. Meistens waren dies Eichen und Eschen; sie wurden für Zaunpfähle aufbereitet, wenn sie zu stark waren, wurden sie noch gespalten, der Rest wurde als Brennholz verwendet, denn es wurde überwiegend mit Holz geheizt. So gab es immer etwas zu tun. Der Krieg mit den Sowjets dauerte schon über drei Jahre, es gab deshalb manchmal unruhige Tage und Nächte. Am Tag flogen Flugzeuge nach Osten, einmal sahen wir an einem Nachmittag einen Luftkampf über dem Wald, ein Flugzeug stürzte dabei ab. In der Nacht gab es Luftangriffe auf die Stadt Tilsit. Der schwerste Luftangriff war im August 1944, dabei wurde ein Drittel der Stadt zerstört. Meine Angehörige wurden danach evakuiert, sie kamen in die Stadt Schillen. Wenn es die Zeit erlaubte, bin ich einmal im Monat zu meinen Eltern nach Tilsit gefahren, dies aber nur bis zu dem Zeitpunkt, bevor sie nach Schillen kamen. Am Abend bin ich dann wieder nach Powilken gefahren, schon wegen der Fliegerangriffe, die jetzt öfters erfolgten. Diese Tour machte ich immer mit meinem Fahrrad, ich hatte ein prima Vollballonrad von Brennabor. |
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Auf den Memelwiesen gab es viele kleine Kanäle, die mit kleinen Bächen verbunden waren und die Bäche wieder mit der Memel. Im Frühjahr war immer eine große Schneeschmelze und großer Eisgang auf dem Memelstrom, dadurch wurden alle Wiesen in einer Breite von 5 Kilometern überschwemmt. So fanden sich immer genügend Fische in den Bächen und den Kanälen, deshalb sind wir mehrmals mit Herrn Pfau am Sonntag hierher zum Fischen gefahren. Diese Kanäle waren höchstens 1 Meter tief und hatten eine Breite von ca. 4 Metern, hier gab es Hechte, Zander und Plötze. Gefischt haben wir mit einem Hagernetz, dies ist ein Netz mit doppelten Maschen - großmaschig und kleinmaschig -. Vom Uferrand konnten wir die Fische sehen, es war ein glasklares Wasser. Die großen Fische standen immer an der sonnigen Uferseite, wir zogen das Netz, welches 10 Meter lang war, immer von der anderen Uferseite zu den Fischen, diese wollten dann fliehen und landeten somit ins Netz. So haben wir genügend Fische gefangen, und für uns war es ein abwechslungsreicher Tag. Zum Mittag sind wir dann wieder mit dem Fahrrad nach Hause gefahren. Nach dem 20. Juni begann gewöhnlich die Heuernte. Pfaus hatten einige Flächen auf den Memelwiesen gepachtet; es waren 1,5 Hektar, die mit der Grasmähmaschine abgemäht wurden, diese Arbeit wurde an einem Tag erledigt. Drei Tage später sind wir alle zum Heuwenden gefahren. Es wurde eine Harkmaschine mitgenommen, mit der wurde das gewendete Heu zusammengeharkt. Das Heu war schon zu 70 % trocken, mit dem Wenden wurde es ganz trocken. Das Heuwenden erfolgte mit der Hand, dazu wurde ein Holzrechen benutzt. Danach wurde das Heu mit der Harkmaschine zu großen Wällen geharkt. Wir haben dann von diesen Reihen große Heuhaufen gemacht. |
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Zum Feierabend wurde ein Wagen mit Heu beladen und nach Hause genommen. Am anderen Tag ging es noch einmal zu den Wiesen, und es wurden die gleichen Arbeiten wie am Vortag verrichtet. Am Abend wurde wieder eine Fuhre Heu nach Hause genommen. An den nächsten zwei Tagen wurde dann das restliche Heu nach Hause gebracht. Zu den Memelwiesen waren es ca. 8 bis 10 Kilometer, bei der Hinfahrt fuhren wir durch den Wald nach Jecksterken und von dort zu den Wiesen. Die Rückfahrt erfolgte auf der Straße von Heydekrug nach Pogegen, weil es auf der Straße für die Pferde leichter war. Drei Wiesen gehörten zum Gut Schillgallen. Auf den Wiesen war das Gras besonders gut, so wurden 6 bis 7 Fuhren Heu geerntet. Im Herbst wurde noch einmal auf den Wiesen Heu gemacht, dies war der zweite Schnitt, der noch einmal 2 bis 3 Fuhren Heu brachte. Zu diesem Zeitpunkt wurden auch die Seradella und der Klee gemäht, getrocknet und auch eingefahren, so daß für die Kühe und für die Pferde genügend Trockenfutter vorhanden war. Das Heu, welches nicht in den Ställen untergebracht werden konnte, wurde auf der Wiese hinter dem Pferdestall zu einem großen Heuhaufen gestapelt. |
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Die Zeiten wurden immer unruhiger, man sprach davon, daß die Front immer näher zur ostpreußischen Grenze rückt und wir uns auf das Schlimmste gefaßt machen sollten. Anfang August 1944 erhielten wir plötzlich die Mitteilung, wir sollen unsere Sachen packen und den Ort so schnell wie möglich verlassen, denn der Feind ist in der Nähe der Grenze durchgebrochen. Wir hatten gerade mit der Roggenernte begonnen. So ließen wir alles stehen, packten das Erforderliche auf zwei Wagen und machten uns auf den Weg. Wir fuhren über die Luisenbrücke und dann in Richtung Schillen bis nach Tauern. Dort wurden wir auf einem Hof untergebracht. Der Pole Stassi war zurückgeblieben und hat sich um das Vieh gekümmert. Es blieb alles ruhig, nach 4 Tagen sind wir wieder nach Powilken gefahren. Als wir zu Hause waren, wurde wieder mit der normalen Arbeit begonnen. Stassi hatte sich bestens um das Vieh gekümmert. Am anderen Tag setzten wir die begonnene Getreideernte fort. Es wurde gemäht, das Getreide zu Garben gebunden und in Hocken aufgestellt. Als es nach Tagen gut abgetrocknet war, wurde es eingefahren und in der Scheune eingelagert. |
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Nach 14 Tagen, es war Ende August, war die Getreideernte beendet. An der Front war alles ruhig, es flogen keine Flugzeuge, es waren keine Fliegerangriffe mehr. Die Polen, welche andere Sender hörten, waren besser unterrichtet als wir. Der Pole Stassi sagte, dies ist die Ruhe vor dem Sturm. Nach dem Abschluß der Getreideernte wurde an einem Nachmittag gedroschen, es wurde Futtergetreide und Brotgetreide gebraucht, so wurde ein Teil Roggen und Hafer sowie Gerste gedroschen. Ein Teil des Roggens wurde für die neue Wintersaat gelagert, das übrige Getreide in der Mühle zu Brotmehl und Futterschrot gemahlen. Als alles unter Dach und Fach war, begannen wir mit der Kartoffelernte. Dieses Jahr war eine gute Ernte gewachsen, der Bauer rechnete mit der 10ten Saat, das heißt, es wird das Zehnfache geerntet. So ist es auch gekommen, denn von der angebauten Fläche wurden 350 Zentner Kartoffeln geerntet. Die Kartoffeln wurden mit einem Roder reihenweise ausgeschleudert und mit der Hand aufgelesen, dabei wurden die Kartoffeln gleich sortiert, in Speisekartoffeln und Futterkartoffeln. Am Abend wurden die Säcke auf den Wagen geladen und zu Hause auf der Tenne der Scheune abgeladen. Die Futterkartoffeln kamen gleich in die Futterküche im Schweinestall. Die Speisekartoffeln wurden in Säcken gewogen, denn es mußten 60 Zentner Kartoffeln abgeliefert werden. Am anderen Tag wurden mit zwei Wagen die 60 Zentner zur Raiffeisengenossenschaft nach Pogegen gebracht. Wir haben an diesem Tag weiter Kartoffeln aufgelesen. Nach vier Tagen waren die Kartoffeln alle abgeerntet, die übrigen Speisekartoffeln kamen in den Keller unter dem Wohnhaus. Die abgeernteten Flächen wurden nun mehrmals abgeeggt und vorhandene Kartoffeln abgelesen, dann wurde auf diesen Flächen Winterroggen ausgesät. |
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Als letztes wurden die Futterrüben geerntet, sie waren auch eine Futtergrundlage für die Schweine und Kühe. Die Rüben wurden mit der Hand herausgezogen und auf einen Stapel geworfen, danach die Blätter mit einem großen Messer abgehauen und die Rüben auf den Wagen geworfen. Die Blätter wurden für die Kühe auf die Weide gefahren, als etwas zusätzliches Futter, da die Weiden sehr abgeweidet waren und der Graswuchs nun ausblieb. Die Rüben wurden dann zum Stall in eine Futterkammer gebracht. Der Rest wurde in einer Miete im Garten eingelagert. Die Miete wurde mit Stroh abgedeckt und mit Erde beworfen. Wir hatten nun die ganzen Erntearbeiten abgeschlossen und konnten mit den notwendigen Feldarbeiten beginnen, z.B. Stoppelfelder umpflügen usw., da kam für uns der plötzliche Befehl, sofort den Hof zu verlassen und das Memelgebiet zu räumen. Für uns war dies ein großer Schock. Um die Kühe und Schweine sowie das andere Vieh werden sich andere kümmern. Auf zwei Pferdewagen wurde nun das Notwendige aufgeladen. Auf den einen Wagen kam das Futter für die Pferde, Hafer, Heu, für uns einige Zentner Kartoffeln, ein zerlegtes Schwein in einem Bottich, darüber wurde eine Plane gespannt, darauf kam mein Fahrrad, diesen Wagen mußte ich kutschieren. |
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Auf den anderen kamen die Federbetten, Decken, Sachen zum Anziehen, für uns die Verpflegung wie Eingemachtes, Wurst, Schinken, Brot. Es wurden auch noch einige Hühner geschlachtet, denn wir wußten nicht, wie weit wir fliehen werden. Eines wurde uns klar: Ins Memelland kommen wir nicht zurück. Über diesen Wagen haben wir mit Latten ein Dach gebaut und darüber eine Plane gespannt. Hier sollte geschlafen und Schutz gegen Wind und Regen gefunden werden. Wir waren noch beim Aufladen, da wurden schon die Kühe und Schweine abgeholt, diese Arbeiten verrichteten Gefangene unter Bewachung von Soldaten. Die Polen, welche im Ort waren, mußten sich schon vormittags beim Ortsbauernführer melden, sie kamen mit unbekanntem Ziel fort. Stassi wäre gerne bei uns geblieben und mit uns mitgekommen, aber es ging nicht, wo sollten wir ihn verstecken. Gegen Mittag setzten wir uns vom Hof in Bewegung, mit Tränen in den Augen ging der Blick noch einmal zurück, für mich für immer. Im Dorf ging dann die Reise mit den anderen Bauern nach Pogegen, am Gut Baubeln vorbei zu den Wiesen nach Übermemel und am anderen Morgen über die Luisenbrücke nach Tilsit. Unsere Flucht ging durch viele Ortschaften in Ostpreußen über Landstraßen, Feldwege, durch Wälder und bis wir die Stadt Domnau nach 10 Tagen erreichten, wo wir bei dem Bauern Erich Passarge in Powayen untergebracht wurden. Hier landete nach zwei Tagen eine weitere Familie aus dem Memelland. Am 28. September 1944 machten wir uns auf die Flucht, am 15.Oktober standen die Sowjets schon an der Memel. Es war für uns damals schon höchste Zeit. Herr Pfau wurde noch im Dezember 1944 mit 56 Jahren zur Wehrmacht nach Königsberg eingezogen. Am 1. Februar 1945 haben uns die sowjetischen Truppen auf dem Hof von Passarge gefangengenommen. Nach 8 Wochen Aufenthalt in Domnau wurde ich mit anderen Personen ins Gefängnis nach Bartenstein gebracht. Von der Familie Pfau habe ich nichts mehr gehört. So endete mein Landjahr in Powilken. Es gab bisher kein Wiedersehen mit Powilken. |
| Autor : © 2002 Hans Augusti, D-99026 Stadtilm Quelle : "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2003 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz Anm.: Powilken gehört zum Kreis Tilsit-Ragnit und zum Ksp. Piktupönen |