|
|
|
Fakten zur Geschichte von den goldenen Ferkelchen von Gabriele Bastemeyer
|
|
Der stimmungsvolle Artikel aus der Zeit der Franzosenkriege, den ich freundlicherweise als Kopie der in Königsberg erschienenen Ostpreußenzeitung vom 11.12.1934 In Kurzform folgen hier die Gutsbesitzer bis zum Umbau des Gutshauses in eine Kirche der Mennoniten im Jahr 1831. Denn die Gutsbesitzer erlauben uns einen Blick auf die weitgehend unbekannte Geschichte der Memelniederung in früheren Jahrhunderten. Diese Mennonitenkirche Pokraken, somit das alte Gutshaus von Adlig Pokraken, befand sich paradoxerweise auf einem Grundstück, das im 19. und 20. Jahrhundert nicht zu Pokraken gehörte, sondern zur Gemeinde Grietischken Kirchspiel Pokraken. Grietischkens Nachbargemeinde Richtung Tilsit war das Kirchdorf Pokraken mit seiner evangelischen Kirche. Das evangelische Kirchspiel Pokraken gehörte zur Diözese Tilsit. Die Gemeinde Pokraken gehörte auch verwaltungsmäßig zum Landkreis Tilsit, während Grietischken (seit Juli 1938 Grieteinen genannt), zum Kreis Niederung gehörte. Das Gutshaus Adlig Pokraken in landschaftlich schöner Lage am Fluß Schalteik, umgeben von uralten schattenspendenden Bäumen, sah jahrzehntelang viele Kutschen ankommen, wenn am Sonntag der Gottesdienst gefeiert wurde. Frau Hermine Janz aus Wietzischken, 84 Jahre alt, erzählte mir, daß ihre Mutter, die bekannte Volksschriftstellerin Trude Janz mit den Kindern zu dieser Kirche fuhr. Eine Stunde brauchten sie mit dem Pferdefuhrwerk dafür. Alle 14 Tage ging es am Sonntag über die Gilgebrücke in Sköpen, wo der Brückenwärter Paltinat einen oder zwei Groschen Brückenzoll kassierte. Manches Mal mußten sie vor der geschlossenen Brücke warten, wenn ein Dampfer vorbeikam oder wenn die Kleinbahn von Kaukehmen kommend über die Brücke fuhr. Der mennonitische Gottesdienst begann um 10 Uhr und dauerte eine Stunde lang. Während dieser Zeit beaufsichtigte ein Pferdewächter die Pferde und Kutschen und beseitigte später deren Hinterlassenschaften. |
|
Die Besitzer des Gutes Adlig Pokraken
|
|
1. Das Gut Pokraken, günstig zwischen der nahen Stadt Tilsit und dem alten Siedlungsplatz Linkuhnen gelegen, hat eine lange Vergangenheit. Das erste bekannte Dokument datiert vom 8.11.1614 und ist ein "Kaufcontact des Guhts Pokraggen dem Cöllmer Christoph Makeinen zugehörig". 2. Georg BORGRING (Borchring) besitzt das Gut Pokraken mindestens von 1615-1622. |
|
3. Christoph POLKEIN ist 1645 Besitzer der 6 Huben zu Pokraken. Polkein war laut Jenny Kopp (Geschichte des Landkreises Tilsit) Bürgermeister des Kneiphof (Königsberg). 4. Der Rittmeister Freiherr von KIEKEBUSCH ist um 1737 Besitzer des Gutes Pokraken. 5. Leutnant von PILGRIM. 1739 wird ihm das kölmische Gut Alt und Neu Pokraken, 6 Huben 29 Morgen oletzkoisch verliehen. Er zahlt jährlich 94 Taler Generalhubenschoß, 47 Taler Fouragegelder, 9 Taler Servis, desgleichen 8 Taler an Zins, in Summa 158 Taler. 6. Frau Obristin von Brumsee ist um 1753 Besitzerin des Gutes. In der Prästationstabelle 1753-1759 ist sie mit 6 Huben Land in Pokraken aufgeführt. Sie zahlt 8 Reichstaler Zinsen. Eine Maria Elisabeth von Brumsee hatte als verwitwete von Vietighof in zweiter Ehe einen Herrn von Pilgram (so!) geheiratet. In dritter Ehe heiratete sie um 1790 einen Herrn von Eller. Diese Maria Elisabeth wird vermutlich eine Tochter der Obristin von Brumsee gewesen sein. Der Vater der Maria Elisabeth geb.von Brumsee, ist 1732 verstorben. |
|
7. Kapitän von ELLER ist um 1750 Besitzer auf Pokraken. Vermutlich ist er identisch mit dem Hauptmann Carl Siegmund von ELLER , der am 5.Mai 1784 in Pokraken mit 48 Jahren stirbt. Er ist verheiratet mit Charlotte Sophie, der Tochter des preußischen Majors KOPP von Mackerodt von Schilleningken. Charlotte Sophie stirbt am 30.7.1794 in Königsberg im Alter von 65 Jahren an Auszehrung. |
|
8. Leutnant Hans Wilhelm Leopold von ZABELTITZ ist mindestens seit 1783 Besitzer des Gutes, vermutlich schon länger. Von 1790 bis 1792 bestand das Hochlöbliche Dragoner Regiment von ZABELTITZ im nahen Tilsit. Der Generalmajor und Chef des Dragonerregiments soll 1791/92 in Tilsit gestorben sein. |
9. Kaufmann GOTTSCHALK aus Tilsit ist von 1809-1816 Besitzer. Er verkauft das Gut Pokraken 1816 für 33000 Taler an den Ältesten der Mennonitengemeinde der Memelniederung Dietrich JANZ. Der Leutnant von Zabeltitz erhält 1000 Taler des Erlöses. 10. Dietrich JANZ. Ältester der Mennonitengemeinde, war beim Kauf 72 Jahre alt. Er teilte das Gut unter seinen Söhnen Jakob JANZ und Heinrich JANZ auf. Eine zweite, neu erbaute Hofstelle, erhielt den Namen Rothof. |
|
11. Jakob JANZ und Heinrich JANZ um 1820-1825. In der Wirtschaftskrise nach den Befreiungskriegen wird das Gut Pokraken 1825 wieder an den Tilsiter Kaufmann Gottschalk verpfändet. Gottschalk verkauft es sofort weiter an die vier Mennoniten Johann Mertins, Jakob Rosenfeld, Heinrich Janz und Heinrich Ewert. 12. Kaufmann Gottschalk aus Tilsit für kurze Zeit (siehe Nr. 11). |
![]() Pokraken: Mennonitenkirche im ehemaligen Gutshaus Adlig Pokraken. |
|
13. Johann Mertins, Jakob Rosenfeld, Heinrich Janz und Henrich Ewert (siehe 11) 14. 1831 kauft der Älteste der Mennonitengemeinde, Franz ROSENFELD, das Gutshaus Adlig Pokraken für seine Gemeinde. Am 18.12.1831 wird das Gotteshaus feierlich eingeweiht. Bis Anfang der 1890er Jahre wird in Plauschwarren weiterhin parallel ein mennonitischer Gottesdienst abgehalten, seit 1893 nur noch in Pokraken. Über das Schicksal der Mennonitenkirche/Gutshaus Adlig Pokraken ist meines Wissens nichts bekannt. Ich fand bisher niemanden, der mir sagen konnte, wann das Gebäude nach Oktober 1944 zerstört oder abgerissen wurde. |
| Autor: © 2009 Gabriele Bastemeyer Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2010 Seite 15 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz Bilder: "Bildarchiv Ostpreußen" (www.bildarchiv-ostpreussen.de) |
|
von Jungbäuerin Erna Lenuk aus Tilsit-Kaltecken
|
|
Ein schöner warmer Novembertag! Behäbig liegt ein Bauernhof in der Sonne. Weit stehen die Türen der Ställe offen, die "Bruhne" schaut durch eine Stalltür verstohlen nach der Weide und denkt an ein zärtliches Zusammentreffen mit ihrer "prämierten" Tochter. Die "Bruhne" ist sehr stolz, kann sie doch ihre Ahnenreihe bis 1780 nachweisen. Eine vornehme Familie. Eine Gardine bewegt sich am Fenster, ein liebes Gesicht wird sichtbar. Nun ist die Großmutter in den Vordergrund getreten. Eine herzliche Umarmung schließ alles andere aus. Wohlige Wärme umfängt uns im Altsitzerstübchen. Großmutter ist schon 81 Jahre alt. Aber ihre Bewegungen sind noch jugendlich und behende. Weißes Haar umrahmt ihr liebes, runzliges Gesicht. Heute ist sie vor Freude ganz rot geworden wie vor fünfzig Jahren. Wir Enkelkinder sitzen mal wieder bei ihr zu Besuch und lassen uns von vergangenen Zeiten erzählen. Jedesmal, wenn sie etwas erzählt, fühlen wir uns in eine andere Welt versetzt. Gestalten, die wir nicht kennen, tauchen vor uns auf und erscheinen uns seltsam vertraut. Heute will uns Großmutter von ihrem Vater und Großvater erzählen. Eine kleine erwartungsvolle Stille umfaßt unsern Kreis, und geräuschlos rücken wir näher, um ja kein Wort zu verlieren, das aus ihrem Munde kommt. Vergessen sind die Aepfel in der Ofenröhre, vergessen sind die Kartoffelflinsen, die nirgens so gut schmecken wie bei ihr. Mit einem herzlichen Blick umfasst sie uns und beginnt ihre Erzählung. |
|
Mein Vater wurde im Jahre 1802 auf seinem größeren väterlichen Grundstück in der Gegend von Neukirch geboren. Als Junge hat mein Vater den Zug der Franzosen nach Rußland miterleben müssen. Als die Franzosen die Umgegend von Pokraken und Neukirch erreichten, quartierten sie sich auch bei meinem Großvater ein. Bald trat ein empfindlicher Mangel an Brot ein. Meine Großmutter hatte als tüchtige Hausfrau viel Vorrat an Malz, welches sie zum Alausbrauen aufbewahrt hatte. Die Franzosen bucken nun aus diesem Malz Brot. Da sich Malz zum Brotbacken nicht eignet, sahen die Franzosen, als sie die fertigen Brote aus dem Ofen nehmen wollten, statt der schönen braunen Brote eine teigige Masse. Mit einer Hacke haben die Franzosen den Teig aus dem Ofen geholt und den hungrigen Kindern gegeben. Die Franzosen suchten überall nach Geld. Sicherheitshalber hatte mein Großvater das bare Geld an die größeren Kinder verteilt. In der Tasche meiner Großmutter klirrte ein Schlüsselbund, die Franzosen hörten es und verlangten Geld von ihr. Auf ihre Zusicherung, daß sie kein Geld besitze, zog ein Franzose den Säbel und hieb ihr über den Oberschenkel, daß das Blut spritzte. Nachdem die Franzosen eine Zeitlang gehaust hatten, zogen sie ihrem Ziele, Moskau, entgegen. Bei meinem Großvater sahen die Franzosen einen Schlitten stehen. Daß solch ein Gefährt nur bei Schneefall benutzbar ist, war ihnen anscheinend völlig unbekannt. Nun mußte der Großvater, da er einige sehr schöne Füchse besaß, die Franzosen nach Kowno im schönsten Monat Juni mit einem Schlitten fahren. Die Fahrt war beschwerlich. Oft wurden die Pferde geschlagen. Da der Großvater das nicht länger ansehen konnte, überließ er die Pferde, so leid es ihm tat, ihrem Schicksal und flüchtete bei Nacht. Die anfangs erwähnte "Bruhne" kann diese beiden Füchse zu ihren Ahnen zählen. |
|
In Pokraken, dicht an der Schalteik steht, von uralten Bäumen umgeben, die Mennonitenkirche. Vormals, als mein Vater ein kleiner Junge war, stand hier ein stattliches Gut, der Familie von ZOBELTITZ gehörig. Das Gutshaus wurde, als 1820 die Aufteilung erfolgte, in die heutige Mennonitenkirche umgewandelt. Eine längere rechteckige Vertiefung, die sich auf dem Felde zwischen der Straße und Kirche befindet, zeigt den ehemaligen Gutsteich an, an welchem edle Pferde und satte Rinder ihren Durst gestillt haben. Die uralten Bäume wissen von Festen und schönen Frauen zu erzählen. Unter dem wertvollen Silberzeug der Familie von ZOBELTITZ befand sich auch ein kunstvoller, goldener Tafelaufsatz, der ein Schwein mit 12 goldenen Ferkeln darstellte. In der Familie war der Glaube verbreitet, solange der erwähnte Tafelaufsatz beim Festmahle die Tafel zieren würde, solange würden Glück und Wohlhabenheit im Hause herrschen. Es traf auch so zu. Nachdem die Franzosen den Aufsatz geraubt hatten, wich auch das Glück von der Familie. Da das ganze Gut von den Franzosen ausgeraubt wurde, verließen die von ZOBELTITZ Pokraken, und einige Mennonitenfamilien wie ROSENFELD, JANZ und MERTENS, deren Nachkommen noch heute dort wohnen, siedelten sich an. |
|
Eine lange Pause tritt ein. "Nun habe ich für heute genug erzählt, und nun müssen wir Kaffee trinken, die Flinsen warten schon lange auf euch." Gehorsam setzten wir uns um den Kaffeetisch. Nach einer Weile wagt die Jüngste aus unserem Kreise zaghaft eine Bitte: "Großmutter, erzähle noch weiter, wer weiß, ob wir ein andermal wie hier so traulich sitzen werden, ob dann nicht einer ... fehlen kann." Ein Gedanke beherrscht uns sekundenlang alle. Großmutter aber läßt sich erweichen. "Na, wenn ihr durchaus wollt, so werde ich noch die Erlebnisse meines Mannes, eures Großvaters, erzählen". Wieder große Stille im Raum. "Als mein zukünftiger Mann 1870/71 in Frankreich weilte, kam er zu einigen alten Franzosen ins Quartier. Diese alten Franzosen erinnerten sich noch genau der Erzählungen ihrer Väter, die den Zug nach Rußland mitgemacht hatten. Zuallererst fragten sie, ob noch das Gut von ZOBELTITZ existiere, auf welchem ihre Väter viel Vieh und Getreide vorgefunden und entführt hätten. Die Kellerräume seien mit vielen Tonnen Butter und vielen Stein Käse (ein Stein=30 Pfund) gefüllt gewesen. Es müßte nach den Erzählungen ihrer Väter ein sehr reiches Land sein. Unter vielem Silberzeug sei ein Tafelaufsatz, der ein Schwein mit zwölf goldenen Ferkeln darstellte, nach Frankreich überführt worden." |
|
Welch ein Zufall in einer Familie. Der Schwiegervater als zehnjähriger Junge erlebt den Raub des Tafelaufsatzes im Jahre 1812. Der zukünftige Schwiegersohn erfährt im Jahre 1870/71 den weiteren Verbleib des Aufsatzes in Frankreich. Ein Schweigen im Raume. Die Abendsonne sendet ihre letzten Strahlen und nimmt Abschied von einem lieben schönen Tage. Mit Wehmut denken wir an das große Scheiden, das uns täglich näher rückt. Großmutter erhebt sich und mahnt uns zum Aufbruch. Schwer wird uns allen zu Mute, werden wir noch solch einen schönen Spätherbsttag im Altsitzerstübchen erleben? |
| Quelle: 1) Ostpreußenzeitung vom 11.12.1934 2) "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2010 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz |