| Nördlich der Memel | |
|
|
|
von Dr. Hans Reimer
|
|
180 ha der insgesamt 911,50 ha landwirtschaftlich genutzten Fläche des Gutes Schilleningken waren Wiesen, davon 103 ha Memelwiesen in Plauschwarren. Die 62 ha Wiesen des Hauptgutes litten unter stagnierender Nässe, und alle Bemühungen zu ihrer Besserung durch Hinzuziehung von Sachverständigen der Ostpreußischen Landwirtschaftskammer und Anlegung eines Pumpwerkes blieben erfolglos. Dagegen waren die Wiesen in Plauschwarren eine wahre Goldgrube. Durch die alljährliche Überschwemmung der Memel lagerte sich hier immer wieder Schlick ab, der besser als Kunstdung wirkte. Man brauchte also hier nur zu ernten, was jedes Jahr reichlich gewachsen war. Darauf basierte wohl auch der Wohlstand der früher dort ansässigen Mennoniten. Wenn der erste Schnitt Kleegras und Timothe auf dem Hauptgut und den Vorwerken eingebracht war, wurden bei günstiger Witterung alle verfügbaren Grasmähmaschinen nach Plauschwarren beordert, die dann in wenigen Tagen die ganzen Wiesen abmähten, soweit sie nicht als Weideland für die 120 Stück Jungvieh und die Mastochsen benötigt wurden. Sobald das Gras nach einmaligem Wenden einigermaßen trocken war, wurde dann die ganze Belegschaft rübergeschickt, um zunächst sogenannte Windhäufchen zu machen, die nach weiterer Trocknung zu größeren Kepsen zusammengelegt und sobald als irgendmöglich in die beiden Scheunen in Plauschwarren eingefahren wurden. Der Prozeß des Heuschwitzens fand also erst in den Scheunen statt, was bei der Masse von 8 bis 9.000 Ztr. Heu immer eine große Gefahr der Selbstentzündung in sich barg. Ich habe es mehrfach erlebt, daß die Scheunenwände außen völlig naßgeschwitzt und eiserne Nägel darin so heiß waren, daß man sie kaum noch anfassen konnte. Diese umständliche und risikoreiche Ernteweise wurde ab etwa 1932 durch ein neues Verfahren, sogenannt „mit dem Bindfaden" geändert. Es würde hier zu weit führen, dieses Ernteverfahren in allen Einzelheiten zu schildern. Der Vorteil gegenüber der bisherigen Ernteweise bestand hauptsächlich darin, daß das Durchschwitzen des Heues in großen Haufen, die mit Hilfe von einem in U-Form gelegten doppelten Tau zusammengezogen wurden und jeweils ein großes Fuder Heu ergaben, im Freien stattfand. Das Einfahren des Heues konnte dann zu gegebener Zeit in aller Ruhe erfolgen, es erforderte viel weniger Arbeitskräfte und Scheunenraum als vorher, da das bereits draußen durchgeschwitzte Heu sich ja dabei wesentlich gesetzt hatte, und vor allen Dingen bestand keine Gefahr mehr für eine Selbstentzündung in der Scheune. |
|
Wenn das Heu dann nach Beendigung der Herbstbestellung von Plauschwarren nach Schilleningken und zu den Vorwerken geholt wurde und 14 bis 15 sauber geladene Fuder mit je vier Braunen, vier Rappen, vier Füchsen oder vier Schimmeln bespannt durch die Deutsche Straße in Tilsit fuhren, blieben alle Leute bewundernd ob dieses Anblickes stehen. Besonders merkwürdig war es, daß sich dieses "Verfahren mit dem Bindfaden" nur auf den Memelwiesen anwenden ließ, aber auf allen anderen Grünlandflächen versagte, indem das Heu nicht gleitete, sondern sich überrollte. Dies muß wohl an der einzigartigen Grasnarbe der Memelwiesen gelegen haben. Da ein Teil des Heus immer an das Proviantamt in Tilsit abgeliefert werden mußte und die Wagen dort gewogen wurden, ist mir bekannt, daß die Fuder 40 bis 42 Ztr. Heu enthielten. Die Arbeitskräfte übernachteten während ihres Einsatzes in Plauschwarren in der oberen Scheune, wurden mittels einer Gulaschkanone durch die Frau des Wiesenwärters beköstigt und erhielten eine Zulage von 1 RM pro Tag, dazu abends mehrere Kästen Bier, wenn alles gut geklappt hatte. Solange die eigene Fähre über die Memel verkehren durfte, betrug die Entfernung vom Hauptgut zum Vorwerk Plauschwarren 7 km. Als sie im ersten Weltkrieg wegen der Militärtransporte auf der Memel verboten und nach dem Kriege nicht mehr genehmigt wurde, verdoppelte sich die Entfernung, weil nun das Weidevieh und alle Fuhren nach und von Plauschwarren durch die Stadt Tilsit und über die Luisenbrücke geleitet werden mußten, was natürlich sehr hinderlich und zeitraubend war. |
![]() Vorwerk Plauschwarren (später Adl. Plauschwarren) um 1930 : Heuernte |
|
Noch viel schlimmer wurde es aber, als nach dem Versailler Friedensvertrag das Gebiet nördlich der Memel ohne Volksabstimmung vom Deutschen Reich abgetrennt, der Entente zugesprochen und unter französische Aufsicht gestellt wurde, bis dann die Litauer 1923 durch einen Handstreich die französische Besatzung verjagten und das Memelgebiet in eigene Verwaltung nahmen. Dadurch wurde die Nutzung der Plauschwarrer Wiesen sehr erschwert, denn die Litauer verlangten, für jeden Menschen und jedes Pferd, die über die Memel kamen, eine besondere Genehmigung und für alles Vieh, das zum Weidegang nach drüben geschickt wurde, mußte lange vorher eine Liste in siebenfacher Ausfertigung nach Kowno und nach Gumbinnen eingereicht werden, in der jedes Stück Vieh mit einer Hufbrandnummer einzeln aufgeführt war. Am schlimmsten war aber, daß unsere Gespannführer beim Heuholen versuchten, Lebensmittel, die drüben wesentlich billiger waren - insbesondere Butter a 0,60 M je Pfund und Weizenmehl zentnerweise - in den Heuwagen rüberzuschmuggeln. Die Zollbeamten durchstachen die Heufuder mit langen Nadeln und wenn sie Schmuggelware entdeckten, wurde nicht nur diese, sondern auch das ganze Fahrzeug mit Inhalt und Pferden beschlagnahmt. Es gab dann immer sehr langwierige Verhandlungen, um Fahrzeug und Pferde wieder freizubekommen, so daß ich schließlich jedem unserer Leute, der schmuggelte, fristlose Entlassung androhen mußte. Auch wußte man nie mit Sicherheit, ob die alljährlich nach Plauschwarren auf Weide getriebenen 120 Stück Vieh wieder die Rückkehrgenehmigung von den Litauern erhalten würden, bis im März 1939 das Memelgebiet durch einen Vertrag mit der litauischen Regierung wieder zum Deutschen Reich rückgegliedert wurde. |
| Autor: Dr. Hans Reimer aus "Geschichte des Rittergutes Adl. Schilleningken" (Text und Bild) Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2007 Seite 9 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz |
|
Bemerkung: Das Vorwerk Plauschwarren gehörte zum Rittergut Adl. Schilleningken (später Hegehof) im Kreis Tiisit-Ragnit linksseits der Memel, war also kein selbständiges Gut. Dennoch glaube ich, daß man es der Reihe der "Wiesengüter am Strom" im "Memel Jahrbuch" zuordnen kann, zumal das Vorwerk zu meinem Heimatort gehörte und ich die beschriebene Heuernte und den Abtransport des Heus noch aus eigener Anschauung kenne. |