| Die schönen Wiesengüter am Strom | |
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von Gabriele Bastemeyer
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Seit Jahren habe ich Material über die westlich von Tilsit gelegenen Güter Pillwarren, Perwallkischken und Winge gesammelt. Ich habe im Jahre 1994, als ich mit meinem Mann und unseren beiden Kindern von damals 8 und 10 Jahren Ostpreußen besuchte, nach den Spuren der Güter gesucht. Sie sind vom Winde verweht. Ich fand nichts mehr. Ich möchte deshalb zunächst das Gut Pillwarren ein wenig zu neuem Leben erwecken. |
![]() Wohnhaus Gut Pillwarren |
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Die Landschaft zwischen der Memel oder besser gesagt, dem Ruß-Strom, und Plaschken, war eine weite Ebene mit Wiesen, Weiden und Ackerflächen. Bäume standen nur entlang der Wege, an den Gräben und bei den Besitzungen. Es waren oft alte hohe Weiden mit Krähennestern. Die Zweige der Weiden wurden zum Flechten von Körben verwendet. Die Gehöfte, zum großen Teil aus Holz erbaut, standen meist auf Anhöhen. Denn das Wiesenland war Überschwemmungsland. Das bedeutete Freud und Leid gleichzeitig. Die jährlichen Überschwemmungen machten das Land besonders fruchtbar, brachten aber auch viele Probleme. Mit Beginn des Eisgangs im Frühjahr kam es jährlich zum Eisstau und zu wochenlangen Überschwemmungen auf der Seite des Memellandes. Das Land auf der anderen Seite war durch Dämme geschützt. Plaschken, der Einkaufsort für Pillwarren, war dann nur noch mit dem Boot zu erreichen. Die Winter an der Memel waren kalt. Herr Siegfried Kroll, früher Pillwarren, beschrieb mir diese Landschaft am Strom und erzählte auch, daß sie früher noch Anfang April zweispännig über die Memel gefahren seien. Wer waren die Menschen, die in Pillwarren lebten? Im Verhältnis zu der langen Zeit der Besiedlung wissen wir heute wenig davon. Orte mit -warren wie Pillwarren, Leitwarren, Warrischken sind aber besonders alt. Sie scheinen schon zur Zeit, als die Normannen die Memel befuhren, besiedelt worden zu sein. Die erste schriftliche Nachricht von Pillwarren stammt jedoch erst aus dem Jahre 1616. Damals wohnte dort ein Georg Lembke. Etwas später besitzt die Majorin Kosch 6 Huben in Pillwarren, mit deren Zinsen sie im Rückstand bleibt, weil "sie sich durch Bauten geschwächt hat". |
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Im Jahre 1657 erhält der kurfürstliche Stallmeister Balthasar von Schimmelpfennig (1609-1670) eine Verschreibung über 36 Huben in der Tilseschen Niederung mit den Orten Pillwarren, Plaschken und Bersteningken. Er hinterläßt seine Besitzungen in verwahrlostem und verschuldetem Zustand. Sein Neffe Christoph von Schimmelpfennig übernimmt den Besitz. Aber auch er muss ihn 1682 "schuldens-halber" verlassen. Die durch Pest und Überschwemmungen gänzlich ruinierten Güter verleiht der Kurfürst jetzt dem Geheimen Rat von Mühlheim, der mit Schilleningken belehnt war. Das Gut Pillwarren hatte damals 12 Hufen. Nach dem Tode des von Mühlheim fallen die Güter Pillwarren und Bersteningken "schuldenshalber" an das kurfürstliche Amt Winge. Das Amt Winge besetzte die Besitzungen mit Bauern, die wegen der adligen Verschreibung von 1657 noch später viele besondere Rechte und Freiheiten genossen. Für die 12 Hufen mußten jährlich 216 Taler an Zinsen gezahlt werden. Die Pest von 1709-1711 entvölkerte auch das Gut. 1726 erwirbt Wilhelmina Sophia Magir das Gut vom Kammerverordneten Müller. Jenny Kopp schreibt in ihrem Buch "Beiträge zur Chronik des ostpreußischen Grundbesitzes" (Königsberg 1913) daß das Gut im 18. Jahrhundert im wesentlichen im Besitz der Brüder Johann und Jakob Gehrke gewesen sei. Diese und 12 andere bitten den König 1767, ihnen die Burgdienste zu erlassen und wegen der vielen Überschwemmungen auch die Zinsen. Der Spezialerlaß wird durch den Domänenbeamten Löffke in Winge bekanntgegeben. |
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Johann Goerke (1845-1931) aus Bersteningken, ein entfernter Verwandter von mir, schreibt dagegen um 1920: "um diese Zeit (vermutlich nach der großen Pest von 1709-11) sind auch zwei Brüder Johann und Jakob Goerke, aus Pommern gebürtig, hier im jetzigen Memelland eingewandert. Es ist ihnen damals das Gut Pillwarren zur Bewirtschaftung übergeben worden. Auf diesem Gut lastete aber ein sehr hoher Zins und da durch große Überschwemmungen, sowie Versandungen, große Schäden angerichtet wurden, auch die Arbeitskräfte damals zu gering waren, gaben sie das Gut wieder ab und kauften im Dorf Deutsch Pillwarren Besitzungen an, die sie besser bewirtschaften konnten." Das Gut Pillwarren scheint den Goerke also im Gegensatz zu Jenny Kopps Aussage nur zu Beginn des 18. Jahrhunderts gehört zu haben. Vielleicht irrt die Familienüberlieferung aber auch. Jedenfalls hat das Gut seinen Besitzern wohl längere Zeit nicht viel Freude bereitet. |
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Im Jahre 1805 übernimmt dann Abraham Gubba, ein tüchtiger Landwirt, das Gut. Er muß vermögend gewesen sein, denn er läßt den Vieh- und Pferdebestand erneuern und neue zweckmäßige Bauten errichten. Vermutlich stammte auch das Gutshaus aus dieser Zeit. Nach seinem Tod im Jahre 1835 gehört Gut Pillwarren seinem Sohn, C. F. Gubba, Kaufmann in Memel. Dieser verkauft es jedoch schon 1840 an Harmssen, in dessen Besitz es 1848 noch ist. Im März 1828 hatte ein Besitzer Jantzon vom Erbfrei Gut Pillwarren Nr. 11 eine Hufe 23 Morgen magdeburgisch, nur aus Wiesen bestehend, zum Verkauf angeboten. Vermutlich in der Zeit, als Harmssen das Gut besaß, muß aber eine genaue Abgrenzung von Guts- und Dorfland Pillwarren stattgefunden haben. Im Jahre 1848 verkauft Harmssen das Gut an August Steppuhn. Dieser August Steppuhn ist eine interessante Persönlichkeit. Er ist als unehelicher Sohn des späteren Gutsbesitzers von Lackmedien/Kr.Bartenstein Louis Steppuhn (17921855) geboren. Das bisher unbekannte genaue Datum der Geburt und den Namen der Mutter fand ich in den Kirchenbüchern von Memel. Am 19.September 1816 wird August Louis als Sohn der Johanna Wilhelmina Jordan geboren, einer Hausangestellten der Familie Zachlehner in Memel. (Friederike Zachlehner geb. Steppuhn war eine Schwester von Louis Steppuhn. Sie pflegte den in den Befreiungskriegen verwundeten Louis gesund.) Das Kind August Steppuhn wird von der reichen Familie Zachlehner unterstützt, kann deshalb trotz seiner schlechten Voraussetzungen gute Schulen besuchen, lernt Landwirtschaft, wird Verwalter auf Göritten. August soll seinen Vater Louis nur ein einziges Mal gesehen haben, auf dem Pferdemarkt in Darkehmen, nach anderer Überlieferung in Wehlau. Der Vater Louis wollte dort zufällig dasselbe Pferd wie August kaufen. Als er ihm ins Gesicht sah, sah ihm sein Spiegelbild entgegen. So erzählt es die Familiengeschichte. August Steppuhn wurde 1842 von seinem Vater adoptiert und damit legitimiert. Er heiratete Nanny (nicht Nancy!) Kolb, führte mit ihr eine sehr glückliche Ehe und hatte 8 Kinder, die in Pillwarren aufgewachsen sein müßten. Drei der vier Söhne, Henri, August und Richard, gingen als Kaufleute nach Rußland, in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten der damaligen Zeit. (Ein Enkel des Gutsbesitzers von Pillwarren wurde später berühmt. Es war der Sohn seines Sohnes August namens Fedor Stepun, 1884 in Moskau geboren, 1965 in München verstorben, ein bekannter Schriftsteller und Universitätsprofessor.) Der vierte Sohn des Gutsbesitzers von Pillwarren, Jeanot Steppuhn, verheiratet mit Hermine Gräfin Igelström, bewirtschaftete das Gut Jonikaten. Die Töchter Nanny und Johanna heirateten, Helene und Elise blieben unverehelicht. Von Elise ist ein Gedicht auf den verstorbenen Vater August Steppuhn erhalten. Im März 1877 schreibt sie u.a. |
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Das Leben war ihm freilich schwer.
Viel Dornen hat es ihm gegeben. Und doch, und doch - er hätte nie getauscht mit einem anderen Leben. |
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August Steppuhn, einstmals schwarzes Schaf der Familie, soll ein guter und tüchtiger Mann gewesen sein, geliebt und geachtet von allen, die ihn kannten. Sein genaues Todesdatum ist nicht bekannt. Vermutlich starb er Anfang 1877 auf Pillwarren. Laut Handbuch des Grundbesitzes des Deutschen Reiches gehört das köllmische Gut Pillwarren mit Deutsch Pillwarren und Pageldienen 1879 den Geschwistern Steppuhn. Es war damals 136,6 Hektar groß und besaß eine Windmühle. "Züchtung Holländer Viehrace seit 1830 (Molkerei, Zuchtviehverkauf), Pferdezucht" wird als Besonderheit des Gutes aufgeführt. 1881 verkauften die Geschwister Steppuhn das Gut an Steinwallner, über den mir leider gar nichts bekannt ist. 1885 erwarb Wilhelm Franz (1825-1896, verstorben auf Pillwarren) das Gut Pillwarren. Bis zum Ende blieb das Gut dann im Besitz der Familie Franz. Nach dem Tode von Wilhelm Franz im Jahre 1896 ging es auf den Sohn Friedrich Wilhelm genannt Fritz, über. 1905 und 1913 ist das Gut 122 Hektar groß. Im Jahre 1922 beträgt die Größe 167 Hektar. Fritz Franz ruhte nach seinem Tode auf dem Tilsiter Waldfriedhof neben Jenny Kopp, der Chronistin vieler ostpreußischer Güter. Die beiden hatten sich schon im Leben gut verstanden. |
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1929 wurde das Gut von Herbert Franz (1900-1981) übernommen. Herbert und seine Frau Ilse geb. Baumeier (1901-1984) hatten vier Kinder, die Söhne Peter, Jürgen, Dietrich und die Tochter Dorothee verehelichte Mattern. In der Erinnerung der Tochter fühlte sich die Familie auf Pillwarren sehr wohl. Es sei immer schön und lustig gewesen, das ganze Haus voller Musik. Anscheinend inspirierte das Haus auch die Bewohner dieser neuen Familie und Generation wieder zu Gedichten. Es ist ein Gedicht über Pillwarren erhalten, das wahrscheinlich Elfriede Franz, die Schwester von Herbert Franz, verfaßte. Sie schreibt dort u.a.: "Denkst Du noch an Wagenfahrten mit wilden Rossen allemal, an das Hochwasser im Garten oft sogar bis an den Stall?" und: "Denkst Du an den Badestrand und an Schwimmen in den Fluten? Hoch das Badehäusel stand Umgeben rings von Weideruten." Im August 1944 mußte das Gut Pillwarren verlassen werden. Das benachbarte Gut Winge wurde von den deutschen Soldaten abgebrannt, damit es nicht dem Feind in die Hand falle. Vermutlich erlitt das Gut Pillwarren ein ähnliches Schicksal. Als ich 1994 dort in der Nähe des Stroms stand, fand ich keine Spur mehr. Ich wünsche mir deshalb, dass wenigstens die Erinnerung bestehen bleibt an "das feine Gütlein Pillwarren". So wurde es in der Verschreibung des Balthasar von Schimmelpfennig um 1650 genannt. |
| Autor: © 2003 Gabriele Bastemeyer, D-21380 Artlenburg, E-Mail: Bastemeyer@t-online.de (Text und Bilder) Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2003 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz |
| Statistik: ( nach der Volkszählung Jan. 1925; Gemeindeverzeichnis 1.05.1939) |
Anm.: Pillwarren gehört zum Kreis Heydekrug und zum Ksp. Plaschken |
| Kartenmaterial: Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de |