Die schönen Wiesengüter am Strom
Neues zum Gut Perwallkischken
Von Damm-Meistern, Teichgräbern und der alten Loysenschanze
von Gabriele Bastemeyer,

Herr Werner Knoch aus Bad Langensalza, der Sohn des letzten Gutsverwalters von Perwallkischen, dieses schönen alten Wiesengutes an der Memel, bat mich um eine Berichtigung zum Artikel im Memel-Jahrbuch 2004: Das Gut wurde nicht Anfang 1944 zerstört, wie versehentlich berichtet, sondern erst zwischen dem 9. und 11. Oktober 1944.

Er hat inzwischen wieder mehrmals den Ort seiner Kindheit besucht und schickte mir 2 Fotos von früher und viele von heute. Auf einem der alten Bilder sieht man den Wagenschuppen für Arbeitsgeräte. Links davon steht die lange große Scheune für Getreide. Am Giebel war ein großer Eiskeller. Im Winter wurde aus der Perwelk Eis geschnitten und mit Streu bedeckt. Es hielt sich das ganze Jahr. Memel u. Perwelk liegen rechts. Hinter dem Gebäude geht es geradeaus zum Gutshaus. Er erzählte mir, daß hinter dem Gutshaus im Gutspark ein Teich lag, in der Mitte hinter dem langen Schuppen. Die Perwelk war dagegen ein großer See, etwa 4-5 Fußballfelder groß.

Werner Knoch schreibt nach seinem Besuch Perwallkischkens im Mai 2008, daß das Gelände leider zugewachsen und ein weiteres Eindringen unmöglich war. Der Bereich um die ehemalige Wirtschaft ist rundum eingezäunt und im Privatbesitz eines Landwirts aus Plaschken, der dort im Sommer sein Jungvieh weiden läßt.

Erfreulicherweise habe ich von mehreren Nachkommen der Familie Weiß, die sich übrigens mit "ß" schrieb", Angaben zur Familiengeschichte erhalten. Daraus ergibt sich, daß sie 5 Generationen lang die Gutsbesitzer des Wiesenguts Perwallkischken stellten, wenn man die angeheiratete Familie Braun mit einrechnet. Die Familie läßt sich zurückverfolgen bis zu einem David Weihs, der 1634 heiratete. Dessen Nachkommen (Sohn Michael Weihs, Enkel Michael Friedrich Weihse und Urenkel Johann Michael Weihse aus Cottbus, der von 1722-1761 lebte) interessieren uns in diesem Zusammenhang weniger.


Perwelk und dahinter das ehemalige Gutsgelände

Deshalb beginne ich mit meiner Generationenzählung erst mit dem Sohn des letztgenannten Johann Michael Weihse:

I. Michael Friedrich Weiß, geboren am 7.1. 1768 in Cottbus, geht aufgrund seiner beruflichen Fähigkeiten nach Ostpreußen. Laut Familienerinnerung wird der "Regierungs-Wasserbaumeister und Astronom" nach Kaukehmen versetzt, von wo aus er Perwallkischken von seinem Schwiegervater kaufte und sich eine Sternwarte einrichtete. Er hatte am 15.2.1796 Johanne Friederike, die Tochter des Deichinspektors Friedrich Ludwig Braun (er war verstorben am 17.9.1809 in Perwallkischken) und der Margaretha Noetzel (verstorben am 25.8.1798 in Perwallkischken) geheiratet. Seine junge Frau Johanne Friederike geb. Braun kannte das Gut, denn sie war am 3. Juni 1763 dort geboren und aufgewachsen. Am 14. Februar 1809 starb sie dort auch, erst 45 Jahre alt. Er selbst starb am 4.4.1831 in Perwallkischken.

II. Der Sohn Karl Friedrich Albert Weiß war der nächste Gutsbesitzer von Perwallkischken, geboren entweder am 24.5.1799 oder am 25.8.1810. Am 20.März 1840 heiratete er, wohl als Haustrauung in Perwallkischken, Marie Sieber. Er starb am 14.9.1864. Kinder, die bekannt sind:

1. Friedrich Ernst Weiß (siehe Nr.lll), geb.10.2.1841

2. Albert Otto Hermann Weiß, geb. Perwallkischken 12.11.1842, gest. 26.1.1945; er heiratete in Zoppot am 9.7.1875 Helene Voigdt (geboren in Kutzen am 18.5.1854).

III. Friedrich Ernst Weiß, der Sohn von Nr. ll, wurde am 10. Februar 1841 geboren und starb am 8.10.1918. Die Orte sind nicht überliefert, aber man wird wohl davon ausgehen können, daß auch er in Perwallkischken geboren ist. Er heiratete Jenny Henriette Hoffmann (7.6.1845-19.1.1901). In den Güterverzeichnissen von 1879 bis 1913 wird er als Leutnant a.D. und Gutsbesitzer von Perwallkischken erwähnt. Die Größe des Gutes geht von 364 ha im Jahr 1879 auf 242 ha im Jahr 1913 zurück. Im Gegensatz zu vielen anderen, die ihre Güter in der Zeit des 1. Weltkrieges verkaufen müssen, bleibt Perwallkischken aber im Besitz der Familie Weiß. Kinder, die bisher bekannt sind:

1. Arthur Weiß (1870-1960) (siehe Nr.IV)

2. Hedwig Charlotte Jenny Weiß, Perwallkischken 27.11.1873

3. Frieda Paula Lucy Weiß, geb. Perwallkischken 27.6.1880, gest. Oker/Harz 1951. Sie heiratete ihren Vetter Herrmann Otto Arno Weiß (1883 Tilsit-1978 Goslar)

IV. Über den letzten Gutsbesitzer von Perwallkischken, Rittmeister Arthur Weiß (1870-1960), habe ich schon 2004 ausführlicher berichtet. Er wird im Güterverzeichnis von 1922 als Besitzer aufgeführt. Sein Gutsverwalter war Adolf Knoch, von dessen Sohn Werner ich viele Informationen und Fotos erhielt. Adolf Knoch war am 23.Februar 1903 in Pakamonen Krs. Heydekrug geboren. In Cranz bei Königsberg wurde er am 8. Februar 1945 auf offener Straße im Beisein seiner Ehefrau Maria geb. Bendig (geb. Tutteln bei Stonischken Krs.Heydekrug 1.2.1896, gest. Bad Langensalza 1984) und des Sohnes von den Russen verschleppt und seitdem vermißt. Werner Knoch besitzt kein einziges Foto seines Vaters.


Gutsteich

Im Geheimen Staatsarchiv in Berlin Dahlem, einer fast unerschöpflichen Quelle zur Landes- und Familienforschung, fand ich selbst viel Neues, ebenso in alten Büchern.

Ich hatte schon 2004 erwähnt, wie sehr sich der Lauf der Flüsse im Memeldelta in den letzten Jahrhunderten verändert hat. Aufgrund von Überschwemmungen, aber auch Versandungen und Landabrissen, griff der Mensch immer wieder in die Natur ein. Perwallkischen war von allen Änderungen besonders betroffen. Anhand der Karten kann man gut verfolgen, daß Perwallkischken um 1650 als Halbinsel inmitten von Ruß und Gilge lag ("Abriß über die Ströme, welche in das Kurische Haff fließen...", colorierte Handzeichnung von Conrad Burck, GStA PK, Sign. 10147/1). Es gibt eine weitere, mehr als 100 Jahre ältere Karte, eine kolorierte Handzeichnung aus der 1.Hälfte des 16.Jahrhunderts. Sie ist relativ naiv und ungewöhnlich. Sie zeichnet das Gebiet in der Nähe des Gutes zwischen Ruß und Gilge quasi als Mittelpunkt der Region. Dort ist ein großer Stern eingemalt, von dem aus sich eine Art Strahlenkranz erstreckt. Weitere Einzelheiten sind nicht zu erkennen, aber die Karte beweist durch die Erwähnung, daß der Ort schon vor 1550 bestand. ("Karte vom Memel-Strom mit Gilge und Ruß auf seinem Laufe durch Preußen sowie das Kurische Haff...", GStA PK, Signatur A 10.159)

In den Archivalien im Geheimen Staatsarchiv fand sich eine weitere Zeichnung, die im Juli 1675 angefertigt wurde, um die zahlreichen Landabrisse darzustellen. Deutlich sind die Häuser der damaligen Ortschaft Perwallkischken zu sehen, die als Insel inmitten von Rußstrom und Gilge liegt. Der kurfürstliche Landmesser Jeremias Kuntzmann stellt in Anwesenheit des Landschöppen Heinrich Elbinger fest, daß Perwallkischken 17 1/2 Morgen Land durch Abrisse verloren hat und daß nur noch 4 Hüben 17 Morgen genutzt werden können, "aber es nimbt von tag zu tag ab augenscheinlich", wobei er die Punkte bezeichnet, an denen sowohl Gilge als auch Rußstrom das Land verkleinern. (GstA PK, XX.HA, EM 138 d Nr.489)

"Perwalkischken" und das benachbarte "Piluarn" sind auch im "Register des Schoss 1596" als Ortschaften der weiträumigen Kirchengemeinde Kaukehmen erwähnt.

Im Buch von Schickert, Wasserwege und Deichwesen in der Memelniederung (Königsberg 1901) sind zahlreiche interessante Einzelheiten aufgeführt. So erwähnt er, daß es schon 1586 15 Ausrisse bei der Schreitlaugker Wüste und bei Perwallkischken gab. Das Bollwerk in Perwallkischken reicht nicht aus, um den Abfluß des Wassers aus der Gilge in den Rußstrom abzuwehren. 1638 erfolgen 4 Ausrisse der Memel. In diesem Zusammenhang wird der alte Damm bei Perwallkischken erwähnt, der hin und wieder Ausrisse erlitt.

Und wir erfahren bei Schickert, daß es schon seit Ende des 17. Jahrhunderts Damm- und Baggermeister im Memeldelta gibt. Das war die Zeit, in der Christoph SIRRAT und Heinrich LETZUS Besitzer von Perwallkischken waren. Zu Christoph Sirrat liegen im Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem noch 3 Archivalien, die ich bei meinem nächsten Archivbesuch "erforschen" werde.

Um 1735 lebte der Kölmer Wilhelm GREGER in Perwallkischken, der 1734 und 1741 zwei Töchter in Kaukehmen taufen läßt und in der Prästationstabelle Nr. 1 Amt Kuckerneese 1736 als Besitzer aufgeführt wird.

Im Buch von Schickert fand ich eine weitere Generation der Braun-Vorfahren unserer Gutsbesitzerfamilie. Der älteste Weiß-Vorfahre auf Perwallkischken hatte 1796 die Tochter des Damminspektors Friedrich Ludwig Braun geheiratet. Schon dessen Vater Sigismund Braun war von 1740-1754 Damm-Meister im Memeldelta. Vorher war er im Magdeburgischen Damm-Meister. Der uns bereits aus der Familiengeschichte Weiß bekannte Friedrich Ludwig Braun ist von 1759-1789 Damm-Meister gewesen, als Nachfolger seines Vaters. Danach war er als Deichinspektor bis zum 1.6.1804 im Dienst. Er erhielt ein Ruhegeld von 150 Talern.

Zu seiner Zeit wird 1772/73 der Durchstich bei Perwallkischken geplant. Der Grund ist die Schiffbarhaltung der Gilge, die immer wieder versandet. Am 7.10.1779 wird die alte Abmündung der Gilge geschlossen. Am 17.8.1786 erfolgt die Untersuchung der Ströme durch Oberbauinspektor Eckert und Damm-Meister Braun. Im August 1786 wird empfohlen, den Durchstich auszuführen. Im August 1786 beschweren sich die Grundbesitzer des benachbarten Pilwarren, daß ihnen infolge des Perwallkischker Durchstichs das Land fortgerissen und mit Sand beworfen wird und daß ihre Gebäude durch das Eis gefährdet werden. Sie bitten um Schließung des Durchstichs.

In allen Einzelheiten wird bei Schickert beschrieben, wie immer wieder Versuche gemacht werden, Bollwerke und Faschinen bei Perwallkischken aufzurichten, um den Lauf von Ruß und Gilge zu steuern und Versandungen zu vermeiden. Die Gilge war für die Königsberger Kaufleute als Schiffweg wichtig. Das einst südlich des Memel/Rußstroms gelegene Perwallkischken befindet sich aufgrund der ordnenden Eingriffe in die Gewalt der Natur heute nördlich des Stroms. Die "alte Ruß" zeigt noch deutlich Teile des früheren Verlaufs. Wie eine Halskette umrundet sie das ehemalige Gut.

Wir erfahren bei Schlickert, der Regierungsrat war, weiter, daß die Memelniederung 1790 in zwei Deichinspektoren-Bereiche geteilt wurde. Friedrich Ludwig Braun behielt die Ruß-Kuckerneeser Niederung, sein späterer Schwiegersohn Friedrich Weiß bekam die Linkuhner Niederung. Friedrich Weiß soll 1810 in den Ruhestand gegangen sein (da war er 42 Jahre alt!), vertrat aber 1813-15 den Deichinspektor Grabe in Tilsit und 1824 den erkrankten Deichinspektor Hartmann in Kuckerneese. Von 1824 bis zu seinem Tod 1831 ist er Deichinspektor der Linkuhnen-Seckenburger Niederung. Er hat also die schweren Überschwemmungen vom Frühjahr 1829 noch erlebt. Es war ein besonders langer und schneereicher Winter. Am 31.3.1829 änderte sich das Wetter. Es regnete; das Wasser war in Tilsit sehr schnell angestiegen. Dammwachen zogen auf. Auf der starken Eisdecke war der Schnee noch nicht geschmolzen. Am 8. April war der Eisweg von Seckenburg bis zum Haff noch zu benutzen. Auch bei Trumpeiten fuhren noch Schlitten auf der Gilge. Am 9. April begann das Eis bei Schmalleningken zu gehen, am 10.4. wurde der Gilgedamm bei Jedwilleiten überflutet. Am 13. April wurden die Deiche dann auf langer Strecke überflutet. Zwei Dammbrüche bei Kallwen. Am 15.4. begann das Eis in Tilsit zu rücken, ging am 16. bis Winge und trieb am 17. durch Rußstrom und Gilge ab. Erst am 7.Mai 1829 konnten die Deichwachen abgezogen werden. In Perwallkischken stand das Wasser 3 3/4 Fuß höher als im Katastrophenjahr 1771. 8 Kühe, 1 Fohlen und viele Schafe und Schweine ertranken dort. In Winge ertranken 40 Kühe. Schickert schildert anschaulich und ausführlich die gefahrvolle Lage dieser besonders dramatischen Zeit, aber die Gutsbesitzer Weiß werden auch in anderen Jahren mit Hochwasser und Deichbrüchen zu tun gehabt haben.

1806 fertigt Deichinspektor Friedrich Weiß einen Anschlag für die Instandsetzung der linksseitigen Ufereinfassung der Memel.


Am 16.7.1845 beantragt der Gutsbesitzer Weiß zu Perwallkischken, zusammen mit anderen Bewohnern der Plaschker Niederung, "die Fluten für ihr Land zu vermindern und nicht zu erhöhen". Das ist jetzt schon die nächste Generation, nämlich Karl Friedrich Albert Weiß. Die Menschen befürchten, daß die Rußdeiche durch das Projekt der Gilge-Einengung gefährdet sind. Am 28.11.1846 folgt ein weiterer Widerspruch der Anwohner des Rußdammes. Den Bewohnern der anderen Deichgebiete an der Gilge im Linkuhnen-Seckenburger Bereich ging die Einengung dagegen nicht weit genug. Der König beantragte daraufhin neue Untersuchungen. Im Juni 1847 wurde beschlossen, die Gilge nicht weiter einzuengen. Unsere Anwohner des Rußdammes hatten also Erfolg mit ihren Einwänden gehabt.

Schickert berichtet auch von der sogenannten Loysen-Schanze. Als Schanze werden Erdaufschüttungen für Kriegszwecke bezeichnet. Oft werden sie mit alten Burgbergen in Verbindung gebracht. Jedenfalls soll die alte Schanze angeblich dort errichtet worden sein, wo jetzt (1738) der Schanzenkrug steht. Die Schanze wurde nach Loyse von Halle Loysen-Schanze genannt. 1652 und 1655 wird der kurfürstliche Oberjägermeister Heinrich Ehrentreich von Halle (gest.1663) bereits als Kommandant der Loysen-Schanze bezeichnet.

In einem Dokument vom 8.10.1680 heißt es, daß die Bewohner des Dorfes Perwallkischken ihre Gebäude abbrechen, ihr Land verlassen und sich andernwärts ansiedeln mußten, weil dort eine neue Schanze angelegt wurde. "Das bei der Schanze übriggebliebene Land von 3 Hüben und 2 Berahmungswiesen sei neu ausgetan worden".

Nach anderer Quelle (Wutzke) soll die Schanze im Garten des Gutes Perwallkischken gelegen haben und im Krieg mit Schweden von General Hörn genommen und zerstört worden sein. 1686 werden jedenfalls die alte und die neue Schanze erwähnt. Und noch 1714 und 1723 wird die Schanze Perwallkiscken erwähnt und als "alte oder sogenannte Schencken-Schanze" bezeichnet. Soweit das hochinteressante Buch von Schickert.

Ich fand noch zwei kleine Farbtupfer zu dem großen unbekannten Gesamt-Puzzle des Gutes Perwallkischken. Im 18.Jahrhundert sind die Landbesitzer der Region (mit Ausnahme der Adligen) alle 6 Jahre in einer sogenannten Prästationstabelle (PT) verzeichnet. Es handelt sich um eine Art Grundsteuereintragung, die im voraus erstellt wurde, damit der König seine zukünftigen Einkünfte planen konnte. Das "Erb-Frey-Guth Perwallkischken" gehörte damals zum Amt Kuckerneese, Hauptamt Tilsit. In der PT 8 des Amtes Kuckerneese, erstellt um 1777, wird die Größe des Gutes mit 3 Hüben 7 Morgen oletzkoisch angegeben. Besitzer ist der "Herr Damm Meister Braun" als Erbfreyer. "Das Hochzinß Guth Perwalkischken ist ganz mit Strömen umgeben und lieget zwischen der Gilge und dem Russ-Strom. Der Eigenthümer desselben ist der Damm-Meister Braun". "Sein Eigenstand-Recht beweiset derselbe mit seinem Kauf-Contract, hat aber sonst kein anderes Document in Händen; und da von diesem Guthe wegen des hohen Zinses niemals(?) Burgdienste oder andere bäuerliche Pflichten geleistet worden, so ist solches nicht eigentlich als ein Hochzins-Guth sondern vielmehr als ein Erbfrey-Guth zu confideriren".

Die Beschaffenheit des Ackers ist "von sehr guter bonite"; die Aussaat beträgt damals 48 Scheffel Gerste, 20 Scheffel Hafer ("Haber") und 2 Scheffel Erbsen. Es werden 10 Pferde, 15 Stück Jungvieh, 12 Schafe und 10 Schweine gehalten. Das Gut muß sein Korn bei der königlichen Windmühle in Budwethen mahlen lassen. "Das Wohnhaus wird neu gebauet werden, die Wirtschafts Gebäude sind sonst in gutem Stande". "Mit die(sic!!) gewöhnl. Feuer-Geräthschaften ist es versehen, und gehöret wie diese Gegend zum Canton des Regiments Stutterheim".

Und im Memeler Dampfboot Nr.4/1960, S.47-48, schreibt Bernd Bunduls in einem Artikel über Plaschken, daß die Rinderzucht an der Memel einen guten Ruf hatte und erwähnt in diesem Zusammenhang die Größe der Herden einiger Güter: "Das Gut Perwallkischken (Weiß) hatte einen Viehbestand von gut hundert Stück, Pillwarren (Franz) besaß siebzig, Warrischken (Hellwig) sechzig, Schunellen (Beinert) fünfzig. Dazu kamen die Bestände der kleinen Landwirte, die nur an Zahl, nicht aber an Qualität nachstanden. Denn hier hatte jeder Bauer seinen Stolz, nur echtes ostpreußiches Herdbuchvieh im Stall zu haben. Aus der Plaschker Gegend gingen alljährlich Spitzentiere zu den großen Herdbuchauktionen nach Insterburg. Es war selbstverständlich, daß die Kühe im Durchschnitt 20-30 Liter Milch täglich gaben".

So habe ich noch einiges zum Gut Perwallkischken zusammentragen können, auch aufgrund zahlreicher Reaktionen von Lesern des Memel Jahrbuchs bzw. der Internet-Übernahme des Artikels. So zieht ein kleiner Anfang weite Kreise, und aus einem Namen auf der Landkarte entwickelt sich langsam ein Gesamtbild. Ich hoffe sehr, daß sich andere Leser angeregt fühlen, über weitere Güter des Memellandes zu berichten. Es gibt noch viel zu viele "weiße Flecken". Es brauchen ja nicht gleich große Romane zu sein. Ein kleiner Anfang, der die Aufzeichnungen im Familienbesitz vor dem späteren Verlust rettet, die Erzählung einer Begebenheit oder die Erinnerung von Nachbarn oder Angestellten oder ein Foto, das alles macht die Vergangenheit lebendig und hilft späteren Generationen zu verstehen, was für die früheren Bewohner selbstverständlich war. Was heute nicht schriftlich festgehalten wird, wird vergessen werden. Das wäre schade.

Nachfolgend habe ich den kurzen Artikel von Jenny Kopp geb. Sperber zum Gut Perwallkischken abgeschrieben, der u.a. Genaueres zum Datum der Übergabe des Gutes an die einzelnen Besitzer sagt und ein lebendiges Bild der Wasserbauarbeiten von 1779 mit 300 Teichgräbern liefert.

Jenny Kopp, Beiträge zur Chronik des ostpr. Grundbesitzes, 1.Teil Regierungsbezirk Gumbinnen und Kreis Memel (Königsberg 1913), S.183-184. Derselbe Text ist enthalten in Jenny Kopp, Geschichte des Landkreises Tilsit (Tilsit 1918), S.179.

1781 besitzt der Deichmeister BRAUN ein Gütchen von 3 Hüben und 7 Morgen, genannt Perwallkischken, das GREGER oder GREGOR erkauft hatte; der älteste Plan von diesem Areal ist im Jahre 1784 vom Oberbauinspektor DITTRICH gefertigt und zeigt deutlich, wie der Rußstrom die kleine Insel, worauf Perwallkischken liegt, einschließt und ist auch der Überfall im linken Rußarm, durch den das Wasser zum Umlauf in den rechten schiffbaren Arm und zum Abfluß in den Gilgestrom aufgestaut wird, noch deutlich angegeben. Die Erdspitze bei Perwallkischken, die aus Lehm und Latten bestand, ward 1774 durchstochen. Dazu bedurfte es eines Kostenaufwandes von 27 888 Taler (1656 Schock Fachinen.) Die Kosten zum Zuschlagen der alten Gilge betrugen 2609 Taler. Der ganze Kanal ist im September 1779 vollendet, wobei 300 Teichgräber beschäftigt wurden. Im Garten des Gutes war jahrhundertelang ein Fortifikationswerk angelegt, um von da aus die Schiffahrt beherrschen zu können: es führte den Namen Loysenschanze und ist im Kriege mit den Schweden von General Hörn zerstört. Nach einem im geheimen Archiv befindlichen Plan de dato 27.Mai 1647 ist das Dorf Perwallkischken auf einer vom Rußstrom umgebenen Halbinsel gelegen und 1686 sagt der Oberdeichhauptmann STEUTNER, hier läge Gefahr vor, daß sich die Gilge an der Loysenschanze durchbrechen und mit dem Rußstrom vereinen könne. Am 5..September 1809 erwarb der Schwiegersohn des Oberdeichinspektors BRAUN, namens WEIß, das Gut Perwallkischken und vererbte es nach seinem am 4.April 1831 erfolgten Tode seinem Sohn Albert Weiß: 1864 ging es auf dessen Sohn über und befindet sich noch jetzt im Besitz dieser Familie.

Autor: © 2008 Gabriele Bastemeyer, D-21380 Artlenburg, E-mail: Bastemeyer@t-online.de (Text)
Bilder:
Werner Knoch ;Bad Langensalza
Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2009 Seite 9ff - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz

Gut Perwallkischken



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.11.2008
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letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 29. Dezember 2010