| Heimaterinnerungen... | |
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von Hans Augusti
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Wo liegt dieser Ort, wie alt wird er wohl sein und wie lebten seine Menschen? Was ist noch heute nach 50 Jahren von ihm vorhanden, ist es noch der Ort von damals! Diese Frage wird noch heute die Nachkommen von Paskalwen beschäftigen. Der Ortsname Paskalwen wurde 1937/38 durch die Reichsregierung in SCHALAU umbenannt, er sollte deutsch und nicht litauisch klingen. Der Ort Paskalwen liegt im nördlichen Ostpreußen nahe der Grenze zu Litauen, an der Reichsstraße 132 von Tilsit nach Ragnit. Eine Besonderheit dieses Ortes ist oder war das große Remontedepot. Hier wurden Reitpferde aufgezogen, die schon für die Armee des Kaisers und auch für die Wehrmacht gebraucht wurden. Es waren alles Jährlinge, die hierherkamen, sie blieben zwei Jahre hier und wurden als Dreijährige dem Heer übergeben. Dies war immer ein herrlicher Anblick, wenn dann über hundert Pferde von den Soldaten abgeholt wurden. In der Umgebung gab es noch mehr solcher Depots, wie Althof-Ragnit, Neuhof-Ragnit, Neuhof-Kraken und Gudgallen, die sich mit der Pferdezucht beschäftigten. |
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Im Ort selbst gab es ca. 35 bis 40 Grundstücke von unterschiedlicher Größe, sowie viele Familien, die keinen Besitz hatten, die auf dem Depot oder bei größeren Bauern arbeiteten. Die Einwohnerzahl kann 1936 vielleicht 380 Personen betragen haben. Es gab zwei Gasthöfe, Reich und Scheer, die an der Hauptstraße lagen. Eine Schule mit zwei Klassenräumen, wo insgesamt acht Klassen von zwei Lehrern unterrichtet wurden. Es gab eine Dorffeuerwehr mit einem eigenen Spritzenhaus ganz in der Nähe vom Dorfteich. Jeder Weg im Ort hatte seinen Namen, jedes Haus seine Bezeichnung, jede Besonderheit seinen Spitznamen, alles nach ostpreußischer Art und Weise und in heimatüblicher Mundart. Wenn man von Tilsit nach Paskalwen wollte, dies waren ca. fünf Kilometer, mußte man die Ragniter Straße benutzen, welche durch Tilsit-Preußen führte. Hinter Tilsit-Preußen lag auf der linken Straßenseite die Ziegelei. Zur rechten Straßenseite lag das Gut Ballgardehlen, bergab lag in der Senke zur rechten etwas abseits das Gut Paszelgsten. Etwa 500 Meter weiter ging links ab der Weg zum Gut Georgenhof, hier standen große Eichen- und Kastanienbäume. Nach weiteren 500 Metern begann der Ort Paskalwen. Gleich zu seiner rechten lagen zwei Anwesen, davon ein großes mit einer Fichtenhecke umgeben, es reichte bis zum Landweg und ge-hörte dem Bauer Ehlert. |
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Auf der linken Seite am Ortseingang stand die Schmiede, der Schmied hieß Urban, mit den Kindern haben wir auch gespielt. Hier begann der Schmiedeweg, er führte um den Ort und nach dem Gut Georgenhof. Neben der Schmiede kam das Haus vom Straßenwärter. Danach kam das Haus der ehemaligen Meierei Gawehn, dahinter etwas abseits die Reste einer alten Ziegelei, in den flachen Restgruben haben wir auch im Sommer gebadet. Zwischen dem Landweg und dem Pausterweg auf der rechten Seite lag das Gasthaus Reich, im Sommer mit Gartenlokal im angrenzenden Park. Herr Reich hatte zwei Töchter, die Grethe und die Trude, beide schon im fortgeschrittenen Alter. Der Landweg führte zum Anwesen vom Bauer Landt, an der Heringskaserne vorbei, daher der Name Landweg. Die Heringskaserne war ein rechteckiges Wohnhaus mit einem Obergeschoß. Hier wohnte ein Mann, der im Dorf und in der Umgebung mit seinem Einspänner Heringe aus dem Faß verkaufte, daher der Name Heringskaserne, mit Spitznamen wurde er auch "Heringsbändiger" genannt. |
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Der Pausterweg erhielt seinen Namen von der Mühle, die dort stand. Der damalige Besitzer sagte immer, - wenn kein Wind war -, der Wind paustet nicht, (pustet nicht), daher der Name Pausterweg, in seiner Verlängerung führte er nach Birjohlen und von dort über Kleinballgarden nach Tilsit-Preußen. Auf diesem Weg kamen immer Tante Berta und Onkel Hermann von Tilsit, wenn sie uns in Paskalwen besuchten, zu Fuß gewandert. Manchmal brachten sie auch ihre beiden Jungen mit. Am Pausterweg der Mühle gegenüber war unser kleiner Sportplatz, hier wurde gelaufen, gesprungen und geworfen. Gegenüber dem Pausterweg auf der linken Straßenseite führte ein weiterer Weg ins Dorf. Er wurde Modderweg genannt, denn bei Regenwetter gab es kaum ein Durchkommen. An dieser Straßenecke war das Anwesen von Hermann Paulischkies, bei dem unsere Familie wohnte. Es schloß sich ein großer Garten an, der bis zum Insthaus vom Remontedepot reichte. Im Insthaus wohnten acht Familien mit vielen Kindern, die unsere Spielgefährten waren. Neben dem Insthaus stand ein Transformatorhaus, hier blieben wir immer stehen und hörten das leise Summen im Haus. Danach schloß sich die Gastwirtschaft Scheer an. Neben der Gaststube war ein kleiner Laden, hier wurden die nötigen Kolonialwaren verkauft, welche die Dorfbewohner benötigten. Auf dem Hof wurden auch Kohlen und Briketts verkauft. Hinter der Gastwirtschaft führte der Weg zur Schule, davor war ein kleiner Garten mit einem Teich, hier vorbei führte ein Fußweg um die Schule in Richtung Dorfanger mit dem Teich. Dem Schulweg gegenüber auf der rechten Straßenseite begann das große Remontedepot; es reichte bis zur Girschuner Chaussee. Auf diesem Gut wurden nicht nur Pferde aufgezogen, sondern auch eine große Landwirtschaft betrieben mit Schweinen, Kühen, Pferden, Schafen, Getreide, Kartoffeln und Runkeln. Diese große landwirtschaftliche Fläche erstreckte sich bis Girschunen und Althof-Ragnit. In Girschunen war ein Bahnhof der Eisenbahnstrecke Tilsit - Ragnit - Stallupönen. Hier stiegen wir immer in den Zug, wenn wir zu unseren Großeltern nach Friedland fuhren. |
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Auf der linken Straßenseite gab es noch drei Wege, die zu weiteren Gehöften führten. In einem dieser Gehöfte wohnte der Bauer Gudjon, mit dem unsere Eltern befreundet waren. Am Ende des Ortes wurde auf der linken Seite durch den Reichsarbeitsdienst 1936 ein Weg neu befestigt. Es wurden Gräben gezogen und diese mit Faschinen versteift, dann kam eine aus schwarzer Schlacke bestehende Decke darauf. Dieser Weg hieß nun der "schwarze Weg"; er reichte bis zum Dorfteich und dem Spritzenhaus. Vor dem Spritzenhaus führte rechts ein Weg ab, er wurde Sandweg genannt und führte durch einen Hohlweg zum Friedhof und zur Sandgrube am Paskalwusberg, von dort weiter nach der Daubas und dem Vorwerk Neuhof-Ragnit. Hier unten gab es auch den alten Friedhof mit herrlichen Fliedersträuchern und versteckten Wegen. Dieser Friedhof war damals auf einem Hügel, ihm gegenüber wurde der neue Friedhof angelegt, von drei Seiten mit hohen Fichten umgeben, die Seite ohne Fichten führte zur Sandgrube. Die beiden Friedhöfe lagen auf dem Berg Paskalwus, woher sicher auch der Ort seinen Namen Paskalwen vor langer Zeit erhalten hat. Wieder zurück ins Dorf, der Weg rechts hinter dem Spritzenhaus führte aus dem Ort heraus nach Georgenhof, auch hier gab es noch einige Bauerngehöfte, am Ende des Ortes lag ein kleines Häuschen, in dem unsere Eltern früher mal gewohnt hatten, hier ging wieder ein Weg links ab, der in den Schmiedeweg endete. Der Weg nach Georgenhof führte weiter zur Kummabucht und zur Memel, die Kummabucht ist ein Seitenarm der Memel, hier gab es sehr viel Fische. Verschie-dene Jungen vom Dorf haben hier geangelt. Hier sind wir manchmal mit unseren Eltern zum Baden gefahren. Die Besitzer und Bewohner der einzelnen Gehöfte sind mir namentlich nicht bekannt, außer jenen, die von mir schon erwähnt wurden. Die Lehrer unserer Dorfschule waren Herr Mathey, Herr Kerkau und später Herr Schwarz, er kam für Herrn Mathey. Auf dem Gut waren Herr Zabel Gutsverwalter und Herr Stottmeister Gutsinspektor. Die Tochter Karla Stottmeister hat immer mit meiner Schwester Brigitte gespielt. |
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Bei Paulischkies hatten wir zwei Zimmer, eine große Küche, einen Flur und eine Speisekammer, auf dem Hof einen kleinen Stall und einen Gemüsegarten. Hier hat unsere Mama das nötige Gemüse, wie Bohnen, Erbsen, Mohrrüben, Gurken, Zwiebeln, Salat, Radieschen und Küchenkräuter selbst angebaut. Hühner und ein Schwein hatten wir nicht, aber einige Kaninchen im Stall. Mehl, Milch, Eier und Kartoffeln konnten wir von Paulischkies kaufen, dafür hat dann unsere Mama in der Ernte mitgeholfen. Es begann mit der Heuernte, später folgten die Getreide-, Kartoffel- und Rübenernte. Unser Papa half ebenfalls bei der Ernte, wenn es seine Zeit erlaubte. Lebensmittel, die wir nicht erzeugten, wurden bei Scheer gekauft. Brot hat unsere Mama alle 10 Tage selbst gebacken, dafür hatten wir in unserer Küche einen großen Herd mit Backofen. Es war für uns eine schöne Kinderzeit. Auf der Wiese hinter der Scheune spielten wir gerne, da kamen auch die Kinder vom Insthaus, meistens spielten wir Ballabwerfen oder Hopsen. Anfang Mai wurden hier immer die Kühe und die Pferde geweidet, weil sie nachts in den Stall kamen. Im Sommer waren nur die Pferde hier, manchmal kamen die Pferde auch auf die Weide hinter der Schmiede. Darauf freuten wir uns immer, denn dann konnten wir mit den Pferden dorthinreiten. |
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Paulischkies hatte vier Pferde und sechs Milchkühe. Die vier Pferde wurden gebraucht, weil Paulischkies es übernommen hatte, die Milch von einigen Bauern aus verschiedenen Dörfern zur Molkerei nach Tilsit zu fahren. Im Sommer erfolgt dies zweimal am Tag, im Winter nur einmal. Dazu hatte er einen Kutscher, er hieß Willi, der dies erledigte, manchmal fuhr auch Herr Paulischkies selbst, wenn es nachmittags war, bin ich auch mal mitgefahren. Die Pferde kannten den Weg zur Molkerei und auch nach Hause. Es ist vorgekommen, daß Willi betrunken war, die Pferde wußten den Weg nach Hause und wo sie halten mußten, um die Kannen abzuladen. Wenn das Heu eingefahren wurde, entstand auf der Wiese ein großer Heuhaufen. Das Heu wurde meistens auf den Memelwiesen bei Neuhof-Ragnit geerntet. Auch hier halfen wir als Kinder mit. Wir haben, wenn das Heu aufgeladen wurde, den Wagen weiterkutschiert, haben das Heu nachgeharkt. Am schönsten war es dann, wenn wir oben auf dem Heuwagen saßen und nach Hause gefahren sind. Dann ging es von den Memelwiesen bis zum Vorwerk Neuhof-Ragnit, hier verschnauften die Pferde, dann ging es bergauf bis zur Ragniter Straße und dann die Asphaltstraße bis Paskalwen bergab. Im Herbst halfen wir bei der Kartoffel- und Runkelernte. |
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Wir spielten auch gerne Pferd und Wagen, dazu wurde für uns ein richtiges Pferdegeschirr gemacht, Wagen und Schwengel waren auch erforderlich, Bruno Bansemier war der richtige Junge dazu, er war auch immer der Kutscher. Einen Handwagen besaß fast jeder, denn damit wurden Holz und Kohlen transportiert. Unser Schulweg führte uns querfeldein über Wiesen und Äcker an Gawehn vorbei, dies war der kürzeste Weg. Nach 250 Metern waren wir in der Schule. Es war im Winter, da bin ich ausgerutscht, mit dem Kopf auf eine Scholle aufgeschlagen und habe mir eine anständige Beule geholt. Ich bin heulend nach Hause gelaufen, meine Mutter hat dann mit einem Messer die Bruusch (Beule) gedrückt und gekühlt, damit sie nicht groß anschwillt. Danach bin ich wieder zur Schule gegangen, aber diesmal auf der Straße. |
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Mit Beginn des Frühjahres machten wir mit unseren Eltern längere Spaziergänge. Wir gingen durch das Dorf, bogen in den Sandweg ein und gingen zum Friedhof, von dort weiter durch die Daubas. Hier gab es herrliche Maiglöckchen und viele Dachsbauten; gesehen haben wir nie einen Dachs, aber Spuren waren vorhanden. Es gibt eine Weisheit, wenn zu Lichtmeß der Dachs seinen Schatten sieht, wird es noch länger kalt sein. Dann ging es zur Ragniter Straße und von dort nach Hause. Wir kehrten auch manchmal auf der Höhe bei der Familie Kubsch ein, mit dieser waren unsere Eltern befreundet. Diese Runde war vielleicht sechs Kilometer lang. Manchmal machten wir auch einen Spaziergang nach Girschunen zum Bahnhof. An der Girschuner Straße stand das Haus vom Gendarm Krebs, hier wohnte auch ein Fräulein Starke, sie hielt im Dorf die Sonntagsschule ab. Auf dem Bahnhof gab es auch einen Ausschank, hier tranken wir immer Limonade. Dann ging es weiter an der Bahn entlang nach Birjohlen, dort bogen wir dann in den Weg ein, der in den Pausterweg mündete, und waren bald zu Hause. Ostern wurde ein alter Brauch gepflegt, "Schmackostern". Es wurde eine Rute aus frischen Zweigen gebunden, und dann ging es zu den Bekannten im Ort. Wir sagten dann den Spruch auf: "Oster Schmackoster, gib Eier und Speck, ohne dem geh ich nicht weg", dann wurde die Rute geschwungen; es gab dann Eier, Speck, Äpfel und Süßigkeiten. Im Sommer gingen wir immer im Dorfteich baden, manchmal auch in der Pferdeschwemme an der alten Ziegelei bei Gawehn. Der Dorfteich war nicht sehr tief, man konnte mit dem Pferdewagen durchfahren, das Wasser ging den Pferden bis an den Bauch. Für uns kleine Kinder war die Tiefe von knapp einem Meter nicht ungefährlich, denn wir konnten nicht richtig schwimmen, nur so eine Art Hundepaddeln, mit dem wir uns gerade über Wasser halten konnten. Richtig schwimmen konnten die wenigsten, schwimmen wurde erst ab der fünften Klasse geübt und gelernt. Dreimal im Jahr übte die Feuerwehr, dazu wurden die Schläuche ausgerollt und aus dem Teich Wasser gepumpt, um den angenommenen Brand zu löschen. Unser Papa und Herr Paulischkies waren auch in der Feuerwehr. Für uns Kinder war dies immer ein besonderes Ereignis. Mehrmals fuhren wir auch im Sommer mit unseren Eltern an die Memel zum Baden. Jeder von uns hatte sein eigenes Fahrrad. Wir fuhren in Richtung Georgenhof, alle in einer Reihe hinter einander, der Papa voran bestimmte das Tempo, dann wir vier Kinder und als letzte unsere Mama. Das Wasser der Memel war immer sehr kalt, wir waren nur am Ufer im Wasser, Papa ging richtig schwimmen, unsere Mama ging auch manchmal ins Wasser, sie konnte auch etwas schwimmen. |
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Wenn es Winter wurde und viel Schnee lag, hatten unsere Eltern, besonders unsere Mama, große Mühe, unsere Sachen trocken zu bekommen. Schnee gab es schon Anfang November und blieb bis Anfang März. Mit Vorliebe wurden die zugewehten Gräben ausgemessen, manchmal steckten wir bis unter die Arme im Schnee. Daß dabei die Kleider und Schuhe nicht trocken blieben, war verständlich. Wir bauten uns mit den Kindern vom Insthaus auf der Wiese hinter der Scheune von Paulischkies einen großen Rodelberg, denn Schnee gab es ja genug, hier konnten wir den ganzen Winter über rodeln. Manchmal sind wir auch in Richtung Friedhof gegangen, hier waren die Schneiderschen Berge. Es waren etwas größere Hügel, die zur Kummabucht abfielen, man konnte hier ca. 100 Meter runterrodeln. Natürlich sind wir auch auf den zugefrorenen Teichen Schlittschuh gelaufen. Schlittschuhe hatten nur bessergestellte und große Kinder. Wir hatten uns unter den Holzpantinen eine Drahtschiene eingeschlagen, damit konnte man auf einem oder auf beiden Beinen gut über das Eis schliddern. Im Ort selbst gab es eine Reihe kleiner zugefrorener Teiche. Auf der Weide am Remontedepot wurde auf einem kleinen Teich eine Eiskrängel errichtet. In der Mitte steht ein Pfahl, daran wird eine Stange, die drehbar ist, befestigt, diese wird dann von jemandem gedreht, die anderen halten sich am Ende fest. Dadurch erreicht man eine hohe Geschwindigkeit; wer sich nicht halten kann, wird weggeschleudert. Natürlich sind wir auch manchmal im Eis eingebrochen, wir haben dann mit nassen Füßen weitergespielt, nur wenn uns danach die Füße froren, sind wir nach Hause gegangen. |
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Einmal im Jahr ging es mit den Eltern nach Tilsit zum Rummel oder Jahrmarkt, dieser war immer Ende September. Wir durften dann auch mit dem Karussell fahren oder an den Würfelbuden würfeln. Wir sahen immer den Motorradfahrern an der Steilwand zu, wie sie mit dem Motorrad bis oben hochfuhren. Es war für uns immer schön. Im Dezember ging es dann noch einmal zum Weihnachtsmarkt nach Tilsit, dieser war auf dem Fletcherplatz und in der Deutschen Straße. Unsere Eltern kauften für uns einige Sachen, die wir dann Weihnachten geschenkt bekamen, für uns war dies immer ein besonderer Tag. Natürlich mußten wir zu Weihnachten immer ein Gedicht lernen, denn Weihnachten war immer ein besonderes Ereignis. Es wurde Pfefferkuchen und Streuselkuchen gebacken. Als Festessen gab es Gänsebraten und Hasenbraten, was unsere Mama bestens herzurichten verstand. Wenn die Bescherung vorbereitet wurde, mußten wir alle ins Schlafzimmer, Papa und Mama haben in der Stube alles hergerichtet, sie wurde richtig warm geheizt, denn hier stand ein großer eiserner Ofen. Nach der Bescherung wurden Weihnachtslieder gesungen, die Geschenke ausgepackt und wenn es ein paar Spielsachen gab, mit diesen gespielt, oder wir spielten alle gemeinsam ein Spiel, meistens "Mensch ärgere dich nicht". |
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Jedes Jahr zu Pfingsten kamen Onkel Richard und Tante Mandy uns in Paskalwen besuchen, Onkel Richard war der Bruder von unserer Mama. Sie wohnten in Königsberg in der Speichersdorfer Straße 134 im Stadtteil Ponarth. Sie kamen immer mit dem Motorrad, für die Strecke von 120 km benötigten sie drei Stunden. Es war immer sehr lustig, Onkel Richard konnte Geschichten erzählen und spielte mit uns auf dem Hof. Für Papa und Mama waren dies auch immer schöne Tage. Wenn wir im Bett waren, saßen die Erwachsenen auf der Terrasse vor unserem Haus, haben gelacht und erzählt; das konnten wir im Schlafzimmer manchmal hören. Unser Besuch schlief immer in der Wohnstube. Wenn sie dann nach Pfingsten wieder nach Königsberg fuhren, sind wir bis zur Schmiede neben dem Motorrad mitgelaufen. |
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In der Zeit von Ostern bis September kamen uns auch Tante Berta und Onkel Hermann einmal im Monat besuchen. Tante Berta war die Schwester von Papa. Sie wohnten in Tilsit in der Landwehrstraße. Sie kamen immer am Sonntag zu uns zum Kaffee. Dabei machte die Familie einen Spaziergang von Tilsit über Birjohlen nach Paskalwen. Manchmal kamen auch die beiden Jungen Hans-Georg und Armin mit. Dies waren richtige Stadtkinder, vom Land hatten sie keine Ahnung, aus diesem Grund haben wir sie immer zum Narren gehalten. Wir machten ihnen vor, wie man auf Bäume klettert, sie wollten uns nicht nachstehen und kletterten auch auf Bäume, nur waren die Bäume grün mit Moos bewachsen, dementsprechend sahen dann auch ihre Hosen und Strümpfe aus. Wir spielten auch auf der Wiese, mein Bruder Heinz verstand es wunderbar, im Laufen ein Bein zu stellen, dabei stürzte der Betreffende manchmal auch in einen Kuhfladen. Wenn die Jungen dann etwas verdreckt vom Spielen kamen, schimpfte Tante Berta über ihr Aussehen. Unsere Mama hat dann manches etwas saubergemacht, sie konnten ja nicht so schmutzig nach Tilsit gehen. |
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Tante Berta war als Lehrerin in Tilsit gut bekannt. Heinz hatte eine besondere Spezialität, er war Meister im Katapultbauen und auch im Schießen. Ich durfte für ihn immer die richtigen Steine suchen, sie mußten daumengroß und rund sein. Seine Vorliebe war, an den Telefonmasten die weißen Isolatoren abzuschießen. Manchmal sind wir auch im Park der Gastwirtschaft Reich gewesen, dort wurden die kleinen Fensterscheiben vom Plumsklo zerschossen, solche Toiletten befanden sich im Hof oder im Garten, diese konnten dort die Gäste benutzen. Bei Reichs im Garten gab es viele Obstbäume, natürlich wurde durch den Zaun gestiegen und Äpfel oder Birnen geklaut. Diese schmeckten immer besser als die eigenen. Auf dem Dach der Scheune befand sich auch ein großes Storchennest. Jedes Jahr kamen die alten Störche wieder und haben hier ihre Jungen aufgezogen. Im Herbst, wenn die Getreideernte zu Ende war, ist unsere Mama mit uns zum Ährenlesen auf die Felder der großen Güter gegangen. Die Ähren wurden dann ausgeklopft und die Körner gegen Mehl eingetauscht. Für diese Arbeit konnte unsere Mama dann 40 bis 50 Pfund Mehl erhalten. |
| Der Umzug nach Tilsit! |
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Paskalwen, ein Ort auf halber Strecke zwischen Tilsit und Ragnit gelegen, mit einem großen Remontedepot, zwei Gasthöfen, einer Schule, einer Schmiede, einem Dorfteich und ca. 3 Bauernhöfen. Seine herrliche Umgebung mit Weiden, Wiesen, Feldern und alten Bäumen sind für mich wunderbare Kindheitserinnerungen. Als unsere Mama im Dezember 1937 plötzlich starb, war es für meinen Vater nicht leicht, mit vier Kindern von 9 bis 15 Jahren zurechtzukommen. Mein Vater fand Arbeit in Tilsit, also stand ein Umzug bevor. Es war dies für uns Kinder zum Vorteil, weil wir alle in Tilsit zur Schule gingen. Meine Großmutter wohnte auch in Tilsit, in der Oberst-Hoffmann-Straße. Ende März wurde unser ganzes Hab und Gut in einen Möbelwagen geladen, und ab ging die Fahrt nach Tilsit in die Wohnung Kossinnastraße 2. Hier wohnten wir mit unserer Großmutter nun in einer 4-Zimmerwohnung, mit Küche, Bad und Kammer. Auf dem großen Hof befand sich die Bäckerei Lehmann, mit dem Laden in der Langgasse. Dann der Malerbetrieb Rudioff, Kossinnastraße 1. Der Besitzer dieser Häuser war Herr Below, er wohnte in der Langgasse 15. Unsere Straße war eine Querstraße zwischen der Oberst-Hoffmann-Straße und der Langgasse. An die Kossinnastraße grenzte, von einer hohen Mauer umgeben, das Gymnasium. Zur Hohen Straße waren es ca. 100 Meter. Ging man die Langgasse in Richtung Fabrikstraße, kam man zum Polizeipräsidium, daran vorbei zur Uferpromenade am Schloßmühlenteich. |
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Wir wohnten also in der Nähe des Stadtzentrums. Für mich war die Stadt etwas ganz Neues, ich kannte sie ja nur von den Besuchen mit meinen Eltern zum Jahrmarkt und zum Weihnachtsmarkt, der sich immer nur auf dem Fletcher-Platz und in der Deutschen Straße abspielte. Für mich war die Stadt daher fremd, sie war groß und hatte ca. 56000 Einwohner. Da ich am 20. April 1938 zur Herzog-Albrecht-Schule gehen sollte, mußte ich mich mit der näheren Umgebung, in der wir wohnten, vertraut machen. Da ich damals noch nicht die Straßennamen und die Geschäfte in der Umgebung wußte, ging ich nun auf Entdeckungstour. |
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Es ging durch die Langgasse bis zur Gartenstraße, die Gartenstraße entlang am Gaswerk vorbei bis zur Wasserstraße, dort in die Schulstraße und bis zur Herzog-AIbrecht-Schule. Unser nächster Weg führte uns durch die Wasserstraße bis zur Fabrikstraße, umbenannt in SA-Straße, zum Polizeipräsidium am Schloßmühlenteich entlang, über die Brücke zur Sommerstraße, an den Tennisplätzen der Schäferei vorbei zu den zwei Sportplätzen, über die Holzbrücke des Schloßmühlenteiches wieder in die Wasserstraße zur Ruderbootanlegestelle am Schloßteich. |
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Dann wurden die Einkaufsmöglichkeiten in unserer Umgebung erkundet. Ein Laden für Milch und Butter war in der Langgasse, der Bleichstraße gegenüber. Ein Lebensmittelgeschäft in der Oberst-Hoffmann-Straße/Ecke Grabenstraße; hier gab es alle Lebensmittel. In der Grabenstraße war auch die Hefefabrik. Wir gingen dann durch die Hohe Straße, bogen dann in die Wasserstraße in Richtung Deutsche Straße ein, gingen über die Deutsche Straße weiter zum Memelstrom. Von dort ging es die Memelstraße in Richtung Luisenbrücke weiter, wir kamen hier an den Kaianlagen vorbei. Hier standen zwei große Ladekräne zum Be- und Entladen der Flußschiffe. Von der Luisenbrücke über den Fletcherplatz zur Hohen Straße bis zur Langgasse und von dort nach Hause. Ich habe an diesem Nachmittag viele Eindrücke gewonnen und vieles kennengelernt. Ich war mir bewußt, daß ich mich in der Stadt zurechtfinden werde. |
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Eine Woche lang bin ich dann Tag für Tag durch die Stadt gegangen und lernte immer mehr von ihr kennen. Tilsit war eine Garnisonstadt, hier gab es vier Kasernen. Ich war auch auf dem Bahnhof der Stadt, er war in der Kleffelstraße, von dort kam man zur Stolbecker Straße. Eines Tages setzte ich mich in die Straßenbahn und fuhr bis zur Endstation am Krematorium. Die andere Endstation war Tilsit-Preußen. Sie brauchte von einem Ende bis zum anderen Ende der Stadt eine Fahrzeit von einer Stunde, die Straßenbahn fuhr durch die Hohe Straße am Bahnhof vorbei. |
| Schulanfang in der Herzog-Albrecht-Schule |
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Am 20. April 1938 ging ich mit gemischten Gefühlen zu meiner neuen Schule. Auf dem Schulhof trafen sich alle Anfänger des neuen Schuljahres. Wir wurden nach Klassen aufgerufen, ich gehörte zur Klasse 6a, unser Klassenlehrer wurde Herr Keßler, er wohnte in der Lindenstraße 5. In unserer Klasse gab es drei Bankreihen zu je fünf Bänken. Die Sitzordnung wurde nach alphabetischer Reihenfolge vorgenommen. Mein Name fing mit A an, mein Sitzplatz war die erste Bank in der mittleren Reihe. Neben mir saß Hans Adomeit, er war immer unser Klassenbester. An die Namen verschiedener Klassenkameraden kann ich mich noch erinnern, so an: Horst Bendix, Horst Brenneisen, Hans Schankies, Kurt Ruddigkeit, Hans Schneidereit, sowie der Schüler Abraham.. Dieser Schüler wohnte in der Schulstraße/Ecke Wasserstraße; wir beiden gingen immer den Schulweg zusammen. Er war gut und hilfsbereit, manchmal trafen wir uns auch zum Spielen. An einem Morgen kam er nicht mehr zur Schule. Durch unseren Klassenlehrer haben wir dann erfahren, daß Abraham Jude war und die Juden fortmüssen. Was aus ihm geworden ist, wußte keiner. Wir haben dann nach der Schule gesehen, daß verschiedene Geschäfte zerstört waren, weil ihre Besitzer Juden waren. Auch war die Synagoge in der Wasserstraße ausgebrannt. Dies war also die Reichskristallnacht, der Beginn der Judenverfolgung. |
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Wir bekamen nun am ersten Unterrichtstag unseren Stundenplan, was wir alles für Fächer erhielten, war gegenüber der Volksschule ein vielfaches. Wir hatten als Fremdsprache Englisch, Französisch war für uns Wahlfach. Uns wurden auch alle Lehrer genannt, die bei uns Unterricht haben. Unser Klassenlehrer Herr Keßler gab Englisch; Herr Baumgart Mathematik und Zeichnen, Herr Seidler Chemie und Biologie; Herr Liehr Geschichte und Erdkunde, Herr Wieczoreck gab Deutsch, dann waren noch die Lehrer Liedtke, Döring, Dill, Sawatzki, Spangenberg, Dr. Dieckhoff. Als ich dies alles zur Kenntnis bekam, war mein Gedanke, du kommst nicht ohne Sitzenbleiben durch diese Schule. Es verging die Zeit, jedes halbe Jahr gab es Zeugnisse. Mit Fleiß und Eifer und manchmal mit Hilfe von besseren Schülern wurde jedes Schuljahr geschafft. Mit Beginn des 2. Weltkrieges im September 1939 hat sich auch in unserer Schule viel verändert, wie sich auch im Leben vieles änderte. |
| Mit Spielgefährten auf Entdeckungsreisen |
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Das Rumstromern machte alleine nicht immer Spaß. Ich fand also Freunde in der Nachbarschaft. In unserem Haus wohnte eine Familie Gutsch, der Sohn Gernot war in meinem Alter, dann war der Schusterjunge Willi Ost aus der Langgasse ein ständiger Spielgefährte, es gab für uns keine Langeweile. Wir spielten zusammen oder gingen auf Entdeckungsreisen zu Fuß oder mit dem Fahrrad, aber nur, wenn wir unsere übertragenen Pflichten erfüllt hatten, sonst bekamen wir keine Erlaubnis. Uns heimlich aus dem Staub zu machen, trauten wir uns nicht. Unser liebster Spielplatz war der Lagerplatz der Firma Wels & Neiß. Dieser befand sich am Gymnasium zwischen Kossinnastraße und Bleichstraße. Wir kletterten über die Mauer, bauten mit den großen Kisten Gänge und Höhlen, wo wir uns verstecken konnten. Natürlich durften wir uns nicht von unseren Eltern oder von den Arbeitern der Firma ertappen lassen. |
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Tilsit war Garnisonstadt, es gab vier Kasernen, die Dragoner-Kaserne, die Artillerie-Kaserne, die Infanterie-Kaserne und die Radfahrer-Kaserne sowie den Truppenübungsplatz außerhalb der Stadt. Dort zog es uns öfters hin, um in den Sandbergen und in den künstlichen Stellungen zu spielen. Oft haben wir den Soldaten bei der Ausbildung und bei den Übungen zugesehen. Manchmal wurde auch mit Platzpatronen geschossen, aus Gewehren, Maschinengewehren, sogar aus Kanonen, wenn es eine große Übung war; dann durften wir nicht in der Nähe sein. Hier spielten wir Räuber und Gendarm und sammelten leere Patronenhülsen. Als wir zum Jungvolk gehörten, haben wir hier öfters unseren Dienst verrichten müssen, hier wurden wir geschliffen, mußten die Berge rauf und runter laufen oder hüpfen oder machten mit anderen Jungvolk-Gruppen Geländespiele. Später, als wir mit 14 Jahren zur HJ kamen, wurden wir hier noch mehr gedrillt. Der Weg zum Exerzierplatz führte uns durch die Grabenstraße über den Thesingplatz, durch die Lindenstraße über den Viadukt zur Molkerei. Hinter der Molkerei war das Übungsgelände. Unter dem Viadukt verlief die Bahnlinie in drei Richtungen, nach Schloßberg, nach Insterburg und nach Königsberg. Etwas anziehendes hatte für uns das Memelufer. Hier waren die Kaianlagen mit Eisenbahngleisen, fahrbare Kräne zum Beladen und Entladen der Boydaks, dieses sind große Transportschiffe von 250 bis 500 Tonnen Tragfähigkeit. Es wurden Sand, Steine, Kohlen und Getreide verladen oder entladen. Hier war jeden Tag immer etwas anderes zu sehen. Zweimal in der Woche, am Mittwoch und Sonnabend, war Fischmarkt in der Nähe vom Rathaus in der Fischgasse. Die Fischer kamen mit ihren kleinen Booten aus der Elchniederung, von den Flüssen Ruß und Gilge oder vom Rand des Kurischen Haffs. Sie verkauften dann ihre Fische, es war immer auf dem Fischmarkt an diesen Tagen Hochbetrieb. Viele Bauern kauften auch große Mengen Stinte zur Fütterung der Schweine. |
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Es gab auch einen Passagierkai, hier lagen in der Saison die Dampfer "Grenzland" und "Herold" sowie der kleine Dampfer "Memelwacht". Mit ihnen konnte man Ausflüge nach Ragnit oder Obereißeln machen. Es wurden auch Fahrten zur Kurischen Nehrung über das Haff durchgeführt. Diese dauerten immer zwei Tage. Auch wir haben mit unserer Schule in den Ferien einen Ausflug mit dem Dampfer nach Rossitten gemacht, dort war eine große Vogelwarte. Als das Memelland 1939 an Deutschland angegliedert wurde, hat sich die Grenze von der Memel ca. 30 km bis nach Tauroggen verschoben. Das Memelland war nun wieder deutsch. |
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Nun fanden wir neue Erkundungsgebiete in Übermemel am Strom und im Memelgebiet bis Pogegen und zum Rombinus. Hier am Strom in Übermemel war am Ufer herrlicher Sand, viele große und kleine Weideninseln, wo man wunderbar Indianer spielen konnte. Besonders schön war es hier im Sommer zum Baden und Sonnen bestens geeignet. Wir sind auch mit dem Fahrrad nach Pogegen oder zum Rombinus gefahren. Zum Rombinus immer an der Memel entlang in Richtung Ragnit. Nach Pogegen auf der Straße nach Tauroggen über drei Brücken, welche die Memelwiesen und Altarme der Memel überspannten. |
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Der Sonntag gehörte der Familie, da gab es kein Umherziehen mit den Spielgefährten. Jedes Familienmitglied hatte sein eigenes Fahrrad. Wir fuhren dann öfter mit dem Fahrrad in den Stadtwald zu den Ausflugslokalen "Kulins" oder "Waldschlößchen", hier gab es für uns Brause und Kuchen. Auch machten wir Ausflüge an der Memel entlang zum Engelsberg oder sogar zum Schloßberg, auch hier gab es Ausflugslokale. Wenn die Dampferfahrten wieder begannen, wurden Ausflüge nach Untereißeln und Obereißeln gemacht. Für mich waren die Fahrten auf dem Wasser immer ein besonderes Erlebnis, mich hat das Wasser schon immer angezogen. Aus diesem Grunde wurde ich auch mit 14 Jahren Angehöriger der Marine-HJ. Wir machten auch Spaziergänge in der Stadt. Zum Anger, wo das Elchdenkmal stand, zum Grenzlandtheater, in den Park von Jakobsruh, zum Thingplatz, zum Hindenburgstadion oder zum Botanischen Garten. Wir wanderten auch um den Schloßmühlenteich, gingen der Tilszele entlang an den beiden Badeanstalten vorbei bis zu den Kleingärten, die Moritzhöher Straße und die Sommerstraße zurück über die Holzbrücke vom Schloßmühlenteich und dann nach Hause. Die erste Zeit ist unser Papa mit uns Ruderboot gefahren, später machten wir dies alleine. So lernten wir immer mehr von unserer Heimatstadt kennen. Unser Papa kannte sich hier gut aus, er ist hier aufgewachsen und im Gymnasium in Tilsit zur Schule gegangen. Am Geburtstag meiner verstorbenen Mutter fuhren wir immer auf den Friedhof nach Paskalwen, dieser lag ca. 2 Kilometer vom Ort entfernt am Paskalwusberg. Tilsit hatte mehrere Sportvereine, der größte war der Tilsiter Ruderclub. Die Stadt Tilsit konnte sich in jeder Beziehung mit gleich großen Städten in Ostpreußen messen. |
| Eisgang auf der Memel |
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Der Memelstrom, der in Rußland entspringt, sorgte in jedem Frühjahr für ein gewaltiges Naturschauspiel. Die kalte und lange Winterzeit, von November bis März, brachte starke Fröste und viel Schnee. So war der Memelstrom bis zum Haff, mitunter auch das Haff selbst, mit einem dicken Eispanzer von bis zu 50 cm Stärke bedeckt. Anfang April begann durch den starken Sonneneinfluß der Schnee und das Eis zu schmelzen. Der Wasserspiegel stieg dann langsam an und erreichte eine Höhe von über 4 Metern normal und die Memel trat über die Ufer. Die Memelwiesen wurden in einer Breite von 4 Kilometern überschwemmt. Es bildete sich in der Höhe von Tilsit eine riesige Wasserfläche, die von Übermemel bis an den Wald von Pogegen reichte. Mit dem Anstieg des Wasserspiegels hob sich auch die Eisdecke. Sie begann sich vom Ufer zu lösen, zu bersten und zu zerreißen und setzte sich langsam in Bewegung, damit begann der Eisgang auf dem Memelstrom, von der russischen Grenze bis zum Haff. Da die Memel nicht überall gleichmäßig aufbrach, natürliche Hindernisse, wie Windungen, Engstellen, Buhnen und Buchten sowie die zwei Brücken in Tilsit mit mehreren Pfeilern im Strom, behinderten einen schnellen Abfluß, und es kam an vielen Stellen zu Eisstauungen. Es war für uns Kinder immer wieder ein erregender Anblick, wenn sich große Eisschollen durch die Kraft des Wassers hoch übereinander türmten und dann mit gewaltiger Kraft gegen die Brückenpfeiler schlugen und versanken, um an einer anderen Stelle hinter der Brücke wieder aufzutauchen. Jedesmal, wenn die Eisschollen gegen die Pfeiler schlugen, erzitterte die ganze Brücke. Um dieses Schauspiel besser sehen zu können, stiegen wir auf den Engelsberg, der sich 40 Meter über dem Strom erhob. Von hier erblickten wir eine riesige Wasserfläche, die von Krakonischken bis nach Schreitlaugken reichte. Manchmal konnten wir auf den Schollen Rehe, Hasen und Hunde erblicken, für diese Tiere gab es gewöhnlich keine Hilfe. Das Hochwasser im Jahr 1942 ist mir noch besonders in Erinnerung. Es hatten sich in der Nacht gewaltige Eisschollen vor der Eisenbahnbrücke aufgestaut, sie bewirkten einen Rückstau, die Eisschollen wurden dabei bis auf den Fletcherplatz gedrückt, der Strom erreichte hier einen Wasseranstieg von sieben Metern. Am frühen Morgen wurde die Eisbarriere durch Soldaten gesprengt. Solange Eisgang war, gingen wir immer nach der Schule zur Luisenbrücke und schauten diesem eigenartigen Schauspiel zu. Das Hochwasser mit Eisgang dauerte nicht länger als eine Woche, danach hat sich wieder alles normalisiert. Für uns war es dann Gewißheit, daß der Frühling nicht lange auf sich warten läßt. Durch das Hochwasser wurden die Wiesen am Memelstrom immer natürlich gedüngt. Im Sommer wurde hier reichlich Heu geerntet. |
| Winterfreuden in Tilsit |
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Der Winter brachte immer viel Schnee und strenge Fröste. Wenn es tiefer Winter war, lagen die Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad minus. Solche Temperaturen empfanden wir nicht als kalt, weil wir hier eine trockene und saubere Luft hatten. Durch diese strengen Fröste waren alle Gewässer zugefroren. Natürlich blieb der Schnee auch nicht aus. Schneehöhen zwischen 40 und 60 cm waren keine Seltenheit. Durch kräftige Winde gab es öfters Schneegestöber und Verwehungen, die wir Kinder zum Schneehöhlen bauen immer nutzten. So gab es viele Möglichkeiten zum Rodeln, zum Skilaufen, zum Schlittschuhlaufen und zum Schneeburgen bauen. Es verging kein Tag, an dem wir nicht draußen im Schnee oder auf dem Eis waren. Die beliebteste Eisfläche war für uns Kinder der Schloßmühlenteich. Hier konnten wir Schlitten fahren, Schlittschuh laufen oder Eishockey spielen. Schön war es, wenn wir auf Schlittschuhen die Tilszele bis zur Quelle entlangliefen, bis zur Eisenbahnbrücke der Strecke von Tilsit nach Ragnit. Dies waren immer 3 Kilometer; wenn wir zurückkamen, wurde es schon dämmerig. Eine ganz besondere Attraktion war die Spritzeisbahn auf dem Anger. Die große Fläche vor dem Grenzlandtheater wurde als Eishockeyfläche mit einer Rundlaufbahn angelegt. Am Elchdenkmal wurde eine Fläche für das Eiskunstlaufen eingerichtet. Hier auf dieser Spritzeisbahn gab es immer viel Trubel; von 10.00 bis 21.00 Uhr war hier geöffnet. Hier bewegten sich Laien, Anfänger und Könner. Eine Monatskarte kostete für Kinder 2.00 Reichsmark. Auch ich habe hier das Eislaufen richtig gelernt, wir Kinder haben dies schnell begriffen. Es machte uns Spaß, wie der Wind über das Eis zu flitzen, um immer besser zu sein als andere. |
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Wir sind auch zum Rodeln gegangen, dazu gab es steile Abfahrten von 10 bis 15 Metern am Botanischen Garten, die zur Tilszele abfielen. Hier haben wir manchmal Stunden zugebracht, im Dunkeln ging es dann durchnäßt nach Hause. Wir hatten auch das Bedürfnis, Ski zu laufen, dazu haben wir aus einfachen Faßdauben Schneebretter gebaut. An einem Ende wurde die Spitze angesägt, die Lauffläche glatt gehobelt, mit Wachs eingerieben und an den Seiten wurden Riemen befestigt, um sie an die Schuhe zu schnallen. Als Stöcke benutzten wir starke Haselsträucher, am Ende wurden Nägel eingeschlagen, damit man sich gut abstoßen konnte. Richtige Skier konnten uns die Eltern nicht kaufen. Der Winter brachte immer genug Schnee. Die Hauptstraßen und manche Nebenstraßen wurden vom Schnee geräumt. Der Schnee wurde an der Tilszele, am Schloßmühlenteich oder an der Memel abgeladen. Am Schloßmühlenteich wurde von den Kindern ein Rodelberg gebaut, der auf den Teich führte. Es war so viel Schnee vorhanden, daß wir uns große Schneeburgen bauen konnten. Die Burgen erhielten auch manchmal eine Decke, die mit Brettern abgestützt wurde, darauf wurde Schnee festgestampft und mit Wasser begossen, damit es eine Eisdecke wurde. Schneeballschlachten waren an der Tagesordnung, die gebauten Burgen wurden von den Besitzern immer verteidigt. Wir benutzten zum Werfen auch manchmal Eisbälle; sie waren hart, und so ein Treffer tat sehr weh. Mit Beginn des Tauwetters machten wir auf dem Teich Biegeeis. Dies passiert dann, wenn mehrere Personen nebeneinander gleichmäßig über das Eis laufen, dadurch entstehen im Wasser unter dem Eis Wellenbewegungen, durch dies ständige Hin und Her wird das Eis biegsam. Man muß dabei sehr aufpassen, daß man nicht einbricht. Eine weitere Vorliebe war, in zugeschneite Gräben zu springen, manchmal versanken wir dabei bis unter die Arme. So haben wir Kinder alle Möglichkeiten genutzt, die uns der Winter geboten hat. Trotzdem freuten wir uns immer wieder, wenn es Frühling wurde, denn nach dem Frühling kam der Sommer. Sommerfreuden und Badezeit! |
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Nach den langen Wintermonaten freute sich groß und klein, wenn es Frühling und Sommer wurde. Für uns Kinder war der Sommerbeginn etwas ganz Besonderes, begannen doch bald die ersehnten Sommerferien. Jedes Jahr vor den Sommerferien machte unsere Schule, die Herzog-Albrecht-Schule, einen Dampferausflug mit dem Raddampfer"Grenzland" zur Kurischen Nehrung. Jedes Jahr wurde ein anderer Ort auf der Nehrung ausgewählt. Dazu gehörten die Orte Rossitten mit der Vogelwarte, Nidden und Schwarzort. Einmal haben wir in der Jugendherberge in Rossitten übernachtet. Meistens waren dies nur Tagesausflüge. Morgens um 4.00 Uhr ging es von der Dampferanlegestelle an der Memel los. Wir fuhren stromabwärts auf der Memel, dann auf den Rußstrom und über das Haff. Die Ankunft war gegen 10.00 Uhr, dann ging alles von Bord, die Klassen hatten ihr eigenes Programm. Unser erster Weg führte uns über die Nehrung zur Ostsee. Hier haben wir gebadet und Bernstein gesucht und auch gebunden. Bei der Wanderung über die Nehrung haben wir immer Elche gesehen. Auf der Nehrungsstraße, die von Memel bis ins Samland führte, haben wir einmal einen umgestürzten Milchwagen gesehen, der von einem Elchbullen umgekippt wurde. Der Elch stand auf der Straße und ging nicht fort, der Kutscher stieg vom Wagen und wollte den Elch mit der Peitsche vertreiben, aber der Elch kam auf den Kutscher zu, nahm den Wagen auf sein großes Geweih und kippte ihn um. Durch das Poltern der Milchkannen machte sich der Elch in schnellem Lauf aus dem Staub. Wir halfen dem Kutscher, die Milchkannen wieder aufzuladen, sie waren zum Glück leer. Um 17.00 Uhr erfolgte dann die Rückfahrt, und gegen 24.00 Uhr erreichten wir wieder Tilsit. Es war immer eine wunderbare Fahrt auf der Memel und über das Haff. Die Sommerferien waren für uns nie langweilig. Bademöglichkeiten gab es in der Stadt und an der Memel genug. An derTilszele gab es ein Freibad und noch zwei geschlossene Badeanstalten, die eine war die Wehrmachtsbadeanstalt. Am Memelstrom gab es das Freibad am Engelsberg, mit Bademeister und Rettungsschwimmern. Hier habe ich mit 15 Jahren meine Schwimmstufe III gemacht (Adlerabzeichen). Ferner gab es die Möglichkeit, bis zum Schloßberg auf eigene Gefahr zu baden. |
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Mit dem Anschluß des Memelgebiets an Deutschland konnten wir nun nach Übermemel zum Baden gehen. Hier gab es zwischen Weidenbüschen hervorragende Sandflächen zum Spielen, zum Sonnen und zum Lagern. Hier spielten wir Indianer, Räuber und Gendarm, oder wir zogen stundenlang stromauf oder stromab an der Memel entlang. Die Memel hatte auf beiden Seiten in bestimmten Abständen Buhnen, auch Spickdämme genannt, die in den Fluß hineinreichten, damit der Fluß durch die starke Strömung nicht versandete. Besonders gefährlich war es an den Buhnenköpfen, hier entstanden durch die starke Strömung gefährliche Strudel, die es zu meiden galt. Man konnte in solchem Strudel ertrinken, wenn man kein guter Schwimmer war. Auf den Spickdämmen konnte man sich sonnen oder auch angeln. Es war jedenfalls herrlich und wunderschön am Memelstrom. Manchmal waren wir mutig und sind über die Memel geschwommen, was nicht ungefährlich war. Dabei mußte man die starke Strömung beachten. Für die 250 Meter Strombreite mußten wir, um hinüberzukommen, ca. 1500 Meter schwimmen. Wenn wir am Engelsberg ins Wasser gingen, landeten wir in Übermemel vor der Luisenbrücke. Wollten wir zu unserem Ausgangspunkt zurück, gab es den Weg zu Fuß über die Luisenbrücke zum Engelsberg, oder man ging von Übermemel zu Fuß bis zur Höhe des Schloßberges. Dann stieg man wieder ins Wasser und schwamm über den Fluß und landete dann am Engelsberg. Bei diesem Überqueren des Stromes mußte man unbedingt auf den Dampferverkehr achten, denn es fuhren viele große und kleine Schiffe auf dem Strom. Wir sind immer stromabwärts geschwommen, denn gegen die Strömung schwimmen war auf der Memel nicht möglich, die Strömung war zu stark. Wer dies tat, konnte bei Erschöpfung ertrinken. Gebadet haben wir meistens zwischen den Spickdämmen, hier war das Wasser wärmer als im Strom selbst. Bis zum Beginn des Krieges wurde der Brauch der Sommersonnenwende jedes Jahr durchgeführt. Es wurden am späten Abend von den Anhöhen des Engelsberges und vom Schloßberg Feuerräder in den Strom gerollt. Auf der Memel fuhren beleuchtete Schiffe und Boote, und alle feierten diesen Tag. Es war ein wunderbarer Anblick, dieses Schauspiel zu sehen. Wenn uns mal nicht nach Baden zu mute war, zogen wir durch den Stadtwald. In Jakobsruhe stand das Königin-Luise-Denkmal, dies soll an die Begegnung zwischen Napoleon und der Königin 1807 in Tilsit erinnern. |
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Wir waren auf dem Thingplatz, hier fanden immer die Jugendveranstaltungen mit viel Aufwand und Pomp, Aufnahme in die Hitlerjugend und BDM sowie SA statt. Wir spielten im und am Hindenburg-Stadion. Hier fanden auch die jährlichen Jugendwettkämpfe statt. Es gab hier viele Sportveranstaltungen, wie Fußballspiele, Radrennen und Leichtathletik-Wettkämpfe. Einmal trat auch eine Hochseilartisten-Truppe auf und zeigte ihr Können. Ob es die Weißheits aus Gotha waren? Die warme Jahreszeit begann Anfang Juni und endete Mitte September. Tilsit hatte auch einen Flugplatz; dieser befand sich in Schillgallen. Mit dem Ende der Sommerferien traten wieder geordnete Tagesabläufe ein. Die Schule hatte wieder Vorrang. |
| Jungvolk und Hitlerjugend! |
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Als ich im März 1938 in der Mittelschule eingeschult wurde, sollten nach Möglichkeit alle Schüler der neuen Klassen Mitglied im Jungvolk werden. Also habe ich mich bei der entsprechenden Stelle angemeldet. Nach vier Wochen wurde ich dann ins Jungvolk aufgenommen. Meine Eltern mußten mir nun eine Uniform kaufen, eine schwarze Hose und ein braunes Hemd, dazu ein schwarzes Halstuch mit Knoten. Im Winter trugen wir lange Hosen. Das Jungvolk war nach Fähnlein organisiert. Zu jedem Fähnlein gehörten drei Züge, zu jedem Zug gehörten drei Jungenschaften zu je 10 Mann, also bestand ein Fähnlein aus 90 Mitgliedern. In der Stadt gab es vielleicht 15 Fähnlein. Bei der Hitlerjugend war der Aufbau der gleiche. Hier waren die Bezeichnungen anders. Von 10 bis 14 Jahren war man im Jungvolk, von 14 bis 18 Jahren gehörte man zur Hitlerjugend. Zu einer Gefolgschaft gehörten 90 Jungen. Zweimal in der Woche, Mittwoch und Sonnabend, hatten wir nachmittags Jungvolk-Dienst. Wir lernten marschieren, singen und Geschichte. Einmal im Monat marschierten wir zum Exerzierplatz, wo wir geschliffen wurden, wir mußten die Sandberge rauf und runter hüpfen oder laufen. Wir machten auch Geländespiele in der Stadt und auch außerhalb der Stadt; da wurde dann untereinander richtig gerauft und geprügelt. Im Juni waren dann immer die Reichsjugendwettkämpfe im Laufen, Springen und Werfen. Wer seine Norm erreicht hatte, bekam ein Abzeichen, dieses gab es in Bronze, Silber und Gold. |
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Mit 14 Jahren bin ich dann in die Marine-HJ eingetreten. Ich wollte ja zur Marine gehen, deshalb war es nötig, hier einzutreten, weil man hier die Grundkenntnisse vermittelt bekam. Wir lernten das Morsen und das Signalisieren mit Flaggen, wir lernten Seemannsknoten, rudern und segeln, alles, was ein Matrose für die Arbeit auf See brauchte. Die Marinegefolgschaft hatte eine Stärke von 60 Mann. Regelmäßig war auch hier zweimal in der Woche Dienst, dieser begann aber erst um 18.00 Uhr und dauerte bis 22.00 Uhr. Wir hatten zwei Ruderkutter, damit wurde mindestens einmal in der Woche auf dem Strom gerudert, vom Hafen der Zellstoffabrik bis zum Schloßberg und zurück. |
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Was ich hier gelernt habe, brauchte ich nicht anwenden. Ich wurde nicht mehr Soldat, denn für mich war der Krieg am 1. Februar 1945 unfreiwillig zu Ende gegangen. Ich geriet bei den Sowjets in Zivilgefangenschaft. Damit endeten meine Kindheitserinnerungen! Der Beginn des Landjahrs bei dem Bauer Franz Pfau in Polwilken war für mich ein neuer Lebensabschnitt, der eine Richtung nahm, die nicht gewünscht war. |
| Autor: © 2002/2003 Hans Augusti Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 70/2002 - 71/2002 - 72/2003 und Nr. 73/2003 |
| Anmerkung der Redaktion:
Ein weiterer Bericht über die Tilsiter Marinejugend erscheint im "Memel Jahrbuch 2004". Einen Bericht über das Landjahr in Powilken finden Sie im "Memel Jahrbuch 2003". Zu dem vorstehenden Bericht noch einige weitere Anmerkungen: |
| Und nun eine Ergänzung zu dem obigen Bericht: Ich war von 1941 - 1944 ebenfalls Mitglied der Marine-HJ-Gefolgschaft in Tilsit und kann die Angaben von Landsmann Augusti bestätigen, obwohl wir uns damals kaum kennengelernt haben, weil ich 1943 eine Marinejugend-Schar in Pogegen gründete, die ich bis 1944 leitete, und dort meinen Dienst machte. Die derzeitige politische Richtung hat uns wenig interessiert, sondern in erster Linie seemännische Tätigkeiten. Außerdem haben wir auch oft Seemannslieder und Shanties gesungen, die ich auf dem Schifferklavier begleitete. Im nachhinein muß ich einem gütigen Schicksal dankbar sein, daß es mich diesen Weg gehen ließ. Auf einem Lehrgang an der Seesportschule Heisternest/Heia (Wehrertüchtigungslager) konnte ich die "Seesportprüfung B" ablegen, gehörte damit zur seemännischen Bevölkerung und durfte nur zur Kriegsmarine eingezogen werden, der ich dann von Januar 1945 bis zum Kriegsende angehörte. Dadurch blieb mir sicher Schlimmeres erspart. |
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