Heimaterinnerungen...
Erinnerungen an Paschen/Papuschienen
von Ernst Schedwill

Mein Heimatort war ein kleines Dorf, gelegen an der Hauptstraße zwischen Tilsit und Kreuzingen. Die Bewohner waren zum großen Teil Kleinbauern mit einem Besitz von ca. 20 - 40 Morgen Wiesen- und Ackerland. Unser Postort war Auerfließ, die nächste Bahnstation Wilhelmsbruch. Nach Tilsit bestand täglich Bus-Verbindung. Unser Ort hatte noch keinen Stromanschluß; dieser endete in Sandfelde (1 km von uns entfernt).

Besonders möchte ich die Gastfreundschaft und die Hilfsbereitschaft der Bewohner hervorheben. Hierfür gab es viele Beispiele. Eines davon möchte ich hier anführen. Während der Erntezeit hatte sich mein Vater ein Bein gebrochen und war dadurch bewegungsunfähig. Ohne ein Wort zu sagen, erschienen die Nachbarn mit ihren Fuhrwerken und brachten unsere Roggenernte ein. Öffentliche Veranstaltungen gab es aufgrund der geringen Einwohnerzahl in unserem Ort nicht. Die fanden in den größeren Nachbargemeinden wie Auerfließ, Sandfelde, Argenbrück oder Königskirch statt.

An ein paar Ereignisse kann ich mich noch gut erinnern. Zum Beispiel: Fastnacht in der Schule. Da gab es den alten Brauch, daß wir Schüler unsere Tornister versteckt haben, damit der Schulunterricht ausfällt. Der Klassenraum wurde mit bunten Papierstreifen geschmückt. Unser Lehrer, Herr Klawohn, tat dann wie jedes Jahr überrascht, wenn er die Schulklasse betrat. An der Tafel standen Sprüche wie: "Die Raben sind gekommen und haben uns die Bücher weggenommen" oder "Heute feiern Katz' und Maus, Schuppnis gibt's in jedem Haus". Nachdem der Lehrer uns ein paar Geschichten vorgelesen hatte, durften wir vorzeitig nach Hause gehen.

Woran ich mich besonders gerne erinnere, war jedes Jahr der Besuch des Jahrmarktes (Rummel) in Tilsit mit meinen Eltern und Geschwistern. Es war immer eine große Freude, diese Zauberwelt mit den vielen Karussells, Gauklern, Bänkelsängern, Buden usw. zu erleben. Wir waren jedes Mal den Tränen nahe, wenn es hieß: "So, jetzt müssen wir nach Hause." Zu gerne wären wir noch dageblieben.

Von Zeit zu Zeit besuchte uns ein Hausierer namens Eisenak. Dieser trug seine Waren in einer großen Kiepe verstaut auf seinem Rücken. Beim Betreten des Hauses zählte er ohne Unterbrechung sein ganzes Warenangebot von A - Z auf. Eines Tages ist er dann aufgrund seiner schlechten Sehfähigkeit beinahe in den Keller gestürzt. Im letzten Moment konnte er sich an der geöffneten Kellerklappe festhalten. Der Schreck war natürlich sehr groß. Bei den nächsten Besuchen hat er dann schon im Hausflur laut und unüberhörbar gerufen: "Es da Keller oape?"

Weiter erinnere ich mich an zwei ältere Männer, die in längeren Zeitabständen bei uns Quartier nahmen. Es handelte sich um Blechmacher. Sie fertigten Kuchenbleche in allen Größen und Formen aus Weiß- und Schwarzblech an. Nachdem sie bei uns eingetroffen waren, bekamen wir Kinder ein Dittchen in die Hand gedrückt und mußten dafür allen Bewohnern im Dorf Bescheid sagen.

In unregelmäßigen Abständen bekamen wir Besuch von einer Tipplerin. Sie übernachtete in der Scheune im Heu. Nachdem sie verpflegt worden war, zog sie am nächsten Morgen weiter. Ihre Habseligkeiten trug sie gebündelt in Tüchern immer bei sich. Aus diesem Grund war sie als die "Pungelmarie" bekannt.

Autor : © 2009 Ernst Schedwill
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 85/2009

Heimaterinnerungen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 03.001.2010
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letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 29. Dezember 2010