Stadt Ragnit
Papierhaus Kreide
von Eitel Kreide

In Ragnit, Schillen (Szillen), Breitenstein (Kraupischken), Altenkirch (Budwethen), Schmalleningken sowie Tilsit konnte man in der Buch- und Papierhandlung Kreide viele Artikel erwerben. Fast alle für die Schule benötigten Sachen (Hefte, Bücher, Federn, Tinte, Bleistifte, Lineale, Zirkel, Winkelmesser, Tafelkreide in vielen Farben), jedoch auch für das Büro oder Privat, waren vorhanden.

Im Hauptgeschäft Tilsiter Str. 2 (Adolf-Hitler-Str.) - ein zweites gab es später auf der Landrat-Penner-Str. 9, vormals Engels - war das Sortiment besonders umfangreich: Bücher, Leihbücher, Glas, Porzellan, Kristall, Grußkarten zu allen Festen, Spielwaren, Lederartikel, Koffer, sogar Musikinstrumente wurden geführt.

Gegründet wurde die Buchdruckerei Kreide vor 1880 von Max Kreide und seiner Ehefrau, geborene Schönfeldt.

Später entstand auch die "Kreiszeitung Tilsit-Ragnit" und der Verlag "Amtliches Kreisblatt Tilsit-Ragnit". Bis 1920 war Ragnit die Kreisstadt des Landkreises Ragnit, der dann mit dem Rest des Landkreises Tilsit zu einem Kreis zusammengelegt wurde.

Mein Vater Emil Kreide, der Sohn von Max Kreide, volontierte bereits vor dem 1. Weltkrieg als Buchdrucker und Schriftsetzer bei der Druckerei Masuhr in Königsberg. Als verwundeter Unteroffizier aus dem 1. Weltkrieg entlassen, erwarb er dann beide Meistertitel, im graphischen Gewerbe "Schweizer Degen" genannt. Später wurde ihm sogar (ehrenhalber) der Buchbindermeister verliehen. Anfang der 20er Jahre richtete Emil Kreide neue Filialen ein. Ferner erweiterte er das Hauptgebäude in der Tilsiter Straße, baute einen sehr langen Flügel zum Schloßplatz mit Läden, darüber auch zwei Etagen mit Wohnungen.

Das Ladengeschäft wurde zum Schloßplatz verlegt (neben dem Arbeitsamt, später Wirtschaftsamt) und kam später stark vergrößert wieder in die Tilsiter Straße. In dem sehr großen Eckhaus, man kann sogar von einem Eckblock sprechen, befanden sich 7 Geschäfte sowie die Konditorei Fritz Intat mit dem Schloß-Cafe.

Am Schloßplatz gab es ein Frisörgeschäft, weiter einen Fleisch- und Wurstwarenbetrieb, die Dampf-Molkerei Adolf Lerbs - später Rose -, die Hutmacherei Rebelies (?), dann die Räume des Schloß-Cafes mit dem dazugehörigen Laden der Konditorei Intat, und weiter in der Tilsiter Straße, ein Tabakwarengeschäft sowie die Papierhandlung Kreide. Anschließend folgten die ebenfalls großen Räume eines Konfektionsbetriebes, den die beiden Schwestern Salomon betrieben.
Wegen der Judenverfolgungen mußten die beiden angesehenen Damen das Geschäft aufgeben. Es wurde vom Ehepaar Schwagereit weitergeführt.

Unter den Geschäften im Souterrain befand sich zur abfallenden Memelseite -ebenerdig - die Druckerei und Setzerei mit u.a. einer Linotype. Diese Setzmaschine konnte aus kochendem Blei eine ganze Zeile herstellen. Daneben gab es die Abteilung für Handsatz, wo die einzelnen Buchstaben aus dem Setzkasten gezogen wurden. Außerdem befanden sich dort die Zeitungsdruckmaschine und solche für Akzidenzdruck. Damit bezeichnet man im graphischen Gewerbe die Druckarbeiten, die nicht zum Buch-, Zeitungs- und Zeitschriftendruck gehören, also Formulare, Anzeigen, Prospekte und sonstige Drucksachen. Dort wurden viele Familienanzeigen anläßlich Geburten, Hochzeiten, Todesanzeigen wie auch Danksagungen gedruckt.

Unterhalb des Schloß-Cafes mit mehreren Restaurationsräumen und dem Laden der Konditorei Intat befand sich die Backstube. Neben Torten, Brot und Brötchen wurde für das Cafe fast das gesamte Jahr über Speiseeis erzeugt. Die Tortenherstellung und Speiseeiserzeugung war umfangreich. In dem zum großen Eckhaus gehörenden Garten mit Springbrunnen, Laubengängen, Tanzfläche und überdachter Musikbühne haben viele Ragniter nicht nur Eis, Kaffee und Kuchen genossen, sondern auch das Tanzbein geschwungen.

Weiter gab es im Souterrain Räume zur Wurstherstellung und Räucherkammer. Relativ modern war die Heizungsanlage, die zentral sämtliche Fabrikationsräume, Läden und Wohnungen mit Wärme versorgte. Wegen der sehr vielen Räume sowie der kalten wie auch langen Winter war der Bedarf an Koks sehr hoch und der Kokskeller entsprechend groß.


Vom Schloßplatz aus gesehen befand sich über den Läden, also im 1. Stock, die Buchbinderei. Dort herrschte Kurt Tautorat; später bewohnte er mit seiner Frau Elfriede, geborene Janz, eine Wohnung im gleichen Haus. Frau Elfriede lebt heute mit ihrer Tochter Bärbel in Monheim-Baumberg bei Düsseldorf.

Bei Kurt Tautorat habe ich mich oft aufgehalten und manches von ihm gelernt. Auch war es in der Buchbinderei nicht so laut wie in der Setzerei bzw. Druckerei. Dennoch muß ich wohl einmal zu "Onkel Tautorat" sehr ungezogen gewesen sein. Mein Vater Emil erfuhr davon und bedeutete mir: "Mein Sohn, wenn es uns wirtschaftlich nicht schlecht geht auch deshalb, weil wir sehr tüchtige Mitarbeiter haben. Sei zu ihnen niemals ungezogen und frech".

Eine weitere Lehre, die von vielen Ragnitern so nicht gesehen wurde, da sie den Hintergrund nicht kannten: Ich wollte mit meinen 9 oder 10 Jahren ein richtiges Fahrrad besitzen, ging also zu den Eltern. "Gern", war die Antwort, "von uns erhältst du die Hälfte. Deinen Anteil verdienst du dir, indem du die von uns gedruckten DIN A5 Jahreskalender mit Bauernweisheiten, Horoskopen und Geschichtchen an den Haustüren zum Preis von 1,- RM verkaufst. Die Hälfte davon erhältst du zum Erwerb des Fahrrades". Also zogen mein jüngerer Bruder Lienhard und ich von Klinke zu Klinke. So kam ich zu meinem Fahrrad. Viele Ragniter sahen das allerdings so: Dem Emil Kreide und der Käthe muß es so schlecht gehen, daß sie ihre Kinder sogar zum Klinkenputzen schicken. So die Wertung, sofern man nicht den erzieherischen Grund kannte.

Diese Lehre, selbst Geld zu verdienen, hat mir nicht geschadet. Während der Berlin-Blockade und danach studierte ich an der "Freien Universität" in Berlin-West. Die Eltern lebten in Leipzig, konnten mich also wegen der erheblichen Währungsdifferenz 4 bzw. 6 Ostmark zu 1,- DM (West) kaum unterstützen. Da Vater während der Messen in Leipzig seinen PKW mit Fahrer als "Behelfs-Taxi" stellen mußte, durfte ich ran. Es kam manchmal sogar der Fahrpreis in Westmark heraus, wenn die Gäste erfuhren, daß ich in Westberlin studierte. Das reichte jedoch nicht für Studiengebühren, Miete und Unterhalt.

Also arbeitete ich als studentische Hilfskraft, seinerzeit "Heinzelmännchen" genannt. Für 1,- DM (West) in der Stunde klopften wir Teppiche, trugen Briketts in die 1. bis 4. Etage oder fuhren Zeitschriften aus. Später war das Verdienen viel leichter: Wir Studenten durften neben anderen sonntäglich von 22.00 bis 6.00 Uhr Totozettel auswerten (1,25 DM/Std.). Bald wurde ich "Tischleiter", erhielt 0,25 DM mehr und konnte sogar am Sonntagvormittag ca. 6 Stunden vorsortieren. Später als Gerichtsreferendar arbeitete ich bei einem Anwalt und danach bei einem Arbeitgeber-Verband als Arbeitsrechtler. Außerdem bezog jeder Referendar einen Unterhaltszuschuß.

Es reichte, den Repetitor (Akademiker, der Studenten oder Referendare auf das Examen vorbereitet) zu bezahlen und die Ehefrau zu ernähren. Beide juristische Staatsprüfungen legte ich dann beim Kammergericht Berlin ab.

Zurück zum Papiergeschäft in der Tilsiter Straße. Mit einigen Verkäuferinnen war Mutti Käthe die Seele des Geschäfts. Sie stand an der Kasse, packte Ware ein, fuhr auf die Messen - meist Leipzig - und belieferte auch die Filialen in Schulen, Breitenstein und Altenkirch. Erst im Jahr 1939 kam noch die Filiale Schmalleningken dazu.

Der Grenzort Schmalleningken - am Memelufer gelegener Zollhafen - kam wie der östliche Teil des Landkreises Pogegen zum Kreis Tilsit-Ragnit. Damit wurde - nach 1939 - der Kreis zum zweitgrößten Flächenkreis in Ostpreußen. Bei ihren Fahrten zu den Filialen gab sie auch "Fahrunterricht". Sie war auch darin sogar eine Fachkraft: Mit 19 Jahren, also 1926, erhielt sie als zweite Frau in Ostpreußen den Führerschein.

Alfred (Fredy) Bremsteller, Sohn von Leo Bremsteller von der Landrat-Penner-Straße - Bruder der sehr hübschen Schwester Anneliese, die als Laborantin in der Zellstoff-Fabrik arbeitete - durfte mitfahren. Da Polizeikontrollen auf den Landstraßen fast nie stattfanden, durfte Fredy - obwohl noch minderjährig - auch ans Steuer. Darüber freut sich heute noch der in St. Catherines/Ontario lebende Alfred Bremsteller. Sein Bruder fiel im Krieg, und die nach Berlin verheiratete Anneliese Weber kam dort durch ein Unglück um.

1934 erkrankten Mutti Käthe, die 7jährige Tochter Christel, der 6jährige Eitel und der erst 4jährige Bruder Lienhard an Scharlach und Diphtherie. Christel, gerade in der Schule, verstarb an den Folgen, Lienhard kämpfte jahrelang mit offenen Wunden am Kopf, als Erwachsener wurde er fast 20mal wegen seiner Knochenmarksentzündungen (Osteomyelitis) operiert. Meine Mittelohrvereiterungen wurden gut behandelt. Nach einigen Tagen wieder zu Hause, kam bei mir ein Blutsturz. Unser Fahrer Hoch brachte mich in rasender Fahrt nach Tilsit, OP gut überstanden.

Bruder Lienhard kam 1941 in die "Freie Schulgemeinde Wickersdorf" bei Saalfeld/Thüringen Nach dem Krieg erlernte er in Leipzig das Schriftsetzergewerbe und erwarb dort mit 23 Jahren den Meistertitel. In Frankfurt/Main, später in Dietzenbach bei Frankfurt, gründete er den ALS - Verlag.

Dieser entwickelte Unterrichtshilfen für Kindergärten und Grundschulen für Werk- und Gestaltungsstunden. Erzieherinnen und Lehrerinnen konnten die dazu benötigten Materialien wie Pappe, Zeichenkarton, Klebstoffe, Leder sowie alles sonst Erforderliche ebenfalls von ihm beziehen.

Nach Lienhards Tod (1982) wurde der Verlag mit großem Erfolg von seiner zweiten Ehefrau Ingrid weitergeführt. Jetzt wird der Verlag von Jürgen Hils geleitet, dem Ehemann von Lienhards Tochter Julia. Beide haben vier Knaben.

Im Ragniter Hauptgeschäft war also Käthe die Seele. Während des Krieges wurde es nach Tilsit verlegt. Leiterin der großen Filiale Tilsiter Straße in Ragnit wurde dann die noch sehr junge, tüchtige und hübsche Buchhalterin Erna Siering. Frau Erna S., jetzt Schneider, lebt heute in Buchholz (südlich von Hamburg). Ihren runden Geburtstag (80 Jahre) verbrachte sie nicht in Buchholz, sondern "floh" nach Wollin. Übrigens ist Erna Siering (Schneider) am 11. August 1923 geboren. Am gleichen Tag, allerdings 1893, kam Emil Kreide auf die Welt.

Vater Emil besorgte Aufträge für die Setzerei, Druckerei sowie Buchbinderei und Anzeigen für die Kreiszeitung. In seinen jungen Jahren war er aktiv im Ruderclub Ragnit, später ging er kegeln und schoß - vor allem mit Schrot - auf Hasen.

Wirtschaftlich ging es im Hause Kreide nicht immer gut. Einerseits wurden neue Filialen errichtet, um die erforderlichen Umsätze und Gewinne zu erreichen. Andererseits wurden Unsummen verschlungen durch die sehr starke Erweiterung des Gebäudes mit Wohnungen und Zentralheizung für den gesamten Eckblock. Durch die Wirtschaftskrisen in den 20er Jahren war die Arbeitslosigkeit in Ragnit besonders hoch. Sowohl die Zellstoff-Fabrik wie auch die Fa. Brüning (Kistenfabrik Ibis) mußten sehr viele Mitarbeiter entlassen. Die Kaufkraft fehlte. Dies wirkte sich ebenfalls auf die Landwirtschaft, nicht nur im Kreis, aus. Im Memelgebiet war es noch drückender. Nicht verwunderlich, daß die von der Industrie geprägte Arbeiterstadt Ragnit eine kommunistische Hochburg in Preußen war. Bei den freien Wahlen war ihr Stimmenanteil bis 1934 besonders hoch.


Hauserweiterung und Wirtschaftskrise mit der fehlenden Kaufkraft, auch durch die Arbeitslosigkeit, führten dazu, daß bei uns das Geld für Hypothekenzinsen, Steuern und AOK-Beiträge öfter knapp war. Daher mußte Mutter Käthe, auch wegen ihres Aussehens und Charmes, bei der Sparkasse (Direktor Ernst Bogwitz) wie bei der AOK (Direktor Otto Buttchereit) um Stundungen bitten. Jahrelang klebte der Kuckuck unter unseren Teppichen, Ledergarnituren und Eichenmöbeln. Aber es ging gut, u.a. dank der vielen Filialen.

Meine Grundschule war die Pestalozzi-Schule in der Landrat-Penner-Straße. Unsere Klasse unterrichtete das tüchtige Fräulein Vogt. Bei ihr zu lernen, machte mir großen Spaß. Ich besaß ihr Vertrauen, durfte sehr oft während des Unterrichts wegen abwesender Lehrerinnen in den unteren Klassen die Aufsicht führen.

1939 kam ich auf die Oberschule für Jungen in Tilsit. Wegen der Entfernung zu Tilsit zog ich in die Pension Dr. Luthe in der dortigen Sommerstraße zu weiteren 7 Jungen und 3 Mädchen. Obwohl es mir dort gefiel, rief mich Ostern 1942 mein Bruder auf das herrliche Internat in Thüringen. Später folgten uns dorthin die jüngeren Ragniter Bruno May, Sohn von Gerda May geb. Hitziggrath, vom Kino May, Erika Dankschat sowie Hannelore und Dieter Matzukat.

Bereits im Januar 1944 wurden alle Schüler der Jahrgänge 1927 und 1928 zu den Luftwaffenhelfern nach Leuna/Merseburg - ich mit 15 1/2 Jahren - eingezogen. Unsere leichte Flak 3,7 cm lag sehr nahe am Benzin-Hydrierwerk. Die Stellung war in der Saaleaue. Wegen des Grundwassers waren unsere Ein-Mann-Löcher äußerst flach. Trotz vieler Bomben und Flaksplitter keine Verluste. Nach Arbeitsdienst im Januar 1945 wurde ich Luftnachrichten-Soldat in Berlin. Am 17. April wurden wir im Alten Oderbruch vor Berlin von den Sowjets eingekesselt. Der zweite Infanterie-Einsatz war bei Fehrbellin (1675 Sieg des Großen Kurfürsten über die Schweden).

Am 3. Mai 1945 ging es mit Booten der Wehrmacht und der Feldgendarmerie - weil minderjährig - zum westlichen Ufer der Elbe in amerikanische Gefangenschaft. Anfang Juni wurde ich von den Briten zur Arbeit in der deutschen Landwirtschaft "vorläufig" entlassen. Am 20. Juli 1945 (11 Tage bevor ich mein 17. Lebensjahr vollendet hatte) ging ich aus der amerikanischen Zone über die Grenze in das von den Sowjets besetzte Thüringen zurück auf das Internat.

Dort befand sich nicht nur mein Bruder Lienhard, sondern auch Mutti Käthe. Vater Emil kam ein paar Tage später wieder aus Berlin zurück. Mein Grab hatte er allerdings vergeblich gesucht.

Mit der Flucht aus Ostpreußen hatten die Eltern großes Glück. Die nach Tilsit verlegte Druckerei wurde von den Sowjets ausgebombt. Um neue Druckerei- und Setzmaschinen "im Reich" kaufen zu können, durften sie noch im August bzw. Oktober 1944 - allerdings kaum mit Gepäck - aus Tilsit reisen. Im Dort unseres Schulinternates bewohnten sie ein sehr kleines Zimmer, waren jedoch gesund und wohlbehalten.

Mit 19 Jahren bestand ich das Abitur, Russisch "sehr gut". Deshalb durfte ich trotz meiner bürgerlichen Herkunft mit dem Slawistik-Studium in Jena anfangen. Lieber hörte ich jedoch Jura und ging dann während der Blockade zur Luftbrückenzeit im September 1948 nach Westberlin.

Übrigens: Nicht nur meine Mutter machte mit 19 Jahren ihren Führerschein. Ich erhielt ihn sogar mit 15 Jahren und 5 Tagen. Anlaß: Vater sah voraus, daß, wenn ich fast noch als Kind Soldat werden sollte, dann eventuell als Fahrer eines Fahrzeuges und nicht Infanterist. Um eine Ausnahmegenehmigung zu erreichen, wurde mein Wohnsitz pro forma nach Breitenstein verlegt. Für Breitenstein war das Landratsamt in Tilsit zuständig. Mit Hilfe des Kreisoberinspektors Walter Führer erhielt ich als "Breitensteiner" die Ausnahmegenehmigung. Seine Tochter Charlotte Führer traf meine Mutter in Lübeck, die andere Tochter Maria besuchte ich 1946 in Weimar.

Bereits 1946 pachtete Vater Emil eine Druckerei in Groitzsch bei Leipzig, später 1948 eine andere in Leipzig. In dieser Zeit trennten sich meine Eltern. Vater heiratete in Groitzsch, Mutter wurde nach seinem Tod die vierte Frau des Witwers Otto Buttchereit, dem früheren Leiter der AOK Ragnit, später Königsberg. Vater starb 1971, also noch zu DDR-Zeiten in Leipzig. Daher hatten wir Erben keine Ansprüche aus dem Lastenausgleich für das Grundstück Tilsiter Straße (Einheitswert 1939 250.000 RM). Mutti Käthe lebte noch bis 1992 in Frankfurt.

Vaters einzige Schwester Meta hatte Karl May geheiratet. Beide betrieben bis zu seinem Tode auf der Kurischen Nehrung in Schwarzort das Hotel May. Ihr gelang auch die Ausreise aus Ostpreußen. Sie verstarb in Rudolstadt/Thüringen In Schwarzort haben wir immer sehr lange Ferien verlebt.


Mutter Käthe, geboren am 27. Januar - also zu "Kaisers" Geburtstag - stammte aus Tilsit. Ihr Vater Ernst Metscher war bereits vor dem 2. Weltkrieg in Tilsit verstorben. Ihre Mutter, Auguste Metscher, war eine geborene Laser. Deren Vater war deutscher Eisenbahner, der in Kiew half, die russische Eisenbahn mit zu errichten. Deshalb blieb die Familie Laser in Kiew, bis Oma Metscher 14 Jahre alt war. Sie beherrschte so perfekt russisch, daß sie 1945 und 1946 in Schwarza/Saale noch Russisch unterrichtete. Ihr Geburtstag wird mir stets in Erinnerung bleiben. Am 24. August flogen nämlich die in sehr großer Anzahl auf den Memelwiesen versammelten Störche nach Süden in ihre Winterquartiere.

Mutters ältester Bruder Hans Metscher und seine Frau Marianne, lange in Elbing lebend, kamen mit den vier Töchtern und einem Sohn einigermaßen heil aus der Heimat. Hans Metscher und Marianne beendeten ihr Leben in Düsseldorf.

Nach Mutti Käthe wurde Tante Lolla, also Charlotte Metscher, geboren. Sie hat auch oft in unserem Geschäft in Ragnit gearbeitet, überstand das Kriegsende gut als Luftwaffenhelferin. Sie heiratete in Hannover und verstarb auch dort.

Als nächstes Kind folgte Heinz Metscher, der in Ragnit Dentist war. Er heiratete Elfriede, eine der Sperlings-Töchter von der Zellstoffabrik. Er blieb im Krieg, Elfriede flüchtete mit zwei Jungen nach Dänemark und lebt heute in Dessau.

Die Jüngste der fünf Metschers war Gertrude, Tuta genannt. Sie heiratete den Bankbeamten Kurt Urban, lebte mit ihm in Dresden, wurde dort ausgebombt und erlebte mit ihren vier Kindern das Kriegsende in Goslar. Sie starb später in Hannover.

Im Jahr 1954 heiratete ich Ingrid Peterson aus Berlin. Unser Sohn Olaf wurde 1956 geboren, verstarb mit 36 Jahren als Taxiunternehmer in Berlin. Betrunkene sowjetische Soldaten hatten einen BMW gestohlen, wurden von der Polizei verfolgt. Die Sowjets fuhren mit ca. 140 km/h in sein Taxi. Er hinterläßt einen Sohn, Aaron, der mit 14 1/2 Jahren bereits 1 ,86 m groß ist.

Sohn Uwe, 1958 auch in Berlin geboren, hatte mit 16 Jahren einen schweren Mopedunfall, dem drei Kopfoperationen folgten. Er hat drei Kinder und lebt in Krefeld.

Unsere Tochter Antje, 1967 in Zürich das Erdenlicht erblickt, heißt nun Rinschede und lebt mit ihrem Mann Bernd und der 4 1/2jährigen Tochter Anke in Nettetal/ Lobberich, Kreis Viersen, an der niederländischen Grenze (nahe Venlo).

Gearbeitet hatte ich bei verschiedenen Verbänden in Berlin, Düsseldorf, Zürich, Bonn und die letzten fast 20 Jahre bei der Landesverkehrswacht NRW wieder in Düsseldorf. Aus Altersgründen gab ich meine Zulassung als Rechtsanwalt zurück. Wöchentlich bin ich 5-6 Mal auf dem Golfplatz. Zum Jahresanfang auf Mallorca, sonst hier in Düsseldorf-Neuss anzutreffen.

Heimat und Besitz haben wir verloren, Gesundheit und Leben behalten. Das Schicksal und das Leid vieler Landsleute auf der Flucht, vieler Soldaten und Zivilisten sowie den Verfolgten in den KZ-Lagern ist uns erspart geblieben. Dafür danke ich Gott. Meine Heimat behalte ich in bester Erinnerung, möchte jedoch nicht mehr nach Ragnit fahren, weil mein Geburtshaus Tilsiter Str. 2 dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Eitel Kreide, Düsseldorf

Autor : © 2004 Eitel Kreide (Text und Bilder)
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 74/2004

Stadt Ragnit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 06.06.2004
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 28. Dezember 2010