| Heimaterinnerungen .... | |
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von Eva Lüders
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Ich bin am 9. November 1937 in Bruchhof/Wingeruppen als zweite Tochter geboren. Aus Erzählungen weiß ich, daß schon Schnee lag, und da es auf dem Lande nur Hausgeburten gab, war es für die Hebamme nicht so leicht, zu der Gebärenden zu kommen. Da es keine Autos gab, wurde der Schlitten mit einem Pferd zur Abholung der Hebamme benutzt. Mein Vater war von Beruf Stellmacher und hat dort gearbeitet, wo er gebraucht wurde. Der Stellmacherberuf beinhaltete hauptsächlich, Wagenräder, aber auch Wagen für die Landwirtschaft anzufertigen. Diesen Beruf gibt es heute nicht mehr. Ich kannte meinen Vater leider nur, wenn er Heimaturlaub hatte. Dann war im Haus immer große Freude angesagt. Jedes von uns drei Mädels nahm den Vater in Anspruch. Oft gab es Streitereien, wer auf dem Schoß sitzen durfte. Mein Vater war sehr musikalisch. Seine Ziehharmonika stand für ihn bereit, und dann wurde erstmal gespielt und gesungen. Er spielte auch Mandoline, und so habe ich sehr schöne Erinnerungen an ihn. Wir wohnten in Ostfelde/Ostwethen. Das war ein Dorf mit Gastwirtschaft, einem Kaufmannsladen, Bauern, einer Schule und nicht zu vergessen das schöne Gut Erzberger. Wir wohnten in einem gemieteten Haus von Maurischat rechts vom Friedhof. Wir Kinder konnten dort herrlich spielen. Es gab sehr viel Auslauf. Ein großer Garten mit Gemüse und Obst umsäumte das Haus, und es lag sehr viel Holz zum Trocknen unter dem Küchenfenster. Vater hatte sicherlich vor, nach dem Krieg Wagenräder und Pferdewagen zu bauen. Leider ist er seit September 1943 vermißt. Bei seinem letzten Besuch hat er noch das Storchennest vom Dach genommen, damit Mutter nicht so viel Arbeit hatte, weil die Störche immer so viel Schmutz am Haus machten. |
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Wir lebten sehr bescheiden, aber glücklich in Ostpreußen. Es gab kein elektrisches Licht und auch keine Wasserleitung. Auf dem Hof gab es einen Brunnen mit erfrischendem Wasser. Unweit von unserm Haus gab es auch einen Teich. Dort wurde im Sommer gespielt und auch gebadet. Das tägliche Leben spielte sich hauptsächlich in der Wohnküche ab. Dort stand ein großer gemauerter und gekachelter Herd. Dort wurde gekocht und gebacken und am Samstag war Badetag. Ein Badezimmer gab es natürlich nicht. Eine Zinkwanne wurde vor den Herd gestellt, Wasser auf dem Herd heiß gemacht, und dann gab's oft Streit, wer zuerst in die Wanne durfte. Es wurde nicht jedesmal das Wasser erneuert. Nein, etwas rausgeschöpft und frisches hinzugegossen. Anschließend wurden wir mit "Nivea" eingecremt, ja, wir fühlten uns richtig wohl. Im Schlafzimmer war der Kachelofen warm und der Reihe nach saßen wir dann auf der Ofenbank, bevor wir ins Bett gebracht wurden. Wir hatten in Ostfelde ein Kindermädchen, das meiner Mutter bei allen Arbeiten zur Hand ging. Sie kam aus Tilsit. Einmal ist sie mit uns mit dem Zug nach Tilsit zum Jahrmarkt gefahren. Das war ein Erlebnis. Da die meisten Männer im Krieg waren, haben sich die Frauen die langen Winterabende gemeinsam gestaltet. Meine Mutter war mit Tante Frieda Jesuttes befreundet. Sie war die Lehrerfrau und hatte auch drei Mädels. Auch wir haben miteinander Blödsinn gemacht. Wenn die Mütter nicht zu Hause waren, wurden mal schnell Bonbons aus Sahne und Zucker produziert. Das ganze Haus roch herrlich, und die Bonbons schmeckten! |
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Meine Mutter ist in Königsberg geboren. Ihr habe ich sehr viel zu verdanken. Ich wurde mit Blutschwamm geboren. Im Gesicht und auf dem Kopf hatte ich große dicke, rote Flecken. Sie hat mich im Januar 1938 in einer Klinik in Königsberg operieren lassen. Es war ein großes Risiko, aber sie hat die weiten Reisen auf sich genommen. Ich war so ein richtiges Rockzipfelkind. Das hing wohl mit meinen Klinikaufenthalten zusammen. In regelmäßigen Abständen fuhr meine Mutter mit mir nach Königsberg zur Radiumbestrahlung. An den letzten Besuch in der Klinik kann ich mich noch gut erinnern. Ich mußte einen Tag alleine in der Klinik bleiben. Das Ergebnis war ein fürchterliches Geschrei. Meine Mutter wohnte dann bei Verwandten und nutzte die Zeit für Einkäufe. Beim letzten Klinikaufenthalt kaufte meine Mutter in Königsberg auf dem Fischmarkt lebende Aale. Zum Transport wurden diese in einen Eimer gelegt und dieser mit Packpapier zugebunden. Wir fuhren von Königsberg bis Insterburg, umsteigen weiter nach Werfen. Das war unsere Bahnstation. Dort stand unser Fahrrad. Der Eimer wurde an den Lenker gehängt, und ich saß auf dem Gepäckträger. Hinter dem Friedhof war der Weg sehr sandig - es gab noch keine befestigten Straßen -, es kam, wie es kommen mußte. Wir kippten um, das Packpapier zerriß,und die Aale schlengelten durch den Sand. Ich schrie aus Leibeskräften und dachte, es wären Schlangen. Die Aale wurden wieder eingefangen und in den Eimer gelegt. Das letzte Ende mußten wir dann zu Fuß gehen. |
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Ein großes Fest war auch immer das Schlachtfest. Wenn das Schwein geschlachtet wurde, durften wir natürlich nicht zuschauen, aber wir hörten das Schreien. Dann waren wir Kinder traurig. Das Fleisch aßen wir gerne, und so wurde nicht lange darüber gesprochen. Die Küche sah wie ein Schlachtfeld aus. Es wurde Wurst gemacht und das Fleisch eingeweckt. Zum Wochenende gab es oft Eingewecktes. Es schmeckte köstlich. Einen Kühlschrank oder eine Truhe gab es nicht. So wurde auf andere Weise das Fleisch, aber auch das Gemüse haltbar gemacht. Unsere Mutter konnte gut wirtschaften, das hatte sie auch auf einigen Gütern gelernt. Sie hat auch für uns fast alle Kleider geschneidert. Die Bleyle-Sachen wurden in Königsberg gekauft. Sie hatte uns weiße Kleider mit roten Punkten genäht. Diese sollten wir zum nächsten Familienfest anziehen. Zu solchen Festen wurden wir immer rausgeputzt und man sagte uns, nicht vorher in den Wagenschuppen zu gehen wegen der Wagenschmiere. Wir waren ungehorsam und oh Graus, wie sahen wir aus! Die neuen Kleider mußten ausgezogen werden. Der Haussegen hing schief. Mutter war furchtbar böse mit uns und das mit Recht. Im Sommer sind wir viel barfuß gelaufen. Die Wäsche wurde auf einer Bleichwiese getrocknet. Ein weißer Kniestrumpf von mir fehlte, und da ich sehr gerne diese Strümpfe anzog, war ich untröstlich. Meine Mutter meinte: "Den wird sicherlich der Storch für seine Kinder geholt haben." Und siehe da, als Vater das Storchennest vom Dach nahm, lag darin mein Strumpf. Von nun an war klar, die Kinder bringt der Storch! Das Leben in Ostpreußen war sehr gesellig. Es wurde improvisiert. Im Sommer saß man mit den Nachbarn und Freunden vorm Haus, unterhielt sich oder sang, denn wenn man einen "Volksempfänger" hatte, war das schon was. Die Menschen mußten viel arbeiten. Die Geräte, die heute zur Verfügung stehen, gab es nicht. Das Land wurde mit Pferd und Pflug beackert. Das Pferd spielte bei uns eine große Rolle. Wenn wir Kinder reiten durften, waren wir selig. |
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Wir hatten ein Pferd. Der Name war "Ostra", und dieses hat uns bis zur Weichsel gebracht. Da ist die "Ostra" leider durch einen Bombenangriff getötet worden. Eine Hündin, "Senta", gehörte auch zu unserem Inventar. Diese durfte aber nicht ins Haus. Sie hatte ihre Behausung auf dem Hof und ließ sich von uns Kindern alles gefallen. Manchmal sind wir auch in die Hundehütte gekrochen und haben mit der Senta gekuschelt. Sie durften wir nicht auf die lange Reise mitnehmen. Mutter tröstete uns damit, daß wir bald wieder zu Hause wären. Das glaubte man damals wirklich. Der Winter war für uns Kinder auch etwas ganz tolles. Meine ältere Schwester Dorothea wurde dann mit dem Schlitten zur Schule gefahren. Das war ein Vergnügen. Auf den Boden des Schlittens wurde Stroh geschüttet, und mit einer Lammfelldecke deckten wir uns zu. Erika, meine kleine Schwester, und ich, die noch nicht zur Schule gingen, durften mitfahren. Das Pferd mit dem Schlitten sauste mit uns durch die Schneelandschaft. Als wir im Oktober 1944 auf die Flucht gingen, empfand ich es zuerst als Abenteuer. Leider änderte sich meine Einstellung schnell. Der Winter war sehr kalt, und an die weiteren schrecklichen Erlebnisse wage ich mich nicht zu erinnern. Das Glück war auf unserer Seite. Wir Kinder haben überlebt, die Eltern sind ums Leben gekommen. |
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Wir Kinder sind durch eine harte Schule gegangen. Ich denke, unsere Eltern können stolz auf uns sein. Verbitterung haben wir hinter uns gelassen. Heute versuchen wir, aus den furchtbaren Erlebnissen zu lernen. Ich habe den Eindruck, daß der Mensch nicht in Frieden leben kann. Warum gibt es so viele Kriege? Instabilität und Gesetzlosigkeit sind an die Stelle alter Traditionen und menschlicher Werte getreten. Es sollte unsere Aufgabe sein, unsern Kindern und Kindeskindern von diesem schrecklichen erlebten Krieg zu erzählen. Ihnen zu zeigen, daß man auch Freundschaft schließen kann mit Menschen in einem Land, welche als unsere Feinde galten. Als ich 1995 auf dem Acker meiner Eltern stand, habe ich nie geglaubt, wie ich reagieren würde. Es war die zweite Flucht. Nichts mehr, was einmal war. Nur das Brückengeländer der Arge war vorhanden und der Weg zum Bahnhof Werfen. Sogar ein Güterzug fuhr an uns vorbei. Wir dürfen diese Zeit nicht vergessen, aber nicht immer nur rückwärtsschauen, ist meine Devise! |
| Autor: © 2005 Eva Lüders, 24211 Preetz Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 77/2005 |