Kirchspiel Ragnit-Land
OBER-EISSELN
von Ernst Hofer

Sprach man in den letzten Jahrzehnten von Ober-Eißeln, so meinte man in erster Linie das als weit und breit bekannte und beliebte Ausflugslokal "Schober" mit seinem ca. 100 Morgen großen Park und dem Bismarckturm, sowie von dem hart an der Chaussee gelegenen Gut, doch das war nur ein Teil der ca. 750 Hektar großen und über 400 Einwohner zählenden Gemeinde.

Seine immer hochwasserfreie Lage am Memeltrom mit einem großen Fischreichtum sowie nahe gelegene Wälder mit ihrem vielen Wild, Pilzen und Beeren und ein sehr ertragreicher Ackerboden dürften - da damit die Lebensgrundlage gegeben war - schon sehr lange vor der Ordenszeit die alten Pruzzen zur Ansiedlung verlockt haben. Dieselben hatten auf der höchsten Erhebung, dem Signalberg, auf dem im Jahr 1912 der Bismarckturrn erbaut wurde, ihre Kultstätte gehabt, bis sie vom Ordensheer zum Christentum bekehrt wurden und damit die Verehrung ihrer Götter aufhörte.

Eine stärkere Besiedlung vor allem mit deutschen Menschen erfolgte von der nur etwa 6 km entfernt gelegenen Ordensfeste "Ragnit" aus. Man kann also mit gutem Gewissen sagen, daß Ober-Eißeln eine der ältesten Siedlungen des Kreises Tilsit-Ragnit gewesen ist.

An der Landstraße von der litauischen Grenze nach Ragnit und Tilsit, die wohl auch seit der Ordenszeit als Heerstraße benutzt worden ist, stand bereits seit Jahrhunderten, urkundlich nachweisbar seit 1629, ein Krug, und zwar derselbe oder ein nachfolgender erweiterter Bau, der in den letzten Jahrzehnten vor der Vertreibung von Gastwirt Kraemer bewirtschaftet wurde.

Zum zuletzt zwischen 400 bis 500 Einwohner zählenden Ort gehörten das zuletzt von der Familie Hahn bewirtschaftete Gut Ober-Eißeln, der Ortsteil um die Schule herum, die Trakas (Abbauten), das Viertel um Schober, Bismarckturm und Molkerei Hildebrandt sowie das nach dem 1. Weltkrieg eingemeindete Karlsberg mit seinem Sägewerk und dem Gut Karlsberg. Die Vorfahren des letzten Gutsbesitzers des Gutes Ober-Eißeln waren Salzburger, wanderten 1732 ihres protestantischen Glaubens aus ihrer Heimat vertrieben als Familie Pichler ein und übernahmen in Ober-Eißeln den schon erwähnten Krug. Diese Familie und ihre Nachkommen müssen sehr tüchtige und zielstrebige Menschen gewesen sein, sie kauften im Laufe der Zeit immer mehr Land dazu, bis es schließlich unter dem Großvater des letzten Besitzers Hahn-Gottschalk eine Größe von 212 Hektar — 848 pr. Morgen hatte. Zu dieser Eigentumsfläche pachtete der letzte Gutsherr "Hahn" vom Gut Tusseinen noch 51 ha = 204 Morgen Ackerland hinzu, so daß z. Zt. der Vertreibung insgesamt 1052 Morgen bewirtschaftet wurden, und zwar: 584 Morgen Ackerland, 120 Morgen Wiesen und 296 Morgen Weiden. Der Boden war recht ertragreich und wurde sehr gut bewirtschaftet, war auch mit den modernsten Ackergeräten und Erntemaschinen ausgestattet.

Zuletzt wurden gehalten:

37 Pferde und Fohlen, davon 1 Zuchthengst und 14 Zuchtstuten (Trakehner), 140 Rinder, davon 55 Milchkühe und Zuchtbullen (Ostpr. Herdbuch) 208 Schafe, davon 86 Mutterschafe und Schafböcke (Schwarznasen), 161 Schweine, davon 10 Zuchtsauen und Zuchteber (Deutsches Edelschwein), sowie eine Menge Federvieh.


Beschäftigt wurden 15 Deputantenfamilien, sowie Obermelker und Gutsschmied mit entsprechenden Hilfspersonen, die alle in massiv gebauten, zum Teil ganz neu erstellten Deputantenfamilienwohnungen wohnten. Der letzte Gutsherr (Wolfgang Hahn) wurde am 1. Tag des 2. Weltkrieges zur Wehrmacht einberufen, gehörte dem Reiterregiment I in Insterburg an und fiel nach zweimaliger Verwundung als Oberleutnant (der Reserve) der 4. Schwadron einer Aufklärungsabteilung, die einer Infanteriedivision zugeteilt war, am 14. 7. 1944 im Kr. Tarnopol in Rußland. Die Russen richteten nach der Besetzung zuerst ein Gefangenenlager auf dem Gut ein und später nach Auflösung des Lagers eine Kolchose. Den Ortskern um die Schule herum bewohnten vornehmlich kleinere Landwirte und Handwerker, sowie Lehrer und Postbote.

Am Weg von der Schule in Richtung Fuchshöe lagen links und rechts der zuletzt ausgebauten Kiesstraße sowie auch vereinzelt an Feldwegen die Abbauten, als Ober-Eißeln-Trakas bekannt. Der Boden war hier sehr gut und es hatten sich in diesem Ortsteil nur Bauern und Landwirte angesiedelt, die, von 2 Ausnahmen abgesehen (Erzberger und A. Kurras), die verstreuten Höfe nur mit den eigenen Familienangehörigen bewirtschafteten. Größter Landwirt dieses Ortsteils war nach dem im Jahre 1925 verstorbenen Onkels Leopold Leiner Herr Erich Erzberger, wahrscheinlich auch Nachkommen 1732 eingewanderter Salzburger. Der Hof war 150 ha groß, davon waren 20 ha Memelwiesen, der Rest Ackerland und Weiden. Mit der genannten Hektarzahl war es der zweitgrößte landwirtschaftliche Betrieb in Ober-Eißeln. Herr Erzberger hatte von seinem Vorgänger und Onkel Leiner, der ein großer Pferdezüchter gewesen war, einen großen Pferdebestand übernommen, reduzierte ihn jedoch und ging mehr zur Getreide- und Viehwirtschaft über. 48 Milchkühe, mehrere Bullen, entsprechendes Jungvieh, eine Anzahl Schweine und Schafe, sowie Geflügel waren der Besatz dieses Gutes. An Getreide wurde hauptsächlich Hafer und Roggen angebaut. Die Milch wurde wie vom Gut Hahn und allen anderen Landwirten aus Ober-Eißeln und Umgegend an die Molkerei Hildebrandt abgeliefert und bildete mit eine der Haupteinnahmequellen. Ein Obermelker mit 2 Hilfskräften, ein Vorarbeiter und mehrere Deputantenfamilien, sowie Freiarbeiter und Hauspersonal fanden in diesem Betrieb Lohn und Brot. Nächstgrößter Betrieb in diesem Ortsteil war der des Bauern Arno Kurras mit ca. 200 pr. Morgen und entsprechendem Besatz.

Zum Ortsteil Karlsberg gehörte das Gut Loleit und das Sägewerk Bernstein. Der Vater des letzten Hofbesitzers Willy Loleit hatte es etwa 1895 durch Kauf vom alten Baron v. Sanden-Tusseinen erworben. Es war ein Vorwerk des Rittergutes Tusseinen gewesen und einschließlich Wiesen und Wald 530 Morgen groß. Es wurden ca. 28 Milchkühe und 14 Arbeitspferde, dazu entsprechend Jungvieh, Fohlen, Schweine und Federvieh gehalten. In der Deckzeit waren hier auch Hengste stationiert, denen aus der ganzen Umgegend die Stuten zugeführt wurden. Beschäftigt wurden einschließlich Melkerfamilie insgesamt 5 Deputantenfamilien.

Willy Loleit fiel am 15. 12. 1944 an der Westfront. Das Gut wird seit der Besetzung von den Russen bewirtschaftet.

Das Sägewerk wurde etwa 1900 von Herrn Schusterius, Gumbinnen, erbaut. 1908 erwarb es Herr Ernst Bernstein; letzter Inhaber nach dessen Tod war sein Sohn Herbert Bernstein. Das Geschäft unter Vater und Sohn B., sowie des Mitarbeiters Kelch florierte gut und wurden eine Anzahl Leute aus Karlsberg und Umgegend beschäftigt. Dem Sägewerk angeschlossen war auch eine Mahlmühle. Es liefen 2 Gatter, oft in mehreren Schichten. Rundholz kam aus der Trappöner, Luböner und Schillehner Forst, auch - als in der Rominter Heide der Baumbestand von Nonnenfraß befallen war - von hier, wobei es mit Spezialwagen abgefahren wurde. Das Schnittholzmaterial ging für Bauten an die Bauern der Umgegend weg, viel an die Zellulosefabriken nach Ragnit und Tilsit, oft auch per Bahn nach Lübeck. Den früheren Mitarbeitern des Sägewerks gelang die Flucht per Lastwagen bei 20 Grad Frost bis nach Pommern, wo die meisten auch heute noch sind. Der letzte Besitzer, Herbert Bernstein, ist verstorben. Im Sägewerk haben die Russen sämtliche Maschinen ausgebaut und nach Rußland geschafft. Das Wohnhaus ist abgebrannt.

Ein gewerblicher Betrieb sei noch erwähnt, der des Molkereibesitzers Max Hildebrandt, direkt gegenüber dem Bismarckturm in überaus reizvoller Lage gelegen. Man konnte den Betrieb - wenn man von Tilsit aus eine Dampferfahrt unternahm - schon kilometerweit vorher sehen. Herr Hildebrandt hatte bei Übernahme des landwirtschaftlichen Grundstücks einen Molkereibetrieb eingerichtet und betrieb gleichzeitig eine Schweinemästerei. Der Betrieb wurde ständig erweitert und mit den modernsten Molkereimaschinen ausgestattet, so daß er allen Anforderungen genügte. Geliefert wurde die Milch von Bauern und Landwirten der Gemeinden Oher-Eißeln, Unter-Eißeln, Tusseinen, Endrubnen, Fuchshöhe, Dammfelde und Lohellen sowie den Rittergütern Schreitlaugken und Lenken, schätzungsweise jährlich ca. 4 Millionen Liter. Die Milch wurde in erster Linie zur Herstellung von Markenbutter, sowie vollfetten Tilsiter Käse verarbeitet, besonders der bekannte Tilsiter Käse wurde in großen Mengen ins Reich geliefert.

Der Besitzer des Molkereibetriebes kehrte nach der Flucht im Jahre 1945 zusammen mit seiner Familie in seine Heimat zurück. Er erlitt, als die Russen die Molkereimaschinen demontierten und nach Rußland schafften, einen Schlaganfall und verstarb an dessen Folgen am 10.12.46 in seinem Heimatort. Seine Familienangehörigen wurden 1948 ausgewiesen und leben in der Bundesrepublik.

Am bekanntesten weit und breit jedoch war der an der Memel gelegene bewaldete Höhenzug, Daubas genannt, der Bismarckturm und das Garten-Etablissement Schober. Zum letzteren gelangte man von der Memel aus und der Dampferanlegestelle über viele, viele Stufen der großen von Lebensbäumen umgebenen Steintreppe. Tausende und Abertausende haben alljährlich dieses herrliche Fleckchen Erde besucht und entweder nach einer vergnüglichen Dampferfahrt, einer Fahrt mit dem Ruder- oder Faltboot, oder nach einer Fußwanderung durch die Daubas Einkehr im gastlichen Lokal gehalten, wo gepflegte Getränke und guter Kaffee und Kuchen schon auf ihn warteten. Sehr groß war auch die Zahl derjenigen, die mit dem Auto, Pferdefuhrwerk oder Fahrrad kamen. Auch ganze Schulklassen kamen hin und viele Schulen aus Stadt und Land feierten hier ihre Schulfeste. Gesang-, Turn- und Sportvereine usw. ließen sich ebenfalls regelmäßig sehen. Vor dem 1. Weltkrieg gab im Sommer die Kapelle des Dragoner-Reg. l Tilsit unter ihrem beliebten Musikmeister Poggendorf Konzerte, die guten Anklang fanden. Im kleinen Saal jedoch spielten Frau Olga Kurras und die Herren Pastowski und Knabe zum Tanz auf. Nun - es lohnte sich ein Besuch von Ober-Eißeln zu jeder Jahreszeit, ja selbst im Winter, denn da konnte man Skilaufen, ja selbst von einer Ski-Sprungschanze mehr oder weniger gewagte Sprünge machen oder aber die Berge bis weit auf die zugefrorene Memel herunterrodeln. Der etwa 100 Morgen große Park, der die auch als Hotel dienende Gaststätte umgab, stand unter Naturschutz. Da waren noch Pestwurz, Haselwürz, Weißwurz, Einbeere, Seidelbast, Springkraut, Wachtelweizen usw. Zu gegebener Zeit, die die Kinder wußten, gab es Haselnüsse in rauhen Mengen. Trotz Naturschutz wurden leider manche der seltenen Gewächse durch Besucher der Daubas und das Botanisieren der Präparanden und Seminaristen aus Ragnit immer seltener auffindbar.

Sehenswert die 12 m hohen Tannenpyramiden, die Hecken, die sehr alten und starken Bäume, wie die siebenarmige Linde am Obstgarten, die sechshundertjährige Linde zwischen den letzten Treppenstufen und dem Lokal, sowie die Zitterpappel zwischen Lokal und Bismarckturm. Letztere Bäume hatten einen Stammumfang von ca. 7 Metern in etwa ein Meter Höhe. Wie gepflegt waren doch die schattigen Laubengänge des Parkes und ganz Eingeweihte verbrachten manche Stunden mit ihrer Liebsten ungesehen und ungestört in den unten breiten Tannenpyramiden.



Das nach 1813 erbaute Jagdschloß des Freiherrn v. Sanden-Tusseinen in Ober-Eißeln,
das 1908 durch Kauf in den Besitz der Eheleute Schober überging.
Die ganze Anlage, einschließlich der Tannenpyramiden und der großen Steintreppe, die von der Memel hinauf zum ehemaligen Jagdschloß und späteren Etablissement führte, hatte der Baron v. Sanden-Tusseinen als damaliger Eigentümer von einem 1813 aus dem Winterfeldzug nach Rußland zurückgekehrten Franzosen, der hier in dem damaligen Jagdschloß gesund gepflegt worden war, anlegen lassen. Später zog ein Pächter ein. Dieses herrliche Fleckchen Erde kauften 1908 die Eheleute Schober, die bisher Pächter des Dorfkruges waren, von Herrn v. Sanden Tusseinen und der Baronin und während früher vornehme geladene Gäste des Barons und der Baronin sich hier vergnügten, konnte jetzt neben den vielen auswärtigen Besuchern auch der einfache Mensch der Dörfer ringsum Erholung und Zerstreuung finden. Herr Schober vergrößerte die Lokalitäten und er baute vor allem einen neuen großen Saal. Es kamen immer mehr Gäste, ja selbst weit aus dem Reich und man muß sich wundern, wie die Eheleute Schober mit ihren treuen Hilfskräften mit der vielen Arbeit, selbst bei Stoßgeschäften, fertig wurden. Frau Herta Schober, Ehefrau von Gustav Schober, muß die Arbeit gut getan haben, denn sie lebt mit 87 Jahren heute noch, ihr Sohn Karl ist seit dem 30. 6. 44 an der Beresina vermißt und wahrscheinlich gefallen.


Bild links: Die große Treppe in Ober-Eißeln, die von der Memel zu dem bekannten Ausflugslokal Schober führte

Vom Bismarckturm hatte man einen herrlichen Rundblick, und zwar nach Norden bis weit in das Memelland hinein, nach Osten bis zu den großen Forsten, nach Süden über weite Fluren mit ihren wogenden Getreidefeldern, Bauerngehöften, schwarz-weißen Viehherden und Trakehner Pferden und nach Westen bis Ragnit, zum Rombinus, ja selbst bis Tilsit. In der gepflegt gärtnerischen Umrandung des am 17.8.1912 eingeweihten 23 m hohen Bismarckturms ruhte auf der Ostseite ein im 1. Weltkrieg gefallener deutscher Soldat, der als Beobachtungsposten auf dem Bismarckturm seinen Dienst versah und von einem vom anderseitigen Memelufer abgefeuerten Schrapnellschuß getötet wurde sowie an der Nordseite der im Januar 1933 bei einem Jagdunfall umgekommene damalige Landrat des Kreises Tilsit-Ragnit, Herr Dr. Penner. Es war der Wunsch des Landrats gewesen, an dem schönsten Platz, den er in seinem Kreis kannte, beerdigt zu werden. Seine Gattin, eine geborene v. Sanden-Tusseinen konnte diesen Wunsch mit Zustimmung der Behörden erfüllen; sie selbst erwarb ein kleines Grundstück in Nähe des Bismarckturmes auf Unter-Eißelner Gelände, um dem toten Ehegatten stets nahe zu sein und wohnte dort bis zur Vertreibung bzw. Flucht. Ein Russe nahm später Besitz hiervon und richtete eine Seifenkocherei ein.


Erwähnenswert der am Rande der Daubas etwas seitlich zwischen Bismarckturm und dem Scbober'schen Lokal gelegene, für Fremde nicht leicht zu findende, daher sehr ruhige Dorffriedhof. Ja - Ober-Eißeln war wirklich schön und nicht umsonst durfte es sich zusammen mit Unter-Eißeln, Trappen und Breitenstein als eines der vier Musterdörfer des Kreises Tilsit-Ragnit rühmen.

Die erste Schule in Ober-Eißeln dürfte, wie bei den übrigen alten Dörfern des Kreises Tilsit-Ragnit und Nordostpreußens, wohl eine Gründung Friedrich Wilhelms I. gewesen sein. Der Unterricht wird wohl zuerst von sogenannten Schulmeistern erteilt worden sein, also von invalide gewordenen begabten Soldaten, oder auch begabten Handwerkern und Bauernsöhnen aus dem Ort oder der Umgegend, die es damals zumeist nebenberuflich taten, und zwar zuerst in gemieteten Räumen. Erst viel später wurde dann ein eigenes Schulgebäude mit zuerst einem Klassenraum errichtet. Das in der Dorfmitte errichtete, nicht mehr ganz neue Schulgebäude mit 2 Klassenräumen und Lehrerwohnungen reichte zum Unterricht für alle Kinder aus Ober-Eißeln, einschließlich Karlsberg auch noch bis zur Flucht hinaus aus. An der Schule wirkten - soweit bekannt - wohl zuerst als alleinige Lehrer etwa von 1870 bis 1880 ein Herr Meschkat und dann bis etwa 1890 Herr Füllhase, der schon Lehrer und nicht nur Schulmeister war. Es folgten als Lehrer der 1. Klasse: Klebingat, Uschkoreit, Kukoris und zuletzt bis zur Räumung Gawehn; als Lehrer der 2. Klasse, soweit bekannt: Birnbacher, Kraemer, Sachs und Groll.

Ober-Eißeln war Sitz des Amtsbezirks Ober-Eißeln, zu dem die Gemeinden Ober-Eißeln, Unter-Eißeln, Tussseinen einschließlich Jautelischken und Traken, sowie Kleinlenkenau gehörten. Es gab auch den Fleischbeschau-, den Schiedsmann- und den Standesamtsbezirk Ober-Eißeln, zu dem dieselben genannten Dörfer gehörten.

Die Ämter des Amtsvorstehers und des Standesbeamten wurden bis nach der Jahrhundertwende in der Regel von den beiden Gutsbesitzern Ober-Eißelns, Gottscbalk und Leiner wahrgenommen. Es folgten: Bauer und Bürgermeister Christoph Staschull, Unter-Eißeln, und nach dessen Tode Landwirt Kosgalwies, Kleinlenkenau. Ihn löste nach der Machtübernahme der Bauer Arno Kurras ab, bis ihm nach seinem Osteinsatz der Gutsbesitzer Erich Erzberger folgte, der zugleich Bürgermeister und Ortsbauernführer von Ober-Eißeln war und alle 3 Ämter bis zur Flucht bzw. Räumung versah.

Bürgermeister des Ortes von der Jahrhundertwende an waren: Grumblatt bis 1912, Lorenz von 1912 bis 1921, Hilger von 1922 bis 1934, Kuprat von 1934 bis 1940 und nach dessen Fortzug und Osteinsatz bis zur Räumung Erzberger.

Kirchlich gehörte Ober-Eißeln zu Ragnit und blieb es auch, als in Großlenkenau eine Kirche erbaut wurde, entgegen seinem Nachbardorf Unter-Eißeln, das nun dem Kirchspiel Großlenkenau zugeteilt wurde, allerdings hatte Unter-Eißeln es nach Großlenkenau näher als bis Ragnit. Die Entfernung für Ober-Eißeln zu Ragnit und Großlenkenau war gleich weit, ca. 6 km, und so blieb man bei Ragnit. Infolge des weiten Kirchweges nach Ragnit entfaltete sich das kirchliche Leben zu seiner Pfarrgemeinde vielleicht nicht so, wie es die Geistlichen gewünscht hätten. Es bildeten sich kirchliche Gemeinschaften, zu denen auch an Ober-Eißeln angrenzende Einwohner aus Unter-Eißeln stießen, die bis Großlenkenau immerhin etwa 5 km zu laufen hatten. Die größte und rührigste, der auch eine Sonntagsschule für Kinder angeschlossen war, wurde von der Postagentin, Frl. Anna Stadtbaus, geleitet, die Gebetsstunden in verschiedenen Privathäusern, ja selbst unter freiem Himmel durchführte.

Ober-Eißeln war auch Sitz einer Postagentur und blieb es bis zur Räumung im Oktober 1944. Dieselbe war lange Jahre untergebracht in dem hart an die Straße herangebauten Ziegelhaus, gegenüber der Gutseinfahrt "Hahn", durch dessen Fenster früher mit einem Klingelbeutel der Wegezoll hereingeholt wurde von den Fuhrwerken, die vorüberkamen. Um die Jahrhundertwende wurde die Postagentur von einem Herrn "Schmidt", einem pensionierten Gendarmen, verwaltet, der wenig beliebt war, weil er den Kasernenhofton ins zivile Leben hinübergenommen hatte. Es gab für einen Riesenzustellbezirk, der von Heidenanger - Reisterbrucb über Unter-Eißeln, Ober-Eißeln und Tusseinen bis zum Stadtrand von Ragnit reichte, nur zwei Zusteller, Briefträger genannt. Um die Jahrhundertwende herum waren es: Ludwig Scheer - Unter-Eißeln, Nachkomme Salzburger Einwanderer, und Deege - Ober-Eißeln, beides kleine Grundstückseigentümer mit einem Pferd, das ihnen zur Ausübung ihres Berufes diente. Deege versah seinen Dienst häufig hoch zu Roß und Scbeer im Winter in seinem kleinen Schlitten, meistens jedoch auf Schusters Rappen.

Der Tagesablauf eines damaligen Landbriefträgers war etwa so: Morgens im Dunkeln ging es hinauf nach Ober-Eißeln zur Agentur, abends um 6 Uhr - vom Herbst bis Frühjahr auch schon dunkel - kam er aus dem Bezirk nach Hause, verzehrte das ihm warmgestellte Mittagessen und dann ging es wieder hinauf zur Agentur zur Abrechnung. Nun ja - Zeitungen wurden damals wenig gehalten, Drucksachen kamen gar nicht oder selten, aber Briefe und Karten waren zu befördern und Geldzustellungen zu leisten. Bargeldlos - das gab's damals noch nicht, Papiergeld selten und das viele Hartgeld war schwer. Dennoch - Scheer wurde sehr - sehr alt, er starb erst am 7. 2. 45 an den Strapazen der Flucht über das Haff bei 22 Grad Kälte. 3 Tage lang fuhr seine Tochter den Leichnam damals auf den Treckwegen, ehe sie ihn in Pommern der Erde übergeben konnte. Die letzten Jahrzehnte bis zur Flucht wurde die Agentur von der Postagentin, Frl. Anna Stadthaus, verwaltet. Die Agentur erhielt neue erweiterte Räume etwa 100 m weiter, mit anschließender Wohnung am Ostende des Dorfkruges. Postzusteller - es waren nur vorübergehend 3, meistens jedoch nur 2, waren dann: Ruhnke, Gerull, Buttgereit, Subroweit, Hennig und Schalnat, einige sind inzwischen verstorben, sie besaßen schon Fahrräder und liefen im Winter auch mit Skiern bei der Zustellung ihrer Postsendungen. Frl. Stadthaus bildete in ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit viele junge Mädchen aus Ober-Eißeln und Umgegend als Helfer bzw. angehende Postagentin aus und erfreute sich allgemein großer Beliebtheit, sie verstarb in der Bundesrepublik an den Folgen der Drangsalen, die sie nach der Flucht in tschechischem Gewahrsam hatte erdulden müssen.

Ja, was war denn sonst noch in Ober-Eißeln? Am bekanntesten die Windmühle, nicht weit vom Gut und Bismarckturm, etwas abseits der Straße, die nach Unter-Eißeln führte, und die Gutsschmiede. Fleischerei und Bäckereibetriebe konnten sich nicht halten, da fast alle Einwohner, insbesondere die Landwirte und auch die Deputanten, Selbstversorger waren, die selbst schlachteten und auch ihr Brot selber backten. Diejenigen Arbeiter, die nicht Beschäftigung auf den drei Gütern des Dorfes und dem Sägewerk fanden - es waren derer nur wenige - arbeiteten zumeist in der nahen Stadt Ragnit


Gedacht sei mehrerer Originale. Da war der Amtsdiener Thurau, ein Biedermeier mit Scheeskerock und grauem Regenschirm selbst dann, wenn kein Regenwetter zu erwarten war. Er wahrte stets Distanz, benahm sich wie ein Gentleman und sah es gern, wenn man ihn mit "Herr" anredete; ob er wohl einige Jahre in England verbracht hatte? Da war ferner der alte Klaar, ein alter Seebär, der einen Vollbart trug und ein bißchen durch die Nase sprach. Bot ihm jemand Keilchen an, so pflegte er zu sagen: "Kielkes frät eck nich, obber Klunker grot wie e Pund". Einmal, als er als Matrose auf einem Frachtkahn seinen Dienst versah, segelte er von Tilsit kommend (wahrscheinlich etwas benebelt), in den Marjensee, einen toten Arm der Memel hinein, anstatt den Memelstrom weiterzufahren. Bald war dieses Gewässer zu Ende und in seiner Angst schrie er zu dem in der Kajüte schlafenden Schiffer runter: "Schepper, stoah schnell opp, de Mämel ös to End". - Auch sein Sohn Emil, der auf dem Sägewerk Bernstein beschäftigt war und am Sonntag im Ausflugslokal Schober aushalf, war ein Unikum und erzählte gern Erlebnisse und Geschichten, wobei man niemals so recht wußte, ob das wahr war, was er erzählte und erlebt haben wollte. Er pflegte sich selbst stets an die erste Stelle zu setzen bei seinen Erzählungen, so sagte er z.B. stets: Eck und de Herr Bernstein oder: eck un de Herr Schober oder: eck un de Börgermeister.

Ein Vereinswesen konnte sich in Ober-Eißeln nie recht entfalten, nur ein Sportverein bestand einige Jahre in den zwanziger Jahren; die Jugend schloß sich dann dem Sportverein in Unter-Eißeln an und die gedienten Soldaten und Teilnehmer des 1. Weltkrieges waren Mitglied des Kriegervereins Unter-Eißeln.

Der 1. Weltkrieg wirkte sich für Ober-Eißeln erfreulicherweise nicht verhängnisvoll aus, trotzdem im September 1914 russische Kolonnen durch den Ort zogen und das nördlich der Memel gelegene Gebiet ziemlich lange von russischen Truppen besetzt war und der Ort, insbesondere der Bismarckturm auch von russischen Batterien beschossen wurde. Durch diesen Beschuß wurde lediglich ein deutscher Soldat in Ausübung seines Dienstes auf dem Bismarckturm getötet. Er fand seine Ruhestätte am Fuße des Bismarckturms. Bei Einsätzen auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen fielen etwa ein Dutzend Einwohner der Gemeinde. Zwar waren 1914/15 Wagen zu einer Flucht gepackt gewesen und man hatte auch manche Wertgegenstände vergraben, doch getreckt wurde nicht und glücklicherweise erfolgten auch keine Verschleppungen, wie etwa m den Dörfern nördlich der Memel. Dem 1. Weltkrieg folgte eine Inflation, es gab Bauernunruhen, es kam, d. h. es sollte das Tausendjährige Reich kommen, Ober-Eißeln stellte den Ortsgruppenleiter der Ortsgruppe Großlenkenau, trotzdem .- der Zulauf zur Partei war und blieb klein; "Gott sei Dank" gab es .nach den Jahren nach 1933, von kleinen Ungerechtigkeiten abgesehen, keine großen Dinge, die dazu hätten führen können, nach dem Zusammenbruch Angehörige der Partei, der SS oder der SA dem Richter zu überantworten. Man kannte sich in den Dörfern einander zu gut und die Westen waren rein geblieben.

Was brachte der 2. Weltkrieg Oher-Eißeln und seinen Bürgern? Nun für alle brachte er Not, Elend, Vertreibung und den Verlust der Heimat. Folgen wir einigen wenigen Berichten aus jenen dunklen Tagen, die ja nur gekommen sind von denen, die die Flucht überstanden, so müssen wir feststellen, daß nur im Grunde kerngesunde Menschen, wie es die Ostpreußen nun mal waren, ein eiserner Wille durchzustehen und viel - viel Glück, sowie Gottes Hilfe es waren, die es den Flüchtenden und Vertriebenen die Kraft verliehen, durchzuhalten und nicht am Leben zu verzweifeln.

Quelle: Auszug aus dem Heimatbuch "Am Memelstrom und Ostfluß"
von Ernst Hofer © 1967; Herausgeber Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V. -
Wiederauflage 1994 (einschl. Bilder)

letzte Statistik 1939
Obereißeln (Einw.:  403 ; Fläche:  763 ha )
  • nach 1945 :  Garino
    • Karlsberg
      • nach 1945 :  Korobovo

Anmerkung: Ort und Wohnplatz zugehörig zu ev. Ksp. Ragnit

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 1098 (Ragnit) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de

Weitere Beiträge:
Ober-Eißelner Bismarck-Turm als ein Erinnerungsdenkmal an der Memel
Bismarckturm in Obereißeln 1989

Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am
18.06.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 28. Dezember 2010