| Kirchspiel Ragnit | |
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von Herbert Wiegratz
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Nach über 50 Jahren Abwesenheit von der Heimat, wir verließen diese am 14. Oktober 1944, fällt die Erinnerung doch schwer. Trotzdem will ich es versuchen, denn wir erinnern uns gerne an unsere Heimat, auch nach einer so langen Zeit. Unsere alte Heimat soll und darf nicht vergessen werden. Allerdings kann ich hier nicht alles schildern, es würde zu weit führen, denn Buchformat sollen meine Erinnerungen nicht haben, außerdem fehlen Einzelheiten. Diese Erinnerungen sollen zum Nachdenken und zur Diskussion anregen und Außenstehende informieren. Ich könnte nun beginnen mit den Worten wie im Märchen "Es war einmal ein Staatsgut, das Heeresremonteamt Neuhof-Ragnit". Ich will aber kein Märchen erzählen und diese Aufzeichnungen nach dem Gedächnis niederschreiben. Das Heeresremonteamt Neuhof-Ragnit mit den Vorwerken Klein-Neuhof, Schalau (Paskalwen), Girschunen, Neuhof-Kraken (Krakonischken), Damnitzhof (Gudgallen) und Heidenanger (früher Bambe), war mit 1500 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche das größte seiner Art in Ostpreußen. Das Remonteamt Neuhof-Raignit wurde von Oberst Perl-Mückenberger geleitet. Die Leitung der Verwaltung oblag dem Amtmann Stottmeister. Das Veterinärwesen unterstand Dr. Nickels. Die Belange der Landwirtschaft wurden in Neuhof-Ragnit von Inspektor Goldmann, später Inspektor Becker, die in Schalau von Oberinspektor Förster wahrgenommen. Kämmerer teilten die Gutsarbeiter ein und überwachten die Arbeiten. Neben den Gutsarbeitern gab es Gespannführer, die vierspännig, meist vom Sattel aus, fuhren, aber auch für die Pflege der vier Pferde verantwortlich waren. |
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Für die Remonten waren Futtermeister und Remontewärter zuständig, die jeweils 20 Pferde betreuten. In Neuhof-Ragnit hatten wir eine zweiklassige Volksschule unter der Leitung von Oberlehrer Pingel. Auch in Schalau gab es eine zweiklassige Schule für Schüler aus Schalau, Girschunen und Umgebung. Für kulturelle Zwecke stand in Neuhof-Ragnit ein Gemeinschaftshaus zur Verfügung. Eine Kirche hatten wir in Neuhof-Ragnit nicht. Zum Gottesdienst und zum Konfirmandenunterricht gingen wir nach Ragnit. Bis nach Ragnit hatten wir von Neuhof etwa 3 km, nach Tilsit waren es 7 km. Von Schalau bis nach Tilsit waren es knapp 5 km. Wenn wir mit der Bahn nach Tilsit fahren wollten, so war dies vom Bahnhof Girschunen möglich. Von Klein-Neuhof bis Girschunen gingen wir zu Fuß in knapp 10 Minuten. Geographisch lag Neuhof-Ragnit im großen Memelbogen, wobei Neuhof-Kraken direkt an der Memel lag. Die Landschaft an sich war durchzogen von Buschgruppen, Baumalleen und Wäldern die in bunter Folge die Wiesen und Äcker durchzogen. Es war eine schöne, reizvolle Gegend, vor allem im Memelbogen die Wiesen, die Illgeßer, in der wir oft badeten, dort war die Gegend am schönsten. Von Neuhof und vom Paskalwus konnte man bis zum Rombinus und den Willkischker Höhen sehen. Ich möchte nun an die schwere Winterzeit erinnern, die besonders den Bewohnern von Neuhof-Kraken sehr hart anging, denn wenn die Memel zufror und sich Eisschollen bildeten, bei Eisgang dann die Memel über die Ufer strömte, dann gab es Hochwasser, das den Ort Neuhof-Kraken überschwemmte. Die Gebäude dort waren auf ca. 3 m hohen Erdwällen gebaut, auch die Keller waren hoch gebaut. Die Familien waren nun von der Außenwelt ca.3 Monate abgeschnitten. Eine Verbindung zum Hauptgut war nur mit einem Kahn möglich. Rechtzeitig, schon vor Weihnachten, mußten die Familien sich mit Lebensmitteln und anderen Gebrauchsgütern versorgen, um die lange Zeit zu überbrücken. Wenn das Hochwasser sehr hoch war, drang es sogar in die Wohnungen ein. |
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Im Frühjahr, wenn das Wasser zurückging, erwachte die Natur von neuem, dann leuchteten die Memelwiesen in frischem Grün, und die Menschen atmeten auf, denn die Notzeit war vorbei, und das Leben nahm wieder seinen normalen Lauf. Das Vieh konnte nun wieder von den Hochgebäuden in die Ställe gebracht werden und die Bewohner gelangten wieder auf dem normalen Wege nach Neuhof. Ich erinnere an die Sommerzeit, wenn wir zum Schafescheren nach Neuhof-Kraken gingen, denn dort waren die Schafe der Gutsangehörigen untergebracht. Es war ein Erlebnis besonderer Art, nicht nur für die Kinder. Ebenso erlebnisreich war die Heuernte in den Memelwiesen. Es duftete wochenlang nach Heu und zog jung und alt in seinen Bann. Wenn es uns zu warm wurde, gingen wir einfach in die Illgeßer zum Baden, das war für alle ein besonderes Vergnügen. Wenn wir über Neuhof-Ragnit, dem Heeresremonteamt mit den Vorwerken sprechen, so müssen wir unbedingt die Pferde, die Remonten berücksichtigen. Diese Remonten wurden etwa 3-jährig aufgekauft und auf dem Remonteamt und den Vorwerken 1 Jahr lang für das Militär vorbereitet, sie wurden eingewöhnt, eingeritten, eingefahren und gesundheitlich überwacht, sie wurden durchseucht. Nach einer Vorbereitungszeit von einem Jahr wurde eine Remontemusterung durchgeführt und die Remonten von einer Remontekommission begutachtet. Die Reiterregimenter hatten ihre Abordnungen zum Kauf der Pferde gesandt. Ein Remontetag war für alle Beteiligten ein besonderes Erlebnis. Die Anzahl der jährlich vorbereiteten Remonten kann bei etwa 1000 liegen. Die genaue Zahl ist mir nicht bekannt. |
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Die Remonten waren das typische ostpreußische Warmblut mit schlanker Gestalt, langen Beinen und breiter Brust. Sie zeichneten sich durch Ausdauer, Härte und Zähigkeit aus. Sie waren für das Militär also besonders geeignet und weckten auch das Interesse anderer Liebhaber im In- und Ausland. Im Bereich des Heeresremonteamtes Neuhof-Ragnit gab es neben den landwirtschaftlichen Arbeitern und den Beschäftigten im Bereich der Pferdepflege Handwerker, die für die Belange des Guts- und Remontebetriebes zur Verfügung standen. Vor allem waren dies Hufschmiede, Stellmacher, Schlosser und Zimmerleute. Die Beschäftigten im Remonteamt waren fest angestellt, sozial abgesichert mit gutem Lohn nach Tarif, Kindergeld und reichlich Deputat. Alle Beschäftigten hatten eine Kuh, mehrere Schweine, 1 -2 Schafe, Hühner, Enten und Gänse nach Bedarf. Wir hatten einen Gemüsegarten, bekamen vom Gut mehrere Reihen zum Pflanzen von Kartoffeln hergerichtet. Der Kartoffelacker wurde später laufend bearbeitet, so daß wir unsere Kartoffeln nur noch selbst ernten mußten. Nach Hause wurden uns die in Säcke gelesenen Kartoffeln dann auch gefahren. |
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Im landwirtschaftlichen Bereich wurde sehr viel Getreide angebaut. Das Futtergetreide, wie Hafer und Gerste, wurde an das Vieh, vor allem an die Remonten verfüttert. Das Brotgetreide, wie Roggen und Weizen, wurde an die Beschäftigten als Deputat verteilt. Was an Getreide nicht selbst Verwendung fand, wurde verkauft. Die Remonteämter, so auch Neuhof-Ragnit, standen ganz im Zeichen des ostpreußischen Pferdes, den Remonten. Diese Staatsgüter dienten letztlich dem Militär, daher wurden sie auch militärisch geführt. Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich vieles verändert. Es gab die Remonteämter nicht mehr; denn der Bedarf des Militärs an eingewöhnten 4-jährigen Pferden war nicht mehr vorhanden. Eine moderne Armee der heutigen Zeit hatte keine Verwendung für Pferde . Nun ist Ostpreußen über ein halbes Jahrhundert unter fremder Verwaltung und wird nie mehr das sein, was es einst war. Die Trakehner, Pferde mit der Elchschaufel als Brandzeichen und als Zeichen edler Abstammung, gibt es nur noch in einzelnen Zuchtanstalten hier im Westen. Die wurden unter unsäglichen Strapazen bei Schnee und Eis gerettet, hierhergebracht und begründeten seither die Zucht des Ostpreußischen Pferdes, das hoffentlich noch lange weiterbestehen wird. |
| Autor: Herbert Wiegratz © 1995 (Text und Bild) Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 56/1995 |