Kirchspiel Ragnit
Das Dorf Neuhof-Ragnit
von Hans Augusti

Die Landschaft war in bunter Folge von Buschgruppen, Baumalleen und Wäldern, von Wiesen und Äckern durchzogen. Es war eine schöne, reizvolle Gegend, vor allem im Memelbogen die Wiesen, die Illgeßer, in der man baden konnte, hier war die Gegend am schönsten. Von Neuhof und vom Paskalwusberg konnte man bis zum Rombinus und den Willkischker Höhen sehen.

Das Heeresremonteamt Neuhof-Ragnit mit seinen Vorwerken Klein-Neuhof, Paskalwen, Girschunen, Krakonischken, Gudgallen, Bambe war mit seinen 1500 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche das größte seiner Art in Ostpreußen.

Das Remonteamt Neuhof-Ragnit wurde von Oberst Perl-Mückenberger geleitet. Die Leitung der Verwaltung oblag dem Amtmann Stottmeister. Das Veterinärwesen unterstand Dr. Nickels. Die Belange der Landwirtschaft wurden von Inspektor Goldmann wahrgenommen. Kämmerer teilten die Gutsarbeiter ein und überwachten die Arbeiten. Neben den Gutsarbeitern gab es Gespannführer, die vierspännig, meist vom Sattel aus fuhren, aber auch für die Pflege der vier Pferde verantwortlich waren. Für die Remonten waren Futtermeister und Remontewärter zuständig, die jeweils 20 Pferde betreuten.

Das Vorwerk Neuhof-Kraken lag direkt im Memelbogen an der Memel. Hier wurden im Sommer die Schafe geschoren, es waren die Schafe der Gutsangehörigen. Im Frühjahr hatten die Bewohner sehr stark unter dem Hochwasser und dem Eisgang zu leiden. Aus diesem Grund waren die Gebäude auf ca. 3 Meter hohe Erdwälle gebaut, denn der Ort war zu diesem Zeitpunkt ganz überschwemmt. Die Bewohner mußten sich für 2-3 Monate mit dem Nötigen eindecken, denn es gab keine Verbindung nach Neuhof-Ragnit, solange Eisgang war. Das Heeresremonteamt war die Haupterwerbsquelle für die Einwohner der Orte. Die Remonten sind Pferde, die im Alter von zwei bis drei Jahren aufgekauft, in den Remontedepots und ihren Vorwerken für das Militär in ein bis zwei Jahren vorbereitet werden und an die Regimenter der Armee verkauft wurden. Die Pferde werden eingewöhnt, eingeritten, eingefahren und gesundheitlich überwacht. Nach dieser Vorbereitungszeit erfolgte einmal jährlich die Remontemusterung, die von einer Remontekommission begutachtet wurde. Die Reiterregimenter haben ihre Abordnungen zum Kauf der Pferde gesandt. Die Anzahl der jährlich vorbereiteten Remonten kann bei etwa 1000 Pferden gelegen haben. Für alle Beteiligten, insbesondere für die Jungen, war dies immer ein besonderes Erlebnis.

Die Remonten waren typische ostpreußische Warmblut, mit schlanker Gestalt, langen Beinen und breiter Brust. Sie zeichneten sich durch Ausdauer, Härte und Zähigkeit aus. Sie waren für das Militär besonders geeignet und weckten auch das Interesse anderer Liebhaber im In- und Ausland.

Im Bereich des Remonteamtes gab es neben den landwirtschaftlichen Arbeitern und den Beschäftigten im Bereich der Pferdepflege Handwerker, die für die Belange des Guts- und Remontebetriebes zur Verfügung standen. Vor allem waren dies Hufschmiede, Stellmacher, Schlosser und Zimmerleute.

Die Beschäftigten im Remonteamt waren fest angestellt, sozial abgesichert, mit gutem Lohn nach Tarif, Kindergeld und reichlich Deputat. Alle Beschäftigten hatten eine Kuh, mehrere Schweine, 1-2 Schafe, Hühner, Enten, Gänse nach Bedarf.

Im landwirtschaftlichen Bereich wurde sehr viel Getreide angebaut. Das Futtergetreide, wie Hafer und Gerste, wurden an das Vieh, vor allem an die Remonten verfüttert. Das Brotgetreide, wie Roggen und Weizen, wurde an die Beschäftigten als Deputat verteilt. Was an Getreide nicht selbst Verwendung fand, wurde verkauft.

Die Remonteämter dienten dem Militär, daher wurden sie auch militärisch geführt.


Die Geschichte des Remonteamtes Neuhof-Ragnit bei Tilsit/Ostpreußen

Sinn und Zweck: Ein Remonteamt war ein landwirtschaftlicher Großbetrieb, der im allgemeinen 1000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche umfaßte. Dort waren die für das Heer bestimmten 3-4jährigen Pferde untergebracht, um eine bestimmte Entwicklungsperiode zu durchlaufen. Diese Ämter unterstanden damals dem Ministerium für Verteidigung, (des 100.000 Mann-Heeres 1920/1935), vertreten durch die Inspektion für die Kavallerie.

In späterer Zeit wurden die Ämter dem zuständigen Generalkommando untergeordnet. Für Neuhof-Ragnit war also Königsberg richtungsgebend. In den 30er Jahren bestanden in Deutschland acht Ämter, die im Zuge der Heeresvermehrung 1934/36 auf 16 Betriebe aufgestockt wurden.

Das Amt Neuhof-Ragnit ist eines der ältesten Ämter, es wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingerichtet, und zwar entstand es aus einer preußischen Domäne, ein sogenanntes Amt, welches ein Amtmann von Sanden gepachtet hatte. Das älteste Amt war in Kaukehmen im Kreis Elchniederung, das 1809 eingerichtet wurde, aber in der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgelaufen ist.


Umfang des Amtes Neuhof-Ragnit und die Bewirtschaftung
Groß- und Klein-Neuhof
Paskalwen
Krakonischken
Gudgallen
Nemonje/Bambe
Girschunen
400 Hektar mit 12 Gespannen
200 Hektar mit 4 Gespannen
60 Hektar
220 Hektar mit 5 Gespannen
150 Hektar
200 Hektar mit 4 Gespannen
Insgesamt also 1230 Hektar mit 25 Gespannen, ein Gespann waren immer 4 Pferde.
Die Bewirtschaftung bzw. die Leitung erfolgte nach folgendem Schema:
Der Vorsteher
Inspektion l Inspektion II Zahlmeister Tierarzt
Groß- u. Klein-Neuhof
Krakonischken


Paskalwen
Gudgallen
Nemonje/Bambe
Girschunen

Der Vorsteher war ein Beamter des Heeres, desgleichen die beiden Leiter der Inspektionen und der Leiter der Zahlmeisterei. Er unterstand in finanzieller Hinsicht der Wehrkreisverwaltung Königsberg, während der Tierarzt beruflich dem Korpsveterinär berichtspflichtig war. Es handelt sich um einen in Ragnit wohnhaften Veterinärmediziner, der mit dem Ministerium einen Arbeitsvertrag geschlossen hatte. Die beiden landwirtschaftlichen Beamten waren dem Vorsteher untergeordnet.

Neben den Arbeitspferden waren auf dem Amt ca. 80 Deputatkühe, 150 Deputatschafe, Hausschweine und Geflügel vorhanden. Der Hauptpunkt war die Remontehaltung. In Groß-Neuhof waren 180 Remonten, in Klein-Neuhof 120 Remonten, in Paskalwen 80 Remonten, in Gudgallen 120 Remonten. In Krankonischken waren nur in den Sommermonaten ca. 50 Remonten aus Zukaufen untergebracht. Das eingangs erwähnte Vorwerk Girschunen wurde erst 1941 käuflich erworben.

Die Feldwirtschaft war ganz auf die Fütterung der Remonten zugeschnitten. Das Vorwerk Nemonje/Bambe bestand nur aus Wiesenflächen, landwirtschaftlich betrachtet ein wahres Paradies. Die Aberntung erfolgte im Vorgabeverfahren; d.h., die unterteilten Flächen wurden an dort wohnhafte Bauern vergeben, welche die Ernte erledigten und einen gewissen Teil der Heumenge als Arbeitslohn erhielten. Die Abfuhr des Heus für die Vorwerke erfolgte in den Wintermonaten. Die Distanz Nemonje-Neuhof betrug ca. 10 Kilometer. In dieser Zeit wurden auch der Kauf und die Anfuhr des Deputatholzes aus dem Forstamt Trappönen getätigt, ca. 16 Kilometer entfernt.

In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre erfolgte in der Spitze des Amtes eine Umstellung, es wurden aktive Offiziere eingesetzt. Die Inspektion für Veterinärwesen beanspruchte für sich die Leitung. Die Verluste an Remonten konnten nicht wesentlich gesenkt werden, besonders die Erkrankung der Atmungsorgane trat auf. Eine weitere Umstellung zum Zwecke der Gesunderhaltung bzw. der Fütterung war der Weidegang statt Stallfütterung.

Zweimal im Jahr wurden die Remonten einer Begutachtung unterzogen. Dieses Verfahren erfolgte subjektiv, nach der persönlichen Ansicht des jeweils Prüfenden.

Der Ankauf der Remonten erfolgte durch eine in Königsberg stationierte Kommission in zweierlei Richtungen. Zunächst gab es die sogenannten Privatmärkte, wo mehrere Jungtiere (10 bis 20) von einem Aufkäufer, z.B. aus einem Gestüt, erworben wurden.

Autor: © 2006 Hans Augusti, D-99326 Stadtilm
Quelle:
Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 78/2006 Seite 69ff


letzte Statistik 1939
Neuhof-Ragnit (Einw.:  419 ; Fläche:  1.345 ha )
  • nach 1945 : Kotel´nikovo
    • Gr. Neuhof-Ragnit
    • Neuhof-Kraken
      • alter Namen:Krakonischken
    • Klein Neuhof-Ragnit
      • nach 1945 :  Akulovo
    • Gutsbezirk Neuhof-Ragnit, Remonteamt
      • alter Namen: Gutsbezirk Neuhof-Ragnit, Remontedepot
      • seit 30.12.1941 Neuhof-Ragnit Heeresgutsbezirk

Anmerkung: Ort und Wohnplätze zugehörig zu ev. Ksp. Ragnit

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 0998 (Ragnit) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de

Weitere Beiträge:
Erinnerungen an das Heeresremonteamt Neuhof-Ragnit


Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am
05.06.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 27. Dezember 2010