| Kirchspiel Nattischken | |
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von Walter Westphal
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Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren in den Kirchenkreisen des Memellandes große Lücken kirchlicher Seelsorge zu spüren. Dazu gehörte auch Nattkischken. Die Kirchgänger mußten zu Kirchenbesuchen weite Wege antreten. Bis zur Errichtung des neuen Seelsorgebezirkes am 1. April 1892 gehörte Nattkischken zum ev. Kirchspiel Piktupönen. Diesem waren 51 Ortschaften mit 714 Feuerstellen und 3409 Bewohnern zugeteilt. Nach der durchgeführten Gemeindewahl 1895 wurden Nattkischken folgende Orte zugewiesen: Endrikaten, Eistrawischken, Gallus-Wilpien, Jögsden, Joseph-Gruscheit, Kiupeln, Kulmen-Wiedutaten, Kuturren, Mischpetern, Robkojen, Schleppen, Schudienen, Skrodeln, Thomuscheiten und Timstern mit insgesamt 3633 Seelen. Davon waren 3026 ev. Christen, 600 Katholiken und 7 Juden auf 2,06,35 ha und der 6,6 km entfernten Bahnstation Gudden, die somit auch zum Seelsorgebezirk Nattkischken gehörten. Die Bewohner dieses Kirchspiels waren nicht in der Lage, Mittel für einen Kirchenbau aufzubringen. 1892 wurde Nattkischken zu einer selbständigen Kirchengemeinde erhoben. Auf Grund dieser allgemeinen Gegebenheit gründete sich in Ostpreußen 1875 ein Kirchbauverein, der Spendenaktionen durchführte, um Kirchenbezirken bei eventuell vorgesehenen Bauten beistehen zu können.
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Der neugotische Backsteinbau mit einem eingeknickten Spitzturm über dem Altarraum fand seinen Platz nahe dem Marktplatz. Er stand an der Ostseite des 56 Meter hohen Nattkischker Berges. Die Kirche mit ihren 410 Sitzen im Schiff und 90 auf der Orgelempore erhielt ein Tonnengewölbe, das durch den Kunstmaler Ballin aus Berlin gestaltet wurde. Die Orgel lieferte der Königsberger Nowak. Drei Bronzeglocken hingen im Glockenturm, je 495, 253 und 146 kg schwer, und die mit Inschriften versehen waren. Sie riefen zum Gebet, kündeten Freude oder begleiteten den letzten Weg. Sie kosteten 78.500 Reichmark. Kriegsbedingt wurden diese wahrscheinlich 1943 ausgebaut. Der Verbleib war nicht zu ermitteln. 1917 befand sich der Pfarrer von Nattkischken noch in russischer Gefangenschaft, wie auch viele Privatpersonen und Anverwandte, die verschleppt wurden. Jedoch blieb das Kirchengebäude erhalten, obwohl in Ostpreußen eine erhebliche Anzahl beschädigt oder sogar zerstört wurde. Erst im 2. Weltkrieg ist die Nattkischker Kirche völlig vernichtet worden. Von ihr ist nur teilweise das Fundament sichtbar geblieben. Erhalten jedoch ist der einstige Marktplatz mit seinen Gebäuden: Gastwirtschaften und Kolonialwarenläden von Spangel und Kopp, Inhaber Neumann; Stoffe und Kurzwaren von Aschmutat; die Mühle und etwas abseits die Schule sowie verschiedene Höfe. Zwischen den Geschäftshäusern von Neumann und Aschmutat stehen heute noch die massiven Verkaufsstände für Fleischer, Bäcker und andere Händler. Soweit ich erinnere, war verschiedentlich auch ein Fischer anzutreffen. Diese festen 'Buden' waren jedoch nur an Markttagen geöffnet. |
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Das einstige Kirchengebäude ist einmal auf einem Foto ohne Urhebernamen ausgewiesen sowie auch durch ein Ölgemälde, auf welchem die Künstlersignatur nicht erkennbar ist. Dieses Bild ist im jetzigen Andachtsraum zu finden, der im erhaltenen Pfarrhaus eingerichtet wurde. Am 26. Mai 1996 wurde durch Pfarrer Rogga aus Heydekrug der von ehemaligen Gemeindemitgliedern gestiftete Gedenkstein im Pfarrgarten eingeweiht. Meine Vorfahren stammen alle aus dem Memelland mit belegten Urkunden nachweisbar bis 1700. Davor sind leider keine Nachweise zu erbringen. Ich selbst bin im südlichen Teil Ostpreußens geboren, da mein Vater zum Bahnhof Osterode versetz wurde. Nattkischken gehörte zum Kreis Tilsit des Regierungsbezirks Gumbinnen. Erst mit der französischen Besetzung ab 1918 und der folgenden Abtretung wurde die Bezeichnung Memelgebiet festgelegt. Dann gehörte der Ort zu dem neu entstandenen Kreis Pogegen und nach der Rückkehr des Memelgebiets zum Deutschen Reich zum Kreis Tilsit - Ragnit. Meine Großeltern Friedrich Wilhelm Westphal und Frau Anne, geb. Milkereit begingen im Dezember 1927 das Fest der Goldenen Hochzeit, die ich miterlebte. Beide verstarben 1934 im Alter von 86 und 79 Jahren. Auf dem dortigen Friedhof wurden sie beigesetzt. Auf dem Hochzeitsfoto liegt zwischen dem Brautpaar die Erinnerungsmedaille, die in Originalgröße wiedergegeben ist. In den letzten Stunden der Gefahr konnten die Glocken, die einst die Gläubigen zum Gebet riefen, nicht mehr mahnend zum Aufbruch rufen. Eine Glocke, gibt es sie dort, die weithin zum Gottesdienst ruft? |
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Autor : © 2007 Walter Westphal
Bild: H.P. Karallus Quelle : "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2008 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz |
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letzte Statistik 1939:
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Nattkischken ( Einw.: 446 ; Fläche: 655 ha ).
Anmerkung: Kirchspielort - ev. Ksp. Nattischken seit 1895 durch Abzweigungen von Coadjuthen und Pitupönen |
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Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de |
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Weitere Informationen:
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